Hier findest du eine schriftliche Fassung der Podcastfolge 31 von „Good News enorm“. Tiere und Pflanzen haben viele der Probleme längst gelöst, mit denen wir uns heute auseinandersetzen. Von der klimafreundlichen Fortbewegung und Kühlung über selbstreinigende Plastikfilter bis zur effizienten Trinkwassergewinnung: In der Natur finden sich Phänomene und Überlebensstrategien, die Forschende als Grundlage für bahnbrechende Innovationen nutzen. In dieser Folge sprechen wir über die faszinierenden Strategien von Mantarochen, Kamelen, Schwarzkäfern und Seepocken.

Das Transkript soll den Podcast möglichst barrierefrei auch nicht-hörenden Menschen zugänglich machen. In dieser Folge sprechen Good-News-Redakteurin Bianca Kriel und Miriam Petzold, Redakteurin beim enorm Magazin, über „Naturtalente“. 

Bianca: Hallo und herzlich willkommen zu Good News enorm – gute Nachrichten und konstruktive Gespräche. Ein Podcast von Good News und dem enorm Magazin. Heute sprechen wir über „Naturtalente“. Aber erst einmal der Gute-Nachrichten-Überblick:

Für die Herstellung von Biokraftstoffen verwenden viele Firmen Palmöl, um CO2-Werte zu verringern. Dies schadet jedoch der Umwelt: Wälder werden gerodet und Moore ausgetrocknet. Die Bundesregierung hat daher beschlossen, ab 2023 keine Biokraftstoffe mehr aus Palmöl zu fördern.

Die Schweizer Bürger:innen haben sich in einer Volksabstimmung laut Hochrechnungen klar für die gleichgeschlechtliche Ehe ausgesprochen. Im Zuge dessen wird außerdem künftig das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare geöffnet und lesbischen Paaren die Samenspende erlaubt.

Jedes Jahr sterben eine halbe Million Menschen an Malaria, auch weil Medikament oft zu teuer sind oder gar gefälscht. Forscher:innen am Magdeburger Max-Planck-Institut haben nun ein Verfahren entwickelt, mit dem Impfstoffe günstig hergestellt werden können – mit einer Pflanze.

Der 20-jährige Schauspieler George Webster wird als erster Moderator mit Downsyndrom eine Sendung des britischen Fernsehsenders BBC präsentieren. Die Sendung richtet sich an Vorschulkinder und soll für mehr Diversität sorgen.

Horst Bendix aus Sachsen ist 92 Jahre alt, Rentner – und hat ein Super-Windrad erfunden, das bis zu drei Mal effizienter sein soll als herkömmliche Modelle. Seine Windkraftanlage arbeitet mit Höhenwind in 200 Metern Höhe und kann so bis zu 30 Gigawattstunden pro Jahr ernten.

Bianca: Hallo, mein Name ist Bianca. Ich bin Redakteurin bei Good News und ich freue mich, dass wir heute über Naturtalente sprechen, über Innovationen, die von Tieren inspiriert sind. Können wir das so sagen? Ich freue mich sehr auf unseren heutigen Gast. Heute ist wieder einmal Miriam Petzold bei uns, Redakteurin bei, enorm Magazin. Hallo Miriam!

Miriam: Hallo Bianca, ich freue mich, hier zu sein.

Bianca: Miriam, ihr habt im enorm Magazin eine Rubrik, die sich genau diesem Thema widmet, oder?

Miriam: Genau. Wir haben seit der Ausgabe 02 aus diesem Jahr, haben wir die Rubrik „Naturtalent“. Und da geht es eben genau um bionische Innovationen. Dazu kann ich gleich noch etwas sagen zu dem Begriff. Aber genau, das dreht sich um Tiere und Pflanzen, die eben ganz tolle Techniken, Strategien, Überlebensstrategien entwickelt haben, von denen sich der Mensch einiges abgucken kann.

Bianca: Du hast gerade angedeutet bionischen Bionik. Was heißt das genau?

