Junge Menschen aus dem Globalen Süden kommen neuerdings mit Austauschprogrammen nach Deutschland. Ein erster Schritt, um Freiwilligendienste zu dekolonialisieren?

Hinter Rana Hijazi weht eine bunte Fransengirlande. Sie sitzt auf einer von mehreren Bierbänken, trinkt Bitter Lemon. In den Hochbeeten hinter ihr wächst allerlei Gemüse, hier im Hinterhof des Kulturzentrums Oyoun in Berlin-Neukölln. Drinnen geht es bei den Veranstaltungen um queeren Feminismus, Migration und Dekolonialisierung. Die 24-Jährige ist ein wenig erschöpft nach zwei Tagen Antidiskriminierungs-Workshop. Es sei emotional gewesen, erzählt sie, viele haben persönliche Erfahrungen geteilt. Ihr Team ist divers, viele nicht-weiße Menschen wie sie. „Hier fühle ich mich nicht fremd“, sagt Hijazi. Sie trägt die langen braunen Locken offen, große Gold-Creolen und glitzernde Piercings am Ohr, ihr dunkelroter Samt-Pullover endet knapp über der hellen Jeans. Mitte August ist sie aus der jordanischen Hauptstadt Amman nach Berlin gekommen, als Hospitantin im Incoming-Programm von Kulturweit.

Den internationalen Freiwilligendienst Kulturweit der Deutschen Unesco-Kommission gibt es seit 2008, gefördert wird er vom Auswärtigen Amt. Ebenfalls seit 2008 existiert der Freiwilligendienst Weltwärts. Inhaltlich ähneln sich die Freiwilligendienste, wobei Kulturweit auf Kultur- und Bildungspolitik fokussiert ist, Weltwärts sich hingegen als „entwicklungspolitischer Freiwilligendienst“ versteht und vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gefördert wird. Zunächst lief das nur in eine Richtung: Junge Menschen aus Deutschland gingen für sechs bis zwölf Monate in andere Länder Europas, Afrikas, Asiens oder Lateinamerikas. Das Ziel: sich mit dem Leben anderswo und globalen Zusammenhängen auseinanderzusetzen. Seit ein paar Jahren ermöglichen beide Programme Menschen aus anderen Ländern, nach Deutschland zu kommen, um „den Austausch zwischen Globalem Norden und Globalem Süden gleichberechtigter zu gestalten“, wie es eine Sprecherin von Weltwärts formuliert.

Denn lange reproduzierten die Freiwilligendienste durch ihre One-Way-Politik koloniale Kontinuitäten in der Entwicklungszusammenarbeit, sprich historische Machtungleichheiten, kritisiert Leandra Bitahwa. Sie forscht mit einem Stipendium des Mercator Kollegs zur Dekolonialisierung der internationalen Zusammenarbeit. „Bis heute herrscht die Ansicht vor, dass sich vermeintlich ,unterentwickelte‘ Länder nach westlichem Vorbild entwickeln müssten. Das ist eurozentrisch und beruht im Endeffekt auf rassistischen Vorurteilen.“ Freiwilligendienste und die weißen, meist jungen Menschen seien anfällig für den „White Savior Complex“: „Es werden Ansichten reproduziert, die wir aus dem 19. Jahrhundert kennen. Dass es die Aufgabe von weißen Menschen sei, die Weltbevölkerung zu erziehen und voranzubringen.“ Es sei daher wichtig, dass ein Austausch von Süd nach Nord versuche, das aufzubrechen.

Auch Shahida Ursula Florin vom Verband Entwicklungspolitik Niedersachsen kritisiert die klassischen Freiwilligendienste: „Zwar können Freiwillige lernen, globale Machtverhältnisse besser zu verstehen. Das ändert aber nichts an den strukturellen Abhängigkeiten.“ Die 25-Jährige kam mit zwölf Jahren nach Deutschland. Aufgewachsen ist sie in Swakopmund, einer Stadt an der Westküste Namibias. Dort profitierte sie selbst von einem Verein, der ihre Schulgebühren zahlte, dem Sonnenkinderprojekt. Mittlerweile arbeiten dort deutsche Weltwärts-Freiwillige. „Am System, dass Schulen in Namibia Geld kosten, hat sich so nichts geändert“, sagt Florin.

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Koloniales Unrecht reflektieren

Im Sonnenkinderprojekt erlebte sie schon als Kind, wie wenig Ahnung viele Volunteers vom Land und seiner Geschichte hatten. Wer wusste schon etwas von der grausamen deutschen Kolonialherrschaft von 1884 bis 1915 oder dem Genozid an den Ovaherero und Nama Anfang des 20. Jahrhunderts?

