Ein Gastbeitrag von Ina Hiester. Nach vier Jahren auf einem Segelboot im Mittelmeer zieht es mich weiter in die Ferne. Doch um den Gefahren der Weltmeere und den Extremen des Klimawandels gewachsen zu sein, musste ein stabileres Boot her – und dieses fanden wir in Kroatien. Drei Monate und 400 Seemeilen später kann ich das Land der tausend Inseln als Rundum-Sorglos-Urlaubs-Destination empfehlen.

„Z“ – als der letzte Buchstabe strahlend weiß am dunkelblauen Rumpf haftete, trat ich einen Schritt zurück und hielt kurz inne. KOBLENZ, der rheinische Wahlheimathafen für unser neues (altes) Segelboot iNYATHI, liegt 1.000 Kilometer Luftlinie von dem kroatischen Dorf Milna entfernt. Hier warteten wir seit etwa vier Wochen ungeduldig auf unsere Bootspapiere, denn wir wollten endlich los. iNYATHI, das ist Zulu für „Büffel“ und bringt deutlich zum Ausdruck, was wir von den vor uns liegenden 20 Tonnen Stahl erwarten: sei stark, sei unverwüstlich, trotze allen Gefahren, lass dich nicht unterkriegen. Und bring uns so einmal um die Welt – mindestens.

Koblenz als Heimathafen hat dabei für mich als Hunsrücker Dorfkind durchaus Wumms. Dorthin trugen meine Schwester und ich als Teenagerinnen unser gesamtes zusammengespartes Taschengeld für ramschige Shoppingtouren, dort ging ich zum ersten Mal in die Disco, dort gab es Kino und zaghaftes Händchenhalten bei romantischen Spaziergängen am deutschen Eck. Erinnerungen aus einem anderen Leben flackerten auf und ich überpinselte die aufkommende Nostalgie mit einem sehnsuchtsvollen Blick zum Horizont, wo gerade die Sonne unterging. Unsere iNYATHI würde meine Heimat wahrscheinlich niemals zu sehen bekommen.

Und auch wann ich selbst das nächste Mal nach Hause kommen würde, stand noch in den Sternen, die nun, einer nach dem anderen, am Himmel aufblitzten. „Macht nichts“, flüsterte ich meinem schwimmenden Zuhause zu und strich sanft über den blauen Rumpf. „Is gar nicht sooo anders als hier. Nur weniger Meer.“

Blick in unser Cockpit unseres neuen Segelbootes

Kroatien: der Beginn eines großen Abenteuers

Eigentlich war uns Kroatien ein Dorn im Auge. Schauergeschichten über aggressive Segler:innenabzocke, unbezahlbare Häfen, Buchten voller kostspieliger Bojen und sogar Gebühren fürs Ankern passten weder zu unserer Vorstellung von Freiheit noch zu unserem Budget. Doch als wir unser vorheriges Boot auf Sizilien schneller verkauft hatten als wir „wollen-wir-das-wirklich“ denken konnten, das Geld auf dem Konto und offiziell kein Zuhause mehr hatten, tauchte iNYATHI’s Verkaufsanzeige auf – in Kroatien, an der blauen Adria.

Sie war einfach zu perfekt, um sie nicht wenigstens anzuschauen – und dann war’s auch schon um uns geschehen. Zwei Masten, 6 Segel, stark und stabil, mit viele Liebe zum Detail perfekt für Langzeitsegler:innen eingerichtet, massig Stauraum, Wassermacher, jede Menge Solarenergie, ein Windgenerator und eine Werkstatt, die nicht nur Männerherzen höherschlagen lässt. Die sollte es sein – oder keine. Und so begann unser Abenteuer in Milna, auf der Insel Brač, in Dalmatien.

