Hier findest du eine schriftliche Fassung der Podcastfolge 36 von „Good News enorm“. Ob synthetischer Kraftstoff, Biokraftstoff oder Wasserstoff: Die europäische Luftfahrt will nachhaltiger werden. Wie nahe wir dem Traum vom grünen Fliegen tatsächlich sind und warum Nanja nach Toulouse gereist ist, und zwar mit dem Zug, darüber sprechen wir in dieser Folge. 

Das Transkript soll den Podcast möglichst barrierefrei auch nicht-hörenden Menschen zugänglich machen. In dieser Folge sprechen Good-News-Redakteurin Bianca Kriel und Nanja Boenisch, Redakteurin beim enorm Magazin, über grünes Fliegen. 

Bianca: Hallo und herzlich willkommen zu Good News enorm – gute Nachrichten und konstruktive Gespräche! Ein Podcast von Good News und dem enorm Magazin. Heute geht es um grünes Fliegen. Aber erst einmal: Der Gute-Nachrichten-Überblick.

Ein wichtiges Zeichen der Solidarität mit den Opfern rechten Terrors: In der Kölner Keupstraße wird dank langjähriger Initiative von Betroffenen und Anwohner:innen ein NSU-Mahnmal errichtet. Besucher*innen können dort den Opfern des Anschlags gedenken, bei dem 22 Menschen verletzt wurden.

Es sieht aus wie ein Hühnerei, schmeckt angeblich auch so – ist aber keins: „V-Love The Boiled“ ist das weltweit erste vegane hartgekochte Ei. Das Schweizer Unternehmen ELSA hat es aus Soja-Proteinen entwickelt und seit November 2021 ist es bei der Schweizer Lebensmittelkette Migros erhältlich.

Durchtrennte Nervenbahnen im Rückenmark galten bisher als unheilbar – doch Forscher:innen der Northwestern University in Chicago ist es erstmals gelungen, verletztes Rückenmark dank synthetischen Molekülen nachwachsen zu lassen. Weitere Tests sollen folgen.

Kläranlagen sind gewiss kein Ort des angenehmen Duftes – doch bisher mussten Mitarbeitende ihre Nase einsetzen, um die Geruchsbelastungen der Luft durch Chemikalien zu überprüfen. Forschende aus Spanien haben nun eine technische Lösung entwickelt: Eine mobile elektronische Nase soll die Gerüche künftig überwachen.

Eine neue UK-Langzeitstudie kommt zum Schluss, dass mäßiger Kaffee- und Teekonsum gesundheitsfördernd sein kann: Das niedrigste Schlaganfall- und Demenzrisiko hatte, wer täglich zwei bis drei Tassen Kaffee oder vier bis sechs Tassen Tee konsumierte.

Bianca: Hallo, mein Name ist Bianca, ich bin Redakteurin bei Good News und ich freue mich, dass wir heute über grünes Fliegen sprechen. Ich freue mich besonders, dass wir heute zum ersten Mal Nanja mit dabei haben. Zurzeit Redakteurin beim enorm Magazin. Hallo Nanja!

Nanja: Hallo Bianca, ich freue mich auch sehr dabei zu sein heute.

Bianca: Nanja, du bist nach Toulouse gefahren. Warum?

Nanja: Toulouse ist Hauptstadt der europäischen Luft und Raumfahrt. Da passiert total viel. Also da sind einerseits einfach sehr, sehr große Unternehmen ansässig, die, die man kennt, Airbus zum Beispiel als großer Flugzeughersteller. Es gibt aber auch ein bisschen kleinteilige Unternehmen, also die zum Beispiel Flugzeugteile herstellen, oder kleinere Start-ups, die sich mit eben grüneren Lösungen beschäftigen. Es gibt sehr viel Infrastruktur auch drumherum, also zum Beispiel riesige Elite-Hochschulen für Pilot:innen, für Ingenieur:innen. Deshalb war ich in Toulouse, um mich mit grünem Fliegen zu beschäftigen.

Bianca: Wo steht denn da jetzt die europäische Luftfahrtindustrie, wenn es um grünes Fliegen geht? Was hast du da herausgefunden?