Miriam: Genau. Also der Begriff Bionik setzt sich speziell aus den Wörtern Biologie und Technik zusammen. Liegt nahe… Also es geht um ein relativ junges Forschungsfeld, das eben Phänomene in der Natur beobachtet und analysiert und eben das als Basis nimmt, um neue Technologien zu erfinden oder bestehende zu optimieren. Auch der Begriff Biomimikry wird in diesem Kontext gerne verwendet. Die Idee dahinter ist ganz einfach, dass es Pflanzen und Tiere gibt, die eben schon viele der Probleme gelöst haben, mit denen wir uns so herumschlagen. Sei es irgendwie klimafreundlicher Transport, klimafreundliche Energiegewinnung oder solche Themen. Da finden wir in der Natur sehr viel Inspiration und es sind eben meist Forscher:innen von Universitäten weltweit, die sich da eben Prozesse genauer anschauen. Und dann gibt es Start-ups, die eben diese Prozesse irgendwie übernehmen und daraus Produkte machen oder eben bestimmte bestimmte Prozessoptimierung.

Bianca: Okay, also dass man sich so Superkräfte aus der Natur anschaut und die in unser Leben integriert.

Miriam: Genau. Und um vielleicht ein bisschen konkreter zu werden, es gibt nämlich auch ganz bekannte Beispiele für Bio- Innovationen. Ich glaube, eines der bekanntesten ist die Haut von Haien, die eben sehr verzahnt ist. Das ist eine ganz raue Oberfläche, bestehend aus kleinen Zähnchen sozusagen, die den Haien eine sehr energiesparende und schnelle Fortbewegung ermöglichen. Und als man das entdeckt hat, kam man schnell darauf, dass man das ja eigentlich auch für Flugzeuge und Züge verwenden kann, indem man daraus eben oder eine entsprechend gezahnte Folie entwickelt, die man dann eben auf die Fortbewegungsmittel kleben kann, um sie aerodynamischer zu machen.

Bianca: Also das heißt, das macht man jetzt schon? Also kleben solche auf Folien jetzt auf der Deutschen Bahn?

Miriam: Also, auf der Deutschen Bahn, glaube ich noch nicht. Da reden wir eher über Züge, in Japan zum Beispiel. Aber ich denke, dass das wahrscheinlich immer gewöhnlicher wird in den nächsten Jahren.

Bianca: Und hast du noch andere Beispiele aus eurer Rubrik?

Miriam: Klar! Also, ich habe mich in den letzten Ausgaben mit verschiedenen Tieren auseinander gesetzt, unter anderem mit dem Nebeltrinkerkäfer, mit Mantarochen, mit Kamelen und Steinkorallen. Und ich kann gerne zu allem einiges erzählen.

Bianca: Entschuldigung, ich muss nachhaken. Nebeltrinker…, was?

Miriam: Nebeltrinkerkäfer! Ja, der Name der macht schon neugierig. Das ist ein Tier, mit dem ich mich in der aktuellsten Ausgabe beschäftige, die noch gar nicht erschienen ist. Die erscheint am 22. Oktober und ich kann aber auch gerne dazu schon was erzählen. Es ist ein ein kleiner, ungefähr zwei Zentimeter großer Käfer, der in der Namibwüste lebt, also an der Westküste Afrikas, einem der feindlichen Regionen der Welt, kann man sagen. Und der generiert Trinkwasser aus der Luft, quasi. Also der gewinnt Wasser aus den Nebelschwaden, die der Wind vom Atlantik hinüber trägt. Und das macht er auf eine sehr effiziente Art und Weise. Also Nebel ist nichts anderes als winzige Wassertröpfchen und der Nebeltrinkerkäfer, der hat eine ganz besondere Körperoberfläche. Die ist sehr uneben und geprägt von kleinen Höckern und Rillen. Die Höcker sind wasseranziehend und die Rillen, die sind wasserabweisend. Und diese Kombi sorgt dafür, dass eben die Wassertröpfchen im Nebel an seiner Körperoberfläche kondensieren. Und für die Ernte, sozusagen, streckt er sein Hinterteil senkrecht in den Wind. Also er senkt den Kopf, richtet sich auf, so dass die Wassertropfen eben gegen seine Körperoberfläche geweht werden, dann kondensieren und eben wegen der Schwerkraft hinunter fließen, wo er dann sein Maul öffnet und direkt trinkt. Und genau das ist eine sehr smarte Art und Weise, sich in einer wirklich sehr trockenen Region mit Wasser zu versorgen. Und das ist aber auch nicht spezifisch nur für  den Nebeltrinkerkäfer, sondern auch für verschiedene Spinnenarten, für Termiten und auch Pflanzen.

