Es gibt immer einen guten Grund zum Reisen. Ein besonders guter ist es, wenn es einem gleichzeitig die Möglichkeit gibt, Freund:innen zu besuchen. So hatte ich das Glück meine beste Freundin Hanna in Schweden zu besuchen. Sie studiert aktuell auf der Insel Gotland, der größten schwedischen Insel. Da ich mir nach den Osterfeiertagen eine Woche frei nehmen konnte, war dies die perfekte Gelegenheit.

Gotland, ich komme

Nun stellte sich natürlich zunächst einmal die Frage, wie komme ich am besten auf diese Insel? Es gibt mehrere Optionen – wie beispielsweise die direkte Fähre von Rostock nach Visby von Hansa Destination, der größten Stadt auf Gotland. Leider fährt diese aktuell nur einmal in der Woche. Dann entdeckte ich den schwedischen Zug Snälltåget, welcher von April bis September täglich über Nacht von Berlin nach Stockholm – und das ganz ohne Umsteigen. Natürlich habe ich damit gerechnet, dass der Zug unendlich teuer ist und am Ende keine wirkliche Alternative zum Fliegen bietet. Umso überraschter war ich als ich die Daten eingab und das Ticket für nur 350 schwedische Kronen, also circa 35 Euro, angeboten wurde. Für noch einmal 30 Euro extra buchte ich mir ein Schlafabteil dazu. Von Stockholm konnte ich mir eine Fähre mit Destination Gotland buchen, die mehrmals täglich das Festland mit der Insel verbindet. Für den Rückweg entschied ich mich dann dennoch für einen Rückflug, damit ich einen Tag mehr auf der Insel verbringen konnte. Immerhin bietet Scandinavian Airline die Möglichkeit, sich für Biokraftstoff zu entscheiden und somit die Emissionen etwas zu reduzieren. Nachdem alles geplant und gebucht war, konnte meine Reise nach dem Osterwochenende, am 19. April beginnen.

Mit dem Nachtzug nach Schweden

Mit dem Nachtzug von Berlin bis Stockholm

Abfahrt am Berliner Hauptbahnhof war pünktlich um 20:58 Uhr. Ich stieg in den Zug ein. Das Abteil und auch das Bett, in dem ich schlafen sollte, waren bereits bei der Buchung ausgesucht. Ich hatte mich für das unterste Bett entschieden. Durch vergangene Zugreisen wusste ich, dass es oben sehr warm werden konnte. Das Schönste an diesen alten Zügen ist, dass sich die Fenster noch öffnen lassen. So stecke ich den Kopf hinaus, als wir den Berliner Hauptbahnhof im letzten Dämmerlicht verließen.

Ich teilte mir das Abteil mit zwei weiteren Personen. Jason, ein Amerikaner der bereits seit einigen Jahren in Stockholm lebte, wo er für ein nachhaltiges Start-Up arbeitete. Und Avar, gebürtige Schwedin, die nach einem Auslandsaufenthalt in Südamerika nicht mehr mit dem Reisen aufhören konnte und seitdem immer mal hier mal da lebte. Wir kauften uns im kleinen Shop einen Wagen weiter ein paar Getränke und unterhielten uns gemütlich bei etwas Musik und Snacks im Abteil. Um kurz vor Mitternacht erreichten wir Hamburg. Dort stieg noch eine weitere Person zu, ein junger Dozent der Uppsala Universität. Bald machten wir das Licht aus und kuschelten uns auf unseren schmalen Betten in die bereitgestellten Decken und Kissen.