Ruhe und Entspannung in Bracs Küstenstadt Pučišća
Die Hafenortschaft Milna auf der Insel Brac

Die Insel Brač: Paradies für Wanderer:innen und Radfahrer:innen

Das Warten auf die Bootspapiere in Milna gab uns nicht nur Zeit, unser neues Zuhause einzurichten, sondern auch um die Insel zu erkunden. Brač ist mit der Fähre nur eine Stunde von Split entfernt und für Radfahrer:innen und Wanderbegeisterte wie uns ein echtes Highlight. In jeder Ecke der Insel findet man irgendwo die kleine blau-weiße Markierung, die darauf hinweist, dass man schon wieder auf einem der unzähligen Wander- und Radwege gelandet ist, die sich wie ein Netz durch Felder und Wälder schlängeln und an Klippen und Kiesstränden entlang zu kleinen Küstendörfern führen.

Für motivierte Radfahrer:innen sei angemerkt, dass bei der Auswahl des fahrbaren Untersatzes unbedingt ein Mountainbike zu empfehlen ist. Denn wenn es auf Brač eines im Übermaß gibt, dann sind das Steine – und zwar nicht nur der edle, Marmor-ähnliche Kalkstein, der das Weiße Haus in Washington und den Berliner Reichstag ziert. Unzählige, überall auf der Insel verstreute Steine, die vielerorts zu Mauern und großen Haufen aufgeschüttet wurden, werden gerne auch auf Rad- und Wanderwegen zur Befestigung ausgebracht – manchmal allerdings so großzügig, dass die Gefahr besteht, darin steckenzubleiben.

Hvar: mehr als Partytourismus und Luxusjachten

Nach fünf Wochen in Milna war unser Boot nicht nur vollständig registriert und versichert, sondern wir hatten sogar gratis und vollkommen unbürokratisch unsere erste Corona-Impfung erhalten. Nach vier Wintern auf Sizilien hatten wir uns irgendwie daran gewöhnt, dass Dinge einfach nicht funktionieren oder zumindest ewig dauern und einen, selbst wenn sie dann klappen, trotzdem unglaublich viel Nerven kosten. Deshalb waren wir mehr als perplex, wie reibungslos das Impfen hier vonstattenging. Zwei Telefonate, ein Termin, 10 Minuten warten, kurzer Pieks, fertig. Nein, kostet nichts, bitte in vier Wochen wiederkommen.

Mit dem ersten Impfschutz und allen Papieren ausgestattet führte unser erster Segeltörn auf die Nachbarinsel Hvar. Hier suchen wir nicht den Partytourismus, für den die Insel so bekannt ist. Und auch neben den zahlreichen Luxusjachten in der Inselhauptstadt hätten wir uns sicherlich mehr als fehl am Platz gefühlt. Stattdessen erkundeten wir das bezaubernde Inselinnere mit seinen winzigen, bunt zusammengewürfelten landwirtschaftlichen Parzellen und Gärten sowie das wunderschöne Städtchen Starigrad entspannt mit unseren Fahrrädern. Urlaubsmodus: angeschaltet.

Die weite Ankerbucht Uvala Duga auf der Insel Hvar
Blick auf Starigrad im Westen der Insel Hvar
Schlendern durch die Hafenortschaft Starigrad auf Hvar
Einen wunderschönen Ausblick über Hvar vom Aussichtspunkt Kljucavica genießen
Inselleben in Vrboska auf Hvar kennenlernen

Per Boot und Rad zu den Wasserfällen des Krka Nationalparks

Die Zeit bis zu unserem zweiten Impftermin vertrieben wir uns mit einem Schlenker in den Norden. Tag für Tag lernten wir nicht nur unser Boot, sondern auch Dalmatien besser kennen, ankerten mutterseelenallein in traumhaften Buchten und fuhren schließlich den Fluss hinauf, der zum Krka Nationalpark mit seinen berühmten Wasserfällen führt. Auch hier legten wir die letzten Kilometer bis zum Park mit dem Fahrrad zurück.