Aber der Nebeltrinkerkäfer hat eben wirklich auch eigentlich eine spektakuläre Art und Weise das zu tun. Und basierend darauf haben Menschen eben so sehr spezielle Maschennetze entwickelt. Das sind also, wie der Name schon sagt, es sind Netze mit mit chemisch beschichteten Fasern, auch einer Kombi aus Hydrophilen und Hydrophoben Materialien und die haben ganz viele Lücken oder Löcher. Die dürfen allerdings nicht zu groß und nicht zu klein sein. Das ist recht komplex, weil wenn sie zu groß sind, dann trägt der Wind die Wassertröpfchen im Nebel nämlich einfach hindurch und wenn sie zu klein sind, könnten die Maschen schnell verstopfen. Deswegen, es kommt auf die richtige Größe an. Und ist das gegeben und sind die Materialien eben unterschiedlich beschichtet, dann kommt es eben zu Kondensation und dann gibt es auch lange Rillen unten an den Maschennetzen. Die fangen das Wasser eben auf, was da runterläuft. Von da aus kann das Wasser in Zisternen geleitet werden zur Wasserspeicherung, die dann eben Menschen in Dörfern, die sehr abgelegen sind, zum Beispiel in Marokko oder auch in Äthiopien, in sehr bestimmten Regionen zwischen Wüste und Atlantik zum Beispiel, im Falle von Marokko können Menschen eben dieses so gesammelte Trinkwasser nutzen, um sich selbst zu versorgen, um sich zu waschen oder auch um ihre Tiere zu tränken.

Bianca: Wahnsinn. Das heißt, da hängen jetzt schon solche von diesen interessanten käfer-inspirierten Netze in der Luft?

Miriam: Genau, also, mehr darüber erfahrt ihr in der nächsten Ausgabe. Ich kann schon mal so viel sagen: Das größte Nebelernte-Projekt der Welt, das wurde bisher in Marokko realisiert von der Deutschen Organisation Wasserstiftung und der marokkanischen NGO D’Arcy Hamad. Und zwar wurden da auf einem Berg zwischen der Saharawüste und dem Atlantik, wurden eben wirklich so Netze gespannt. Die sehen so ein bisschen aus wie wie Spannbettlaken oder auch Zäune. Die sind wirklich so vereinzelt aufgestellt am Berg und das hat auch einen bestimmten Grund, weil wenn sie da sind, das Wasser dann am Berg aufgefangen wird, in Zisternen. Dann fließt es, kann es auch automatisch über Rohre hinunter geleitet werden zu den Dörfern. Dadurch werden auch keine wieder Energiefressenden Pumpensysteme nötig. Und wenn, dann kann man das gut mit Solarenergie lösen. Aber so fließt das Wasser automatisch runter zu den Dörfern. Und das hat natürlich weltweit eine ganz große Bedeutung, weil ja jeder dritte Mensch ungefähr auf der Erde keinen sicheren Zugang zu Trinkwasser hat bzw. wo es Trinkwasser gibt oder Brunnen kommt es oft zu Verunreinigungen. Also besonders Kinder sterben in bestimmten Regionen, weil sie eben schmutziges Trinkwasser trinken und an Durchfallerkrankung oder auch Malaria dann eben sterben. Und auf diese Art und Weise, diese Maschinennetze lassen sich sehr kostengünstig produzieren und auch aufstellen und auch verwalten oder unterhalten. Das das wird den Dorfbewohner:innen eben dann auch übergeben. Es gibt verschiedene NGOs auf der Welt, die sich damit auf jeden Fall befassen und die die Installation dieser Netze vorantreiben. Da gibt es auch ganz wilde Konstruktionen. Es gibt auch eine karaffenartige Konstruktion. Das sieht auch so super, also aus einem Designblickwinkel auch wirklich sehr ästhetisch aus. Das erfahrt ihr dann auch alles echt in dem Artikel, der jetzt am 22. Oktober in der Ausgabe Nr. 5 des enorm Magazins erscheint. Und ansonsten habe ich noch einige andere Themen mitgebracht.

