In der San Francisco Bay Area prallen Welten aufeinander. Extremer Reichtum und extreme Armut. Covid-19 hat alles noch einmal verstärkt. Doch es regt sich Widerstand.

Eigentlich kommt Joe* aus New York. Dort hatte er einen Job und eine Wohnung. Doch Freunde erzählten ihm, dass es in Kalifornien besser sei. Genauer: rund um San Francisco, dort, wo viele der erfolgreichsten IT-, Hightech- und Internetfirmen der Welt sitzen. Nicht nur Softwareentwickler*innen, Ingenieur*innen und Designer*innen verdienen einige Dollar mehr pro Stunde, haben sie gesagt. Sondern auch Kassierer*innen, Kellner*innen und Gärtner*innen. Also hat Joe seine Frau überredet, mit der kleinen Tochter gen Westen zu ziehen – auch wenn das erst mal bedeutet, zu dritt in einem Camper zu leben.

Für den Wagen hat Joe 7.000 Dollar hingeblättert, all seine Ersparnisse: so gut wie weg. Zwar haben seine Frau und er schon Jobs gefunden, doch zusammen kommen sie „auf vielleicht 1.000 Dollar“ im Monat – an ein richtiges Dach über dem Kopf ist damit nicht zu denken. Joe lässt seinen Blick schweifen. Bis zum Straßenhorizont steht ein Wohnwagen hinter dem anderen – und gefühlt kommen alle paar Tage neue dazu. Dabei ist die Crisanto Avenue in Mountain View, gleich neben dem kleinen Rengstorff Park mit Basketballplatz und Freibad, nur eine Straße, in der es sich hier in der Gegend inzwischen ballt. Die wenigsten kommen wie Joe aus der Ferne und glauben an den Aufstieg. Die meisten sind von hier und erwarten von der Zukunft nicht mehr ganz so viel. Covid-19 ist da noch weit weg.

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Obdachlose in San Francisco: Die Gesellschaft driftet auseinander

Seit die Mieten in der San Francisco Bay Area explodieren, bleibt immer öfter nur die Wahl: Wohnwagen kaufen oder wegziehen. Die Crisanto Avenue in Mountain View ist nur eine Straße, in der sich Camper an Camper reihen. Darunter immer mehr Familien mit Kindern. Bild: Heike Littger

San Francisco Bay Area. Bevor das Virus den Landstrich zwischen San Rafael im Norden und San José im Süden erreichte, strömten jedes Jahr Menschen aus aller Welt hierher. Die einen wollten dabei sein, wenn Google, Apple, Dropbox, Pinterest, Twitter, Twitch oder ein noch unbekannter Player das nächste große Ding an den Start bringen. Die anderen setzten auf die Dienstleistungsbranche drum herum: Wer viel arbeitet, freut sich zu Hause über gebügelte Hemden, gewienerte Böden, einen sauberen Pool und für die Stärkung zwischendurch auf Kopfmassage, Cold Brew Coffee und Poké Bowl. Hört sich zunächst nach Win-win an, die Reichen ziehen die Nicht-so-Reichen mit nach oben – doch so smooth, wie es manch einer gerne hätte, läuft die Geschichte nicht. In kaum einer anderen Region Amerikas driftet die Gesellschaft so stark auseinander. Und die Tech-Unternehmen mit ihren Mitarbeiter*innen sind nicht alleine dafür verantwortlich, aber doch zu einem guten Teil.

