Der Versandhändler Otto versucht, weniger Verpackungsmüll zu produzieren. Tüten aus recyceltem Plastik und Mehrwegtaschen sollen helfen.

Egal ob Socken, Waschmaschine oder aufblasbarer Whirlpool: Noch nie haben so viele Kund:innen bei Otto bestellt, der Umsatz im Geschäftsjahr 2020/2021 stieg um fast ein Drittel auf 4,5 Milliarden Euro. Entsprechend wächst die Verpackungsmenge – und der Müll.

Besonders verzwickt: Polybags. Vor allem Textilien sind in diese kleinen Plastikbeutel verpackt, meist bestehen sie aus Einweg-Kunststoff, recycelt werden die wenigsten. Um das zu ändern, will Otto nun seine Retouren-Polybags vom spanischen Start-up Cadel Deinking recyceln lassen. 2,6 Millionen Beutel wurden bestellt, man sei „recht zuversichtlich“. Klar, Polybeutel in geschlossenen Systemen zu recyceln, ist sinnvoll. Das zeigt auch ein Bericht der Forschungsstelle für allgemeine und textile Marktwirtschaft an der Universität Münster. Besser wäre es, die Beutel gar nicht zu nutzen, gerade für Einzelverpackungen.

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Ebenfalls recycelt, aber aus „wildem Plastik“, sind Versandtaschen, die Otto seit Sommer 2020 nutzt. Dafür sammelt das Hamburger Start-up Wildplastic weggeworfenen Kunststoffmüll in Ländern ohne etabliertes Recyclingsystem, etwa Haiti oder Nigeria. Anschließend kommt das Plastik per Schiff nach Portugal oder Spanien, um dort gesäubert, recycelt und zu einem Granulat verarbeitet zu werden. In Deutschland schließlich werden daraus Otto-Versandtüten. Ein ziemlich weiter Weg. Dennoch soll laut Wildplastic jede Tüte im Vergleich zu den Vorgängern 57 Gramm CO2 sparen. Das wären bei Otto 516.800 Kilogramm CO2 im Jahr. Der Hamburger Versandhändler will irgendwann nur noch Wildplastic-Versandtaschen nutzen. Offen ist, wie lange er dafür noch braucht. Bis 2023 immerhin sollen alle Verpackungen „nachhaltig“ sein, sprich nur noch aus recycelten Materialien bestehen, die zudem recyclingfähig und zertifiziert sind, etwa mit dem Blauen Engel.

Zusätzlich testen möchte Otto im kommenden Jahr Versandtüten und Polybeutel aus dem biobasierten Plastik des Start-ups traceless. Das Hamburger Unternehmen produziert Biokunststoff aus natürlichen Rohstoffen, die als Nebenprodukte in der Agrarindustrie anfallen. Das Material sei außerdem vollständig kompostierbar.

Plastik als Mehrweglösung

Doch eigentlich müsste von vornherein weniger Müll anfallen, zum Beispiel durch Mehrweg-Lösungen. Daher ist Otto seit Sommer 2020 Teil eines vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekts, das noch bis Anfang 2022 läuft. Koordiniert vom Institut für Ökologie und Politik (Ökopol) nutzten neben Otto auch Tchibo und Avocadostore Mehrweg-Versandtaschen des finnischen Startups RePack. Die Taschen bestehen aus recyceltem Polypropylen, sollen bis zu 20 Mal wiederverwendet werden und so bis zu 80 Prozent CO2 und 96 Prozent Verpackungsmüll sparen.

Knapp 5.000 Taschen landeten in der Pilotphase bei Otto-Kund:innen. Über die Paketshops von Hermes – das Logistikunternehmen ist Teil der Otto Group – konnten diese die Tüten leer oder mit Retouren zurückschicken. Insgesamt machten das 75 Prozent der Kund:innen. Noch besser lief es bei Tchibo (81 Prozent) und Avocadostore (83 Prozent). Dort konnten Kund:innen die Taschen einfach in jeden Briefkasten werfen. Um eine positive Umweltbilanz zu erreichen, müssten es laut Ökopol 80 bis 90 Prozent sein.

Dennoch kamen die Taschen bei den Otto-Kund:innen gut an. Das zeigt die Auswertung einer Kund:innenbefragung. Kritik gab es allerdings für den Transport zur Aufbereitung bis ins estländische Tallinn. Auch Otto selbst hält das wegen der hohen Emissionen für „nicht sinnvoll“. Und: Bei einer Markteinführung sei ein Pfand- oder Belohnungssystem „zwingend notwendig“ – als Anreiz, die Tüten auch wirklich zurückzuschicken. Dann wäre es am Ende auch tatsächlich ökologischer.

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