Mithilfe von Gentechnik können bedrohte Tierarten nachgezüchtet werden, manche wollen gar das Mammut zurückbringen. Was ist erlaubt, was wissenschaftlich und ethisch vertretbar?

Dieser Text erschien in der Ausgabe Juni/Juli 2022 des enorm Magazins. Du kannst sie bei GoodBuy versandkostenfrei und klimapositiv bestellen.

Rund um die Uhr flankieren bewaffnete Wächter des Nationalparks Ol Pejeta Conservancy in Zentral-Kenia Fatu und Najin. Die zwei sind die letzten beiden Nördlichen Breitmaulnashörner der Welt. Ihre Artgenossen wurden vom Menschen ausgerottet: für ihr majestätisches Horn, das auf dem Schwarzmarkt für bis zu 60.000 US-Dollar das Kilo gehandelt wird. Dazu kommt: Fatu und Najin sind beide Weibchen, der letzte Bulle ihrer Art ist 2018 gestorben. Sie sind schon jeweils 22 und 32 Jahre alt und nicht mehr in der Lage, selbst zu gebären.

„Ich sehe in ihre Augen und weiß: Wir sind daran schuld, dass ihre Art im Begriff ist, auszusterben“, sagt Barbara de Mori. „Wir sind daher auch in der Verantwortung, diesen Prozess aufzuhalten.“ Die Italienerin ist Professorin für Bioethik an der Universität Padua. Sie ist Teil des Projektes Biorescue, eines internationalen Bündnisses von Wissenschaftler:innen, die das Nördliche Breitmaulnashorn retten wollen. Finanziert wird das unter anderem vom Bundesministerium für Forschung und Bildung, leitende Institution ist das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. De Mori ist im Team dafür verantwortlich, jeden biotechnischen Schritt zu beobachten und ethisch zu bewerten.

Die erste Säule des Projektes ist künstliche Befruchtung. Dafür wurden Fatu Eizellen entnommen und mithilfe von Sperma bereits verstorbener Bullen befruchtet. Dieses stammt aus mehreren Genbanken für bedrohte Arten: eine gehört zum Leibniz-Institut selbst, daneben wurde auch Sperma verwendet, das im Zoo von San Diego in Kalifornien sowie in einem Labor in Avantea, Italien, lagert. Bereits 14 gesunde Embryos wurden auf diese Weise erzeugt und in flüssigem Stickstoff gelagert. Najin werden auf Geheiß von de Moris Team seit 2020 keine Eizellen mehr entnommen. Sie ist an einem Tumor erkrankt und soll geschont werden.

Im nächsten Schritt wird einer von Fatus Embryos in die Gebärmutter einer Südlichen Breitmaulnashornkuh eingesetzt – der Art, die am engsten mit Najin und Fatu verwandt ist. Ein komplizierter Eingriff, und ein Wettlauf gegen die Zeit. „Das Wichtige ist, dass Fatu das Kalb selbst großziehen kann, um ihm ihr Wissen auf natürliche Art und Weise weiterzugeben.“ Doch selbst wenn es noch zu Fatus Lebzeiten auf die Welt kommen und weitere Geburten gelingen würden: Durch die gemeinsame Mutter wären alle Kälber eng miteinander verwandt. Eine Spezies mit einem so kleinen Genpool hat kaum Überlebenschancen.

Klonen für den Artenschutz: Von Hautzellen zu Eizellen

Gentechnik auf Basis der Stammzellenforschung könnte die Lösung sein. Biorescue hat es 2022 geschafft, zuvor eingefrorene Hautzellen einer Nördlichen Breitmaulnashorn-Kuh namens Nabire, die 2015 verstarb, mithilfe von RNA-Viren so umzuprogrammieren, dass daraus Stammzellen wurden. Ein Durchbruch. „Diese Stammzellen kann man zu Keimzellen, also zu Eizellen und Sperma weiterentwickeln, sie werden dabei so gesehen in ihren embryonalen Zustand zurückversetzt“, sagt de Mori. Was wie Science-Fiction klingt, ist dem japanischen Genetik-Experten Katsuhiko Hayashi bereits gelungen: 2016 schuf er auf die Weise eine Maus-Eizelle, die anschließend künstlich befruchtet und in die Gebärmutter einer Maus eingesetzt wurde – die so gezeugten Tiere waren gesund und auch fruchtbar. Gelänge das auch im Fall der Nashornkuh Nabire, könnte der Genpool der nächsten Nashorngeneration durch neue Eizellen erweitert werden. Ein echter Hoffnungsschimmer?

