Einfach mal das Land verändern

Vergangene Woche trat zum ersten Mal der neue Bundestag zusammen. Er ist so jung und divers wie nie zuvor. Schahina Gambir gehört zu den Neulingen im Parlament. Vor 28 Jahren floh sie mit ihrer Familie aus Kabul nach Deutschland, jetzt sitzt sie für Bündnis 90/Die Grünen im Zentrum der Macht. Und kämpft für eine offene, demokratische Gesellschaft ohne Rassismus. Es ist einer jener Morgen im Berliner Regierungsviertel, die sich anfühlen wie vor dem Anpfiff zu einem großen Spiel. Die Reichstagsfront ist abgesperrt, Polizei-Wannen säumen die Zugänge, Limousinen stehen Schlange vor dem Abgeordnetenhaus. TV-Teams eilen mit Angelmikros, Windschutzpuscheln und Handkameras Richtung Platz der Republik. Vorbei an Aktivist:innen, die mit Yogaübungen und gedehnten Beats für die Einführung einer Kreislaufwirtschaft demonstrieren. ­„Hallo“, ruft Ben Hufschmidt, Mitarbeiter im Berliner Bundestagsbüro von Schahina Gambir und winkt. „Schahina gibt gerade noch ein Interview für Arte.“ Da hinten steht sie schon, steil im Wind, das Halstuch flattert, der Arte-Redakteur nickt. Los geht’s. Zur konstituierenden Sitzung des 20. Deutschen Bundestages. Schahina Gambir, knallrotes Lachen, schwarze Haare, beiger Hosenanzug, ist eine der neuen Abgeordneten des …

Unser erstes Mal als Wahlhelferinnen

Das Berliner Wahlchaos hat gezeigt, was alles schieflaufen kann bei Wahlen in einer Demokratie. Anja Dilk und Astrid Ehrenhauser hatten sich freiwillig als Wahlhelferinnen gemeldet. Erfahrungen aus zwei Berliner Wahllokalen. ● Der Wecker klingelt gefühlte fünf Minuten nach dem Einschlafen. Partyschwere, meine Lust auf Demokratie ist auf einem historischen Tiefstand. Ein Auge auf, oh Gott, ich muss ihn überhört haben, 6.39 Uhr, um 7 Uhr geht es los. Wahlhelfer:innen, die nicht erscheinen, zahlen bis zu 1.000 Euro Strafe. 15 Minuten später radle ich durchs verschlafene Sonntagmorgen-Berlin nach Schöneberg. ▲ Zwei Stunden Schulung vor Ort, Unterlagen per Mail und Online-Selbstlernkurse – pflichtbewusst alles abgearbeitet. Gewappnet für das Berliner „Super-Wahljahr“ fühle ich mich trotzdem nicht. Werde ich als stellvertretende Schriftführerin alles durcheinanderbringen? ● „Hilfskraft“ stand in der Benachrichtigung, dafür gab es weder Schulung noch Infomails vorab. Der Wahlvorstand ist schweißgebadet – und genauso unerfahren wie wir, sein elfköpfiges Team. Die Unterlagen des Bezirkswahlamts leuchten niemandem von uns ein. Perso-Kontrolle am Anfang, der Abgleich mit dem Wähler:innenverzeichnis nach der Wahl? Seltsam. Was soll’s, wir versuchen es. ▲ Der …

„Ausufernder Lobbyismus und Geldgier, so darf doch Politik nicht laufen!”

Wer Mitglied in der Partei Demokratie in Bewegung (DiB) werden möchte, muss ein persönliches Gespräch führen und die Grundwerte teilen: Mitbestimmung, Transparenz, Gerechtigkeit, Vielfalt und Nachhaltigkeit. Kristin Bürkle teilt die Werte zu hundert Prozent. Also wurde sie aktiv. „Früher war Politik für mich kein Thema, zu sehr reden die meisten Politiker:innen um den heißen Brei herum, beschäftigen sich mehr mit sich selbst als mit Fachthemen. Wie sollte ich da was bewirken? Lange habe ich mir eine Arbeit in der Politik auch nicht zugetraut. Im Studium – Luft- und Raumfahrttechnik – hat sich das langsam geändert. Ich begann politische Dokumentationen zu schauen, auf der Online-Plattform change.org Petitionen zu unterstützen. Meine Schwangerschaft vor drei Jahren gab den entscheidenden Kick. Nächtelang lag ich wach: In was für eine Welt setze ich mein Kind nur? Wo passiert denn was für Klimaschutz und sozialen Ausgleich? Mir wurde klar: Es ist Zeit zu handeln. Nur wo? Der ausufernde Lobbyismus und die Geldgier in den etablierten Parteien haben mich immer abgeschreckt. So darf doch Politik nicht laufen. Demokratie in Bewegung war anders. …