Nanja: Ja, das ist tatsächlich eine sehr, sehr spannende Frage. Ich hatte das Gefühl, dass es in der letzten Zeit auch medial ziemlich auf der Platte war, weil man das Gefühl hat, dass sich die Luftfahrtindustrie ihrer Auswirkungen bewusst ist, gewissermaßen. Also vielleicht so als Hintergrundinformation: Die Luftfahrt verursacht circa zwei Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen, aber fünf Prozent der Treibhausgasemissionen, also ist für fünf Prozent der Erderwärmung verantwortlich. Das wirkt erstmal vielleicht nicht so viel. Wenn man das mit anderen Ländern vergleicht, rangiert die Luftfahrt da aber so auf Platz sechs. Also gehört sie quasi zu den sechs am meisten für die Erderwärmung verantwortlichen „Ländern“. Und der zweite Punkt ist, dass gar nicht so viele Leute fliegen, das heißt, sehr, sehr wenige Menschen sind für so einen großen Effekt verantwortlich. Und das merkt man schon. Die Luftfahrt weiß das gerade. Ich habe unterschiedliche Produktionsstätten, unterschiedliche Unternehmen besucht. Da sind überall so ein bisschen die Schlagworte der grünen Luftfahrt präsent. Es geht viel um synthetische Kraftstoffe, um Wasserstoff, Lösungen, um Biokraftstoffe zum Beispiel, die aus Biomasse gewonnen werden und aber auch viel um andere technologische Lösungen an den Modellen selbst. Also z.B. elektrisches Fliegen, batteriebetrieben oder aerodynamische Modelle am Flugzeugkorpus selbst. Also das sind so ein bisschen die vielen, vielen Varianten, die es gibt und die einzelnen Unternehmen forschen da unterschiedlich stark dran. Also man hat gemerkt, dass sich Start-ups eher so ihre Nische suchen, weil sie auch laut eigener Aussage nicht die Möglichkeit haben, in alle möglichen Innovationen zu investieren. Und bei Airbus zum Beispiel, so einem riesigen Flugzeughersteller, die testen ganz breit gerade alles durch und arbeiten teilweise mit dem Luft- und Raumfahrtzentrum zusammen, um an nicht CO₂-Effekten von Biokraftstoffen zu forschen. Und gleichzeitig haben sie aber Wasserstoffmodelle vorgestellt. Also die können da so ein bisschen mehrgleisig fahren.

Bianca: Ich meine mich zu erinnern, noch vor gar nicht allzu langer Zeit bei Good News die Nachricht gespielt zu haben, dass Airbus jetzt erstmals mit Biokraftstoff geflogen ist. Ist das so? Habe ich das richtig in Erinnerung?

Nanja: Ja, das hast du richtig in Erinnerung. Genau, das hat auch funktioniert. Also das war ein Testflug einer Großraummaschine, wie man sie so kennt. Und zum ersten Mal waren nur Biokraftstoffe im Tank. Bei vorherigen Flügen wurde das immer schon mal wieder zum herkömmlichen Kerosin beigemischt. Und das war jetzt das erste Mal, dass tatsächlich ein Testflug nur mit Biokraftstoff gelang. Das, was jetzt noch erforscht werden muss – und das passiert im Rahmen einer groß angelegten Studie in Kooperation mit dem Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum unter anderem – ist, wie groß die nicht CO₂-Effekte sind. Also CO₂-neutral ist dieser Biokraftstoff tatsächlich, aber es ist noch nicht ganz klar, welche Auswirkungen die Kondensstreifen haben, denn man kennt sie ja: Normalerweise verursachen Flugzeuge Kondensstreifen und gerade die können sich zu langlebigen Wolken entwickeln, also als Wolken oben bleiben, wenn man das mal platt sagen will. Und die machen zwei Drittel der Erderwärmung aus, also des Anteils, den die Luftfahrt bei der Erderwärmung hat. Das heißt deutlich mehr als die CO₂-Emissionen, die nur ein Drittel ausmachen. Und man rechnet zwar damit, dass die Biokraftstoffe da besser abschneiden als herkömmliches Kerosin, weil sie gewissermaßen sauberer sind, also zum Beispiel nicht schwefelbelastet sind, weil sie nicht aus dem Boden kommen und deshalb nicht so viele Rußpartikel beinhalten. Aber ganz klar ist das noch nicht. Wahrscheinlich werden die nicht CO₂-Effekte trotzdem noch bestehen. Und dann ist so ein bisschen die Frage, wie weit sich da die Luftfahrt durch diesen grünen, durch den Biokraftstoff, tatsächlich grüner machen lässt.