Bianca: Ja, lass mal hören.

Miriam: Ich habe mich nämlich auch mit den wunderbaren Mantarochen beschäftigt. Es sind wirklich sehr faszinierende Tiere. Fand ich schon vorher, aber als ich dann gehört habe, dass sie auch noch zu zwei bionischen Innovation inspiriert haben, war ich natürlich noch noch begeisterter. Da geht es nämlich einmal um ein Filtersystem für Mikroplastik und um einen autonomen Roboter, der Menschen vor dem Ertrinken rettet in Schwimmbädern und Badeseen. Mit welchem soll ich anfangen, Bianca?

Bianca: Es klingt beides gut, aber ich glaube, mich würde jetzt als erstes interessieren, wie dieser Roboter, der inspiriert ist von diesem Mantarochen, Menschen retten kann.

Miriam: Alles klar! Genau, da geht es um eine Technik oder einen einen Roboter, der vom Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung (IOSB) gemeinsam mit dem DRK Rettungsdienst Halle entwickelt wurde. Und zwar spielt dafür die stromlinienförmige Oberfläche des Mantas eine wichtige Rolle, weil die erlaubt es ihm eben auch sehr energiesparend und schnell zu sein im Wasser. Und das ist wichtig für den Rochen-Roboter. Andererseits kann man sich eben an den Kopf und Seitenflügel des Mantas ganz gut festhalten als Mensch. Und der Roboter ist insofern autonom, als dass er eben in Schwimmbädern oder in Badeseen unter Wasser an einer Ladestation angeschlossen ist und da so ein bisschen auf seinen Einsatz wartet. Er schlummert an der Ladestation und wird eben aufgeweckt, indem er Signale bekommt, zum Beispiel von Überwachungskameras in den Schwimmbädern oder von Drohnen über Badeseen, die eben Menschen in Notsituationen an ihrer Haltung erkennen und daraufhin Signale an den Roboter senden. Der verlässt dann seine Ladestation und ist Dank dieser stromlinienförmigen Form oder des stromlinienförmigen Körpers, ist er sehr schnell unterwegs, erreicht den Menschen in Not in unter zwei Minuten und bringt ihn auch innerhalb dieser zwei Minuten sicher ans Ufer oder an den Beckenrand. Das haben jedenfalls erste Tests ergeben letztes Jahr. Und am Beckenrand oder eben am Ufer können ihn dann Sanitäter:innen weiter versorgen. Und das hat eine sehr wichtige praktische Komponente, weil wir in Deutschland wohl einen Bademeistermangel haben. Und dieser Tech-Rochen könnte eben die Bademeister:innen des Landes unterstützen und ist eben noch schneller unterwegs, als die Menschen es im Zweifel wären.

Bianca: Sehr faszinierend. Vor allem wenn man bedenkt, wie viele Menschen doch jedes Jahr wieder in deutschen Gewässern ertrinken. Ist er jetzt schon vollkommen im Einsatz oder ist das noch in einer Testphase?

Miriam: Nein, der ist noch in der Entwicklung. Es geht noch ein bisschen um die Finanzierung und geschätzt wird, dass er wohl noch zwei Jahre ein Konstrukt aus Kabeln und mechanischen Teilen bleiben wird. Er sieht noch nicht wirklich geschmeidig aus, der Roboter. Es ist alles noch in der Entwicklung, aber ich glaube oder ich hoffe eigentlich auch, dass solche Innovationen – ich komme gleich auch zur nächsten – aber dass solche Innovationen auch dafür sorgen, dass der Mantarochen, weil das ist ja auch eine gefährdete Tierart, dass der auch wieder mehr in unser Bewusstsein kommt und wir uns dann vielleicht auch noch mal bewusst machen, dass dieses Tier vom Aussterben bedroht ist, weil es eben entweder als Beifang stirbt oder in irgendwelchen chinesischen Wunderheilmitteln. Und dazu ist noch zu sagen, dass der Begriff Mantarochen, eigentlich Riffmantas und Riesenmantas einschließt. Die sind auch bekannt unter dem Begriff Teufelsrochen. Aber das führt jetzt zu weit. Genau. Aber es sind ja ganz, ganz schöne, faszinierende Tiere.