Auch auf enorm: Mütter der Wildtiere

Christoph Then ist zwiegespalten. Der Tiermediziner ist Vorsitzender der deutschen NGO Testbiotech, die sich selbst als Institut für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie versteht. „Wenn jemand mithilfe von Gentechnik versucht, eine kleine, direkt vom Aussterben bedrohte Population wie die des Nördlichen Breitmaulnashorns zu retten, dann ist das Ansinnen dahinter edel und die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die dabei gewonnen werden, sicherlich hoch wertvoll.“ Dennoch warnt er davor, dass solche Projekte uns vom eigentlichen Problem ablenken. „Wenn das Nördliche Breitmaulnashorn zurück ist, bedeutet das ja leider nicht, dass es sich in seinem Habitat frei und natürlich entfalten kann und das Ökosystem dadurch normalisiert wird. Wilderei und Umweltzerstörung halten ja an.“ Sollte man trotzdem versuchen, das Nashorn auf diese Art zu retten?

Then ist sich hier keineswegs sicher. „Wir sollten uns bewusst machen, dass solche Projekte ein falsches Versprechen mit sich bringen, was den Naturschutz angeht.“ Gemeint ist der sogenannte Techfix. Eine Illusion, die uns vermittelt: Unser destruktiver Fußabdruck auf der Erde ist nicht fatal, weil wir durch neue Technologien wieder alles ausbügeln können, was wir zuvor angerichtet haben. Dabei können Genmanipulationen auch neue Probleme hervorrufen.

Bei der Stammzellmethode kann DNA mithilfe von RNA-Viren umgewandelt werden, ohne durch fremde DNA kontaminiert zu werden. So lässt sich einigen Wissenschaftler:innen zufolge mit relativer Sicherheit ausschließen, dass es zu widernatürlichen Mutationen kommt, wenn ein auf diese Weise geborenes Tier seine Gene weitergibt. Then hält jedoch jede Art von Genmanipulation für gefährlich, weil man unerwünschte Erbgut-Änderungen nie gänzlich ausschließen kann. Besonders kritisch setzt sich Testbiotech mit der CRISPR/CAS-Technologie auseinander: Bei CRISPR werden Gene zerschnitten und teilweise mit fremder DNA kombiniert. Das kann zu gefährlichen Änderungen in der DNA führen, die bei einer Zucht mit nicht-genveränderten Tieren vererbt werden können.

So kritisiert Testbiotech ein Experiment, bei dem Forschende durch CRISPR die Darmbakterien der Honigbiene veränderten, damit sie sich gegen die tödliche Varroa-Milbe zur Wehr setzen kann. „Dieses Experiment will dem Artenschutz dienen, aber die veränderten Darmbakterien könnten sich in freier Wildbahn ausbreiten und zum Beispiel Hummeln befallen oder andere Milben töten. Die Risiken können schwer abgeschätzt werden“, sagt Then. Daher fordert Testbiotech, dass alle Tiere und Pflanzen, deren Erbgut genetisch verändert wurde, rückholbar sein müssen. Das Gleiche gilt für Klone.

Klonen für den Artenschutz: Den Schwarzfußiltis retten?

Das derzeit wohl renommierteste Programm zur Rettung einer bedrohten Tierart durch den Einsatz von Klontechnik widmet sich dem sogenannten Schwarzfußiltis in Colorado im Westen der Vereinigten Staaten. Der Schwarzfußiltis ist die einzige indigene Iltis-Art Nordamerikas, er ist für sein feuriges Temperament bekannt, seine Leibspeise ist der Präriehund. Dieser wurde jedoch im 20. Jahrhundert von Farmer:innen gnadenlos gejagt und vergiftet, sodass die Hauptnahrungsquelle der Iltisse versiegt ist. Unter den wenigen verbliebenen Schwarzfußiltissen ist die genetische Vielfalt so gering, dass ihre Nachfahren immer anfälliger für Krankheiten sein werden – die völlige Degeneration und damit auch das Aussterben der Spezies ist also nur noch eine Frage der Zeit.