Bianca: Die Frage ist ja auch, wenn man das dann erforscht hat und im besten Fall, da die Treibhausgasemissionen oder Effekte klein sind, ist ja immer noch die Frage, wie lange es dauert, bis das auch tatsächlich industrieller Standard ist, das einfach immer so geflogen wird. Wo stehen wir denn da?

Nanja: Ja, das ist die nächste gute Frage. Das ist auch noch nicht so richtig klar tatsächlich. Also bisher werden Biokraftstoffe und synthetische Kraftstoffe nur in sehr, sehr kleinem Maß hergestellt und meistens ist auch eine super große Energieaufwendung nötig, um sie herzustellen. Und dann ist ja der zweite Schritt, der dahinter steht wieder, dass die Energie, die dafür aufgewandt wird, selbst grün sein muss, damit es dem Klima wirklich was bringt. Und ich habe zum Beispiel mit einem Experten vom Öko-Institut gesprochen, Jakob Graichen. Der ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Energie und der hat gesagt, dass 100 Prozent des Ökostroms in die Herstellung von synthetischen Kraftstoffen fließen müssten, wenn genug Kraftstoffe für den Luftverkehr produziert werden sollten. Das heißt, wir hätten nichts mehr für alle anderen Lebensbereiche übrig. Und dann ist es natürlich auch wieder so ein bisschen die Frage, ob es das dann bringt. Also dann, dann würde eben doch irgendwo vielleicht noch das Kohlekraftwerk stehen. Und die technologischeren Varianten, also wenn zum Beispiel Airbus jetzt sagt, was sie 2020 gemacht haben: Sie beschäftigen sich mit dem Bau eines neuen Wasserstoffflugzeugs. Da sind die Zeiträume noch ein bisschen länger immer. Also sie sprechen von 2035 und Expert:innen halten schon das für relativ ambitioniert.

Auf der anderen Seite ist es ja im Hinblick auf die Klimakrise gar nicht so viel Zeit. Also wenn 2035 erst ein Wasserstoffflugzeug auf den Markt kommt, dann ist das relativ spät. Und vor allem war da spannend, dass die Start-ups mit deutlich kürzeren Zeiträumen planen. Also ich habe zum Beispiel ein Start-up besucht, das eine hybridbetriebene Hubschrauberalternative auf den Markt bringen will und da soll der Markteintritt so 2024 sein. Und die Start-ups sind sich aber bewusst, dass sie nur eben in der Nische ihren kleinen Beitrag leisten können und erwarten im Prinzip die große Veränderung von den großen Playern wie zum Beispiel Airbus. Wenn aber Airbus ja sagt, dass das Wasserstoffflugzeug erst 2035 auf den Markt kommt, dann ja, fehlt da so ein bisschen die die sinnvolle Chronologie. Und deshalb werden wir wahrscheinlich nicht daran vorbeikommen, einfach weniger zu fliegen. Aber gerade für Langstrecken wird auf synthetische Kraftstoffe gesetzt und eben auch darauf, dass die in relativ kurzer Frist, zumindest in größerem Maße, vielleicht nicht vollständig, aber in größerem Maße, als es gerade geschieht, produziert werden können und dann herkömmliches Kerosin nach und nach ersetzen können.

Bianca: Du sagst, dass wir nicht drum rum kommen, wahrscheinlich, einfach weniger zu fliegen. Da hattest du ganz am Anfang angedeutet, dass ja sehr wenige Menschen auch tatsächlich fliegen. Ich habe hier eine Zahl vor mir, die hat mich dann doch ein bisschen sehr erstaunt, dass 89 Prozent der Weltbevölkerung noch nie geflogen sind und dass, ja, im Endeffekt eigentlich 11 Prozent der Weltbevölkerung dafür verantwortlich ist, für die ganzen Luftfahrtemissionen. Und von denen dann wiederum ist ein Prozent der Weltbevölkerung verantwortlich für die Hälfte der CO₂-Luftfahrtemissionen. Wahnsinn, oder? Wie unproportional das alles ist.