Bianca: Auf jeden Fall. Ja, ich, ich merke, du bist, glaube ich, wirklich persönlich sehr fasziniert von diesen Tieren. Ich persönlich konnte noch nie was mit denen anfangen, aber du hast meinen Blick auf jeden Fall sehr verändert auf diese Tiere gerade. Ich wusste auch nicht, dass es eine gefährdete Tierart ist.

Miraim: Ja, also wenn ich dir jetzt auch noch was über die Kiemen vom Manta erzähle, dann wirst du wahrscheinlich vollends überzeugt sein, weil die Kiemen, die haben dann eben auch andere Forscher:innen inspiriert für eine andere bionische Innovation. In den Kiemen oder der sogenannten Kiemenreuse trennt der Mantarochen Meerwasser von Plankton und kleinen Krebsen und Fischen, also seiner Beute. Und die wird von den Kiemen quasi gefangen gehalten. Das Meerwasser strömt ganz normal wieder raus, aber die Beute bleibt in den Filterlappen stecken. Das machte wiederum Wissenschaftler:innen von der California State University neugierig, weil die Poren in diesem Filterlappen sind eigentlich zu groß, also eigentlich müsste die Beutel mit dem Meerwasser wieder hinaus strömen, aber sie bleibt irgendwie drinnen und schafft es so in die Speiseröhre des Mantas. Und das haben sich die Forschenden genauer angeguckt. Die haben die Kiemen per 3D-Drucker nachgebaut und haben den Wasserdruck oder den Strudel, der eben im Maul des Mantas entsteht, nachempfunden. Und eben festgestellt, dass dieser Strudel so spezifisch und stark ist, dass die Poren die Beute festhalten. Der Strudel sorgt dafür, dass die Teilchen eben im Schlund bleiben und auch nicht verstopfen. Also die Poren bleiben sauber sozusagen, sind selbst reinigend und sorgen dafür, dass der Manta eben seine Beute ganz leicht zu fressen kriegt.

Bianca: Okay, jetzt bin ich auf die technische Innovation gespannt, zu was das inspiriert hat.

Miriam: Ja, das hat die Forschenden zu einem Filtersystem inspiriert, das eben keine externe Energieversorgung benötigt, das selbst reinigend ist und nicht verstopft. Also es ist recht revolutionär, weil man kann, das kannst du dir eigentlich vorstellen wie Sanduhren, also wirklich große Filtersysteme. Die wurden zum Beispiel von Studierenden in den Niederlanden und Taiwan entwickelt. Die kann man im Meer oder im Fluss einfach installieren und die filtern dann ganz autonom das Wasser. Und es ist eine sehr umweltfreundliche Art und Weise, Mikroplastik aus dem Wasser zu filtern, indem eben dieser Mechanismus des Mantas angewandt wird. Also in diesem Filtersystem entsteht auch dieser Strudel wie im Maul des Mantas. Der sorgt dafür, dass die Partikel im Filter bleiben und das Meerwasser einfach durchströmt. Dazu befindet sich auch ein US-Patent in der Prüfung. Und es gibt solche Filtersysteme noch nicht, aber es könnte sie nächstes Jahr vielleicht schon geben. Und man könnte sie auch eigentlich direkt an Industrieanlagen anschließen, um zu verhindern, dass überhaupt schädliche Partikel ins Grundwasser gelangen.

Bianca: Also im Endeffekt hat der der Mantarochen zu einer Innovation geführt, die im Endeffekt auch wieder ihn und ganz viele andere Lebewesen im Wasser schützen könnte.

