Corona stürzt die nachhaltige Modebranche in eine schwere Krise – jetzt heißt es mehr denn je: zusammenhalten.

Mitte Januar konnte es jeder spüren: Green Fashion hat es aus ihrer Nische herausgeschafft. Nie waren so viele konventionelle Modehändler und -einkäufer auf der Neonyt, der Fachmesse für nachhaltige Mode in Berlin. Nicht mehr nur um zu schauen, was die „Ökos“ so treiben. Sondern auch um Gespräche zu führen, Ware zu ordern. „Die Stimmung war unglaublich“, so Show Director Thimo Schwenzfeier. „Alle haben sich auf die Sommersaison gefreut.“ Corona war da noch weit, weit weg. Heute, drei Monate später, sitzt Schwenzfeier in seinem Büro und plant die zweite Neonyt für 2020, „auch wenn wir natürlich nicht wissen, ob sie wie geplant Ende Juni starten wird, wie viele Labels wirklich dabei sein werden“. Wer kann sich nach der Krise einen Stand leisten? Wer rutscht in die Insolvenz? Wer ist schon weg? Manch kleines Label aus Spanien hat er schon seit Tagen nicht mehr erreicht.

Nachhaltige Modebranche: Keine großen Rücklagen

Corona ist für die nachhaltige Modebranche ein herber Schlag: nach dem Durchbruch so plötzlich der Einbruch. Auch wenn Läden allmählich wieder öffnen, Branchenkenner bezweifeln, dass die Einkaufslaune schnell wieder steigen wird. Wer zu Hause sitzt, hat wenig Lust auf neue Klamotten. Das größte Problem, besonders für kleinere Labels: Oft fehlt die Liquidität, um die Fixkosten für Mitarbeiter, Ateliers, Lager, eigene Läden zu stemmen. „Herzblut und Idealismus schaffen leider keine großen Rücklagen“, schreibt das Hamburger Label Recolution auf seiner Seite.

Letztlich ist Corona auch ein Test: Wie resilient ist mein Business, wie solidarisch unsere Branche? Kaum jemand ist in der Szene so gut vernetzt wie Mirjam Smend. Seit zwei Jahren richtet die Journalistin die Greenstyle aus. Eine Messe für grüne Mode mit Konferenz, die auch Verbraucher besuchen können*. Als „Schockstarre“ bezeichnet sie den Zustand, in den viele Labels nach dem Shutdown fielen. Doch allmählich, so Smend, tauen sie wieder auf, nähen Masken, bauen ihre Online-Stores aus, kümmern sich um Social Media und halten an dem fest, was ihnen seit jeher wichtig ist: Verantwortung gegenüber allen Partnern.

Statt wie konventionelle Marken Aufträge zu stornieren – und dadurch Länder wie Bangladesch in eine noch größere Katastrophe zu stürzen –, versuchen grüne Mode-Labels, die Krise gemeinsam zu schultern. Mit Rohstofflieferanten und Nähereien, aber auch mit Kollegen, Händlern und Kunden. „Das ist toll zu beobachten“, so Smend, „die Branche hält zusammen.“ Leben und leben lassen. Ein Beispiel: #fairfashionsolidarity – ausgerufen von den beiden Modemachern Philipp Langer (LangerChen) und Claudia Lanius (Lanius) sowie den Händlern Mimi Sewalski (Avocadostore) und Christina Wille (Loveco).

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Den Sommer verlängern

Für Wille war klar, dass sie etwas tun muss. Ihr Lager ist voll. Wenn sie es nicht schafft, die Ware in ihren drei Berliner Läden und über ihren Online-Store zu verkaufen, fehlt ihr das Geld für die kommende Winterorder. „Das zieht sich dann durch die gesamte Wertschöpfungskette.“ Insofern ist es wichtiger denn je, sich abzustimmen. Wie sieht es in den Nähereien aus, wer darf noch produzieren, was ist bereits unterwegs und was noch da, können die kommenden Kollektionen auf den jetzigen aufbauen, wie können wir uns finanziell entgegenkommen und wollen wir die Sommersaison in die Länge ziehen?

Auch wenn die grüne Mode in der Regel nur zwei Kollektionen im Jahr produziert mit vielen Klassikern, die auch noch nächstes und übernächstes Jahr en vogue sind, folgt auch sie dem irren Takt der Modeindustrie: Daunenjacken im Sommer, luftige Blusen im Winter. Das wäre jetzt fatal. „Wir müssen uns die fehlenden Verkaufsmonate zurückholen“, sagt Wille, „das geht nur gemeinsam.“ Inzwischen haben sich mehr als 270 Labels, Händler und Supporter der Bewegung angeschlossen. Für Smend und Schwenzfeier ein positives Signal. Vielleicht sogar eines mit Strahlwirkung. In einem Interview sagte Modedesigner Giorgio Armani kürzlich: „Die Situation vor der Pandemie war absurd. Meine Sakkos wurden nach nur drei Wochen im Laden durch fast identische Artikel ersetzt.“ Was es braucht: Entschleunigung, Nachhaltigkeit und Solidarität – auch jenseits der grünen Grenze.

* Die letzte Greenstyle musste kurzfristig abgesagt werden. Wer helfen möchte, bereits entstandene Kosten zu decken und Brands zu unterstützen: Bis zum 1. Mai läuft eine Crowdfunding-Aktion unter www.startnext.com/greenstyle-support.

Enorm Einzelausgabe 2020_04

 

Dieser Artikel erschien auch im Fokus „Corona“ in der aktuellen, solidarischen enorm-Ausgabe, die wir allen kostenlos als E-Paper zur verfügung stellen.