Mehr Verantwortung, nicht weniger

Seit Monaten tobt in den Feuilletons eine Debatte um deutsche Erinnerungskultur – wie gedenken wir des Holocaust, wie der deutschen Kolonialgeschichte? Der Historiker Gil Shohat plädiert für ein vielfältiges Erinnern, bei dem die Einzigartigkeit der Shoah* nicht aus dem Blick gerät. Ein Gespräch. *Der Begriff Shoah bezeichnet  den Völkermord an Juden und Jüdinnen. Der Begriff Holocaust dagegen bezieht oft auch die Ermordung anderer im Nationalsozialismus verfolgter Gruppen mit ein. Herr Shohat, der Artikel im Zentrum der Debatte ist der „Katechismus der Deutschen“ des australischen Historikers Dirk Moses. Seine These ist, dass wir uns in Deutschland hinter einer Art pseudoreligiösen Primär-Erinnerungskultur des Holocaust verstecken, um unsere kolonialen Verbrechen nicht aufarbeiten zu müssen. Manche werfen Moses Holocaustrelativierung vor. Was meinen Sie? Ich teile seine These so nicht. Die deutsche Erinnerungskultur wurde keineswegs „kultartig“ von oben diktiert, sondern es gab eine Bewegung von unten. Vor allem die Geschichtswerkstätten in den 80er-Jahren, in denen Menschen angefangen haben die Nazivergangenheit aufzuarbeiten, waren ein Durchbruch. Zuvor stießen viele Juden und Jüdinnen, etwa der Shoah-Überlebende und Historiker Joseph Wulf, meist auf taube …

Von La Paz nach Hedelfingen

Junge Menschen aus dem Globalen Süden kommen neuerdings mit Austauschprogrammen nach Deutschland. Ein erster Schritt, um Freiwilligendienste zu dekolonialisieren? Hinter Rana Hijazi weht eine bunte Fransengirlande. Sie sitzt auf einer von mehreren Bierbänken, trinkt Bitter Lemon. In den Hochbeeten hinter ihr wächst allerlei Gemüse, hier im Hinterhof des Kulturzentrums Oyoun in Berlin-Neukölln. Drinnen geht es bei den Veranstaltungen um queeren Feminismus, Migration und Dekolonialisierung. Die 24-Jährige ist ein wenig erschöpft nach zwei Tagen Antidiskriminierungs-Workshop. Es sei emotional gewesen, erzählt sie, viele haben persönliche Erfahrungen geteilt. Ihr Team ist divers, viele nicht-weiße Menschen wie sie. „Hier fühle ich mich nicht fremd“, sagt Hijazi. Sie trägt die langen braunen Locken offen, große Gold-Creolen und glitzernde Piercings am Ohr, ihr dunkelroter Samt-Pullover endet knapp über der hellen Jeans. Mitte August ist sie aus der jordanischen Hauptstadt Amman nach Berlin gekommen, als Hospitantin im Incoming-Programm von Kulturweit. Den internationalen Freiwilligendienst Kulturweit der Deutschen Unesco-Kommission gibt es seit 2008, gefördert wird er vom Auswärtigen Amt. Ebenfalls seit 2008 existiert der Freiwilligendienst Weltwärts. Inhaltlich ähneln sich die Freiwilligendienste, wobei Kulturweit auf …

Der Schatz der Frauen

Die Arbeit in Edelsteinbergwerken ist seit der Kolonialzeit in Simbabwe schwer, dreckig und elend. Anders in einer Mine im Norden des Landes. Hier schürfen nur Frauen – nachhaltig, ordentlich bezahlt und mit der Aussicht auf bessere Bildung. Als Rumbidzai Gwinji die Zimbaqua-Mine zum ersten Mal besucht, weiß sie sofort: „Ich will Teil davon sein.“ Sie sieht, wie Dutzende Frauen in einer Grube nach Aquamarinen schürfen. Andere kümmern sich um die Beete im anliegenden Garten. Eigentlich war Gwinji in den ländlichen Norden Simbabwes gereist, um die Arbeiterinnen der Mine zu schulen. Sicherheit und Nachhaltigkeit im Bergbau stehen auf dem Lehrplan. „Aber dann war ich diejenige, die in diesen Tagen in der Mine am meisten gelernt hat“, sagt Gwinji heute: über Zusammenhalt und den Wert von Unabhängigkeit als Frau und Mutter. Kurzerhand bewirbt sie sich um eine feste Stelle als Koordinatorin bei Zimbaqua. Sie bekommt sie. Seither zählt Gwinji zum Team der ersten Mine Afrikas, in der ausschließlich Frauen arbeiten. Rumbidzai Gwinji, die Koordinatorin der Zimbaqua-Mine im Norden Simbabwes, „wollte sofort Teil davon sein“ Bild: Iver Rosenkrantz / …