Miriam: Ja, es ist eigentlich auf eine sehr tragische Art und Weise ironisch, weil der Manta wird von Menschen ja quasi mit Plastik, mit Mikroplastik verseucht. Also es gibt Studien, die darauf verweisen, dass Mikroplastik wirklich schlimme Auswirkungen auf die Reproduktion von Mantarochen hat, dass sie in ihrem Wachstum beeinflusst werden. Und der Mensch nutzt jetzt quasi den Körperbau oder die die Prozesse in diesem Tier dafür, um eben das Mikroplastik, was das Tier eigentlich vergiftet, wieder herauszufiltern.

Bianca: Welches interessante Tier hast du noch mitgebracht?

Miriam: Ich habe noch ein Wüstentier mitgebracht. Ich habe ja vorhin schon den Nebeltrinkerkäfer erwähnt. Der heißt übrigens auf Englisch Headstander Beatle. Also da bezieht man sich eher auf die schräge Körperhaltung während der Nebelernte. Aber ich habe auch noch das Kamel mitgebracht und da geht es um das wahnsinnige Felldrüsensystem der Tiere, das wie eine Klimaanlage eigentlich funktioniert. Also Kamele wohnen ja auch in sehr heißen, trockenen Regionen, aber auch Regionen in denen es nachts ziemlich kalt werden kann. Also sie brauchen eigentlich echt ein sehr effizientes Felldrüsensystem um damit zurechtzukommen und mit den klimatischen Veränderungen zurechtzukommen. Und das haben sich Forschende des MIT in Cambridge angeschaut, um ein passives, mobiles und umweltschonende Kühlmaterial zu entwickeln, womit man Medikamente, auch Corona-Impfstoffe und Lebensmittel quasi „from farm to table“ transportieren kann. Auf eine sehr klimafreundliche Art und Weise, denn das Kühlsystem benötigt eben keinen keine Stromzufuhr und kühlt fünf mal länger als bisherige Innovationen. Und um das zu entwickeln, hat man sich erst einmal einen Prozess angeschaut, den viele Säugetiere kennen, auch wir Menschen: Also, Schweiß sammelt sich auf der Haut und verdunstet und die abgegebene Flüssigkeit, die wirkt dann eben kühlend. Und dafür haben Menschen auch schon seit längerem einen Stoff entwickelt, der das imitiert. Der nennt sich Hydrogen. Das ist ein chemisches Polymer, also ein Kunststoff, der viel Wasser binden kann und gleichzeitig wasserunlöslich bleibt.

Und der hat sehr gewebeähnliche Eigenschaften und wird daher auch viel in der Medizintechnik eingesetzt, zum Beispiel in Kontaktlinsen und in Implantaten. Und es gibt auch Kühlsysteme, die eben nur auf diesem Hydrogen beruhen. Aber die sind nicht wirklich effizient, hat man festgestellt. Und jetzt, dank des Kamels, weiß man eben, was fehlte, nämlich eine Art „Fell“ am Ende des Tages. Also ein Stoff, der dieses isolierende Fell des Kamels imitiert. Somit ist man auf „Aero Gel“ gekommen. Das ist ein sehr, sehr leichter, luftiger Stoff aus Kieselerde, der eigentlich bei der Wärmedämmung von Mauerwerk eingesetzt wird oder auch in Mars-Robotern der NASA, also ganz wilde Einsatzgebiete. Und jetzt eben auch als Kühlsystem à la Kamel. Also, dieses Polymer funktioniert eben wie das Fell, in dem es eben die Hitze abschirmt und gleichzeitig Feuchtigkeit von innen durch diese poröse Konsistenz entweichen lässt. Und die Forschenden vom MIT haben dann eben beide Gele kombiniert und eine Kühlkammer herum gelegt. Diese Kammer lässt sich dadurch um mehr als sieben Grad herunter kühlen und das bis zu 200 Stunden lang. Und das Beste an der Sache ist, dass man anschließend den Hydrogen-Ölfilm mit Wasser aufladen kann und dadurch eben wiederverwenden kann.

Bianca: Diese, du hast gesagt „Kammer“. Aber ist es dann auch eine mobile Kammer? Weil es geht ja auch um den Transport. Meintest du vorhin, zum Beispiel von Impfstoffen oder so? Kann man das dann bewegen?

