Eigentlich keine neue Idee: Tausende Projekte konnten in den letzten Jahren bereits erfolgreich über die Schwarmfinanzierung umgesetzt werden. In der Modebranche war dieses Modell bisher allerdings nicht besonders verbreitet.

Ohne die Crowd hätte es die Lederjacke von Bleed Clothing vermutlich nie geben. Schwarz. Weich. Nur auf den zweiten Blick erkennbar, dass sie aus Kork gefertigt wurde. Geschäftsführer Michael Spitzbarth erzählt, wie sein Werbefotograf Kristoffer Schwetje den Prototyp auf seinem Schreibtisch sah und vorschlug: Wenn es über den klassischen Weg zu riskant ist, weil nicht absehbar ist, ob die Kunden das Produkt wirklich haben wollen – mach Crowdfunding! Du bekommst sofort Feedback, produzierst erst mal nur so viel wie geordert, der Preis hält sich im Rahmen, weil keine Aufschläge dazukommen für Handel, Logistik, möglicherweise Bankkredit. Acht intensive Wochen folgten. Geeignete Plattform finden. Fundingziel kalkulieren. Reise nach Portugal. Videodreh inmitten alter, knorriger Korkeichen. „Letztlich kamen 74 000 Euro zusammen“, so Spitzbarth, 14 000 Euro mehr als anvisiert. Im vergangenen Jahr hat er in Kooperation mit der Tierschutzorganisation Peta zusätzlich einen veganen Sneaker mit 67 000 Euro gefundet.

Nachhaltigkeit spielt so gut wie immer eine Rolle.
Anna Theil, Leitung Kommunikation bei Startnext

Auch wenn der Hype vorbei zu sein scheint: Crowdfunding ist nach wie vor eine spannende Finanzierungsstrategie. Auf Plattformen wie Kickstarter, Indiegogo oder Startnext werben vor allem Filmemacher, Gastronomen und Musiker um die Gunst von Sponsoren. Zunehmend aber auch Modedesigner. „Nachhaltigkeit spielt dabei so gut wie immer eine Rolle“, sagt Anna Theil, Leitung Kommunikation bei Startnext. „Etwas anderes würde die Crowd gar nicht mehr finanzieren.“ Wobei mit nachhaltig nicht das x-te T-Shirt aus Biobaumwolle gemeint sei. „Das bekommt man mittlerweile überall – jetzt geht es um Innovation und Mehrwert: Was macht mein Produkt besser als andere?“ In puncto Wertschöpfungskette beispielsweise, Ressourcenverbrauch, soziale Verantwortung. 200 Modeideen wurden bis heute über Deutschlands größte Crowdfunding-Plattform erfolgreich abgeschlossen, so Theil. Die meisten in den vergangenen zwei, drei Jahren. Darunter bekannte Labels und absolute Newcomer.

Auch auf enorm: Nachhaltige Modebranche kämpft vereint ums Überleben

Ein Beispiel: AA Gold aus München. Ihr Thema: Zero Waste. „Bei der herkömmlichen Herstellung von Kleidungsstücken gehen bis zu 20 Prozent Stoff als Verschnitt verloren“, so Arnold Gevers. Also hat der Modedesigner zusammen mit Verena Stoppel Schnittmuster entwickelt, mit denen sich T-Shirts, Hemden, Hosen und Jacken auch ohne Abfall produzieren lassen. Der Crowd hat die Idee einer ersten Kollektion gefallen. Im Herbst 2019 wurden für insgesamt 13 372 Euro Teile vorbestellt, gerade werden sie genäht, im April dann ausgeliefert.

Enorm Einzelausgabe 2020_04

Die Modezahl

71% der Deutschen erwarten von Mode-Unternehmen, dass sie Verantwortung übernehmen für ihre gesamte Lieferkette und nicht auf Sub(subsub)unternehmer verweisen. Quelle: Ipsos Mori

Ein Selbstläufer ist Crowdfunding nicht. Das erzählen Spitzbarth und Gevers unisono. Gerade bei Mode gehe es oft um viel Geld. Insofern müsse die Kampagne schon viele Menschen erreichen. „Beim nächsten Mal würde ich mir einen Monat mehr Zeit nehmen“, so Gevers, „nur für Kommunikation.“ Besonders wichtig: Instagram. Aber auch Interviews geben, präsent sein auf Events und Messen, Kontakte zu Multiplikatoren knüpfen. Ob er noch mal crowdfunden würde? „Warum nicht – es lohnt sich auf jeden Fall, gerade für Neulinge.“ Um sichtbar zu werden. Fuß zu fassen. Einkauf, Produktion, Vertrieb, Marketing – alles einmal durchzuspielen. Und kritisch zu hinterfragen: Worum geht es mir eigentlich, warum sollte mich jemand unterstützen, ergibt mein Produkt überhaupt Sinn?

Was ist Korktextil?

Der Stoff wird aus der Rinde der Korkeiche gewonnen. Dafür muss der Baum nicht gefällt, sondern lediglich per Hand geschält werden. Das geht alle neun Jahre, so lange braucht die Rinde zum Nachwachsen. Nach dem Schälen wird der Kork gedämpft, gekocht, getrocknet, zugeschnitten und auf eine textile Verstärkung geklebt. Vorteil gegenüber Leder: nachwachsend, geruchsneutral, wasserabweisend, auch für Allergiker geeignet, da nicht gegerbt. Kleidungsstücke werden kaum noch hergestellt, aufgrund der hohen Nachfrage ist Kork zu teuer geworden. Dafür Schuhe, Taschen, Portemonnaies.