Mehr Verantwortung, nicht weniger

Seit Monaten tobt in den Feuilletons eine Debatte um deutsche Erinnerungskultur – wie gedenken wir des Holocaust, wie der deutschen Kolonialgeschichte? Der Historiker Gil Shohat plädiert für ein vielfältiges Erinnern, bei dem die Einzigartigkeit der Shoah* nicht aus dem Blick gerät. Ein Gespräch. *Der Begriff Shoah bezeichnet  den Völkermord an Juden und Jüdinnen. Der Begriff Holocaust dagegen bezieht oft auch die Ermordung anderer im Nationalsozialismus verfolgter Gruppen mit ein. Herr Shohat, der Artikel im Zentrum der Debatte ist der „Katechismus der Deutschen“ des australischen Historikers Dirk Moses. Seine These ist, dass wir uns in Deutschland hinter einer Art pseudoreligiösen Primär-Erinnerungskultur des Holocaust verstecken, um unsere kolonialen Verbrechen nicht aufarbeiten zu müssen. Manche werfen Moses Holocaustrelativierung vor. Was meinen Sie? Ich teile seine These so nicht. Die deutsche Erinnerungskultur wurde keineswegs „kultartig“ von oben diktiert, sondern es gab eine Bewegung von unten. Vor allem die Geschichtswerkstätten in den 80er-Jahren, in denen Menschen angefangen haben die Nazivergangenheit aufzuarbeiten, waren ein Durchbruch. Zuvor stießen viele Juden und Jüdinnen, etwa der Shoah-Überlebende und Historiker Joseph Wulf, meist auf taube …

Transkript: Good News enorm Podcast Folge 38

Hier findest du eine schriftliche Fassung der Podcastfolge 38 von „Good News enorm“. Die neue Regierung will „Mehr Fortschritt wagen“ – doch was heißt das genau? In dieser Folge sprechen wir über ein paar vielversprechende Vorhaben der Ampel-Koalition. Denn einiges soll besser werden für Social Entrepreneurs, die reproduktive Selbstbestimmung und selbst gewählte Familien.  Das Transkript soll den Podcast möglichst barrierefrei auch nicht-hörenden Menschen zugänglich machen. In dieser Folge sprechen Good-News-Redakteurin Bianca Kriel und Jan Scheper, Redaktionsleiter beim enorm Magazin, über den Koalitionsvertrag der neuen Ampel-Regierung. Bianca: Hallo und herzlich willkommen zu Good News enorm! Gute Nachrichten und konstruktive Gespräche – ein Podcast von Good News und dem enorm Magazin. Heute geht es um Gutes aus dem neuen Ampel-Koalitionsvertrag. Aber erst einmal ein Hinweis in eigener Sache: Wenn ihr schon lange mit dem Gedanken spielt oder auch seit kurzem mit dem Gedanken spielt, euch ein enorm Print-Abo zu holen, dann macht es jetzt! Wenn ihr es bis zum 6. Dezember löst, kriegt ihr vier Tafeln fairafric Decolonized Chocolate gratis dazu passend zum Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe …

Was die Ampel für Social Entrepreneurs bedeutet

SPD, Grüne und FDP wollen mehr „Fortschritt wagen“. Welche Rolle spielen dabei Social Start-ups, wie schwer wiegen soziale und ökologische Kennzahlen gegenüber ökonomischen? Eine Analyse Geschafft, der Koalitionsvertrag ist seit letzter Woche fertig. Nun müssen ihm die Parteimitglieder zustimmen. Die Urabstimmung bei den Grünen läuft bis zum 6. Dezember. Bereits zwei Tage zuvor wollen die Sozialdemokrat:innen über das 178 Seiten starke Dokument befinden, die FDP tags darauf in einem außerordentlichen Bundesparteitag am 5. Dezember. „Mehr Fortschritt wagen“ steht auf dem Deckblatt der Ampel-Agenda für die nächsten vier Jahre. Der Titel hat ein historisches Echo: „Wir wollen mehr Demokratie wagen“, sagte der damalige Bundeskanzler Willy Brandt 1969 in seiner Regierungserklärung im Deutschen Bundestag. Damals ging zum ersten Mal eine Koalition aus SPD und FDP an den Start. Die Botschaft damals wie heute: raus aus der konservativen Lethargie, rein in eine bessere Zukunft. Spannend ist der Verweis auf Brandts geschichtsträchtige Rede auch, weil sich diese „an die im Frieden nachgewachsenen Generationen“ richtet, „die nicht mit den Hypotheken der Älteren belastet sind und belastet werden dürfen; jene jungen …

