Wie ein Landwirt mit seinem Team ein Brandenburger Gut auf kargem Boden erblühen lässt. Mit einer neuen Methode: Beyond Farming.


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Der Kinderwagen stockt kurz auf dem unebenen Ackerboden. Mit einem Ruck manövriert ihn Benedikt Bösel weiter. Immer wieder lupft der Wind das hellgrüne Baumwolltuch, es schützt Bösels acht Wochen alte Tochter vor der Mittagssonne. Geduldig zupft es der Landwirt zurecht, tippt zwischendurch auf seinem Handy, nimmt einen Anruf entgegen. Neben ihm auf dem Acker mäht eine der Praktikant:innen mit dem Einachser. Eine Mitarbeiterin, die gerade neue Schilder für die Pflanzreihen angebracht hat, kommt auf Bösel zu. „Ich habe gestern einen Hirschkäfer gesehen.“ „Warum hast du das nicht auf Insta gespostet? Das müssen wir direkt machen“, erwidert Bösel. Die Öko-Landwirtschaft Gut & Bösel ist erst seit Kurzem auf Instagram mit Storys vom Mähen oder vom lachenden Bösel mit seiner grauen Kappe, die er verkehrt herum trägt, oder Fotos von bunten Hühnereiern.

Auf dem Gut & Bösel packen regelmäßig Praktikant:innen mit an. Viele machen eigentlich etwas anderes, doch auf dem Hof können sie für ein paar Wochen oder Monate alles über die Öko-Landwirtschaft lernen.
Bild: Astrid Ehrenhauser

Etwa eine Stunde östlich von Berlin im Landkreis Oder-Spree bewirtschaftet und verwaltet Benedikt Bösel 2.000 Hektar Forst und 1.000 Hektar Öko-Landwirtschaft. Ein Modellbetrieb, begleitet von Wissenschaftler:innen, offen für alle, meist junge Menschen, die „multifunktionale Landwirtschaft“ erleben möchten, wie Bösel sagt.

Hier soll ein Ökosystem entstehen, das nicht nur nährstoffreiche Nahrung produziert, sondern auch die Biodiversität fördert, das Mikroklima und vor allem den Boden verbessert. Am Ende soll das Modell auf jeder Fläche mehrere Ernten im Jahr abwerfen.

Im Zentrum steht der Boden

Der Ansatz von Gut & Bösel, den sie „Beyond Farming“ nennen, geht über Öko-Landbau hinaus. Er kombiniert mehrere Prinzipien: die regenerative Landwirtschaft, deren Praktiken auf eine ursprüngliche Form der Landnutzung wie etwa die bodenschonende Bearbeitung bauen, die Agroforstwirtschaft, also von schmalen Baumstreifen durchzogene Felder, ganzheitliches Weidemanagement und „syntropische Landwirtschaft“. Letztere zielt auf ein autarkes Pflanzensystem, das Bewässerung, Dünger und Pestizide überflüssig macht. Beim ganzheitlichen Weidemanagement wiederum grasen Kühe täglich auf anderen Flächen, um nur so viel der Pflanzen zu fressen, dass das Wurzelwachstum gestärkt wird und Niedergetrampeltes als Nahrung für Bodenorganismen dient. Obendrein ist ihr Dung organischer Dünger.

Im Zentrum von allem: der Boden. Es geht um den Aufbau von Humus, also organischem Kohlenstoff, der durch den Stoffwechsel der Pflanzen immer wieder neu entsteht. Das soll sich positiv auf das Klima auswirken, indem Kohlenstoff im Boden angereichert wird. Man spricht daher auch von Carbon Farming. Laut einer Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) von 2020 könnten sich mit regenerativer Landwirtschaft weltweit zwischen zwei und fünf Milliarden Tonnen CO2 im Boden binden lassen.

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Auf einem der Felder wachsen Pappelsprösslinge neben Feigenbäumchen, Sanddorn, Wilder Malve und Eichensetzlingen, auf den Streifen dazwischen wuchern Gräser und Luzerne, Ewiger Klee genannt. Wo gedeihen welche Obst- und Nussbäume am besten? Was möchte die Natur?

