Ina lebt als freie Journalistin und digitale Nomadin seit 2017 auf einem Segelboot im Mittelmeer. In diesem Gastbeitrag erzählt sie, wie es dazu kam und was sie tut, um den Alltag auf ihrem schwimmenden Zuhause so nachhaltig wie möglich zu gestalten.

„Why don’t you come sailing with me? Just for two weeks?” Das war vor dreieinhalb Jahren. Mike und ich lernten uns 2017 auf dem Jakobsweg kennen, auf dem wir aus ganz unterschiedlichen Gründen gelandet waren. Verlusterfahrungen und Enttäuschungen, Sinnsuche, Karriere- und Beziehungskrisen – von allem war etwas dabei. Wenige Wochen später besuchte ich ihn in Griechenland, wo sein 12,5 Meter langes und vier Meter breites Segelboot „Quench“ mein Leben verändern sollte.

Als ich zum ersten Mal selbst das Steuer in Händen hielt, ließ ich es für 50 Meilen nicht mehr los. Ich segelte von der Insel Serifos bis ans griechische Festland, wo wir bei Sonnenuntergang vor dem majestätischen Poseidon-Tempel in Sounion vor Anker gingen. Ich hatte Blut geleckt – oder vielmehr: Meersalz geschmeckt. Den Wind, die Wellen, die Elemente und eine neue Energie gespürt. Und so blieb ich. Auf dem Boot und bei Mike.

Ausblick vom Segelboot
Ina schreibt auf dem Segelboot in ihr Notizbuch

Klimawandel hautnah erleben

Seit ich auf einem Segelboot lebe, habe ich ein neues Bewusstsein für die Natur in all ihrer Herrlichkeit und Gewaltigkeit erlangt. In den letzten drei Jahren gab es im Mittelmeer zwei Medicane – das sind Hurrican-ähnliche Stürme, die wie tosende Kreisel das Meer, die Küsten und das Festland unsicher machen und eine Spur der Verwüstung hinter sich herziehen. Einem dieser Tornados entkamen wir nur um Haaresbreite, andere Unwetter erwischten uns völlig unerwartet und ließen uns nicht nur um unser Boot, sondern auch um unser Leben bangen.

Für uns besteht kein Zweifel: der Klimawandel ist real, und wir sind mittendrin. Nicht nur die Lufttemperaturen, auch die Temperatur des Weltmeers steigt unaufhaltsam an, was Wetterextreme rund um den Globus verschärft. All dies erleben wir hautnah, und es bringt uns regelmäßig an unsere Grenzen. Während für die meisten Menschen ein schneller Blick aufs Smartphone ausreicht, um einschätzen zu können, ob sie einen Regenschirm einpacken sollen oder nicht, beschäftigen wir uns oft stundenlang mit dem Prüfen und Vergleichen diverser Wetter-Apps – eine notwendige Routine, um sicher unterwegs zu sein. Und natürlich, um effizient segeln zu können.

Die Wetterlage auf dem Mittelmeer kann sich jederzeit ändern

Segeln bedeutet Reisen mit geringem CO2-Fußabdruck

So bedrohlich das Meer und der Wind auch sein können, so dankbar sind wir, dass sie es uns ermöglichen, mit minimalem CO2-Fußabdruck diese wunderbare Welt zu erkunden. Unseren Motor nutzen wir meist nur zum „ein- und ausparken“, also wenn wir den Anker lichten oder vor Anker gehen. Um an Land zu gelangen, haben wir zwar ein Beiboot mit Außenbordmotor, beides nutzen wir jedoch nur, wenn wir Gäste haben. Zu zweit reicht uns das Kajak, mit dem wir auch unsere Einkäufe an Bord paddeln. Unsere Batterien, die Navigationsinstrumente, Kühlschrank, Beleuchtung und diverse andere Gerätschaften mit Strom versorgen, speisen sich dank Solarkollektoren direkt aus der Sonne Südeuropas.