Als ich vor fünf Jahren zuletzt hier war, hatte mich die Naturgewalt dieses Ortes schon begeistert, aber dieses Mal war es noch schöner – und es dauerte eine Weile, bis ich verstand, woran das lag. Seit Anfang diesen Jahres ist das Baden im Krka-Nationalpark aus Gewässerschutzgründen verboten. Nun darf man hier „nur“ noch staunen, schauen und spazieren, aber nicht mehr in die Idylle hineinspringen. Ein Segen für dieses biodiverse Kleinod, das ohne sonnencremeverschmierte, zappelnde Gliedmaßen nicht nur gesünder bleibt, sondern auch viel schöner aussieht. Auf dem Rückweg flussabwärts kauften wir kiloweise frische Muscheln direkt bei den Muschelfarmer:innen kurz vor der Stadt Šibenik, in deren kleinen Straßen und Gässchen wir uns kurz darauf treiben ließen.

Die Wasserfälle im Krka Nationalpark sind eindrucksvoll
Wandern im Krka Nationalpark

Kroatien und Tourismus – das funktioniert einfach

Nachdem mich meine zweite Impfung für einige Tage niedergestreckt hatte, wurde uns allmählich bewusst, dass spätestens jetzt etwas begann, was größer war. Nun ging es nicht mehr nur darum, gemütlich von einer Bucht zur nächsten zu schippern, ab jetzt hatten wir ein Ziel, das weiter entfernt war als all unsere bisherigen gesammelten Sommermeilen. Immer häufiger schweifte seither unser Blick gen Westen in Richtung Atlantik, dessen Überquerung wir für Januar 2022 geplant hatten. Und gleichzeitig fühlte sich Kroatien immer mehr nach einem Zuhause an, welches wir nur ungern hinter uns lassen wollten. Wir lernten hier das zu schätzen, was so viele in einem kurzen Sommerurlaub suchen: das Rundum-Sorglos-Paket. Kroatien und Tourismus – das funktioniert einfach.

Busse und Fähren fahren pünktlich, eine Postkartenidylle jagt die andere, die nächste, verheißungsvoll noch türkisfarbener schimmernde Bucht liegt immer nur einen Steinwurf entfernt. Das Land der tausend Inseln, von denen etwa 50 bewohnt sind, hat insgesamt weniger Einwohner:innen als Berlin, zog jedoch bis vor Corona jährlich rund 20 Millionen Tourist:innen an, darunter vor allem Deutsche, Österreicher:innen und Italiener:innen. Kaum irgendwo in Europa ist das Meerwasser so klar, und meine sonst so ambitionierten Müllsammelaktionen am Strand wurden in der Zeit, in der wir hier unterwegs waren, schlichtweg nicht gebraucht. Auf gerade einmal 55.000 Quadratkilometern Land mit über 6.000 Kilometern Küste finden sich zehn UNESCO-Welterbestätten, acht National- und elf Naturparks.

Schluss mit Overtourism? Kroatien goes sustainable.

Der typisch kroatische Fleiß und Ordnungssinn gepaart mit der deftigen Küche und dem vielen Deutsch, das um uns herumgesprochen wurde, vertrieb auch mein letztes Fünkchen Heimweh. Und obwohl sich die herzliche Gastfreundschaft manchmal zunächst hinter einer etwas rauen Fassade versteckt, musste auch mein Freund Mike bald eingestehen: „Croatia has grown on me“. Er hatte seine letzte Kroatienreise – damals noch mit unserem alten Boot – nicht ganz so rosig in Erinnerung. Was war dieses Mal anders? Hat Corona die Menschen milder gestimmt? Zählen nun auch Vagabunden-Tourist:innen wie wir wieder mehr, die anders als Chartergäste keine tausende Euros pro Woche in die Kassen spülen?

Kein anderes europäisches Land ist so abhängig vom Tourismus wie Kroatien – vor der Pandemie machte dieser ganze 25 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Zum Vergleich: in Spanien sind es gerade einmal 15, in Deutschland weniger als zehn Prozent. Dass Overtourism in Kroatien ein Problem darstellt hat das Land schon länger für sich erkannt und ist auf einem guten Weg, nachhaltigere Tourismusstrukturen aufzubauen. Laut dem jüngsten Bericht von Euromonitor International liegt Kroatien im Tourismus-Nachhaltigkeitsranking inzwischen immerhin auf Platz 13 – deutlich hinter den skandinavischen Ländern, allerdings noch vor Deutschland (Platz 16), Spanien (Platz 25) und Italien (Platz 34).