Morgenkaffee im Snälltåget

Die Nacht wurde lediglich gegen 2:30 Uhr unterbrochen, als die Polizei an der Grenze zu Dänemark eine Passkontrolle durchführte. Als ich das nächste Mal aufwachte, war es bereits kurz vor sieben Uhr und wir fuhren gerade auf die Öresundbrücke, die Dänemark und Schweden verbindet. Ich blieb noch eine Weile im Bett liegen, ehe ich mich gegen neun Uhr zu den anderen in den Speisewagen „The Pub“, welcher in Malmö angehangen wurde, gesellte. Jason war mit seinem Laptop am Arbeiten, da er sich nicht extra einen Tag frei nehmen wollte. Ich hatte zuvor einen Platz reserviert, so konnte ich um 10:45 Uhr mein Frühstück bestellen. Da der Übergang von Frühstück zu Mittagessen sehr fließend ist, gibt es bereits warme Gerichte wie rote Beete Patties, aber auch Pancakes. Im Kiosk zwei Wagen weiter, gab es zudem schon früher am morgen kleine Snack-Pakete. Der Kaffee kann hier – selbstverständlich – mit Hafermilch bestellt werden. Die Fahrt ging durch die schwedische Landschaft, vorbei an Wäldern, Seen und natürlich den typischen rot-weißen Häuschen, ehe wir pünktlich um kurz nach 14 Uhr Stockholm Central erreichten.

Entspannte Anreise im Zug
Auf der Fähre
Urige Innenräume

Mit der Fähre von Stockholm bis Gotland

Da die nächste Fähre von Gotland aus erst um 20:45 Uhr ablegte, hatte ich nun ein paar Stunden Zeit, um Stockholm zu erkunden. Ich war hier bereits vor etlichen Jahren gewesen, doch konnte mich nicht mehr ans viel erinnern: Das Einzige, an das ich mich noch erinnern konnte, war das Vasa Museum, welches durch seine außergewöhnliche Architektur mit den zwei riesigen Masten, das im Museum verborgene Schiff symbolisieren. Ich spazierte also vom Hauptbahnhof entlang der Promenaden in Richtung des Botanischen Gartens. Da sich Stockholm über unzählige Inseln erstreckt, führen fast alle Wege am Wasser entlang. Zudem finden sich überall Parks und ruhige Ecken, die zum Verweilen einladen.

Ich machte nach etwa einer Stunde eine Pause in einem der Parkanlagen direkt am Wasser, mit einem wunderbaren Blick auf das Panorama von Stockholm. Danach schlenderte ich durch die Nebenstraßen zurück, vorbei an schicken designer Boutiquen und netten Cafés. Auch hier in Stockholm machte sich das Umdenken in der Infrastruktur bemerkbar, neben breiten Radwegen vielen vor allem die Sitzplätze vor den Restaurants auf, die auf Holzplateaus auf ehemalige Parkplätze gebaut waren. Zurück am Bahnhof nahm ich den Bus zum Hafen in Nymäshamn, was etwa 50 Minuten von Stockholm entfernt liegt.

Blick auf den Hafen bei Köttbullar

Der Fährterminal gleicht mehr einem Flughafen, mit digitalem Ticket Check-In und einem kleinen Café. Über die Gangway ging es auf die Fähre. Kurz nach Abfahrt ging das rege Treiben im Board-Restaurant los. Neben den klassischen Köttbullar gab es auch hier eine Auswahl an vegetarischen Gerichten und einer veganen Option.  Nach dem Essen erkundete ich noch kurz die Außenterrasse bevor ich mich wieder zu meinem Platz begab und mich mit leichtem Seegang gemütlich mit einem Buch in der Hand nach Gotland schaukeln lies.

Der Hafen von Gotland liegt direkt an der Altstadt von Visby. Neben der Promenade befindet sich auch der Campus der Uppsala University von Gotland. Von hier ging es ein paar Minuten zu Fuß den Berg hinauf zur Wohnung von Hanna, mit einem herrlichen Blick auf den Hafen und das Meer.

