Continental macht Fahrradreifen aus den Wurzeln von Pflanzen. Doch wie umweltfreundlich ist die Kautschuk-Alternative wirklich?

Ob für Fahrrad, Auto oder Lkw: Reifen sind ziemlich ausgetüftelte Hochleistungsprodukte. Während der Fahrt sind sie stärkster Belastung ausgesetzt, übertragen die Antriebskräfte und sorgen für den nötigen Grip. Das klappt bisher nur, wenn sie elastischen Naturkautschuk enthalten. Davon braucht der in Hannover gegründete Konzern Continental, einer der größten Reifenhersteller der Welt, jährlich mehrere Millionen Tonnen.

Das Problem: Herkömmlicher Naturkautschuk basiert auf dem Milchsaft des Kautschukbaums. Dieser wächst vor allem in tropischen Regionen. Gerade in Lateinamerika und Südostasien wurden in den vergangenen Jahren großflächig wertvolle Regenwälder gerodet – sie mussten neuen Kautschukplantagen weichen.

Schon seit 2011 forscht Continental an Alternativen für die Kautschukbäume. In Zusammenarbeit mit der Universität Münster und dem Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie gelang es dem Konzern nun, aus den Wurzelfäden des Russischen Löwenzahns Naturkautschuk zu gewinnen. Er soll genauso belastbar sein wie das Gummimaterial aus den Bäumen. Der Vorteil: Löwenzahn wächst fast überall. So ließe sich die weitere Zerstörung des Regenwaldes vermeiden, Transportwege wären kürzer. Außerdem bringen Löwenzahnfelder schon nach ein bis zwei Jahren Ertrag, ein neuer Kautschukbaum hingegen erst nach circa sieben Jahren.

2014 fertigte Continental einen Prototyp für Autoreifen auf Löwenzahn-Basis, 2016 den ersten Lkw-Reifen. Auf dem Markt ist seit 2019 zunächst ein in Serie gefertigter Fahrradreifen aus Löwenzahn-Kautschuk, genannt Taraxagum. Laut Continental soll die „alternative sowie nachhaltige Rohstofquelle für Naturkautschuk“ CO2-Emissionen reduzieren und Ressourcen schonen. Wie viele der Reifen bisher verkauft wurden, dazu macht Coninental jedoch keine Angaben.

Allerdings: Nicht nur Anbau und Transport des herkömmlichen Naturkautschuks belasten Umwelt und Klima. Reifen reiben sich mit der Zeit ab; Mikroplastikpartikel aus dem Reifengummi gelangen in die Umwelt. Ebenso die teils toxischen restlichen Bestandteile wie Ruß und Polyester. Der Löwenzahn-Reifen besteht zwar aus alternativem sowie mehr Naturkautschuk als andere Reifen, enthält aber immer noch Schadstoffe, die sich genau wie die Kunststoffteilchen
weiterhin ablösen. Allein in Deutschland entstehen laut Umweltbundesamt jährlich etwa 130.000 Tonnen Mikroplastik aus Reifengummi. Hauptverantwortlich sind Autos, aber auch Lkw, Traktoren, Busse oder eben Fahrräder.

Auch auf enorm: Fahrradbranche auf Aufholjagd

„Die weite Verbreitung von Mikroplastik aus dem Reifenabrieb ist unbestritten“, sagt Hans-Peter Grossart. Der Biologe forscht am Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei zu den Auswirkungen des Reifenabriebs auf die Umwelt. Zwar seien „viele der ökologischen Konsequenzen bisher nur wenig oder gar nicht untersucht“. Klar sei jedoch: „Der Abrieb entsteht unkontrolliert und wird direkt freigesetzt, das ist auf jeden Fall problematisch.“

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Tatsächlich räumt auch das Taraxagum-Team ein: Mit dem Löwenzahn-Kautschuk entstehe nicht weniger Reifenabrieb. In der Konsequenz also auch Mikroplastik. Immerhin sei der Reifenabrieb aber auch nicht schlechter als bei herkömmlichem Naturkautschuk. Logisch ist, dass sich Reifenabrieb nicht ganz vermeiden lässt, weil Reibung nötig ist, um Fahrzeuge auf der Fahrbahn zu halten. „Es ist aber möglich, die Verschmutzung durch Reifenabrieb zu reduzieren“, sagt Biologe Grossart. Dafür seien kreative Ideen der Hersteller gefragt, etwa weniger schädliche Stoffmischungen aus gut biologisch-abbaubaren Plastikmaterialien. Kreislauffähige Reifen sozusagen. Continental versichert zwar, daran zu forschen, wie Reifenabrieb entsteht, wo er landet und welche Konsequenzen er für Mensch und Umwelt hat. Ob der Konzern auch kreative Lösungen für biologisch-abbaubare Reifen finden wird? Der Naturkautschuk aus Löwenzahn ist ein Anfang, der hoffen lässt.