Good News

Chile stimmt für neue Verfassung, erstes Touch-Panel aus Holz, Spezialhose ermöglicht Laufen trotz spastischer Lähmung

Mit einer gewaltigen Mehrheit haben die Menschen in Chile für eine neue Verfassung gestimmt, die soziale Rechte garantieren soll; das japanische Start-up mui Lab hat ein smartes Home-Touch-Panel aus Holz entwickelt; und eine Spezialhose kann die Fehlstellungen bei spastischen Lähmungen korrigieren und eine feste Schiene überflüssig machen: Das sind die Good News des Tages

Bewerbungsphase bis 08.12.2020

MITWIRKEN CROWDFUNDING-CONTEST

JETZT für den Crowdfunding-Contest bewerben! MITWIRKEN – Das Hertie-Förderprogramm für gelebte Demokratie Demokratie ist viel mehr als eine Staatsform, sie ist die Grundlage für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Demokratie lebt von Vielfalt, von Beteiligung und vor allem vom Mitwirken! Wir sind überzeugt: Demokratie ist nicht selbstverständlich, Demokratie ist Selbstverständnis. Euer Selbstverständnis! Deshalb suchen wir eure Ideen für gelebte Demokratie und ein besseres Miteinander – um euch dabei zu unterstützen, sie umzusetzen. WIE? MIT DER CROWD! Mit unserem Crowdfunding-Contest möchten wir Demokratie-Projekte aus ganz Deutschland finden, qualifizieren und finanzieren – durch eine Kombination aus Crowdfunding und Stiftungsförderung. Dafür starten alle ausgewählten Projekte gemeinsam in einen Crowdfunding-Contest auf Startnext, bauen ihre Community aus und finanzieren so ihre Ideen. Wir begleiten dabei mit Workshops, individueller Beratung und allen wichtigen Tipps und Tricks. Die 20 erfolgreichsten Projekte erhalten außerdem zusätzliche Preisgelder in Höhe von insgesamt 200.000 Euro von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung – ganz demokratisch, denn die Crowd entscheidet. Worauf es beim Crowdfunding ankommt, erfahrt ihr hier. WER KANN SICH BEWERBEN? Ihr seid bei uns richtig, wenn ihr eine Idee habt oder …

Ein Hauch Amerikanischer Frühling

Die USA sind ein Land starker Protestbewegungen. Gegen Rassismus, LGBTIQ-Feindlichkeit, Waffenbesitz. Heute haben sie so viel Einfluss wie nie zuvor. Eine Analyse. Oktober 1969. Es ist ein Uhr morgens. Sylvia Rivera trinkt im Stonewall Inn in der Christopher Street in New York ein Bier, als die Polizei das Lokal stürmt. Vor allem junge homosexuelle und transsexuelle Prostituierte wie sie besuchen die Bar. Die meisten sind obdachlos, werden regelmäßig verhaftet, weil sie sich öffentlich küssen und Kleidung nicht so tragen, wie man das von ihrem Geschlecht erwartet. Ein Polizist greift nach der 18-jährigen transsexuellen Rivera und schlägt mit seinem Schlagstock nach ihr. Rivera wirft eine Flasche nach den Polizisten und eröffnet so den Widerstand. Es war ein gewaltsamer Tag, der als „Stonewall-Aufstand“ in die Geschichtsbücher einging. Gleichzeitig war es der Auftakt zu einer der größten Emanzipationsbewegungen für queere Menschen, die heute jedes Jahr als „Christopher Street Day“ (CSD) auf der ganzen Welt gefeiert wird. Viele Tote, weltweite Proteste Februar 2018. Jamie Guttenberg steckt ihr Mathebuch in den Rucksack und schaut im Sekundentakt auf die Uhr. Endlich …