„Ich hole mir meine Nahrungsfreiheit zurück“

Pommes, Toast und Würstchen haben die traditionelle Ernährung in Südafrika verdrängt. Menschen wie die Köchin Nonhlanhla Godole versuchen, die alte Esskultur wiederzubeleben. Nonhlanhla Godole fastet. Ein Monat Rohkost ist ihr Opfer für die Vorfahren. Doch ihre selbst auferlegte Reinigung hält die Köchin nicht davon ab, schon vormittags an Pfannen und Töpfen zu stehen, in denen es zischt und blubbert und duftet. Auf der Anrichte liegen die Überbleibsel vom Sorghum-Brot, das sie am frühen Morgen für eine Kundin gebacken hat. Dazu Salat und hausgemachte Paprikapaste. Godole brutzelt in der Küche ihres Hofes nahe der südafrikanischen Metropole Johannesburg. Sie kocht auf vier Gasherden gleichzeitig, schnippelt und holt zwischendurch etwas aus dem Kühlschrank. Es ist Sonntag. Am Nachmittag hat sie einen weiteren Auftrag abzuarbeiten: Smudge, ein von ihr geschnürtes Bündel aus verschiedenen indigenen Kräutern; und Chai, ihre selbst zusammengestellte Teemischung. Vorbereitung im Wohnzimmer: Godole schnürt ein Bündel aus indigenen Kräutern, den Smudge. Bild: Victoria Schneider Essen ist für die 35-jährige Südafrikanerin mehr als guter Geschmack und Sattwerden. „Nahrung ist Leben“, sagt sie. „Sie hat heilende Kräfte und ist …

„Unsere Gesellschaft erwartet, dass du Klischees bedienst“

Rapper Amewu setzt sich in seinen Texten mit der Kolonialgeschichte auseinander. Für ihn ist Musik ein guter Ort, um die Thematik zu vermitteln und um eigene Diskriminierungserfahrungen zu verarbeiten. „Koloniale Strukturen gibt es noch immer – vom Alltagsrassismus bis zu ungleichen Chancen. Die Musik ist ein guter Ort für Austausch. Er funktioniert auf zwei Ebenen. Da sind zum einen die Hörer:innen: Sie setzen sich über die Musik mit der Thematik auseinander und hinterfragen im Idealfall ihre eigene Position innerhalb kolonialer Strukturen. Zum anderen ist da der Künstler, der Problematiken thematisiert und gegebenenfalls eigene Diskriminierungserfahrungen verarbeiten kann. 2017 haben mich die Rap-Künstler Megaloh, Musa und Ghanaian Stallion eingeladen, Teil des Albums Platz an der Sonne der Black Superman Group zu sein. Das Album beschäftigt sich mit Afrika, der Kolonialgeschichte und der postkolonialen Situation in Deutschland, aber auch generell Schwarzer Selbstermächtigung. In einer Strophe des Tracks ,Geschichtsunterricht‘ beschreibe ich, wie ich begann, mich mit Kolonialgeschichte auseinanderzusetzen. Erst dadurch konnte ich das ganze Ausmaß der Problematik erfassen und verstehen, warum Menschen mich in Deutschland mit einer derartigen Selbstverständlichkeit …

Transkript: Good News enorm Podcast Folge 34

Hier findest du eine schriftliche Fassung der Podcastfolge 34 von „Good News enorm“. Noch immer prägt der Kolonialismus unsere Wirtschaft und wie wir heute leben: Tief verwurzelte Machtstrukturen schaffen strukturelle Ungleichheiten, die es zu überwinden gilt. In dieser Folge und im aktuellen enorm Magazin stellen wir Menschen und Initiativen vor, die sich für Dekolonialisierung einsetzen. Unternehmer:innen, Aktivist:innen, Kreativschaffende, die vermitteln: Tschüss, Kolonialismus, komm niemals wieder! Das Transkript soll den Podcast möglichst barrierefrei auch nicht-hörenden Menschen zugänglich machen. In dieser Folge sprechen Good-News-Redakteurin Bianca Kriel und Astrid Ehrenhauser, Redakteurin beim enorm Magazin, über Dekolonialisierung.  Bianca: Bianca: Hallo und herzlich willkommen zu Good News enorm – gute Nachrichten und konstruktive Gespräche! Ein Podcast von Good News und dem enorm Magazin. Heute geht es um Postkolonialismus. Aber erst einmal: Der gute Nachrichten Überblick. Nach 10 Jahren Datenschutz-Debatte ist es nun soweit: Der Facebook Mutterkonzern Meta hat angekündigt, sein umstrittenes Gesichtserkennungssystem einzustellen. Dafür würden die Daten von mehr als einer Milliarde Menschen gelöscht. Forschende der Universität Miguel Hernández haben ein Mikroimplantat entwickelt, das blinden Menschen grundlegende Sehfähigkeit zurückgeben könnte. Eine …

