In der Justizvollzugsanstalt Heinsberg trainieren Inhaftierte und Ehrenamtliche zusammen Softball. Was macht es mit den Gefangenen, wenn der Vereinssport zu ihnen kommt?

Dieser Text erschien in der Ausgabe April/Mai 2022 des enorm Magazins mit dem Titel: „Der Sport gehört uns – Gemeinschaft statt Kommerz: Diese Initiativen und Athlet:innen holen sich das Spiel zurück.“ Die Ausgabe kannst du bei GoodBuy versandkostenfrei und klimapositiv nachbestellen.

„Plöng.“ Der neongelbe Ball klirrt auf den Schläger und saust über das Softballfeld. Es ist so abgesteckt, dass es spitz zuläuft und an die Form eines Diamanten erinnert. An der Spitze steht der „Batter“, auf Deutsch Schlagmann. Kurz blickt er dem Ball hinterher, dann geht ein Ruck durch seinen Körper, er läuft los. Bis zur First Base, der ersten Station von vier, um einen Punkt zu holen. Kühl und grell strahlen die Flutlichter von hohen Metallmasten herab auf den Kunstrasen. Oben an den Masten sind Drahtseile mit orange-weißen Kugeln befestigt. Als Netz schirmen sie das Feld ab – gegen Hubschrauber.

Eine Sicherheitsvorkehrung gegen Fluchtversuche aus der Luft. Denn der Platz liegt hinter Gittern, in der nordrhein-westfälischen Justizvollzugsanstalt (JVA) Heinsberg. Hier sind knapp 300 Männer zwischen 14 und 24 Jahren inhaftiert. An diesem Freitagabend schlagen, werfen, rennen 16 von ihnen. Zweieinhalb Stunden Sportplatz statt Zelle. Hier begegnen sie Mitgliedern eines Vereins, der sonst in Freiheit trainiert. Seit März 2017 kommt der Base- und Softballverein (BSV) Wassenberg einmal im Monat hierher zum Softball „Slow Pitch“, einer in den USA beliebten Freizeitvariante des Baseballs, langsamer, mit kleinerem Feld und größerem Ball. Mit manchen Insassen trainiert der Vorsitzende Peter Dohmen schon seit Jahren: Langzeitgefangene, die schwere Gewaltverbrechen, manche auch Mord begangen haben. Mittrainieren darf, wer sich gut benimmt.

Beim Training nach der Corona-Winterpause Ende März sind vier Vereinsmitglieder als Coaches, zwei Sportbeamt:innen und zehn neue Inhaftierte dabei. „Ich hab keinen Bock mehr auf neue Leute, weil wir nicht richtig spielen können“, mault einer der Erfahrenen, die Arme vor dem grauen Hoodie verschränkt. „Wir gegen die Neuen!“, ruft einer. „Nein, ich finde, wir müssen fair sein und durchmischen“, erwidert jemand neben ihm. „Habt ein bisschen Gnade mit den neuen Jungs“, scherzt Dohmen. „Auf gar keinen Fall“, flachst einer zurück, Gelächter.

Softball ist kein Kontaktsport, wie Fußball. Das Spiel ist dadurch entspannter.
Foto: Astrid Ehrenhauser

Die Stimmung ist gelöst, Konflikte zwischen den „Jungs“, wie Leif Herfs sie nennt, gebe es nicht. Herfs ist Sportbeamter der JVA Heinsberg. Seit 17 Jahren leitet er unter anderem die beliebten Fußballgruppen. Dadurch haben er und seine Kollegin, die heute auch dabei ist, eine Sonderstellung im Gefängnisgefüge, der Umgang ist locker. „Herr Herfs, Sie können ruhig zwei Bases laufen“, ruft einer, als der Sportbeamte sprintet. „Jalla! Jalla!“, wird er auf Arabisch angefeuert. Softball sei entspannter als Fußball, sagt Herfs. „Hier haben wir diese harten Zweikämpfe nicht. Außerdem wertschätzen die Gefangenen, dass Gäste von draußen kommen, die das ehrenamtlich machen. Sie zeigen sich von ihrer besten Seite.“