Katja Schwaller lebt seit zehn Jahren als Stadtforscherin und Publizistin in San Francisco und hat im vergangenen Jahr das Buch Technopolis herausgegeben. Darin geht es auch um die Ursachen für die dramatischen Umwälzungen in der Region. Die Wurzeln reichen weit zurück. Schwaller erzählt kurz von dem ersten großen Aufschwung 1849, als Glückssucher*innen und Abenteurer*innen auf der Suche nach Gold in das einstige Gebiet des Ohlone-Stammes drängten und schon damals Boden- und Immobilienspekulanten die Preise für Wohnraum in die Höhe trieben. Von der systematischen Verdrängung ganzer Bevölkerungsschichten seit Ende des Zweiten Weltkrieges, mal trafen die „Urban Renewal“-Programme Asiat*innen, mal Schwarze, mal Rentner*innen. Von Ronald Reagan, der mit seiner Politik den Weg ebnete für die Privatisierung öffentlicher Aufgaben und den Abbau zentralstaatlicher Regelungskompetenzen, für Steuergeschenke an Unternehmen und die Kürzung von Sozialausgaben. Und dann länger über die „urbanen Kämpfe“, die ausgelöst durch die beiden Tech-Booms in den späten 1990er- und 2010er-Jahren bis heute toben und sich zunehmend verschärfen.

Alle zwei Jahre schwärmen Hunderte Freiwillige und Mitarbeiter*innen der Stadt an einem Januarabend aus, um in den neun Bezirken und 101 Städten der Bay Area all die Menschen zu zählen, die entweder in Notunterkünften (Shelters) leben oder in Autos, Zelten, selbst gezimmerten Verschlägen und ganz auf der Straße (Point-in-Time Count). Die letzte Zählung fand 2019 statt und kam insgesamt auf gut 35 000 Menschen, davon allein 8035 in San Francisco und 6097 in San José. Im Vergleich zu 2017 liegt die Steigerungsrate damit bei 20 Prozent. Schwaller: „Die Pandemie hat eine bereits katastrophale Situation für die betroffenen Menschen nur noch verschlimmert. Strukturelle Bedingungen wie die Obdachlosenkrise sind ein fruchtbarer Boden für die Verbreitung des Covid-19-Virus.“

Obdachlose in San Francisco: Enorme Mietkrise

Ein obdachloser Mann in Palo Alto, dem Wohnort von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Bild: Heike Littger

Schon in den Jahren zuvor kamen nur etwa 30 Prozent der Obdachlosen in Notunterkünften unter (dieser Wert wurde mit 25 Prozent lediglich von Los Angeles getoppt). Jetzt nehmen die Shelters noch weniger Menschen auf. Schon in den Jahren zuvor gab es gut 300 000 Haushalte mit extrem niedrigem Einkommen, die sich gerade noch eine Wohnung leisten konnten, zudem Kündigungen und Zwangsräumungen. Besonders betroffen: Afroamerikaner*innen. Jetzt kündigt sich eine Mietkrise an, die voraussichtlich alle bisherigen Krisen in den Schatten stellen wird – nicht nur in der Bay Area.

Experten vom Massachusetts Institute of Technology und der Universität in Princeton rechnen landesweit mit Zwangsräumungen von bis zu 40 Millionen Mietern, das sind 43 Prozent aller Miethaushalte in den USA. Besonders betroffen laut Studie: Afroamerikaner*innen. Der extra erlassene Mieterschutz, der Kündigungen während des Corona-Ausbruchs verhindern will, endet in der San Francisco Bay Area am 31. August, ausstehende Raten können dann noch bis Februar 2021 beglichen werden.

Weisse Luxusliner für weiße Techies

Auch wenn im Moment viele im Homeoffice sitzen, sind für Schwaller wie auch für Aktivist*innen in der Bay Area die sogenannten Google-Busse Symbol der Gegend schlechthin. Anstatt die hochbezahlten Techies – vornehmlich weiß, männlich, um die 30 – mit Bus und Bahn in die Arbeit fahren zu lassen und dadurch den öffentlichen Nahverkehr zu stärken und Begegnungen mit den Einheimischen zu fördern, setzen die großen Companys auf private Luxusliner. Die weißen Doppeldecker mit schwarzen Ledersitzen, getönten Scheiben, Klimaanlage und natürlich Wifi halten zwar an den normalen Haltestellen, nehmen aber nur die eigenen Leute mit.