Umso wichtiger sei es, dass Freiwilligendienste koloniales Unrecht mit ihren Volunteers reflektierten, sagt Expertin Bitahwa:„Zum Beispiel, indem sie in begleitenden Seminaren sensibilisieren für Postkolonialismus und Rassismus, für globale Ungleichheiten und für die eigenen Privilegien.“

Auch für den Süd-Nord-Austausch gibt es Seminare speziell zu diesem Thema. Bei 3 Monaten Kulturweit sind es insgesamt 9 Tage. Wer 12 Monate am Weltwärts-Programm teilnimmt, hat insgesamt 25 Seminartage. Für den ehemaligen Weltwärts-Freiwilligen Iván Butrón Sossa aus Bolivien – bis Anfang des 19. Jahrhunderts spanische Kolonie – waren diese Seminare prägend. „Ich habe die Gründe für globale Entwicklungen und Armut verstanden, zum Beispiel Kolonialismus. Und ich habe begriffen, warum wir heute noch Dekolonialisierung brauchen.“

Nach Abschluss seiner Ausbildung an der deutsch-bolivianischen Industrie- und Handelskammer kam er 2016 aus der bolivianischen Hauptstadt La Paz für ein Jahr nach Deutschland. Das Bolivianische Kinderhilfswerk (BKHW), eine Weltwärts-Organisation, vermittelte ihn an einen pädagogischen Spielplatz in Hedelfingen bei Stuttgart. Dort betreute er 6- bis 14-Jährige, zeigte Grundschulklassen die Schafe, Hühner und Hasen, bastelte mit den Kindern Origami oder brachte ihnen Breakdance bei. „Der Freiwilligendienst war die beste Erfahrung meines Lebens.“ Vor allem wegen der guten Beziehungen zu seiner deutschen Gastfamilie und Freundschaften mit anderen Freiwilligen, etwa aus Nigeria und dem Senegal. Davor sei er viel verschlossener gewesen. „Dann habe ich gelernt: Es gibt diese große, multikulturelle Welt.“

In der Weltwärts-Befragung von Süd-Nord-Freiwilligen vom August 2021 sagten 97 Prozent: Sie haben sich persönlich weiterentwickelt und verstehen globale Zusammenhänge nun besser. 80 Prozent engagierten sich weiterhin freiwillig oder planten es.

Butrón Sossa ist in Deutschland geblieben, studiert an der Technischen Hochschule in Wildau südöstlich von Berlin Wirtschaftsinformatik. Währenddessen betreut er ehrenamtlich Weltwärts-Freiwillige in der Region. Nach dem Master möchte der 26-Jährige nach Bolivien zurückkehren, sich in Bildungsarbeit vor Ort engagieren. „Es war immer mein Traum, nach Deutschland zu kommen.“ Er hat eine deutsche Schule besucht, mit moderaten Gebühren, die seine Eltern bei vier Kindern bezahlen konnten. Ohne Weltwärts hätte er sich das Jahr in Deutschland nicht leisten können. Flüge, Unterkunft und Verpflegung sowie die Seminare wurden bezahlt, monatlich bekam er 250 Euro Taschengeld.

Kulturweit bezahlt Hijazi 700 Euro im Monat, doppelt so viel wie deutschen Freiwilligen, Reisekosten sowie Versicherungen werden zusätzlich erstattet. Sie hat ein günstiges Zimmer bei einer Kulturweit-Mitarbeiterin gefunden, nur zehn Minuten zu Fuß von ihrer Arbeit. Dass die Kulturweit-Hospitationen in Deutschland nur drei Monate dauern, kritisiert sie: „Deutsche Freiwillige können länger ins Ausland, das finde ich unfair. Wenn wir von Dekolonialisierung sprechen, wäre es an der Zeit, dass auch wir diese Möglichkeit bekommen.“ Ohnehin sind die Plätze für Menschen aus dem Globalen Süden knapp: Seit 2015 gibt es das Programm, seitdem sind 59 Personen nach Deutschland gekommen, ausgereist sind hingegen in den letzten dreizehn Jahren 4.853 Menschen.

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Freiwilligendienste: Ungerechte Verteilung

Das hat einen Grund: Das Incoming-Programm von Kulturweit ist formal kein gesetzlich geregelter Freiwilligendienst, sondern eine Hospitation, also eine Art Praktikum. Bei Weltwärts hingegen gibt es ein zusätzliches Budget des deutschen Bundesfreiwilligendienstes. Dort ist die Bilanz etwas besser: Seit 2013 können am Süd-Nord-Programm 18- bis 29-Jährige aus Ländern teilnehmen, deren Pro-Kopf-Einkommen im internationalen Vergleich im niedrigen bis mittleren Bereich liegt. Seither sind 2.842 Freiwillige aus 76 Ländern nach Deutschland gekommen, die meisten aus Südafrika, Indien und Ecuador. Aus Deutschland ausgereist sind seit 2008 hingegen insgesamt 42.000 Freiwillige.