Polit-Oscar gegen Gift-Chemie

Der Future Policy Award zeichnet die besten Maßnahmen zum Schutz vor gefährlichen Chemikalien weltweit aus. Duschgel, Wandfarbe, Kinderspielzeug – Industriechemikalien stecken in fast allen Gegenständen unseres Alltags. Etwa 40.000 sind auf dem Markt, jedes Jahr kommen Hunderte dazu. Viele von ihnen wurden nie auf ihre Sicherheit für Mensch und Umwelt getestet. Auch in Europa sind wir trotz guter Gesetzgebung schädlicher Chemie ausgesetzt, etwa durch Insektizide in den Gärten oder Mikroplastik. Sind diese Substanzen einmal in die Umwelt gelangt, können sie dauerhaft schwere Schäden anrichten. Weltweit werden bei den meisten Neugeborenen schädliche Stoffe nachgewiesen, denen die Mutter während der Schwangerschaft ausgesetzt war. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sind im Jahr 2016 mehr als 1,6 Millionen Menschen direkt oder indirekt durch gefährliche Chemikalien gestorben. Die gute Nachricht: Es gibt bereits viele politische Lösungen, allem voran natürlich Gesetze, die uns vor den Auswirkungen gefährlicher Chemikalien schützen. Der Future Policy Award der Hamburger Stiftung World Future Council zeichnet die besten Gesetze in einem ausgewählten Bereich aus. Während in vergangenen Jahren Biodiversität, der Schutz der Meere oder Kinderrechte im Fokus standen, …

Transkript: Good News enorm Podcast Folge 34

Hier findest du eine schriftliche Fassung der Podcastfolge 34 von „Good News enorm“. Noch immer prägt der Kolonialismus unsere Wirtschaft und wie wir heute leben: Tief verwurzelte Machtstrukturen schaffen strukturelle Ungleichheiten, die es zu überwinden gilt. In dieser Folge und im aktuellen enorm Magazin stellen wir Menschen und Initiativen vor, die sich für Dekolonialisierung einsetzen. Unternehmer:innen, Aktivist:innen, Kreativschaffende, die vermitteln: Tschüss, Kolonialismus, komm niemals wieder! Das Transkript soll den Podcast möglichst barrierefrei auch nicht-hörenden Menschen zugänglich machen. In dieser Folge sprechen Good-News-Redakteurin Bianca Kriel und Astrid Ehrenhauser, Redakteurin beim enorm Magazin, über Dekolonialisierung.  Bianca: Bianca: Hallo und herzlich willkommen zu Good News enorm – gute Nachrichten und konstruktive Gespräche! Ein Podcast von Good News und dem enorm Magazin. Heute geht es um Postkolonialismus. Aber erst einmal: Der gute Nachrichten Überblick. Nach 10 Jahren Datenschutz-Debatte ist es nun soweit: Der Facebook Mutterkonzern Meta hat angekündigt, sein umstrittenes Gesichtserkennungssystem einzustellen. Dafür würden die Daten von mehr als einer Milliarde Menschen gelöscht. Forschende der Universität Miguel Hernández haben ein Mikroimplantat entwickelt, das blinden Menschen grundlegende Sehfähigkeit zurückgeben könnte. Eine …

Good News

Podcast: Tschüss Kolonialismus!, weniger Menschen erkranken an Gebärmutterhalskrebs, New York: Recht auf eine saubere Umwelt wird in die Verfassung aufgenommen

In unserer neuen Good News enorm Podcast-Folge sprechen wir darüber, wie wir Dekolonialisierung erreichen können; dank einer Impfkampagne von 2008 gegen HP-Viren, erkranken weniger Menschen an Gebärmutterhalskrebs; und der US-Bundesstaat New York nimmt das Recht auf saubere Umwelt in die Verfassung auf: Das sind die Good News des Tages