Bewusstsein für den eigenen Ressourcenverbrauch

Auf unseren Reisen sind der nächste Supermarkt und die nächste Tankstelle nicht immer um die Ecke. Es ist nicht selbstverständlich, dass Wasser aus dem Wasserhahn und Strom aus der Steckdose fließt. Unser weitgehend autarker, nachhaltiger Lebensstil ist das Ergebnis von Sparsamkeit, guter Planung und dem ständigen Bewusstsein für den eigenen Ressourcenverbrauch. So wissen wir etwa immer genau, wie viel Energie wir produzieren, wie es um die Ladung unserer Batterien bestellt ist und wie viel Strom wir gerade verbrauchen. An einem wolkigen Tag müssen manche Geräte dann eben abgeschaltet werden. Als im letzten Jahr ein neuer Laptop fällig wurde, war daher mein wichtigstes Kaufkriterium: eine lange Akkulaufzeit, mindestens 8 Stunden. Was ich jedoch nicht berücksichtigt hatte war, wie viel Strom das Gerät braucht, um zu laden: mehr als unser Kühlschrank! Seither achte ich penibel darauf, den Laptop vor allem dann zu laden, wenn die pralle Sonne scheint, was während unserer Segelmonate – also von April bis Oktober – zum Glück nur selten ein Problem ist. Und im Winter?

Büro mal anders: Dieses Bild entstand in Kardamili, Griechenland

Überwintern in Gemeinschaft: Geselligkeit, Tauschbörse und Repair-Café

In den Wintermonaten sind die Stürme im Mittelmeer besonders garstig, und auch die Temperaturen können an Bord empfindlich abkühlen. Deshalb verbringen viele Dauersegler – darunter auch wir – diese Zeit fest in einem Hafen, wo es auch Strom- und Wasseranschlüsse gibt. Über die Jahre haben sich einige dieser Häfen zu lebendigen Winter-Communities entwickelt. Hier kommen auf engstem Raum, Bug an Bug, die unterschiedlichsten Menschen zusammen, und alle haben mindestens einen gemeinsamen Nenner: sie lieben das Meer, den Wind und das Segeln.

Von jung bis alt, von arm bis reich, vom Newbie bis zum waschechten Seebären ist hier alles anzutreffen. Und das ist gut so, denn Winterzeit ist die Zeit, um die endlose Liste an Renovierungsarbeiten und Reparaturen abzuarbeiten, für die während der Segelsaison Muße und Material fehlten. Was kommt da gelegener, als sich mit vielen handwerklich begabten, kreativen Köpfen zu umgeben, für die es vollkommen selbstverständlich ist, sich gegenseitig mit Rat und Tat zur Seite zu stehen? Und wer beim winterlichen Ausmisten etwas ausrangiert, findet meist innerhalb kürzester Zeit jemanden, der es umsonst oder gegen eine kleine Spende dankbar entgegennimmt – egal ob Kleidung, Bücher, Elektrogeräte, Seile, Werkzeug oder Ersatzteile. Gelegentliches Car-Sharing ist genauso üblich wie der rege Austausch zu den schönsten Segel-Destinationen und den besten Ankerplätzen. Gemeinsame sportliche Aktivitäten und Musizieren, Spieleabende und Ausflüge runden das Ganze ab. Und das Beste daran: alles geht – nichts muss.

Sonnenaufgang im Winter
Kostenlose Masken für die Winter-Community

Wenig Platz, mehr Freiheit: Minimalismus an Bord

Meine letzte feste Wohnung in Düsseldorf war 120 Quadratmeter groß. Was hier keinen Platz fand oder störte, wurde im Keller verstaut. Mein Kleiderschrank erstreckte sich über die gesamte Schlafzimmerwand, und in meinem Jugendzimmer bei meinen Eltern gab es sicherheitshalber noch einen zusätzlichen Bestand unzähliger Klamotten – man weiß ja nie, wann die Textilindustrie das nächste Mal zusammenbricht. Mein Kleiderstauraum an Board (nein, das Wort „Kleiderschrank“ wird dem nicht gerecht) ist 80 cm breit, 90 cm hoch und 60 cm tief.