Das BKHW, die Organisation, mit der Butrón Sossa nach Deutschland gekommen ist, bemüht sich das zu ändern: Die Zahl der Freiwilligen für beide Richtungen soll künftig mit 30 Personen gleich hoch sein. Gerade sind 28 bolivianische Freiwillige hier, sogar doppelt so viele wie andersherum.

Das BKHW ist Teil von Ventao, einem Zusammenschluss von Weltwärts-Trägerorganisationen, der für die Mitarbeitenden Praxisworkshops organisiert, etwa „Machtsensible Süd-Nord-Partnerschaften in der Entwicklungszusammenarbeit“ und „Allyship Workshop: Weiße Bündnisarbeit gegen Rassismus“. Die Mitarbeitenden der Orte, an denen die Freiwilligen ihren Freiwilligendienst leisten, müssen keine Seminare zu Antirassismus und Postkolonialismus belegen. Lukas Diehlmann, stellvertretender BKHW-Geschäftsführer, betont jedoch, man wähle in persönlichen Gesprächen aus. Manche Bewerbungen schließe man dadurch aus, etwa im vergangenen Jahr, weil sich Mitarbeitende einer Einrichtung rassistisch geäußert hatten.

Auch wenn sich das BKHW intern um gleichberechtigte Strukturen bemüht – es gibt etwa zwei Geschäftsführer, einen in Deutschland und einen in Bolivien –, sagt Diehlmann: „Eine vollständige Gleichberechtigung halte ich aufgrund der finanziellen Abhängigkeiten für Wunschdenken.“ Auch bei Weltwärts ist man sich dieser „ungleichen Voraussetzungen für die partnerschaftliche Zusammenarbeit“ bewusst, etwa dass nur die deutschen Organisationen direkt finanziell gefördert werden können. Das liege letztlich an „haushaltsrechtlichen und verwaltungstechnischen Rahmenbedingungen“ des BMZ-geförderten Programms.

Dennoch betont Weltwärts einen „Anspruch auf Partnerschaftlichkeit“. Die Auswahl der Freiwilligen werde etwa gemeinsam durchgeführt. Allerdings: Im Steuerungsgremium des Programms sitzen neben dem BMZ nur deutsche Organisationen. Seit den letzten Wahlen gibt es immerhin zwei Freiwillige aus dem Globalen Süden.

Besser qualifiziert

Politikwissenschaftlerin Bitahwa vom Mercator Kolleg kritisiert die ungleiche Verteilung von Macht und Ressourcen. Das zeige sich auch daran, dass die Freiwilligen aus dem Globalen Süden oft besser qualifiziert seien. Zwar ähneln sich bei Weltwärts die Anforderungen beider Programme, Sprachkenntnisse etwa sind keine Voraussetzung. Doch während deutsche Freiwillige oft direkt nach der Schule ein Auslandsjahr machen, haben Teilnehmende aus dem Globalen Süden diese Möglichkeit oft erst später. Sie sind durchschnittlich knapp vier Jahre älter und entsprechend besser qualifiziert. Für die Kulturweit-Hospitation ist sogar Sprachlevel B1 Voraussetzung, also relativ gute Deutschkenntnisse. Bei aller Kritik ist Bitahwa überzeugt: „Dennoch kann ein solcher Freiwilligendienst für junge Menschen eine positive Erfahrung sein – egal ob sie aus dem Globalen Süden oder Globalen Norden kommen.“

So auch für die Kulturweit-Freiwillige Hijazi. Sie ist begeistert von der Arbeit im Kulturzentrum Oyoun. Es ist ihr wichtig, sich für Dekolonialisierung einzusetzen, auch wegen der Geschichte ihrer Heimat Jordanien, die bis 1946 unter britischer Kolonialherrschaft stand. In wenigen Tagen beginnt sie ihren Master in Düsseldorf, die Hospitation setzt sie digital in Teilzeit fort. Und nach ihrem Studium? „Am liebsten würde ich dann fest an einem Ort wie Oyoun arbeiten.“

Transparenz-Hinweis: Die Autorin war 2016 selbst als Kulturweit- Freiwillige bei der Deutschen Welle Akademie in Namibia.

Dieser Text erschien in der Ausgabe Oktober/November 2021 des enorm Magazins mit dem Titel „Tschüss, Kolonialismus“.

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