Auftritt Willa. Das verstorbene Schwarzfußiltis-Weibchen verfügte über eine dreimal so hohe genetische Vielfalt in ihrer DNA wie ihre derzeit lebenden Artgenossen. 1988 wurden Willa Zellen entnommen und an eben jene Genbank in San Diego geschickt, aus der auch ein Teil des Nördlichen-Breitmaulnashorn-Spermas stammt, das Biorescue verwendet. 2020 gelang es der US-amerikanischen NGO Revive & Restore schließlich in Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen, die DNA von Willa in die Eizelle eines Frettchens – im Grunde ein domestizierter Iltis – einzusetzen. Diese Methode nennt man somatischen Zellkerntransfer. Um die wenigen Schwarfußiltis-Weibchen, die es noch gibt, nicht zu gefährden, wurde die so entstandene Eizelle wiederum von einer Frettchen-Leihmutter ausgetragen. So erblickte nach drei gescheiterten Versuchen 2021 schließlich Elizabeth-Ann das Licht der Welt: das erste geklonte Exemplar einer vom Aussterben bedrohten Art der USA. Im Gegensatz zu vielen Klonen lebt Elizabeth-Ann Stand Ende Mai 2022 schon über ein Jahr und hat ein fruchtbares Alter erreicht. Sie könnte den Schwarzfußiltis-Genpool wieder anreichern und ihre Art damit womöglich retten.

Eine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung, die unter anderem von Bioethiker:innen der Harvard Universität durchgeführt wurde, kam im Mai 2021 zu dem Schluss: Der Einsatz von Klontechnik zur Rettung des Schwarzfußiltis im Fall von Elizabeth-Ann ist derzeit ethisch vertretbar. Für jeden weiteren Schritt müsse dies aber erneut überprüft werden. Die Studie nahm den Schwarzfußiltis-Fall als Beispiel, um generelle ethische Empfehlungen für den Umgang mit Klontechnik und Arterhaltung auszusprechen.

Keine Projekte fürs menschliche Ego

Davon bräuchte es laut Barbara de Mori noch viel mehr: „Wir wünschten uns, dass alle mit denselben ethischen Standards arbeiten würden. Es muss bei solchen Projekten immer gewährleistet sein, dass der Artenschutz im Zentrum steht.“ Christoph Then geht noch weiter und wünscht sich international bindende Gesetze für den Einsatz von Gentechnik bei Tieren und Pflanzen. „Besonders wenn Profit bei Gentechnik eine Rolle spielt, ist Vorsicht geboten“, sagt Then.

So wirft die Studie über das Schwarzfußlitis-Projekt etwa ein kritisches Licht auf eines der beteiligten Unternehmen, ViaGen Pets & Equine. Die Firma spezialisiert sich darauf, Haustiere und Pferde von Privatpersonen zu klonen, die sich nicht mit deren Ableben abfinden können. Und verdient viel Geld damit.

Then kritisiert, dass insbesondere in den USA viele Projekte im Namen des Artenschutzes eigentlich dem menschlichen Ego dienten. So will ein US-Unternehmen mithilfe von CRISPR und Klonen gar ausgestorbene Arten wie das Mammut zurückbringen. Then glaubt: „Letztendlich geht es uns bei den meisten dieser Experimente doch darum, das Gefühl zu bekommen, wir könnten den Tod überwinden. Wir spielen Gott und leben dadurch unsere Sehnsucht nach der eigenen Unsterblichkeit aus.“

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Wenn man Barbara de Mori darauf anspricht, schweigt sie kurz. „Ich finde es interessant, dass diese Anmerkung immer wieder kommt. Das Problem ist nicht, dass wir Gott spielen. Jeder medizinische Eingriff widersetzt sich schließlich dem Tod. Die Frage muss stattdessen lauten: Wie spielen wir Gott? Und warum?“