Deutschlands umsatzstärkster Discounter will auch in puncto Nachhaltigkeit spitze sein. Wie schwer das ist, zeigt ein krummes Beispiel.

„Wir richten unsere gesamte Wertschöpfungskette an dem Ziel aus, nachhaltigster Discounter Deutschlands zu werden“, sagt Matthias Oppitz, Vorstandsmitglied bei Lidl. Ein großes Versprechen. Der Konzern möchte Corporate Social Responsibility, seine unternehmerische Verantwortung, ernst nehmen. Nur folgerichtig, denn für Lidl arbeiten etwa 91.000 Angestellte. Das Unternehmen von Milliardär Dieter Schwarz ist Deutschlands umsatzstärkster Discounter, vor Aldi Süd. Lidl möchte seiner Verantwortung gegenüber der Umwelt gerecht werden, veröffentlicht seit 2016 Nachhaltigkeits- und Fortschrittsberichte.

Auf dem Papier funktioniert die neue Strategie. Seit Juni 2021 bestünden alle Kunststoffflaschen der Eigenmarken zu 100 Prozent aus recyceltem Plastik, das Unternehmen biete über 450 vegane Produkte an und sei eine Partnerschaft mit Bioland, die über 100 Artikel umfasse, eingegangen, so Lidl. „Der Kooperationsvertrag mit Lidl wurde langfristig verlängert“, bestätigt Gerald Wehde, Sprecher von Bioland. Darüber hinaus werden laut Lidl Zucker und Salz in den hauseigenen Produkten reduziert, in der Sortimentsgestaltung berücksichtigt man „verstärkt Nachhaltigkeitsaspekte“.

Bereits 2018 bilanzierte das Unternehmen: „520 Tonnen Zucker konnten bislang eingespart werden.“ Aber: Alle Zahlen sind von Lidl selbst herausgegeben, vieles ist nicht prüfbar. Deshalb untersuchte Oxfam 2016, soweit von außen möglich, ob der Konzern den eigenen Ansprüchen gerecht wird. Die NGO nahm sich dafür beispielhaft die Lidl-Banane vor: Acht Prozent ihres Erlöses flossen als Lohn an die Plantagenarbeiter:innen, der Einzelhandel verdiente mit über einem Drittel den Löwenanteil. Die Kosten pro Kilogramm Banane wiederum sanken zwischen 2003 und 2014 um 23 Cent. Die Produktionskosten in Ecuador, dem größten Bananenexporteur weltweit, stiegen jedoch um 155 Prozent. Die Preisreduktion fand somit zulasten der Arbeiter:innen statt, schlussfolgerte Oxfam.

Der Konzern reagierte 2019, drei Jahre später. Lidl stieg auf Fairtrade-Bananen um, nahm konventionelle aus dem Sortiment. Leider missglückte der Versuch, die Kund:innen kauften die teureren Bananen nicht. „Es nützt nichts, wenn die Discounter eine Nachhaltigkeitsstrategie propagieren, die Kund:innen sich aber anders verhalten“, resümiert Norbert Copray, Geschäftsführer der Fairness-Stiftung, die ein eigenes Fairness-Siegel für Unternehmen herausbringt, das Konzerne durch Selbstverpflichtungen erlangen können. „Die Discounter müssen mehr tun“, sagt Copray. Oxfam sieht die Schuld für den missglückten Versuch bei Lidl selbst. „Discounter sind mitverantwortlich dafür, dass sich nun alles um den Preis dreht“, sagt Franziska Humbert, Teamleiterin für gerechtes Wirtschaften bei Oxfam.

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Immerhin macht Lidl laut Humbert Fortschritte in Sachen Nachhaltigkeit. „In unserem Supermarktcheck sind sie auf Platz 2 im internationalen Vergleich, direkt hinter Tesco. Doch uns fehlt es immer noch an konkreten Schritten bei der eigenen Einkaufspolitik.“ Wenn man also fordere, „dass existenzsichernde Löhne an die Arbeiter:innen an den Produktionsstandorten gezahlt werden, muss man natürlich auch selbst die entsprechenden Einkaufspreise an die Lieferanten zahlen“, sagt Humbert. Immerhin säßen „bei Lidl insbesondere, und auch bei Aldi Süd, viele engagierte Personen, die sich um unternehmerische Sozialverantwortung bemühen“, so Humbert. Andere Supermärkte wie Rewe und Edeka hingen da noch hinterher.