Social Entrepreneurs wollen mit innovativen Ansätzen unsere Zukunft lebenswerter gestalten. Wie wir sie in der Coronakrise stärken können, schreiben Laura Haverkamp, Geschäftsführerin von Ashoka Deutschland, und Ashoka-Partner Odin Mühlenbein.

Es ist schwer, Schritt zu halten in diesen Tagen, und wir sagen das durchaus anerkennend. Neue Regeln des Zusammenlebens, Rettungspakete, Soforthilfe. Die politische Botschaft: Wir retten. Wir stützen. Wir schaffen das.
Wir arbeiten mit Gründerinnen und Gründern, die mit neuen Ansätzen an gesellschaftlichen Herausforderungen arbeiten – wir nennen sie Social Entrepreneurs, zu Deutsch: Sozialunternehmer*innen.

Sozialunternehmer*innen sind wie eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung für unser Miteinander. Sie erproben Neues und das oft in widrigen Umständen. Sie inspirieren und zeigen uns, wie unsere Gesellschaft in Zukunft aussehen kann. Das dürfen wir nicht aufs Spiel setzen. Doch genau das riskieren wir zurzeit – denn die diversen Rettungspakete, die von Bund und Ländern auf den Weg gebracht werden, drohen für viele soziale Unternehmen nicht zu gelten. Gehen sie leer aus, gehen sie insolvent.

Ashoka

Ashoka ist ein weltweites Netzwerk für gesellschaftliche Gestalter*innen, die mit unternehmerischer Haltung und innovativen Ansätzen soziale Probleme lösen wollen. Dazu greifen sie auf partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Institutionen und Engagierten weltweit zurück.

Sozialunternehmen: von kostenloser Lernplattform bis Gewaltprävention

Sozialunternehmer*innen sind innovative Kräfte für unser Gemeinwesen, und das in allen gesellschaftlichen Feldern: Die kostenlose Lernplattform serlo.org hatte etwa schon vor der Krise eine Millionen Nutzer*innen pro Monat. Aktuell hilft sie vielen Schüler*innen, die Zeit zuhause sinnvoll zu nutzen. Gesine Intervention hilft wiederum Akteur*innen des Gesundheitswesens, häusliche Gewalt früher zu erkennen und damit umzugehen – ein Phänomen, das laut Expert*innen in den nächsten Wochen vermehrt auftreten wird. Das sind nur zwei Beispiele von einigen tausend Initiativen und Unternehmungen in Deutschland, deren Ziel vor allem eines ist: Das Leben für viele nachhaltiger und mitmenschlicher zu gestalten.

Der Wert dieser Initiativen lässt sich auch wirtschaftlich messen. Laut einer Studie von Ashoka und McKinsey & Company generieren selbst kleine Veränderungen – etwa im Bildungs- oder Gesundheitssystem – hunderte Millionen Euro pro Jahr. In solche Initiativen zu investieren, war bereits vor der Krise eine gute Idee. Sie in der Krise zu stützen, bringt nicht nur eine hohe Rendite – auch die Kosten, es nicht zu tun, sind hoch: Sozialunternehmen verkaufen oft nicht einfach ein Produkt oder eine Dienstleistung, deren Produktion und Vertrieb man einfach wieder aufnehmen kann. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie in Beziehungen investieren. Sie bauen Netzwerke und formen eine gesellschaftliche Infrastruktur. Sie bauen Allianzen von Akteur*innen, die miteinander mehr bewegen können. Diese Beziehungen wieder ganz von vorn aufzubauen, wäre viel teurer als eine kurzzeitige Unterstützung in der Krise.

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Schnelle und unbürokratische Hilfe ist auch deshalb so wichtig, weil es für Sozialunternehmen oft keinen Zugang zu anderen Geldquellen gibt. Da sie sich am Gemeinwohl orientieren, sind sie oft nicht profitabel genug, um ausreichend Sicherheiten für Kredite bieten zu können. Oder ihr Geschäftsmodell erlaubt keine jahrelange Rückzahlung von ebendiesen, weil es eben nicht auf monetäre Profile ausgelegt ist. Viele Sozialunternehmer*innen sind gemeinnützig organisiert, haben den Staat als Kunden oder finanzieren sich mit öffentlichen Fördergeldern und Stiftungsförderungen für konkrete Projekte. Sie brauchen eine andere Form der Unterstützung als gewerbliche Unternehmen.

Was heißt das also konkret für Politik, Verwaltung und Förderer?

  1. Wirtschaftshilfen von Bund und Ländern müssen geöffnet werden: Geben sie Darlehen an gewerbliche Sozialunternehmer*nnen, auch, wenn sie als gemeinnützig anerkannt sind. Aktuell stehen KfW-Programme Sozialunternehmer*innen noch nicht zur Verfügung. Auch eingetragene Vereine, deren Einnahmen maßgeblich aus Zweckbetrieben stammen, scheinen aktuell nicht von den Hilfsmaßnahmen berücksichtigt zu werden, so etwa Mütterzentren. Aktuelle Umfragen unter SEND (Das Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland) und im Ashoka-Netzwerk zeigen: Bei SEND sagen gut 30 Prozent, dass sie ohne Hilfe in der aktuellen Situation nicht länger als drei Monate überleben können. Der Fehler ist erkannt, lassen sie uns ihn schnell gemeinsam beheben. Bei den Soforthilfen haben wir es immerhin schon geschafft, dass in einigen Bundesländern auch gemeinnützige Organisationen diese beantragen können.
  2. Geben sie Zuschüsse an Sozialunternehmer*innen, um Liquiditäts-Engpässe zu überbrücken und im Idealfall gestärkt aus der Krise zu kommen. Einerseits müssen die bereits geplanten Zuschüsse für kleine und mittlere Unternehmen unbedingt für gemeinnützig Tätige abrufbar sein. Darüber hinaus tragen wir die Forderungen diverser Organisationen zum Schutz der organisierten Zivilgesellschaft gern mit. Denn gerade in der Krise sollten wir doch denen Rückenwind geben, die uns (auch) Wege aus der Krise zeigen können – ganz systematisch!
  3. Wo möglich, lockern sie in öffentlichen Förderungen und Stiftungsprojekten die Zweckbindung oder heben sie sie gleich ganz auf (hier geht Dank an engagierte Stifter*innen, die ebendiese Empfehlungen für Förderstiftungen auf den Weg gebracht haben). Halten sie nicht an festgezurrten Zeitplänen fest, sondern erlauben sie Änderungen in der Strategie und Planung. Der Bundesverband Deutscher Stiftungen hat dafür eine Selbstverpflichtung veröffentlicht. Schließen sie sich an!

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Sozialunternehmen sind auch systemrelevant

In diesen Tagen wird oft die Frage nach der Systemrelevanz einzelner Branchen und Akteure gestellt. Es liegt uns fern, hier eines gegen das andere ausspielen zu wollen, denn unsere Gesellschaft ist komplex und wir brauchen viele Elemente, die gut ineinander greifen. Sozialunternehmer*innen sind ein wichtiges dieser Elemente. Auch weil die Coronakrise ja nicht unsere einzige Herausforderung ist. Gegen den Klimawandel, für sozialen Zusammenhalt, Chancengerechtigkeit und zukunftsfähige Bildung brauchen wir auch nach Corona kluge Ideen. Wenn wir die innovativen Kräfte unserer Gesellschaft jetzt nicht schützen, werden wir sie nach der Krise schmerzlich vermissen.

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