Die Wurzeln von elektronischer Musik und Dance Culture sind queer und bunt. In den Clubs der internationalen Hauptstädte legen aber meistens weiße und männliche DJs auf. Das „No Shade“-Kollektiv in Berlin versucht, die Musikszene diverser zu machen. Einer von ihnen ist Tres, alias Folly Ghost, ein Transgender-DJ aus Rio de Janeiro.

Das No Shade-Kollektiv aus Berlin hat dieses Jahr ihr erstes Boiler-Room-Set gespielt, 2019 legten sie auf der Afterparty der „No Fotos On The Dance Foor“-Austellung im C/O Berlin und bei den Feierlichkeiten zum dreißigjährigen Jubiläum des Mauerfalls auf. Keine schlechte Bilanz für ein Kollektiv, das es erst seit knapp drei Jahren gibt. No Shade reicht es aber nicht, Erfolg zu haben. Sie wollen eine Bühne für alle schaffen.

Tres, du gehörst zum „No Shade“-Kollektiv. Was ist euer Anliegen?

No Shade ist eine Party-Serie und ein Mentoring-Programm für Frauen, nicht-binäre Personen und Transmenschen, die DJs werden wollen. Wir wollen Gleichberechtigung und Zugang für diese Menschen in der Szene. Und wir wollen natürlich, dass sie großartige Sets abliefern. Das Kollektiv wurde vor knapp drei Jahren gegründet. Ich bin Anfang 2019 beigetreten. Wir sind zwölf DJs und eine VJ (Videokünstlerin, zuständig für Licht, Videokunst, die visuellen Momente der Show, Anm. d. Red.) mit sehr diversen Hintergründen, das ist die Kerngruppe. Unsere Alumni bilden die erweiterte No-Shade-Familie.

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Wie sieht DJ-Unterricht aus?

Das Mentoring-Programm dauert etwa sechs Wochen und ist kostenlos. Man wird von Linnea, unserer Gründerin, in musikalische Grundlagen, Komposition, Equipment und Software eingeführt. Dann beginnen individuelle Sessions, wo zweimal die Woche alle Teilnehmenden persönlichen Unterricht abwechselnd bei jeweils einem anderen Mitglied des Kollektivs haben, sodass sie von uns allen verschiedenen Input und Inspirationen bekommen. Seit Kurzem vermitteln wir auch, wie man PR macht. Das ist wichtig, um gebucht zu werden. Die Qualität der Musik ist entscheidend, aber ohne Netzwerk und gute Kommunikation nach außen bringt sie dir leider nichts.

Du bist in Rio de Janeiro geboren und aufgewachsen. Wann und wieso bist du nach Berlin gekommen?

Es war kurz, bevor der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro die Macht übernommen hat. Mir wurde klar, dass ich nicht in Rio bleiben kann. Berlin ist für mich im Moment der beste Ort. Aber auch hier muss noch viel getan werden, was Intersektionalität angeht. Wir müssen gemeinsam kämpfen, um einen Platz zwischen all den weißen, männlichen Cis-DJs zu bekommen, die die Szene seit sehr langer Zeit dominieren. Wir erleben immer wieder, dass Kuratoren sagen: Hmm, okay, lass uns mal eine Person im Line-up haben, die einer Minderheit angehört. Das reicht nicht. Wir brauchen ein wirklich diverses Line-up. Es reicht auch nicht immer nur über die eigene Diskriminierung zu sprechen. Ich werde oft gebeten, über Diversität zu reden, sage aber: Ladet mich ein, um über Musik zu sprechen!

Die Cis-Männer wollten den Kuchen bisher scheinbar nicht wirklich teilen. Hast du das Gefühl, dass sich das langsam ändert?

Die Leute, die über Line-ups entscheiden, wollen nicht mit Sexismus und Rassismus oder irgendeiner Form von Diskriminierung assoziiert werden. Aber gleichzeitig sind sie nicht bereit, die Arbeit auf sich zu nehmen, die es braucht um die Reproduktion dieser Muster zu verhindern. Sie gehen in ihre sozialen Netzwerke und posten: Hey Leute, kann mir irgendjemand Trans-DJs oder weibliche DJs empfehlen? Und ich denke: Nun, warum bezahlst du uns nicht für diese Expertise? Das ist die Arbeit, die eigentlich du machen solltest. Wenn du sie nicht machen kannst, weil du nicht den Horizont dafür hast, finde Leute wie uns und bezahle sie dafür, dass sie dein Line-up zusammenstellen. Ich sehe ständig, dass sie von uns erwarten, dass wir unser Wissen umsonst teilen. Geld ist aber ein wichtiger Teil von Inklusion. Geld und Arbeit bedeutet Zugang. Benutze Google und finde uns und bezahle uns für eine bessere Auswahl.

Was können Club- und Musikliebhaber tun, um das zu ändern? Würdest du dir wünschen, dass sie nicht mehr auf Festivals und Events gehen, die nur homogene Acts haben?

Man kann viel tun. Ein Beispiel wäre, die Leute öffentlich dafür zur Rechenschaft zu ziehen: Hey, warum hast du nur weiße Dudes in deinem Line-up? Ich kann dir diese und jene Kurator*innen empfehlen, die du bezahlen kannst, um es besser zu machen. Bitte gib dir etwas Mühe, Leute mit anderen Hintergründen kennenzulernen. Sie haben so viel zu bieten! Sei offen für diese andere Welt, die so voller Talent ist! Ansonsten wünsche ich mir wirklich, dass wir uns weniger auf das „Lasst uns kämpfen“ konzentrieren, sondern mehr auf Empowerment. Wir müssen nicht Personen in den Boden stampfen. Sondern das Scheinwerferlicht auf andere Personen lenken, die schon lange da sind, aber übersehen werden.

Die vollständige Version dieses Artikels können Sie ab dem 21.02.2020 in der neuen Ausgabe des Enorm-Magazins lesen.