„Für mich heißt Fotografie, Blicke zu dekolonialisieren“

Nora Hase ist Fotografin. Sie zeigt, wie schwierig es für Schwarze Menschen und People of Colour in Europa immer noch ist, im Alltag sichtbar zu sein. „Für mich heißt Fotografie: unseren Blick zu dekolonialisieren. Die westliche, europäische Sicht ist vor allem von Weißen geprägt. Menschen aus dem Globalen Süden erscheinen häufig in einem Armutskontext, in besonders exotischen oder farbenfrohen Umgebungen. Die Bilder, die wir Fotograf:innen machen, haben einen großen Einfluss auf unser Denken. Darin sehe ich meine Aufgabe: Ich stelle Schwarze Menschen und People of Colour (Black and People of Colour, kurz BPoC) dar und versuche Klischees aufzubrechen, die Menschen aus dem Westen mit dem afrikanischen Kontinent in Verbindung bringen. Ich fotografiere sie in einem anderen Kontext und mache sichtbar, dass und wie BPoC in Europa leben.  Weiße Menschen werden oft im Alltag fotografiert, in ihrem Büro, in Familien oder auf der Straße. Warum fotografieren wir so nicht auch nicht-weiße Menschen? Das gibt es bisher viel zu wenig. Aber solange wir nicht auch visuell zeigen, dass BPoC Teil der Gesellschaft sind, kann sich das Denken …

Good News

Podcast: Tschüss Kolonialismus!, weniger Menschen erkranken an Gebärmutterhalskrebs, New York: Recht auf eine saubere Umwelt wird in die Verfassung aufgenommen

In unserer neuen Good News enorm Podcast-Folge sprechen wir darüber, wie wir Dekolonialisierung erreichen können; dank einer Impfkampagne von 2008 gegen HP-Viren, erkranken weniger Menschen an Gebärmutterhalskrebs; und der US-Bundesstaat New York nimmt das Recht auf saubere Umwelt in die Verfassung auf: Das sind die Good News des Tages

Was ist gemeint, wenn wir Dekolonialisierung fordern?

Das Erbe des Kolonialismus prägt unsere Gegenwart: Tief verwurzelte Machtstrukturen schaffen bis heute strukturelle Ungleichheiten in der Wirtschaft und im weltpolitischen Miteinander, die es zu überwinden gilt. In diesem Glossar stellen wir einige Begriffe vor, die unser historisches Wissen erweitern und koloniale Denkmuster aufdecken. Dekolonialisierung und Postkolonialismus Obwohl die meisten ehemaligen Kolonien heute eigenständige Nationen sind, wirken die Folgen der Kolonialzeit noch immer nach. Macht und Ressourcen sind weiterhin global ungerecht verteilt. Das zeigt sich nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der mangelnden Repräsentation der Angehörigen ehemaliger Kolonien in Wissenschaft, Kunst und Alltag, in rassistischen Vorurteilen oder in der anhaltenden Unterdrückung von indigenen Sprachen zugunsten ehemaliger Kolonialsprachen. Dekolonialisierung bedeutet, all diese Bereiche vom Kolonialismus und neuen kolonialen Strukturen (Neokolonialismus), den sogenannten Kolonialitäten, zu befreien. Es ist ein Prozess mit dem Ziel einer vielfältigen und freien Welt. Postkolonialismus beschreibt eine Form dieses Widerstands. Im Schwerpunkt unserer Ausgabe 05/2021 mit dem Titel „Tschüss, Kolonialismus“ bemühen wir uns um postkoloniale Perspektiven. Auch auf enorm: Tschüss, Kolonialismus: Durch Widerstand unser koloniales Erbe überwinden Imperialismus Der Begriff bezeichnet das …