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Deutschlandweit sitzen 44.588 Menschen im Gefängnis, 94 Prozent davon männlich. Kooperationen wie in Heinsberg sind selten: Es braucht aufwendige Sicherheitsvorkehrungen und viel Engagement einzelner Vereinsmitglieder und Sportbeamt:innen. In die meisten Gefängnisse kommen Sportvereine daher, wenn überhaupt, nur für einmalige Turniere. Einzelne Gefangene jedoch können die Anstalten verlassen, um in einem Verein mitzutrainieren. Andere machen während ihrer Haft eine Ausbildung etwa zum Fußballtrainer. Mancherorts sind Gefangenensportvereine Teil einer regulären Sportliga, tragen ihre Spiele aber meist hinter Gittern aus.

Vereinssport nach der Haft

Zufällig lernten Dohmen und Herfs sich privat kennen und hatten die Idee, gemeinsam im Gefängnis zu trainieren, „einfach Sport machen mit den Jungs“, sagt Dohmen. Der Verein wird als Integrations-Stützpunkt vom Deutschen Olympischen Sportbund gefördert und Dohmen nimmt diesen Auftrag ernst, will vermitteln: „Wenn du rauskommst, kannst du dich einem Verein anschließen und hast da eine soziale, stabile Struktur, die dich unterstützen kann.“ Interessierte Spieler bekommen von ihm einen Flyer mit den Spielregeln und seiner Handynummer. Sie sollen auch nach der Haft weiter beim BSV Wassenberg spielen können, wenn es für beide Seiten passt. Von den etwa 80 Inhaftierten, die insgesamt mittrainiert haben, kamen bisher nur drei zum regulären Training in den Verein, kurz bevor sie aus dem Gefängnis entlassen wurden. Einer blieb danach ein knappes Jahr, bis seine Arbeit ihn deutschlandweit auf Montage führte. Doch Dohmen glaubt fest an den positiven Einfluss von Sport, mittlerweile arbeitet er auch beruflich mit Inhaftierten, betreut Projekte für die berufliche Wiedereingliederung von ehemaligen Gefangenen.

Sport in Gefängnissen ist ein wichtiger Ausgleich, auf den die Insass:innen ein Anrecht haben. Johannes Müller hat zweieinhalb Jahre in der JVA Rosdorf bei Göttingen einen Fitnesskurs angeboten und Gefangene für seine Forschung an der Universität Gießen interviewt, außerdem berät er das Niedersächsische Justizministerium zu Sportangeboten im Justizvollzug. „Sport im Gefängnis beruht auf Freiwilligkeit, doch rund die Hälfte entscheidet sich dafür.“ Die Gründe seien vielfältig: „Sport ist psychisch entlastend und eine Möglichkeit, sich auf den Außenanlagen zu bewegen statt in den beengten Zellen und Gemeinschaftsräumen. Dadurch kann man sich auch gedanklich aus dem Gefängnis befreien und Autonomie erleben.“ Sport soll auch dabei helfen, dass sich Gefangene nach ihrer Haftzeit wieder besser in die Gesellschaft integrieren können – „Resozialisierung“. Die beginnt schon in Haft: durch Routinen, ein Stück Normalität, sozialen Austausch.