In meinen Küchenschrank passen Gedeck und Geschirr für maximal sechs Personen. Haltbare Lebensmittel befinden sich unter den Fußbodenbrettern, Verderbliches im Kühlschrank mit Mini-Gefrierfach, der zugleich Arbeitsfläche ist. Was überflüssig oder nicht gut verstaut ist, fliegt uns beim nächsten Segeltörn um die Ohren. Deshalb muss für jede Neuanschaffung ein anderer Gegenstand das Boot verlassen. Ich erinnere mich, wie wir im Winter vor zwei Jahren mit Freunden zu IKEA fuhren. Wir kamen mit vier hölzernen Kleiderhaken und einem zufriedenen Grinsen nach Hause. Weil wir wissen: weniger ist Meer.

Das Schlafgemach des Segelboots
Einblick in den Salon vom Segelboot Quench

Unterwegs mit wenig Geld

Obwohl unser Boot – eine Jeanneau 42 DS, Baujahr 2010 – ein recht modernes Segelboot ist, passen wir in vielerlei Hinsicht nicht in das Klischee-Bild typischer „Jacht-Besitzer“. Unsere Ersparnisse haben ziemlich genau so lange entspannt ausgereicht, bis ich mit dem Schreiben und Mike mit Gelegenheitsjobs auf anderen Booten allmählich genug verdienten, um uns eben „über Wasser zu halten“.

Als Low-Budget-Reisende sind wir, außer im Winter, fast nie in Häfen anzutreffen. Denn Hafenpreise nehmen mancherorts, vor allem in den Sommermonaten in Italien, geradezu absurde Ausmaße an. 120€ pro Nacht für zwei Leinen, mittelmäßiges Frischwasser, annehmbare sanitäre Anlagen und einen Stromanschluss, den wir nicht brauchen? Nein, danke.

Allerdings ist Frischwasser eines der kostbarsten Güter an Bord. 320 Liter fassen unsere Wassertanks – weniger als zwei Badewannen voll. Um nicht ständig auf teure Häfen angewiesen zu sein, in denen wir unsere Tanks füllen können, haben wir unseren „Powersurvivor“, einen Wasser-Entsalzer, der mithilfe unseres Solarstroms täglich bis zu 40 Liter Frischwasser erzeugt. Genug zum Trinken, Kochen, Abwaschen und Duschen – vorausgesetzt, die Sonne versorgt uns mit genügend Energie.

Plastikmüll reduzieren und Stände davon befreien

Unser Wasser-Entsalzer hilft uns auch dabei, Müll zu vermeiden. Denn das Leitungswasser hier ist oft von solch schlechter Qualität, dass es nicht als Trinkwasser geeignet ist. Unser eigenes Wasser können wir hingegen bedenkenlos trinken und sparen damit jede Menge Plastikflaschen. Denn davon gibt es im Meer definitiv schon genug, wie wir immer wieder betroffen feststellen.

Unzählige Male sind wir scheinbar im Paradies vor Anker gegangen, um dann beim Strandspaziergang über ganze Müllberge zu stolpern, die von der See angespült wurden. In drei Jahren habe ich unzählige Strände und Buchten von Plastikmüll befreit und erntete als Reaktionen alles: vom verärgerten Kopfschütteln über den gereckten Daumen bis zum begeisterten Mitmachen.

