Indigene Forscher*innen müssen mehr Gehör finden, fordert der Professor für indigene Klimagerechtigkeit Kyle Whyte. Im Gespräch erklärt er, wie das dem Umweltschutz dienen kann.

Herr Whyte, worum geht es bei indigener Klima- und Umweltgerechtigkeit?

Um Verbundenheit. Wir können auf die Klimakrise umso besser reagieren, je mehr Vertrauen wir herstellen – in unseren Beziehungen und in unserer Verantwortung für alles, mit dem wir uns die Umwelt teilen. Wir müssen uns fragen: Wie wollen wir unsere Verantwortung für unsere menschlichen und nichtmenschlichen Verwandten, wie ich das als indigener Forscher nenne, in einer komplexen Umwelt wahrnehmen, die sich permanent wandelt?

Was heißt das konkret?

Wir trennen nicht zwischen Mensch, Natur und Spiritualität. Wenn wir etwa eine Beziehung der Verbundenheit zum Wasser haben, achten wir das Einverständnis und die Selbstbestimmtheit des Wassers…

…in westlichen Ohren klingt das seltsam…

…aber es ist ein wichtiger Punkt. Denn es beschreibt eine Haltung, die handfeste Folgen hat: Wir verschmutzen Wasser nicht oder leiten es einfach um, nur weil wir uns irgendeinen Vorteil davon versprechen. Wenn wir uns mit Wasser verbunden fühlen, respektieren wir automatisch die Komplexität von hydrologischen Systemen und ihre Beziehung zum Klimasystem.

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Sie gehören zum First-Nation-Volk der Potawatomi. Diese wurden Anfang des 19. Jahrhunderts von Siedler*innen aus dem Gebiet der Großen Seen verdrängt. Heute leben sie in Reservaten in Oklahoma. Was können wir aus ihrer Geschichte lernen?

Eine entscheidende Lehre ist: Die Klimakrise ist nicht neu. Menschliche Gesellschaften haben sie herbeigeführt, vor allem solche, die finanziell von der Industrialisierung profitieren. In den meisten Herrschaftssystemen ist nur ein Teil der Gesellschaft dafür verantwortlich, ein anderer Teil muss sie ausbaden. Und dieser Teil muss dann damit zurechtkommen, dass sich die Umwelt radikal verändert und er immer weniger Möglichkeiten hat, sich dem anzupassen. Als die USA Indigene zur Umsiedlung in abgelegene Gebiete zwangen, mussten diese sich in sehr kurzer Zeit an neue Ökosysteme anpassen.

Professor Kyle Whyte, 41, lehrt an der Michigan State Universität. Der Umweltaktivist gehört selbst zum First-NationVolk der Potawatomi. Bild: Robert Streiffer

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Indigenes Wissen über nachhaltiges Leben wird oft marginalisiert. Sie fordern eine „Souveränität des Wissens“. Was meinen Sie damit?

Indigene Gemeinschaften haben eine lange Geschichte von Bildung und Forschung. Der Kolonialismus aber hat sie zum Schweigen gebracht. Wir müssen unsere Wissenschaften selbstbewusst wiederbeleben und pflegen. Das Volk der Karuk etwa hat nun seine Kenntnisse über die Landschaftspflege mithilfe von kontrollierten Feuern systematisch erfasst. Seit 1994 gibt es außerdem das Institut für Nachhaltige Entwicklung am College of Menominee Nation (eine Art Volkshochschule Indigener, Anm. d. Red.). Dort untersuchen indigene Wissenschaftler*innen etwa, wie die Menominee in ihrem Reservat einen Wald managen, der kulturell und wirtschaftlich für sie wichtig ist.

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Wie reagieren nicht-indigene Wissenschaftler*innen darauf?

Ich treffe tatsächlich immer wieder Wissenschaftler*innen, die hierarchisch abstufen, was als Wissenschaft zählt – und was nicht. Sie übersehen, dass auch indigene Wissenspraktiken wertvoll sind. Indigene Menschen wissen, dass man in der Welt anderes entdeckt und wahrnimmt, wenn man mit Nichtmenschlichem, mit Spiritualität oder Objekten interagiert. Forscher*innen sollten sich Ansätzen indigener Wissenschaft öffnen. Wir können viel voneinander lernen.

Gibt es dafür bereits erfolgreiche Beispiele?

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Ja, die Great Lakes Indian Fish & Wildlife Commission hat gemeinsam mit dem US-amerikanischen Forstdienst ein Verfahren erarbeitet, um die Qualität und Verbreitung von Birken im Gebiet der Großen Seen besser einschätzen zu können. Dazu griffen die Forscher*innen auf das Wissen der Anishinaabe zurück. Diese pflegen spirituelle und kulturelle Praktiken, mit denen sie die Eigenschaften der Birken sehr detailliert untersuchen und bewerten können. Wie glatt und fest ist die Rinde, was sagt das über den Zustand des Baumes? Dabei unterscheiden sie nicht zwischen guten und schlechten Bäumen, sondern gehen davon aus, dass alle Bäume in irgendeiner Weise nützlich sind. Das hilft ihnen Details zu erkennen, die anderen Wissenschaftler*innen verschlossen bleiben. Die Entwicklung einer Birkenpopulation zum Beispiel können sie so gut abschätzen.