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Beim Softball tragen die Inhaftierten normale Sportkleidung: Sweatpants, Hoodies, Turnschuhe, viel Schwarz und Grau, ein paar Neonfarben. Einer sticht heraus mit sandfarbener Cargohose und Hemd aus festem Baumwollstoff – die Alltagskleidung der Anstalt. Je nach Benehmen gibt es mehr Privilegien, etwa Privatkleidung. Heute wirft er mehrere Runden hintereinander, als Pitcher, er sagt: „Das ist besser als Zelle.“

Einmal im Monat können sich die Inhaftierten der JVA Heinsberg beim Softball auspowern.
Foto: Astrid Ehrenhauser

„Sport kann hier sicherlich unterstützen, aber die Wirkung davon nachzuweisen ist schwer. Man darf auch keine zu hohen Erwartungen haben. Das ist kein Automatismus, die Angebote müssen didaktisch aufbereitet sein“, sagt Müller. Wichtig sei es vor allem, Gefangene an organisierten Sport heranzuführen. „Viele Inhaftierte waren zuvor in keinem Sportverein und nicht gut sozial integriert, sondern in irgendeiner Form marginalisiert.“

Softball als Brücke zur Außenwelt

Auch das nordrhein-westfälische Justizministerium schätzt Kooperationen wie in Heinsberg: Ehrenamtliche Trainer:innen und Vereinsfunktionäre seien „nicht-straffällige Rollenvorbilder“, die „einen Alternativentwurf zu der häufig dysfunktionalen Lebensgestaltung der Inhaftierten bieten“ und ein neues soziales Umfeld schaffen. Sportwissenschaftler Müller hingegen betont: Um mit Stereotypen gegenüber Inhaftierten zu brechen, sei gerade der Kontakt zu Menschen außerhalb des Gefängnisses wichtig. „Sport kann eine Brücke zur Außenwelt schlagen und andernfalls getrennte Lebenswelten miteinander verbinden. Die Inhaftierten können als guter Spieler in Erscheinung treten oder als netter Sportkamerad.“ So sieht das auch Vereinsvorsitzender Dohmen, wobei er zunächst Vorurteile hatte: „Ich dachte: Wie bescheuert, wir gehen in ein Gefängnis und drücken Gewalttätern einen Baseballschläger in die Hand, den sie mir dann über den Schädel ziehen können.“ Bald merkte er: „Die Angst war total unbegründet. Wir sind auf dem Platz einfach nur Sportler unter uns, den Rest versuche ich auszublenden.“ Doch eine Grenze zieht der 46-jährige Vater: Sexualstraftäter möchte er nicht trainieren.

In die JVA begleitet ihn auch Marie-Theres Frenken, Vereinsmitglied und Studentin. „Der Kontakt zu den Gefangenen ist für mich bereichernd, sonst hätte ich sie wahrscheinlich nie kennengelernt.“ Während sie am Spielfeldrand steht, spricht sie mit einem der Insassen. Er ist drahtig, trägt trotz der kalten Märzluft nur ein schwarzes T-Shirt, die schmalen Beine in hellgrauen Sweatpants. Beiläufig erwähnt er: „Ich bin heute genau drei Jahre hier.“ „Wie lange musst du noch?“, fragt Frenken. „Nächstes Jahr werde ich gelockert.“ Heißt offener Vollzug, bevor er entlassen wird. „Ich habe keine Kavaliers-Tat gemacht.“ Was, möchte sie nicht wissen. Stattdessen: Small Talk über seine Ausbildung zum Industriemechaniker, ihr Studium, den anstehenden Jobeinstieg. „Einmal hat mir jemand von Körperverletzung mit Todesfolge erzählt“, erinnert sie sich später. „Ich habe angefangen, eine kleine Distanz aufzubauen, die ich vorher nicht hatte – und das will ich nicht.“

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„Lasst zusammenpacken, Jungs“, ruft Dohmen. Es ist 20.15 Uhr. In einer Stunde ist Einschluss in den Zellen. Die Vereinsmitglieder unterhalten sich noch mit den Sportbeamt:innen. Als sie zum Ausgang gehen, scheinen durch ein paar Fenster direkt neben dem Feld schon Lichter. Hinter den Gitterstäben winkt einer der Jungs, der gerade mittrainiert hat. Es ist ruhig auf dem Platz, wo er und die anderen sich eben noch angefeuert haben. Nächsten Monat wird er wieder durch das Flutlicht sprinten.