Nanja: Ja, das ist tatsächlich verrückt. Und dann ist ja noch mal das Spannende, dass ein einziger Flug das CO₂-Budget einer jeden Person im Prinzip sprengt, sobald man als europäische Person Strecken fliegt, die man vielleicht für normal ansehen würde. Zum Beispiel von Berlin nach Istanbul und wieder zurück, ist das CO₂-Budget dieser Person auch wiederum für alle Lebensbereiche verbraucht. Also auch da: Es ist irgendwie unproportional.

Bianca: Also dann eben doch #Flugscham…

Nanja: Irgendwie ja, das stimmt. Nun gibt es natürlich Bereiche, in denen das Fliegen mehr oder weniger unvermeidbar ist. Und da ist es auf jeden Fall sehr motivierend zu sehen, dass da so viel geforscht wird und dass sich eben selbst die großen Player, die ja letztlich doch, wenn man es mal ein bisschen runter bricht, ihre Flugzeuge einfach nur verkaufen wollen, wie zum Beispiel Airbus, mit so vielfältigen grüneren Alternativen befassen und man lässt sich tatsächlich, finde ich, auch relativ schnell anstecken von dieser Technikbegeisterung. Also irgendwie, vor den Produktionsstätten stehen dann auch eben viel so alte Flugzeugmodelle. Und letztendlich steckt da ja eine unfassbar große Innovationskraft in dieser ganzen Branche. Also das sind ja bestens ausgebildete Ingenieur:innen, da kommt wahnsinnig viel Potential zusammen. Und dann ist aber eben der nächste Schritt noch so ein bisschen, dass es doch vermutlich auch politische Rahmung braucht, damit dieses Potential seine Wirkung entfalten kann. Die technischen Lösungen sind gut, an denen wird geforscht, da wird total viel gemacht. Aber damit die entsprechende Effekte haben, muss das so ein bisschen politisch begleitet werden und dann kann zum Beispiel die Politik sagen: Wir schränken Kapazitäten an Flughäfen ein und der technische Part ist dann die Kapazität, die noch besteht, die machen wir durch unsere technischen Lösungen.

Bianca: Das wäre natürlich großartig, wenn da großflächig was geändert wird. Aber gut, du bist mit dem Zug nach Toulouse gefahren, oder? Das habe ich gelesen.

Nanja: Genau. Ich bin mit dem Zug nach Toulouse gefahren. Das war auch irgendwie ganz, ganz spannend. Also eine nette Anekdote, die man um diese Pressereise immer drumherum erzählen kann. Denn es waren Journalist:innen aus unterschiedlichen Ländern eingeladen, es waren andere aus Deutschland da, es kamen aber auch welche aus Großbritannien. Und ich bin tatsächlich die einzige, die mit dem Zug gekommen ist und durfte dafür dann ein Tag länger bleiben, weil ich einen Tag mehr für die Anreise brauchte. Und irgendwie hatte ich dann schon kurz ein schlechtes Gewissen, weil für mich Aufwand betrieben wurde und habe dann aber auch mit den Kolleg:innen aus der enorm Redaktion darüber gesprochen. Und irgendwann waren wir uns doch alle einig, dass es besser ist, vielleicht jetzt ein bisschen mehr Geld und Zeit zu investieren. Denn wenn wir das nicht tun – das ist ja immer so ein bisschen dieses berühmte Aufwiegen – dann wird die Klimakrise irgendwann richtig teuer. Deshalb sollte man sich jetzt eigentlich kein schlechtes Gewissen machen oder vielleicht nicht davor zurückscheuen, mal auf teurere oder intensivere Mittel zurückzugreifen. Wie gesagt, selbst ich kam nicht umhin, mich dann vor Ort doch irgendwie von von den hübschen alten Flugzeugen beeindrucken zu lassen. Es ist also nicht so einfach, aber auf jeden Fall sehr spannend und motivierend, dass viel gemacht wird.

Bianca: Mega spannend, vielen Dank, Nanja!

Nanja: Nichts zu danken! Ich habe mich sehr gefreut, dass ich dabei sein durfte.

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