Ost und West

Warum wir unsere Vielfalt feiern sollten

Nach 30 Jahren Einheit scheint Deutschland gespalten wie nie zuvor. Stimmt das? Was unterscheidet Ost und West heute noch? Der Sozialwissenschaftler Daniel Kubiak hat sich auf die Suche gemacht. Im 30. Jahr der Einheit läuft noch ein Graben zwischen Ost und West, oder? Einspruch. Das Narrativ stimmt aus sozialwissenschaftlicher Perspektive nicht. Der Osten steht zwar schlechter da bei den Einkommen, bei Eigentumsverteilung, Rentenhöhe, in der Zahl der Krankenhäuser oder beim öffentlichen Nahverkehr. Aber erstens gibt es ähnlich große Unterschiede etwa zwischen dem Ruhrgebiet und München. Zweitens hängt die Bewertung von der Perspektive ab. So liegt das Wirtschaftsniveau im Osten bei 75 Prozent des Westniveaus. Man kann also sagen: Der Osten hinkt hinterher. Man kann aber auch sagen: Der Osten ist sehr erfolgreich. Denn das Wirtschaftsniveau ist im Osten seit 1990 von 43 Prozent auf 75 Prozent angestiegen. Und in der politischen Haltung? Mach’s gut! Unterstütze unsere publizistische Unabhängigkeit Um möglichst viele Menschen zu erreichen, möchten wir die Inhalte auf enorm-magazin.de frei zugänglich halten und auf Bezahlschranken verzichten. Mit deinem Beitrag unterstützt Du uns dabei! Jetzt …

Initiative More in Common

Was verbindet, was trennt die Menschen in Deutschland?

Um das herauszufinden, hat die Initivative More in Common mehr als 4000 Bürger befragt. Ein Drittel fühlt sich nicht wahrgenommen. Rechte Ausschreitungen, brutaler Schlagabtausch in der Politik, Hatespeech im Internet – das Klima wird rauer in der Republik. Die Polarisierung nimmt zu. Populistische Volten bilden eine zunehmende Gefahr für die Demokratie. Umso wichtiger ist es, den unterschiedlichen Positionen auf die Spur zu gehen. Was verbindet uns, also die Menschen in Deutschland, was trennt uns? Was sorgt für Streit? Was erwarten die Menschen von der Zukunft? Um das herauszufinden, hat die internationale Initiative More in Common 2019 mehr als 4000 repräsentativ ausgewählte Deutsche befragt und Gruppendiskussionen geführt. Initiative More in Common: Sechs Typen identifiziert Sechs fast gleichmäßig vertretene Typen haben die Forscher dabei identifiziert: Die Offenen, die Involvierten, die Etablierten, die Pragmatischen, die Enttäuschten und die Wütenden. Die Wertvorstellungen dieser Typen unterscheiden sich erheblich. Dennoch wünschen sich siebzig Prozent, dass die Menschen in der Republik trotz aller Unterschiede zusammenfinden. Das unsichtbare Drittel: Die Pragmatischen und die Enttäuschten Quelle: More in Common (2019) Allerdings fühlen sich die …

Projekt „Du bist Demokratie!“

Eine Grundausbildung für mündige Bürger

Protestparteien, Wutbürgertum, sinkende Wahlbeteiligung – die vergleichsweise junge gesamtdeutsche Demokratie scheint sich derzeit in einer handfesten Krise zu befinden. Die allgemeine Politikverdrossenheit wird hier oft als Erklärung angeführt, einen Lösungsansatz schlagen hingegen die Wenigsten vor. Die Bürgerstiftung Wiesloch will junge Menschen mit Politik zum Anfassen zu begeisterten Demokraten machen Laut der Shell Jugendstudie 2015 bezeichnet sich nicht einmal jeder zweite deutsche Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren als politisch interessiert. Für die Demokratie ist das kein gutes Zeichen, denn eine engagierte Zivilgesellschaft ist die Existenzgrundlage dieser kompliziertesten aller Herrschaftsformen. In der Kleinstadt Wiesloch in Baden-Württemberg hat sich eine Bürgerstiftung deshalb vorgenommen, die dortige Jugend für politische Themen und Prozesse zu begeistern. Das Projekt „Du bist Demokratie!“ geht dabei weit über den Rahmen der Lehrbücher und Schaubilder im Fach Gemeinschaftskunde hinaus: In Arbeitsgemeinschaften sollen die Jugendlichen politische Prozesse verstehen und Zusammenhänge erkennen sowie in Plan- und Rollenspielen selbst ein Gemeinwesen organisieren. Politik unter Palmen Ausgangspunkt der Arbeitsgemeinschaften ist das Planspiel „Politik unter Palmen“. Die Schülergruppe strandet dabei gemeinsam auf einer einsamen Insel und steht …