Abschied in Etappen: Korčula, Mljet und Lastovo mit dem Segelboot

Anstatt nun also rasch gen Westen aufzubrechen, verloren wir uns in den Gässchen Korčulas, wanderten auf der Halbinsel Pelješac und gönnten uns ein paar Tage auf den Inseln Mljet und Lastovo, die beide Nationalparks und damit kostenpflichtig sind. Die Bemühungen um mehr Nachhaltigkeit wurden vor allem auf Mljet sehr deutlich: Solarbetriebene Boote bringen hier die Tourist:innen auf die kleine Insel Sveta Marija, während der Rest des Parks ausschließlich zu Fuß oder mit den zahlreichen, zum Verleih angebotenen Fahrrädern erkundet werden kann.

Die historische Architektur in Korcula bestaunen
In Korcula kann man sich den ganzen Tag durch die hübschen Straßen treiben lassen
Liebevolles Detail in den Gassen von Korcula
Blick über Korcula

Die Mljeter Seen schmiegen sich hier still und schön zwischen bewaldete Hügel, ein gut befestigter Radweg, von dem aus immer wieder kleine Wanderpfade abzweigen, führt ringsherum. Doch all das hat seinen Preis: die Gebühr, um hier vor Anker zu gehen, beträgt stolze 80 Euro pro Nacht, hinzu kommen nochmal 17 Euro Parkeintrittsgebühr. Statt zu ankern warfen wir einem freundlichen und unglaublich geduldigen Restaurantbesitzer (rückwärts einparken ist nicht gerade unsere Stärke) unsere Leinen zu – bei ihm bezahlten wir nichts, gingen aber im Gegenzug in seinem Konoba lecker essen.

Während unserer letzten Tage vor unserer Weiterreise nach Italien besorgten wir uns auf der etwas verschlafenen Insel Lastovo noch unser digitales COVID-Zertifikat und waren nun rundum reisebereit, gut erholt, sonnenverwöhnt und gefühlt perfekt vorbereitet für das, was als nächstes kommen sollte. Für den Beginn einer Weltreise ist im wunderschönen Kroatien alles fast schon ein bisschen zu glatt gelaufen.

Mit dem Fahrrad in Mljet unterwegs
Mljet im Morgengrauen
Einen schönen Ausblick über Lastovo genießen

Noch drei Tipps zum Schluss:

  • Wer wie wir Kroatien mit dem Segelboot erkunden will, findet zahlreiche Möglichkeiten, ein Boot zu chartern. Dabei ist es keinesfalls ein Muss, in teuren Häfen oder an kostenpflichtigen Bojen Halt zu machen. Den Menschenmassen kann man geschickt entfliehen, wenn man von den Charter-Standardrouten abweicht und bereit ist, eigene Wege zu gehen. Wer sich vorab gut informiert findet zahlreiche Buchten, in denen man kostenlos vor Anker gehen kann. Empfehlenswert ist hierfür das Buch: Kroatien – 888 Häfen und Buchten, die App Navily sowie die Webseite NOFOREIGNLAND, auf der ihr übrigens unseren Reisen folgen könnt.
  • Wer sich selbst verpflegen möchte, findet in Supermärkten wie Konzum oder Studenac vieles, was das Herz begehrt, das Angebot an Bio-Produkten ist jedoch beschränkt. Für mich, die ich seit vielen Monaten nicht mehr in Deutschland gewesen bin, war der Besuch eines dm-Marktes eine willkommene Gelegenheit, um mich mit diversen Bio-Lebensmitteln, Naturkosmetik und schonenden Reinigungsprodukten einzudecken, die ich sonst einfach nirgends finden konnte. Auch Lidl und Müller gibt es in Kroatien, die Preise der deutschen Ketten sind jedoch insgesamt eher sportlich.
  • Wie bereits erwähnt ist die kroatische Küche eher deftig, mit viel Fleisch und Fisch und wenig vegetarischer, geschweige denn veganer Auswahl. Auf den Webseiten Veganopolis und Happy Cow könnt ihr gezielt nach Restaurants suchen, die vegane und vegetarische Speisen anbieten.