Plant unsereins nach Sizilien zu reisen, bereitet einem bereits die Aussicht darauf pure Freude. Wir freuen uns auf den erstklassigen Kaffee, köstlichen Ricotta, saftige Tomaten und Oliven und natürlich auf die wunderschönen Strände, Berglandschaften und den atemberaubenden Vulkan Ätna. Was bei der Reiseplanung hingegen oftmals weniger Beachtung findet, sind die mafiösen Machenschaften vor Ort.

Tatsächlich bekommt man als Reisende*r davon auch nur wenig mit. Dennoch ist es für viele Sizilianer*innen ganz normaler Alltag. Viele Unternehmen, darunter auch eine Vielzahl touristischer Betriebe, zahlen wie selbstverständlich Schutzgeld („pizzo“) an die Mafia. Es wird als eine Art Steuer angesehen, die sich auf Sizilien über Jahrzehnte entwickeln konnte und eine lange Tradition hat. Darüber spricht so gut wie niemand, aber noch immer agiert die sizilianische Mafia wie eine Art Schattenregierung, die in der von hoher Arbeitslosigkeit geprägten Region oftmals sogar Jobs, Wohnungen und die medizinische Versorgung stellt. Die Coronakrise und die schwierige wirtschaftliche Situation haben dafür gesorgt, dass das organisierte Verbrechen ihre Position sogar eher stärken als schwächen konnte.

Blick in eine sizilianische Gasse
Palermo

Wie gesellschaftliche Bewegungen mutig gegen die Mafia kämpfen

Glücklicherweise gibt es mittlerweile zivilgesellschaftliche Initiativen, die das Ganze nicht mehr als Selbstverständlichkeit hinnehmen möchten. Die Initiative „Addiopizzo“, was übersetzt soviel bedeutet wie „Auf Wiedersehen Schutzgeld!“ und ermutigt Unternehmen, sich nicht länger erpressen zu lassen und Vorfälle stattdessen bei der Polizei zu melden. Konnte die Mafia jahrzehntelang auf das angsterfüllte Schweigen der Menschen setzen, haben sie mit „Addiopizzo“ einen ernstzunehmenden Gegenspieler erhalten.

Gegründet wurde die Bewegung 2004 von einer Gruppe von Freunden, die eigentlich planten, eine Bar in Palermo zu eröffnen. Aus Angst vor möglichen Schutzgelderpressungen durch die Mafia unterließen sie ihr Vorhaben jedoch und gründeten kurzerhand die Initiative „Addiopizzo“. In einer Guerilla-Aktion verteilten sie über Nacht Sticker mit der Aufschrift „UN INTERO POPOLO CHE PAGA IL PIZZO È UN POPOLO SENZA DIGNITÀ“ (zu Deutsch: „Ein ganzes Volk, das Schutzgeld zahlt, ist ein Volk ohne Würde“) im Stadtbild von Palermo.

In einer Nacht und Nebelaktion verteilte die Organisation diese Sticker in Palermo

Dort einkaufen, wo keine Schutzgelder gezahlt werden

Seither stellt sich die Antimafia-Bewegung mutig gegen das organisierte Verbrechen vor Ort. Mit Erfolg: Mehr als 1.000 Unternehmen sind heute Teil der Bewegung, die man im Übrigen auch gut als Reisende*r an dem Sticker mit der Aufschrift „Pago chi non paga“ – zu Deutsch „Ich bezahle diejenigen, die nicht zahlen“ – erkennen kann, die häufig an den Türen der Geschäfte kleben. Vor allem in größeren Städten findet man diese Sticker mittlerweile immer häufiger. In der gleichnamigen App werden die Mitglieder der Bewegung übersichtlich aufgelistet und so kann die App dabei behilflich sein, mafiafreie Konsumentscheidungen zu treffen.

Mafiafreien Tourismus mit „Addiopizzo Travel“ erleben

2009 etablierte sich dann als der Reiseveranstalter „Addiopizzo Travel“ als Ableger aus der Antimafia-Bewegung heraus. Sie bieten unterschiedliche Stadtführungen an, bei denen es immer um den Einfluss der Mafia und die Gegenbewegung geht und bei denen nachhaltige Alternativen aufgezeigt werden.

Vom ehemaligen Mafia-Land zur Bio-Landwirtschaft

Was sich in Metropolen und städtischen Gegenden dank „Addiopizzo“ bereits erfolgreich etablieren konnte, gestaltet sich in ländlichen Regionen noch immer schwierig. Vor allem in bevölkerungsarmen Regionen ist die Angst vor den mafiösen Strukturen leider noch immer groß und so hat das organisierte Verbrechen es dort auch vergleichsweise leicht.

Eindrücke der Stadt

Eine tolle Initiative, dich sich dem entgegenstellt, ist „Libera Terra“ (zu Deutsch: „Freies Land“). Dank der Organisation können Kommunen beschlagnahmtes Land an Kooperativen vergeben, die die Liegenschaft dann langfristig und kostengünstig pachten können. Nach gehobenen ökologischen und sozialen Vorgaben nutzen die Menschen von „Libera Terra“ die ehemaligen Mafia-Ländereien zu Bio-Landwirtschaft um. Heute wächst hier alles, von Obst und Gemüse bis zu Wein und Oliven, die dann wiederum zu hochwertigen Produkten verarbeitet werden und in den „Libera“-Shops verkauft werden. Neben dem politischen Statement werden die Produkte heute auch wegen ihrer erstklassigen Qualität von der lokalen Slowfood-Szene sehr geschätzt.

Bei der nächsten Sizilien-Reise selbst ein Zeichen setzen

Das Engagement der beiden Iniativen zeigt, dass ein Leben ohne Mafia in Sizilien durchaus möglich ist. Wir als Reisende können dabei ebenfalls einen Beitrag leisten, indem wir diese wertvolle Arbeit anerkennen und bei unserer nächsten Sizilien-Reise unterstützen – beispielsweise indem wir bei einer „Addiopizzo“-Stadtführung teilnehmen oder Produkte dort einkaufen, wo sich die Menschen tagtäglich mutig gegen die Mafia stellen.

Weiterlesen zum Thema:

Addiopizzo (in englischer Sprache)

Libera Terra (in englischer Sprache)