Das führt regelmäßig zu Protesten. Nicht nur gegen die Zwei-Klassen- und Nehmer-Mentalität: Ich nutze die vorhandene Infrastruktur, schere mich aber sonst nicht drum, auch wenn diese droht, zusammenzubrechen. Sondern auch, weil es immer nur eine Frage der Zeit ist, bis die Mieten rund um die Haltestelle explodieren und Einheimische zusehends aus dem Stadtbild kippen. Die einen haben dann oft nur die Wahl zwischen Wohnwagenkaufen oder Wegziehen, was wiederum bedeutet, jeden Tag mehrere Stunden zur Arbeit zu pendeln oder einen neuen Job zu suchen. Die anderen haben nicht die Wahl, landen zuerst für eine gewisse Zeit vielleicht noch bei Freund*innen auf dem Sofa, dann mit ihren Habseligkeiten auf der Straße. Längst trifft es auch Sozialarbeiter*innen, Krankenpfleger*innen, Lehrer*innen.

Eine der Aktivist*innen, die vor Corona gegen die Busse auf die Straße ging, ist Erin McElroy. Mit ihrem „Anti-Eviction Mapping Project“ dokumentiert sie die Verdrängungskrise seit 2013. Ihre Karten zeigen, wo und wann Kündigungen und Zwangsräumungen stattgefunden haben, wer dafür verantwortlich ist – nicht nur Privatpersonen, sondern auch Immobilienfirmen und Kapitalgesellschaften – und wie sich die Mieten daraufhin entwickelt haben. Zudem welche Wohnungen und Häuser nach der Räumung nur noch über Airbnb vermietet werden und inwiefern Gentrifizierung Hand in Hand geht mit Diskriminierung, Kriminalisierung und Verdrängung aus dem öffentlichen Raum. So kommen die meisten 311-Anrufe, eine Nummer, über die man sich bei der Polizei über die „Beeinträchtigung der Lebensqualität“ beschweren kann, vorwiegend und zunehmend aus gentrifizierten Vierteln. Gründe sind beispielsweise Obdachlose, die in Hauseingängen nächtigen oder Schwarze Jugendliche, die angeblich zu laut auf der Straße feiern.

Eigentlich kommt Joe aus New York. Aus seinem Traum von Aufstieg und besserem Leben ist ein harter, realer Überlebenskampf geworden. Bild: Heike Littger

American Fight

„Auch wenn Tech-Ikonen wie Tesla-Chef Elon Musk darüber sinnieren, auf welchen Planeten sie sich beamen möchten, wenn die Erde kollabiert“, so Schwaller, ist für die Stadtforscherin die Bay Area noch nicht verloren. Schon vor Corona gab es Proteste, „die mit der jüngsten Welle der Black-Lives-Matter-Demonstrationen noch an Intensität gewonnen haben“. Aktivist*innen organisieren Solidaritätsnetzwerke sowie Mieter*innen-Streiks und setzen sich für die Unterbringung von Wohnungslosen in leer stehenden Hotelräumen ein.

Buchtipps:

Katja Schwaller: Technopolis – Urbane Kämpfe in der San Francisco Bay Area. Berlin 2019

Richard Walker: Pictures of a Gone City – Tech and the Dark Side of Prosperity in the San Francisco Bay Area. Oakland 2018

Rachel Brahinsky: A People’s Guide to the San Francisco Bay Area. Oakland 2020

Zudem stimmten in San Francisco 61 Prozent für das Referendum „Proposition C“ und damit für eine höhere Besteuerung der Tech-Unternehmen – die zusätzlichen Steuereinnahmen sind zweckgebunden und sollen vor allem für den Ausbau der städtischen Obdachlosenhilfe verwendet werden. Zwar versuchten Gegner*innen das Gesetz zu kippen, doch Anfang Juli wurde es für rechtens erklärt. Ein starkes Zeichen für mehr Solidarität. Was aus Joe und seiner Familie geworden ist? Ungewiss. Eines Tages war sein Camper weg. Aus dem amerikanischen Traum von Aufstieg und besserem Leben ist ein harter, realer Überlebenskampf geworden.

*Name von der Redaktion geändert. 

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