In Corona-Zeiten wird Reisen zum Traum. Na und? Ein Selbstversuch in der eigenen Wohnung

Wie groß und luftig mein Wohnzimmer von hier oben wirkt. Eine leere Weite, im Unterschied zu unten, wo Pflanzen, Deko und Möbel kuscheln. Unter ihnen das alte Küchenbüfett, auf dem ich gerade stehe, um einen radikalen Perspektivwechsel auf mein Reich und die Dinge darin hinzubekommen. Der Aufstieg hat sich gelohnt. So dicht unter der Zimmerdecke ist nichts, außer den bunten chinesischen Weihnachtskugeln, die ich vom Boden aus gar nicht mehr wahrgenommen habe. Wie viele Jahre hängen die schon dort über dem Regal mit den Wörterbüchern und der Grammatik aus dem Studium? Warum hebe ich letztere noch auf? Reine Nostalgie? 

Viele Dinge in unseren Wohnungen erzählen Geschichten. Von Reisen, von unserer Vergangenheit oder von Fremden, die die Gegenstände hergestellt haben. Vor drei Monaten hatte ich online einen Sessel bestellt. Vorgestern wurde er geliefert. Ob die chinesischen Arbeiter, die ihn gebaut haben, wegen des Coronavirus’ wochenlang in ihren Wohnungen festsaßen wie wir jetzt? Leben sie überhaupt noch? Wie sieht ihr Alltag aus? Im Internet findet man keine Angaben zum Hersteller. Und doch: Das Kopfkino läuft.

Ich stehe auf dem alten Büfett und schaue auf mein Reich – ein radikaler Perspektivwechsel.

Aktuell müssen wir aufs Reisen verzichten, aber auch sonst spricht einiges dafür, in der Freizeit mal zu Hause zu bleiben. Der Soziologe Hartmut Rosa sieht den Hauptgrund fürs Reisen in unserer Sehnsucht nach Veränderung: Die Begegnung mit anderen Menschen, fremden Kulturen oder der Natur ermögliche uns, aus unserer Alltagsroutine auszubrechen. Dafür müssen wir nicht unbedingt wegfahren. Bereits im 18. Jahrhundert entstand eine extreme Form des Nichtreisens als literarisches Genre: die Zimmerreise. Der Autor steht in seiner Wohnung und lässt den Gedanken ihren Lauf, während Blick und Körper sich durch das begrenzte Areal bewegen. 

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Es geht darum, das Fremde im scheinbar Vertrauten zu entdecken, sich durch die veränderte Art der Betrachtung verzaubern zu lassen. Das ist nicht immer leicht, die Gedanken schweifen schnell ab. Ein Perspektivwechsel, etwa durch die Besteigung eines Sofas oder einer Kommode, kann helfen. Der Vorteil dieser Form des Reisens: Sie ist jederzeit möglich, kostenlos, und es gibt keine zwei Menschen, die die gleiche Reise machen. Die Journalistin Harriet Köhler schreibt in ihrem Buch Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben: „Die Zimmerreise ist die Individualreise schlechthin.“

Seit der Aufklärung gehört Reisen zum Pflichtprogramm des Bildungsbürgers: Es vermittle Wissen und weite den Horizont. Und doch hatten einige Geistesgrößen einen sehr beschränkten Bewegungsradius, auch Deutschlands wichtigster Aufklärer Immanuel Kant. Der Philosoph Blaise Pascal war der Meinung, das Reisen öffne nicht unbedingt den Geist, sondern verwirre ihn auch, lenke von sich selbst ab. Dennoch setzte sich die Idee der Aufklärung durch: Reisen bildet. Im 20. Jahrhundert wurde es fast zum Grundbedürfnis. Der Schriftsteller Bruce Chatwin hat dafür eine interessante Erklärung: Reisen helfe dem modernen Menschen dabei, der Apathie zu entgehen, da er im Alltag körperlich und geistig unterfordert sei. Demnach gehört zu einer richtigen Reise auch der Körpereinsatz, Kopfkino allein genügt nicht.

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Wirklich? Immerhin durchbricht die Zimmerreise während der Corona-Isolation den Wohnungskoller. Es ist ein etwas verrücktes Spiel. Unter normalen Umständen wäre ich nicht auf mein Küchenbüfett geklettert, um mein Wohnzimmer anders wahrzunehmen. Aber vielleicht probiere ich es bald wieder, Perspektivwechsel brauchen Übung. Ohnehin haben viele Deutsche das Gefühl, schon alles gesehen zu haben, meint der Münchener Tourismuswissenschaftler Jürgen Kagelmann. Und Reisen scheint, einigen Studien zufolge, weniger erholsam zu sein als gedacht. Entspannung und Glücksgefühle würden erst nach etwa zwei bis drei Tagen eintreten und gegen Ende wieder abfallen; zudem hätten die Probanden sich nach einer Woche Alltag genauso gestresst gefühlt wie vor der Reise – egal, wie lange die Auszeit war. Häufigere kurze Auszeiten sind insofern effektiver als wenige lange. Also eine halbe Stunde Zimmerreise für den Anfang? Es ist einen Versuch wert, nicht nur in Corona-Zeiten.

GOOD TO READ

Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben. Harriet Köhler:
Der Horizont wächst mit dem Meilenkonto? Mitnichten. Dieses Buch zeigt, dass es auch anders geht.  Piper Verlag, München 2019, 15 Euro.

Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer. Karl-Markus Gauß:
Ein gemütliches, kluges Buch von dem Philosophen und Herausgeber der Zeitschrift Literatur und Kritik. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2019, 22 Euro.

Reiseführer des Zufalls. Lena Großmüller:
Ungewöhnliche Ideen für einen Perspektivwechsel zu Hause. Lustig, inspirierend und optisch schön aufbereitet, allerdings eher wenig Text für den Preis. Kommode Verlag, Zürich 2015, 19 Euro.