Miriam: Genau, das ist genau ein mobiles Kühlsystem, aber natürlich noch in sehr kleinem Maßstab. Also man arbeitet auch an Anpassungen oder Anwendungen für Gebäude, dann wäre das natürlich ein riesen Maßstab. Aber hier geht es wirklich eher um den Transport von kleinen Gegenständen, die eben frisch bleiben müssen wie Lebensmittel oder eben gekühlt bleiben müssen wie Medikamente. Und genau das lässt sich dahingehend sehr gut verwenden. Vor allem in Gebieten, in denen es eben keine stabile Stromversorgung gibt. Wo aber trotzdem Gegenstände gekühlt werden oder gekühlt bleiben müssen, da ist das eine sehr gute, kurzfristige Lösung.

Bianca: Ja, Wahnsinn. Ich habe auch noch eine Nachricht oder eine Innovation, die von Lebewesen inspiriert ist. Und zwar haben auch Forscher:innen wie bei der vorherigen Nachricht von dem Kamel vom MIT nämlich einen Kleber entwickelt, der sehr starke Blutungen in Sekunden verschließen kann. Also nach einem Unfall bei einer Verletzung kann dieser Kleber zum Beispiel die Hauptschlagader innerhalb von Sekunden zukleben und damit die Blutung stoppen. Und woher hatten die Forscher:innen diese Idee oder diese Inspiration? Von Seepocken? Weißt du, wie die Pocken aussehen?

Miriam: So spontan nicht?

Bianca: Nee, ich wusste es auch nicht. Wir waren auf der Bildersuche für die App, als wir diese Nachricht gespielt haben. Und ja, wir vom Team, wir hatten einen spontanen Ekel entwickelt, weil halt „Pocken“, der Name sagt es – das ist so wie so eine Wucherung, so sieht das aus. Aber das sind ja super schlaue Lebewesen, weil was die machen, damit die auch in starken Strömungen an Steinen kleben bleiben können und nicht einfach so davon „floaten“, geben die so eine ölige Substanz ab. Und diese ölige Substanz, die Macht die Oberfläche, also zum Beispiel am Stein, für ein paar Sekunden frei von Wasser – im Wasser –, das muss man sich mal vorstellen und dann geben die ein Protein ab, was dazu führt, dass eben so ein Klebstoff entsteht. Und dadurch können sie sich ganz fest an so einen Stein heften. Und inspiriert von eben diesem Mechanismus der Seepocken, haben diese Forscher:innen jetzt diesen Kleber entwickelt, der eben wie gesagt, starke Blutungen in Sekunden verschließen kann. Das fand ich ziemlich beeindruckend, oder? Und er hat dann auch mein erstes Bild von Seepocken, was ich vorhin erwähnt habe, mit dem leichten Ekel total revidiert.

Miriam: Schöne Imagekampagne für Seepocken!

Bianca: Ja, genau.

Miriam: Und jetzt, wo du sagst, ich habe auch von einem Unterwasserklebstoff gehört, der auch genutzt wird, ein umweltfreundlicher Unterwasser-Klebstoff inspiriert von Muscheln, der dafür genutzt wird, zum Beispiel, um Korallen zu züchten. Also es gibt ja diese „Coral Nursery“, um eben zerstörte Korallen oder neue Korallenriffe anzulegen oder zerstörte wieder aufzuforsten sozusagen. Und dafür wird dieser Unterwasser-Klebstoff eben auch verwendet.

Bianca: Siehst du all diese Unterwasser-Lebewesen, die haben es ja drauf.

Miriam: Die haben es geschnallt, ja genau.

Bianca: Ja. Cool, sehr interessant. Ich empfehle euch allen das enorm Magazin zu holen und euch in jeder Ausgabe die „Naturtalente“ durchzulesen. Höchst spannend, was es da alles gibt. Ich danke dir, Miriam.

Miriam: Nichts zu danken und genau seid gespannt auf die nächsten „Naturtalente“. Es gibt einfach so viele Wahnsinnsentdeckungen in der Natur und Phänomene. Dankeschön.

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