Durch Widerstand unser koloniales Erbe überwinden

Auch nach mehr als 500 Jahren prägt der Kolonialismus unsere Wirtschaft und wie wir heute leben. Um das zu ändern, müssen wir verstehen, welche Mechanismen ihn hervorgebracht haben und heute noch aufrechterhalten. https://enorm-magazin.de/wp-content/uploads/Episode_28_Kolonialismus.mp3 Diesen Artikel kannst du dir auch vorlesen lassen! Den enorm Podcast „Zukunft hörst Du hier an“ findest du auf Spotify, Apple Podcasts und überall da, wo es Podcasts gibt, sowie über den RSS-Feed. Die Wellen des Atlantiks schäumen. Mit dem Wind als Gefährten segelt ein Schiff namens La Montaña einsam über den Ozean. Die siebenköpfige Crew schaut ungeduldig gen Horizont, wo schon bald Land in Sicht sein sollte. Im Gegensatz zu Christoph Kolumbus, der vor 500 Jahren in die entgegengesetzte Richtung aufbrach, weiß diese Crew, wohin sie segelt – nach Europa. Viel wichtiger noch ist ein weiterer Gegensatz zu Kolumbus: Diese Crew kommt in Frieden. Es ist der Sommer 2021. Zusammen mit Vertreter:innen indigener Gemeinschaften sind die Zapatistas auf eine Welttournee aufgebrochen, die sie „die Reise für das Leben“ getauft haben und auf der sie auf den Zusammenhang von Kapitalismus und Kolonialismus aufmerksam machen wollen. Die Zapatistas sind …

Wie können wir Kunst und Museen dekolonisieren?

Die Berliner Aktivist:innengruppe Barazani.berlin kämpft mit virtuellen Ausstellungen und kulturellen Aktionen für die Dekolonisierung des Humboldt Forums. Eine Stellungnahme zu Kunst, Kultur und Kolonialismus von Christoph Balzar, Ibou Diop, hn. lyonga und Isabel Raabe. „Dreißig Jahre lang drehte sich der Diskurs in der Museumstheorie darum, ethnologische Museen, früher Völkerkundemuseen, von kolonialen Mustern zu befreien. Die Entscheidung, das Humboldt Forum im Berliner Schloss zu eröffnen, verneint diese dreißig Jahre völlig.  Ethnologische Museen haben ein Problem: Ein Museum ist ein Ort, der darauf ausgerichtet ist, etwas zu zeigen. Ethnologische Museen wollen andere Kulturen zeigen. Was anders ist, wird aber aus einer eurozentrischen Perspektive festgelegt. Weiße Menschen entscheiden, wie sie andere, nicht-weiße Kulturen präsentieren. Wenn eine ethnologische Ausstellung voller kolonialer Raubkunst in diesem preußischen Schloss eröffnet, kann das niemals nicht rassistisch sein.  Die Objekte der ethnologischen Sammlung sollen Kulturen, ihre Glaubensvorstellungen und ihre Wertesysteme darstellen. Ein prominentes Beispiel ist die Statue der Ngonnso, der Gründerin des Volkes der Nso aus Kamerun. In ihrem Land fehlt sie, dort ist sie unersetzlich. Stattdessen steht sie im Humboldt Forum auf einem …

Good News

Wiedergutmachung für Kolonialverbrechen in Namibia, wie schwimmende Vogelscheuchen Seevögel retten, Hamburger Opernprofis helfen bei Atemnot

Namibia und Deutschland haben sich auf ein Abkommen zur Wiedergutmachung der deutschen Kolonialverbrechen geeinigt; Stielaugen-Bojen sollen dafür sorgen, dass sich weniger Seevögel in Fischernetzen verheddern; und Opernprofis im Hamburg helfen Betroffenen von Long-Covid-Folgen dabei, wieder besser Luft zu bekommen: Das sind die Good News des Tages

Good News

Südafrika trennt sich von Kolonialnamen, Katar hebt Kleidervorschrift für Beachvolleyballerinnen auf, besserer Wein dank Thymian und Oregano

Aus Port Elizabeth wird Gqeberha: Südafrika trennt sich von kolonialen Ortsnamen; nach Protesten von Spielerinnen zieht Katar seine umstrittene Kleidervorschrift für ein Beachvolleyball-Turnier in Doha zurück; Forschende haben herausgefunden, dass Thymian und Oregano die Boden- und Weinqualität verbessern können: Das sind die Good News des Tages