Schon immer dreht sich alles um die Liebe – nicht nur an Weihnachten. Aber wie wirken sich KI, Biochemie und Social Media heute auf unsere Beziehungen aus? Sechs Gedanken über das große Gefühl in unruhigen Zeiten und zu der Frage wie wir morgen lieben.

Kann Liebe ein Leben lang funktionieren?

MATTHIAS HORX
Zukunftsforscher

„Echte Liebe ist eigentlich immer lebenslang. Sie geht auch über den Tod hinaus. Was oft nicht funktioniert, sind hingegen Beziehungen, eine ganz andere Kategorie. Die Individualisierung und die längeren Lebensspannen führen dazu, dass wir im Laufe unseres Lebens immer mehr Partnerschaften haben, bei denen Liebe meistens eine Rolle spielt, aber nicht unbedingt muss. Wir leben schon heute in einer Kultur der seriellen Monogamie. Wir haben mehrere Partner hintereinander, und jedem sind wir eine gewisse Zeit lang treu. Großstädter haben im Laufe ihres Lebens an die zehn Partner, mit denen sie unterschiedliche Abschnitte ihres Lebens erleben. Dazu entwickeln sich auch polyamore Beziehungsformen – vorerst noch das Modell einer Minderheit, die grund-humanen Gefühle stehen uns da im Weg, besonders die Eifersucht – und die Multi-Amorie. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass man die existentiellen Aspekte auf mehrere Beziehungen verteilt: Nähe und Vertrautheit, Leidenschaft und Sex sowie Reproduktion, also Elternschaft. Im Grunde lautet in individualistischen Gesellschaften die Regel für Partnerschaften: Wir sind so lange zusammen, wie es für uns beide gut ist, und wenn wir uns entfremden, dann sollten wir auch in der Lage sein, uns gegenseitig gehen lassen. Ich nenne das Liquid Love. Ein Indiz dafür liefert Frankreich. Dort wurde vor sieben Jahren die „Ehe light“ eingeführt, eine eheähnliche Partnerschaft ohne all die tiefen Verbindlichkeiten der Ökonomie, des Erbrechts. Eigentlich war sie für homosexuelle Paare gedacht, doch inzwischen geht auch die Mehrheit der Heterosexuellen diese Form der Partnerschaft ein. Wer dennoch auf die dauernde große Liebe setzt, der muss versuchen, den natürlichen Verliebtheitszyklus von durchschnittlich vier Jahren zu verlängern. Indem bei aller Verbundenheit jeder Partner für sich eine eigenständige Entwicklung nimmt, sich selbst verändert, evolutioniert – und dadurch für den anderen spannend bleibt.“

Lässt sich Liebe dopen?

JULIAN SAVULESCU
Bioethiker

Der Mensch ist nicht dafür gemacht, auch jenseits der 40 noch mit seinem Partner zusammenzubleiben. Kaum waren die Kinder aus dem Haus, ging das Leben der Eltern zu Ende. Auftrag erfüllt. Also warum der Zweisamkeit nicht chemisch nachhelfen? Die Liebe nicht über ihr natürliches Verfallsdatum hinweg retten? Für Julian Savulesco wäre das nur legitim, zumindest wenn der Mensch weiterhin monogam leben möchte. Der wichtigste Stoff: Oxytocin. Per Spray in die Nase gepumpt, sorgt das Bindungshormon nicht nur für mehr Nähe, Harmonie und Sanftmut, es dämpft auch die sexuelle Lust aufs Fremdgehen. Skrupel versteht Savulescu nicht. Man könnte Menschen viel Leid ersparen. Zudem sei es sowieso nur noch eine Frage der Zeit, bis die ersten Liebespillen den Markt erreichen. Experimente und Studien dazu sind bereits im vollen Gange. In seinem Buch „Love Drugs. The Chemical Future of Relationships“, das im Januar 2020 auf Englisch erscheinen soll, gibt Savulescu einen Einblick, was hinter Institutstüren passiert. Neben Substanzen, die eine Beziehung stärken, versucht man sich auch an Substanzen, die einen den Ex vergessen lassen. Liebesdrogen und Anti-Liebesdrogen, je nachdem, was das Leben einem gerade so abverlangt.

Liebestrank der Zukunft: Werden wir der Zweisamkeit bald mit Pillen nachhelfen?
Bild: Joanna Kosinska/Unsplash

Liebe und Roboter, wie geht es weiter?