Visby
Das farbenfrohe Städtchen Visby

Nachhaltigkeit auf Gotland – Besuch in der Surflogiet

Während die Hanna und zwei weitere Freundinnen, die gerade zu Besuch waren, den nächsten Tag in der Bibliothek der Uppsala Universität verbrachten, schwang ich mich aufs Rad. Direkt am Hafen, hinter der größten Eisdiele Europas mit über 300 verschiedenen Sorten, findet sich ein großer Fahrradverleih, der diverse Räder als auch E-Roller anbietet. Mein Ziel war die Surflogiet, etwa 20 Kilometer südlich von Visby bei Tofta. Ich kannte diese Unterkunft unter anderem schon, weil Hanna mir bereits erzählt hatte, dass sie hier für einige Monate im Sommer arbeiten wollen würde und dass sie sich das Thema Nachhaltigkeit groß auf die Fahnen geschrieben hatten.

Vor Ort zeigte mir Victor, einer der Hauptangestellten vor Ort, ein wenig das Gelände. Da die Saison erst Ende Mai beginnt, war vieles noch im Aufbau, dennoch wurde die Liebe zum Detail und vor allem der Anspruch und Umgang mit einem nachhaltigeren Tourismus sehr deutlich. Dies zeigte sich auch in der Begeisterung mit der er über das Projekt sprach. Begonnen hatte alles als kleine Surf-Hütte in den 80er Jahren. Mittlerweile bot die Surflogiet in den Sommermonaten etwa 70 Menschen einen Arbeitsplatz mit Sinn und guter Aussicht.

Von den Möbeln in der Beach Bar, die sie zum Teil aus den angespülten Holzresten bauten, die im Frühjahr am Strand gesammelt wurden, oder Tischen aus alten hölzernen Kabelrollen von Bauern. Über den kompletten Verzicht auf Plastikmaterial und Verpackung, bis hin zur lokalen Zusammenarbeit mit Bauern, damit so viele Produkte wie möglich auf der Insel, gekauft werden können. Zum Teil nur einige 100 Meter entfernt. Bei einigen Produkten, wie beispielsweise Pommes, arbeite man mit anderen Hotels zusammen, mehr lokale Nachfrage zu schaffen, damit auch diese Produktion und damit verbundene Beschaffung von Maschinen für die Bauern lohnenswert wird.

Surflogiet
am Meer

Neben den 11 Tipi-Zelten bietet die Surflogiet zudem ein öffentliches Restaurant für etwa 120 Gäste, die es sich direkt am Strand gemütlich machen können. Auch kleine Events können hier gefeiert werden. Ein weiteres Highlight ist natürlich die kleine Sauna, die einen direkten Blick auf das fast schon karibisch türkise Meer mit weißem Sandstrand bietet. Ein wirklich inspirierender Ort, an dem Nachhaltigkeit von Anfang bis Ende gelebt wird.

Auf dem Rückweg nahm ich einen kleinen Umweg auf mich. Da es recht windig war, freute ich mich sowieso über kleine etwas geschütztere Nebenstraßen. Der Weg führte durch kleine Dörfer, die noch nicht so richtig aus dem Winterschlaf erwacht waren, auch wenn die Vögel sich bereits alle Mühe gaben dies zu ändern, und die ersten Blumen die Wiesen in herrlichen Gelb- und Blautönen erstrahlen ließen. Es ging entlang der Küste am Stiftelsen Fridhem, einem ehemaligen Landhaus, mit einem kleinen Wasserfall und der Villa Kunterbunt von Pipi Langstrumpf in Kneippbyn, welche heute allerdings von einem riesigen Vergnügungspark umgeben ist. Zuletzt hat man vom Södra Hällarna Naturreservat einen herrlichen Blick entlang der Steilküste vor den Toren Visbys, ehe es wieder in die von den alten Stadtmauern geht. Diese gehören übrigens zu den noch am besten erhaltenen mittelalterlichen Stadtmauern in Europa.