Oft wurde ich gefragt, ob mir nicht klar sei, dass es in einer Woche wieder so aussehen wird wie vorher. Ob ich nicht wisse, wie wenig vier Müllsäcke sind im Vergleich zu den Unmassen an Plastik, das nur darauf wartet, angespült zu werden? Natürlich ist mir das bewusst. Eine Antwort hat sich jedoch bewährt, um die Diskussionen über die offensichtliche Sinnlosigkeit meines Handelns einvernehmlich zu einem Ende zu bringen. „Ich liebe Ihr Land und möchte ihm etwas zurückgeben, indem ich hier ein bisschen aufräume“. Damit kann sich irgendwie jeder arrangieren.

Impressionen von einem Beach Cleanup in Griechenland

Lokale Infrastrukturen nutzen

Während der Segelmonate haben wir keine feste Postadresse. Das bedeutet für uns, dass wir nur das kaufen können, was es vor Ort gibt. Online-Shopping geht nur in den Wintermonaten, und erfolgt dann anhand unserer „Weniger-ist-Meer“-Strategie: Wir bestellen nur das, was wir wirklich brauchen. Natürlich sehnen wir uns auch im Sommer manchmal nach der Bequemlichkeit des digitalen Einkaufswagens, der uns das Gewünschte direkt vor die Bootsplanke bringt. Tatsächlich stellen wir jedoch immer wieder fest: das Einzige, was wir wirklich kaufen müssen, ist Essen. Und das bekommen wir auch beim Minimarkt im Dorf.

Besser geht immer: ein Ausblick für noch mehr Nachhaltigkeit

Wir haben mit unserem Lebensstil sicher nicht das Rad neu erfunden, und natürlich gibt es Aspekte, die in Sachen Nachhaltigkeit noch verbessert werden können. Neulich erzählte uns ein Freund beim Abendessen voller Begeisterung von seiner Komposttoilette – ein Gedanke, der uns zugegebenermaßen bisher noch nicht gekommen war. Mit einem Windgenerator hingegen, der auch nachts oder bei bewölktem Himmel Strom erzeugt, liebäugeln wir schon länger. Außerdem wäre eine bessere Isolierung des Bootes gegen Hitze und Kälte nicht verkehrt.

Die größte Baustelle ist jedoch das Thema „Antifouling“. Darunter versteht man einen Schutzanstrich, der verhindert, dass der unter Wasser liegende Teil des Bootes binnen weniger Tage mit Muscheln und Seepocken zuwächst, was die Geschwindigkeit drosselt und den Treibstoffverbrauch erhöht. Leider enthalten die meisten Antifouling-Farben giftige, umweltschädliche Substanzen. Inzwischen gibt es jedoch Alternativen, zum Beispiel Sensoren, die an der Rumpfinnenseite angebracht werden und durch Ultraschallwellen verhindern sollen, dass sich Organismen ansiedeln. Langweilig wird es uns jedenfalls nicht.

Trotz Corona in Bewegung bleiben

Corona hat vielen Menschen vor Augen geführt, wie kostbar das Gut Freiheit ist. Wir sind letztes Jahr, wenn auch etwas später als geplant, einmal um Sizilien herumgesegelt. Sind auf Vulkane geklettert, haben unzählige Sonnenauf- und -untergänge genossen, Delfine gezählt und das Leben gefeiert. Da wir fast ausschließlich ankern ist Abstand-halten für uns eine Selbstverständlichkeit. Und so hat uns Corona – bis auf die obligatorische Gesichtsmaske im Supermarkt – kaum eingeschränkt. All denen, die nachhaltig reisen möchten und dabei Ruhe und Erholung suchen, es mit sich selbst gut aushalten können und lernen möchten, echten Stress (Hilfe, 60 Knoten, wir sterben gleich!) von unechtem Stress (ich glaube, ich schaffe die Artikeldeadline nicht!) zu unterscheiden, kann ich eine Auszeit an Bord wärmstens empfehlen. Doch Vorsicht ist geboten. Aus zwei Wochen werden rasch dreieinhalb Jahre.

Ina auf dem Steg
Vor Anker in Griechenland