Wo wächst was am Besten? Bösel und sein Team testen die Kombination verschiedener Pflanzen, um das beste aus dem Boden herauszuholen.
Bild: Astrid Ehrenhauser

„Wenn wir als Menschen einen Baum pflanzen, maßen wir uns an wissen zu können, an welchem Ort er am besten wächst.“ Bösel und sein Team testen verschiedene Kombinationen von Pflanzsystemen. In einer Reihe wachsen etwa 17 verschiedene Pflaumenarten, aber auch für Brandenburg ungewöhnliche Gewächse wie Goji-Beeren oder Kaki.

Vom Investmentbanker zum Öko-Landwirt

Benedikt Bösel war nicht immer Landwirt. Nach dem Abitur in einem englischen Internat studierte er Business Finance in Großbritannien, dann Agrarökonomik in Berlin. Er machte Karriere im Investmentbanking und erlebte 2007 bei einer Bank in Frankfurt am Main die Finanzkrise. Später beriet er Risikokapitalgeber:innen bei Investitionen in Agrar-Start-ups. Immer war er auf der Suche nach „seiner Aufgabe“, wie der 36-Jährige rückblickend sagt. „Ich wollte meine Passion finden.“

2004 stellten seine Eltern ihren Hof in Alt Madlitz auf Öko-Landwirtschaft um. Im Besitz der Familie ist das Gut bereits seit 300 Jahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es als Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) kollektiv bewirtschaftet, Bösels Stief-Großvater, Karl Wilhelm Graf Finck von Finckenstein, floh in den Westen. Nach der Wende kehrte die Familie zurück, kaufte nach und nach Parzellen und Gebäude zurück. Heute leben hier sowohl Bösel mit Freundin und Tochter, seine Eltern als auch seine beiden älteren Schwestern mit ihren Familien.

Vom Ackerbau bis hin zur Stiftung arbeiten 20 Festangestellte, dazu zehn Praktikant:innen. Um kurz nach zwölf treffen sie sich zum gemeinsamen Mittagessen in einem großen Raum der „Alten Schmiede“. Die Wand an der Stirnseite ist mit Holz getäfelt, die anderen sind graugrün gestrichen, davor hängen Geweihe und Gemälde. Es gibt Wurzelgemüse, Taboulé, Ofenkartoffeln und Braten. Bösels Tag ist um diese Uhrzeit schon lang, meist steht er um vier Uhr morgens auf. Es gibt viel zu tun: Das Baby
wickeln – die meiste Zeit kümmert sich seine Freundin, die gerade eine Auszeit von ihrem Neuropsychologie-Master macht –, die Hühner aus dem mobilen Stall lassen. Dann bearbeitet er E-Mails und Verträge am Schreibtisch, manchmal mit der Tochter auf dem Schoß.

Zum Mittagessen kommt das ganze Team des Guts zusammen – um die Gemeinschaft zu stärken.
Bild: Astrid Ehrenhauser

Das Mittagessen soll die Gemeinschaft stärken, das ist Bösel wichtig. Denn er weiß: Ein solches Projekt wie hier funktioniert nur im Team. An dem mehrere Meter langen Holztisch kommen daher alle zusammen: Bösels Schwester mit ihrer Familie, die Landwirte, die teilweise schon seit Jahrzehnten auf dem Hof arbeiten und gerade die Wintergerste gedroschen haben. Ihnen gegenüber sitzen die Praktikant:innen. Sie arbeiten für ein paar Wochen oder Monate mit und machen eigentlich etwas anderes, arbeiten etwa als Physiotherapeutin oder studieren. Heute sind auch Anne Kaulfuß und Deacon Dunlop von Ackerpulco gekommen. Auf ihrem 2,5 Hektar großen Pachtgrund betreiben sie einen veganen Marktgarten, eine solidarische Landwirtschaft. Den Blattsalat, den es heute gibt, haben sie mitgebracht.