EMMA BRASLAVSKY
Schriftstellerin

„Erfüllte Liebe ist eine Vorstellung, die durch die fortschreitende Individualisierung in der Romantik aufkam. In früheren Gesellschaften hatten Beziehungen einen sozio-ökonomischen Auftrag. Da identifizierte man sich über Familie. Die persönlichen Bedürfnisse waren unerheblich. Durch die gesellschaftlichen Umbrüche nach der Französischen Revolution löste sich das Individuum immer weiter von der Familie ab und suchte neue gesellschaftliche Zusammenhänge, das neue psychologisierte Ich definierte selbst die Qualität seiner Bindungen. Liebe wurde eine selbstverständliche persönliche Forderung. Die Moderne verschärfte diese Entwicklung. Und seit den 60er Jahren wurde Liebe an immer mehr Produkte gebunden und selbst zu einem Konsumauftrag. Nur wird Liebe heute zunehmend mit dem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Sicherheit oder Pflege verwechselt. Die heutige hohe Single- Quote in Großstädten zeigt schon, dass Beziehungen schnell befriedigt und schnell unbefriedigend werden. Der Drang nach Selbstverwirklichung ist stärker als die Kompromissbereitschaft. Und das Zeitalter der Personalisierung leistet dabei seinen Bärendienst. Schon jetzt können Prototypen von künstlichen Partner*innen auf die Wünsche der Kunden zugeschnitten werden und sie glücklicher machen, als vorher mit ihren menschlichen Partnern. Sie streiten nicht, fordern nichts, sind immer da und scheinen bedingungslos zu „lieben“. Eine einfache „Liebe“, denn in dieser Ware Liebe lebt das totale Individuum ohne Enttäuschung und Herausforderung, sie hat ein großes Suchtpotential. Ich sehe sich das mittelfristig verschärfen, vielleicht nicht für alle. Denn diese Entwicklung scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein. Nur wird uns diese personalisierte Liebe mittelfristig nur das geben, was wir wollen, oder auch das, was wir brauchen?“

Künstliche Intelligenz übertrifft uns Menschen bereits in vielen Bereichen. Werden uns nun auch personalisierte Roboter das perfekte Liebesglück bringen?
Bild: Franck V./Unsplash

Monogam oder polyamor, was erträgt die Liebe besser?

ALAIN DE BOTTON
Philosoph

„Die Affäre scheint eine wunderbare Idee zu sein. Sie gaukelt einem vor, man könne alles in einem Leben haben. Die Stabilität einer langfristigen Liebesbeziehung und die Aufregung einer Affäre. Das klingt großartig. Doch leider sind wir in der Realität schrecklich eifersüchtig und keiner von uns akzeptiert, dass der Mensch, den wir so sehr lieben, Händchen hält mit jemand anderem. Das ist äußerst schmerzhaft und zerstört uns. Ich denke, wir sollten das ehrlich zugeben und gleichzeitig eine tragische Seite unserer Existenz akzeptieren. Wir können nicht Sex, Liebe, Stabilität, Aufregung und Kontinuität gleichzeitig haben. Wir können uns nur fragen, wie wir leiden möchten. Will man mit einer Person zusammenbleiben und gute Dinge wie Stabilität haben, aber irgendwann sexuell gelangweilt sein? Oder will man ein aufregendes, chaotisches Leben ohne langfristig Beziehung, aber irgendwann unglückliche Kinder haben? Es gibt keine problemlose Lösung, es gibt nur eine bessere oder schlechtere Art zu leiden.“

Und wenn die Liebe auf sich warten lässt?

EMMA WATSON
Schauspielerin

Für die britische Schauspielerin und Frauenrechtsaktivistin Emma Watson war es bis vor kurzem der reinste Stress. Fast 30 – und noch immer hat sie die Liebe fürs Leben nicht gefunden. Keine Ehe, kein Haus, keine Kinder. „Ich hatte regelrecht Panik“, erzählt Watson kürzlich in einem Interview mit der British Vogue. Dazu all die unterschwelligen Botschaften aus ihrem Umfeld, die ihr weismachen wollten: Es wird allerhöchste Zeit. Heute versucht Watson, dem sozialen Druck Stand zu halten: „Es hat gedauert, aber mittlerweile bin ich sehr glücklich. Ich bin meine eigene Partnerin.“ Auf Englisch: self-partnered. Auf Social Media wird der neue Begriff gefeiert: Liebe ist schön, aber ohne Selbstliebe ist alles nichts.

So alt wie die Liebe selbst, ist auch ihre Darstellung in der Kunst. Wie wir sie abbilden und betrachten mag sich über die Zeit verändern, das große Gefühl aber bleibt das gleiche.
Bild: Cristina Gottardi/Unsplash

Was trennt Liebe von Hass?

MIA FLORENTINE WEISS
Künstlerin

„Liebe kann ungeheuer schnell in Hass umschlagen. Wir erleben das ja derzeit im Populismus überall in ganz Europa. Menschen feinden sich an, trauen sich nicht mehr, offen zu sprechen aus Furcht vor dem Hass der anderen. Die Welt wird eine einzige Polarisierung. Aber es geht auch anders herum, aus Hass wird wieder Liebe. Dieses Wechselspiel inszeniere ich mit einer Skulptur aus Stahl, die seit drei Jahren durch ganz Deutschland tourt. Sie zeigt das Wort Love. Wenn man den Schriftzug von der anderen Seite betrachtet, steht da: Hass. Es reicht also, um die Skulptur herumzugehen, und man sieht, wie eng beides in unserer Welt verknüpft ist. Liebe und Hass sind die stärksten Gefühle des Menschen. Die Frage ist: Woran wollen wir uns festhalten? Jeder hat die Wahl. Ich entscheide mich für die Liebe. Denn Kunst geht nicht ohne sie. Egal ob Bildhauer, Dichter oder bildender Künstler – das Kunstwerk ist das Kind des Künstlers. Und was könnte eine größere Kraft sein, um es zum Leben zu erwecken, als die Liebe?“