Einer der bedeutendsten Komponisten unserer Zeit – Ludwig van Beethoven – hatte ein Gehörleiden, das letztlich zur völligen Taubheit führte. Dennoch schuf er ein bleibendes musikalisches Werk für die Nachwelt. Konnte er seine Musik fühlen? Professor Jan Hemming erklärt, wie vielfältig unsere Musikwahrnehmung ist.

Musik kann auch für gehörlose Menschen erfahrbar sein. Sie können Musik spüren. Aber nicht alle wollen das, was man als Defizit wahrnehmen könnte, kompensieren. Sie sehen dieses sogenannte Defizit als Teil von sich, als ein individuelles Merkmal. Sie sagen: Ich habe mit Musik nichts zu tun.

Musikwahrnehmung über alle Sinne

Die Mehrheit der schwerhörigen Menschen konnte allerdings früher hören und hatten Jahre oder Jahrzehnte, um Musik kennen und lieben zu lernen. Das bleibt als Erinnerung und kann eine unmittelbare emotionale Wirkung haben, wenn es reaktiviert wird. Unsere Musikwahrnehmung beschränkt sich nicht auf das Hören. Wir denken auch an das Video dazu, erinnern uns an ein Konzert oder wie sich ein Instrument in der Hand anfühlt. Wir nutzen alle Sinneskanäle – visuelle und haptische.

Jan Hemming ist Professor für Systematische Musikwissenschaft an der Universität Kassel.
Bild: privat

Musik spüren: Wie fühlt sich der Bass beim Diskobesuch an?

Etwa 90 Prozent der Musik nehmen wir durch die Hörschnecke (Cochlea) im Innenohr wahr, die diese Schwingungen in Nervensignale umwandelt. Cochlea-Implantate können Gehörlosen helfen, akustische Erfahrungen zu generieren. Das klappt bei Sprache ganz gut, bei Musik ist es schwieriger. Aber rund 10 Prozent von Musik fühlen wir auf der Haut. An dieser Wahrnehmung, der sogenannten Tonotopie, können sämtliche Körperregionen beteiligt sein. Manche nehmen hohe Töne in ihren Fingerspitzen, andere in der Mitte ihres Schädels wahr, wieder andere im Unterleib. Wie fühlt sich der Bass beim Diskobesuch an? Wenn man seine Aufmerksamkeit für diese Wahrnehmung trainiert, kann das auch eine Bereicherung für Normalhörende sein.

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