Eine neue Arte-Dokumention zeigt auf, wie gut sich Ökosysteme und Meerestierbestände in nur zwei Jahrzehnten erholen können, wenn man sie unter Naturschutz stellt.

Ti Bouchon erblickt das Licht der Welt, als seine Mutter ihn behutsam mit der Schnauze durch das tiefe Blau des Indischen Ozeans an die Wasseroberfläche stubst: hier wird der kleine Buckelwal seinen ersten Atemzug machen.

In der 45-minütigen neuen Arte-Dokumentation „Wenn Wale uns den Weg weisen“ begleitet das Team um den französischen Regisseur Rémy Tézier die ersten Lebenswochen des Buckelwal-Babys Ti Bouchon, was auf französisch so viel bedeutet wie „kleiner Stöpsel.“

„Die Geburt des Jungen Wals ist ein Beweis dafür, dass sich die Natur ihre Rechte zurückholt“, erzählt die Stimme der französischen Umweltaktivistin und Schauspielerin Cécile de France aus dem Off. Ti Bouchon erblickt in den Gewässern des französischen Überseeterritoriums La Réunion, eine kleine Insel vor der Küste Madagaskars, das Licht der Welt. 42% der gesamten Inselfläche sind von der UNESCO als Weltnaturerbe anerkannt. Jedes Jahr im Südwinter der Insel tummeln sich hier über hundert Buckelwale, die den weiten Weg von der Antarktis in den Indischen Ozean gefunden haben.

Auch auf enorm: Wir wollen kein Müllmeer

Doch das war nicht immer so. Noch Anfang der 2000er sah man kaum Buckelwale vor der Küste der Insel. In den 80ern war der Bestand der Meeresriesen zu 90 % ausgerottet. Verschiedene Wissenschaftler*innen, Taucher*innen und Tierschützer*innen berichten in der Dokumentation, wie die Buckelwale und die Meereschildkröten– neben den Walen die zweiten Stars des Films – durch Fang und Umweltverschmutzung fast verschwunden waren, bevor die Insel umfangreiche Naturschutzgesetze verabschiedete und internationale Verbote umsetzte: Seit 2007 sind die Korallenriffe der Insel geschützt und haben sich seither stark regeneriert. Ebenfalls um diese Zeit wurde die Küste zum Naturschutzgebiet: Wilderei und Verschmutzung sind seitdem verboten. Mittlerweile zählen die Forscher*innen der Insel wieder über 140 verschiedene Meeresschildkröten in den Gewässern der französischen Insel. Seit in dem internationalen Moratorium von 1982 der Walfang verboten wurde, erholt sich auch der Buckelwalbestand auf La Réunion.

Plastikverschmutzung und Fischerei gefährden die Meere weiter

Der Film setzt seinen Fokus auf die intimen Beziehungen zwischen den Meerestieren, ihren Erforscher*innen und ihren Beschützer*innen: es soll gezeigt werden, dass „Mensch und Tier friedlich nebeneinander koexistieren“ können.

Natürlich darf man dabei nicht unerwähnt lassen, dass die Dokumentation zu einem beträchtlichen Teil von der Insel selbst finanziert wurde: Sie zeigt sich als tierfreundliches Tropenparadies. Tatsächlich haben Tierschützer*Innen La Réunion aber in den vergangenen Jahren zum Beispiel dafür kritisiert, dass die Insel zum Beispiel brutal gegen streunende Hunde vorgeht.

Und auch die Dokumentation selbst zeigt: trotz der Fruchtbarkeit aller getroffenen Maßnahmen zum Schutz der Meeresbewohner auf La Réunion ist der Mensch nach wie vor der schlimmste Feind der Tiere: Auf einer Schildkröten-Auffangstation zeigt ein Betreuer der Tiere, wie einer Schildkröte ein verschluckter Angelhaken aus dem Maul operiert werden muss. Einer anderen Schildkröte fehlt eine Flosse: sie musste amputiert werden, weil sich das Tier in einem der unzähligen Plastiknetze verfangen hatte, die durch die internationale Fischerei im Meer schwimmen. In einer anderen Szene des Film sieht man, wie Ti Bouchon mit seiner Schnauze versucht, eine Plastiktüte aus dem Meer zu ziehen. Das zeigt: Mit dem Einrichten der Schutzzonen ist es nicht getan.

Neue Tierdoku: Appell für stärkeren Meeresschutz

Dennoch ist „Wenn Wale uns den Weg weisen“ ein wunderschönes und sehenswertes Portrait eines Ökosystems, dessen beeindruckende Rehabilitation in den letzten 20 Jahren zeigt, wie effektiv fast ausgerottete Tierbestände sich erholen können, wenn man sich für sie einsetzt. Der Film nimmt sich außerdem viel Zeit, um faszinierende Phänomene wie die Erziehung des kleinen Buckelwals und die Bedeutung der Lieder, die seine ausgewachsenen männlichen Artgenossen singen, in spektakulären Nahaufnahmen einzufangen und zu erklären. Die Bilder machen Hoffnung.

Enorm Einzelausgabe 2020_04

 

Die Dokumentation „Wenn Wale uns den Weg weisen“  läuft noch bis zum 14. Mai.2020 in der Mediathek von Arte und wird am 08.Mai.2020 um 18.30 von Arte im Fernsehen ausgestrahlt.