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„Wir suchen nach Lösungen”

Der Standort des Guts ist denkbar ungünstig: sandige Böden, wenig Niederschlag. Ohne die Agrarsubventionen der Europäischen Union gäbe es Gut & Bösel nicht. Doch das soll sich ändern, sagt Bösel. Erst lagen seine Hoffnungen auf technologischer Innovation. Dann stand er im Frühsommer 2018 nach Wochen ohne Regen allein auf dem Acker und dachte: „Fuck, die Erde hier ist tot.“

Er begann nach Lösungen zu suchen und stieß auf Menschen, die sich in den USA, Brasilien, Südafrika, Japan und Australien um gesunde Böden bemühten. Heute ist Bösel gut vernetzt, Vorstandsmitglied der Soil Alliance, eines Vereins für regenerative Landwirtschaft, veranstaltet Workshops mit wichtigen Figuren der Szene, etwa dem Schweizer Ernst Götsch, der auf kargem brasilianischen Boden syntropische Landwirtschaft betreibt.

Die Ideen passen in die Zeit. Das Berliner Start-up Klim hat erst kürzlich Geld in Millionenhöhe von Impact-Investor:innen bekommen, um Landwirt:innen bei der Umstellung auf regenerative Methoden zu helfen und ein Label zu entwickeln. Auf Netflix läuft seit 2020 der Film Kiss the Ground, 2019 hatte die deutsche Produktion Unser Boden, unser Erbe Premiere. Sogar Nestlé verspricht, bis 2025 über eine Milliarde Euro in regenerative Landwirtschaft zu investieren.

Im Januar hat Bösel eine eigene Stiftung gegründet, unter anderem mit Geld aus seiner Zeit in der Finanzbranche. Er lässt seine Arbeit wissenschaftlich begleiten, etwa von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, der Humboldt-Universität zu Berlin oder dem Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB). Die Daten möchte er Open Source zur Verfügung stellen. „Wenn wir hier an unserem Standort mit dem wenigen Wasser und den sandigen Böden beweisen können, dass multifunktionale Landnutzung funktioniert – dann geht das auch an besseren Standorten.“

Laut röhrt der Motor des Geländefahrzeugs, als Benedikt Bösel am frühen Nachmittag zum sechs Hektar großen Laubweide-Feld fährt, um Renke De Vries zu treffen, seit zweieinhalb Jahren sein „Creative Director“, wie Bösel scherzhaft sagt. Er verstehe den Boden, habe ein unglaubliches Gespür für das komplexe Ökosystem. De Vries und sein Team lassen hier eine Kombination aus Agroforst und holistischem Weidemanagement entstehen. „Die Tiere sollen in ihrem natürlichen Habitat leben“, erklärt De Vries.

Ein weiterer Mann nähert sich, Jonas Freymüller, Techniker beim IGB. Er hat gerade die Daten der Messstation abgelesen. Seit November 2020 misst ein sogenanntes Lysimeter, wie sich die Bepflanzung der Baumstreifen im Vergleich zu den sechs Meter breiten Gras-Streifen dazwischen auf den Boden auswirkt. „Na, was hast du herausgefunden?“, fragt Bösel. „Saugspannung und Bodenfeuchte der Baumstreifen sind viel besser“, sagt Freymüller anerkennend. „Die Saugspannung?“, fragt Bösel. Freymüller erklärt: „Die Kraft, die die Wurzel aufwenden muss, um Wasser zu entnehmen.“ Bösel freut sich, so soll es sein.

Es ist ein harter Sommer, der vierte in Folge. Die Ernte dürfte schwer werden. „Ich kenne mich de facto besser mit dieser Lage aus, als wenn es gut läuft“, sagt Bösel. Harte Sommer wecken seinen Ehrgeiz. „Wir suchen nach Lösungen. Deswegen mache ich das.“ Benedikt Bösel hat seine Aufgabe gefunden.

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