Auf Fahrradtour

Eintauchen in die Natur – mit Sport und Genuss

Wer Visby und die Umgebung auf eine ganz andere sportliche Art kennenlernen möchte, für den sind die Touren von Running Tours Gotland genau das richtige. Seit dem Jahr 2021 bieten William – der auf der Insel geboren und aufgewachsen ist – und sein Vater Mathias ein ganz besonderes Erlebnis an. Auf einer Strecke von derzeit fünf oder zehn Kilometern verbinden sie Laufen und Sightseeing miteinander. Sie wollen so eine neue und vor allem nachhaltigere Möglichkeit zu schaffen, die Insel zu erkunden. Das Angebot gibt es in den Sommermonaten von Juni bis August wöchentlich. Los ging es an einem der Stadttore der Altstadt von Visby. Nach einer kurzen Einführung liefen wir zunächst entlang der alten Gemäuer, durch die Parkanlage, die sich entlang der gesamten Mauer durch die Stadt zieht. Von hier ging es durch ein anliegendes Naturreservat auf der nördlichen Seite der Stadt durch die Wiesen und Wälder mit einigen Steigungen, die uns im Anschluss aber einen herrlichen Blick über die Stadt lieferten. Immer wieder wurden kleine Pausen eingelegt, sodass wir die Aussicht genießen und William ein paar Infos zur lokalen Umgebung geben konnte.

Die drei wichtigsten Werte, welche die beiden mit dieser ganz besonderen Angebot vermitteln wollen sind: die Kultur und Geschichte der Insel näher zu bringen, keinen negativen Einfluss in der Natur zu hinterlassen und durch den Sport gleichzeitig auch auf sich selbst zu achten. Am Ende werden 2 % der Einnahmen für Naturschutzprojekte auf Gotland und der Ostsee gespendet. Der Lauf endete mit kleinen Erfrischungen und Snacks von lokalen Produzenten im Almedalen Park direkt vor der historischen Altstadt mit Blick auf das Meer.

 

Toller Blick
Mit Freunden kochen
Draußen Essen

Und wo wir schon beim Thema Essen sind, eine ganz besondere Aktion, die ihr übrigens überall in Schweden machen könnt ist das Edible Country. Auf Gotland findet ihr diese ganz besondere Aktivität in Salthamn. Dieser ehemalige Hof wird von Jaqueline und ihrer Familie und Mitarbeitenden nach und nach zu einer nachhaltigen Farm mit diversen Unterkünften umgebaut. Im anliegenden Wald mit Blick aufs Meer, findet sich ein Tisch inmitten der Natur. Die Idee von Edible Country ist es, hier voll und ganz in die Natur einzutauchen. Es werden nicht nur regionale, sondern auch saisonale Rezepte gekocht, die sich an den Kräutern bedient, die direkt um den Tisch herum wachsen. Auf Gotland war gerade Bärlauch Saison und der ganze Waldboden war davon übersät. Wir mussten uns nur bücken und hatten die Hauptzutat für unser Gericht direkt in der Hand. Das Rezept wurde uns bereitgestellt, sowie alle weiteren Zutaten. Die Zubereitung durften wir dann selbst direkt vor Ort übernehmen. Eine wirklich einzigartige Erfahrung. Und frischer kann ein Essen kaum zubereitet werden.

Die letzten Tage verbrachten wir noch mit einem kleinen Stadtbummel durch die historische Altstadt, in den verschiedenen Cafés natürlich mit Zimtschnecken und in der Sauna direkt am Wasser. Eine kurze Abkühlung in der 5 Grad kalten Ostsee durfte da natürlich nicht fehlen.

Für alle Reisenden, der einen Ort zum runterkommen und Entspannen suchen, ist Gotland auf jeden Fall die perfekte Destination. Die Insel bietet sowohl Kultur, Geschichte und eine junge und lebendige Stadt voller kleiner Läden und hippen Cafés, als auch unberührte Natur und ewige Weiten ohne eine Menschenseele. Besonders im Frühjahr oder Herbst, außerhalb der Hauptreisezeit, ist dies ein wirklich einzigartiger Ort.

Hütte
Abendstimmung