Einfach mal das Land verändern

Vergangene Woche trat zum ersten Mal der neue Bundestag zusammen. Er ist so jung und divers wie nie zuvor. Schahina Gambir gehört zu den Neulingen im Parlament. Vor 28 Jahren floh sie mit ihrer Familie aus Kabul nach Deutschland, jetzt sitzt sie für Bündnis 90/Die Grünen im Zentrum der Macht. Und kämpft für eine offene, demokratische Gesellschaft ohne Rassismus. Es ist einer jener Morgen im Berliner Regierungsviertel, die sich anfühlen wie vor dem Anpfiff zu einem großen Spiel. Die Reichstagsfront ist abgesperrt, Polizei-Wannen säumen die Zugänge, Limousinen stehen Schlange vor dem Abgeordnetenhaus. TV-Teams eilen mit Angelmikros, Windschutzpuscheln und Handkameras Richtung Platz der Republik. Vorbei an Aktivist:innen, die mit Yogaübungen und gedehnten Beats für die Einführung einer Kreislaufwirtschaft demonstrieren. ­„Hallo“, ruft Ben Hufschmidt, Mitarbeiter im Berliner Bundestagsbüro von Schahina Gambir und winkt. „Schahina gibt gerade noch ein Interview für Arte.“ Da hinten steht sie schon, steil im Wind, das Halstuch flattert, der Arte-Redakteur nickt. Los geht’s. Zur konstituierenden Sitzung des 20. Deutschen Bundestages. Schahina Gambir, knallrotes Lachen, schwarze Haare, beiger Hosenanzug, ist eine der neuen Abgeordneten des …

Durch Widerstand unser koloniales Erbe überwinden

Auch nach mehr als 500 Jahren prägt der Kolonialismus unsere Wirtschaft und wie wir heute leben. Um das zu ändern, müssen wir verstehen, welche Mechanismen ihn hervorgebracht haben und heute noch aufrechterhalten. https://enorm-magazin.de/wp-content/uploads/Episode_28_Kolonialismus.mp3 Diesen Artikel kannst du dir auch vorlesen lassen! Den enorm Podcast „Zukunft hörst Du hier an“ findest du auf Spotify, Apple Podcasts und überall da, wo es Podcasts gibt, sowie über den RSS-Feed. Die Wellen des Atlantiks schäumen. Mit dem Wind als Gefährten segelt ein Schiff namens La Montaña einsam über den Ozean. Die siebenköpfige Crew schaut ungeduldig gen Horizont, wo schon bald Land in Sicht sein sollte. Im Gegensatz zu Christoph Kolumbus, der vor 500 Jahren in die entgegengesetzte Richtung aufbrach, weiß diese Crew, wohin sie segelt – nach Europa. Viel wichtiger noch ist ein weiterer Gegensatz zu Kolumbus: Diese Crew kommt in Frieden. Es ist der Sommer 2021. Zusammen mit Vertreter:innen indigener Gemeinschaften sind die Zapatistas auf eine Welttournee aufgebrochen, die sie „die Reise für das Leben“ getauft haben und auf der sie auf den Zusammenhang von Kapitalismus und Kolonialismus aufmerksam machen wollen. Die Zapatistas sind …

Unser erstes Mal als Wahlhelferinnen

Das Berliner Wahlchaos hat gezeigt, was alles schieflaufen kann bei Wahlen in einer Demokratie. Anja Dilk und Astrid Ehrenhauser hatten sich freiwillig als Wahlhelferinnen gemeldet. Erfahrungen aus zwei Berliner Wahllokalen. ● Der Wecker klingelt gefühlte fünf Minuten nach dem Einschlafen. Partyschwere, meine Lust auf Demokratie ist auf einem historischen Tiefstand. Ein Auge auf, oh Gott, ich muss ihn überhört haben, 6.39 Uhr, um 7 Uhr geht es los. Wahlhelfer:innen, die nicht erscheinen, zahlen bis zu 1.000 Euro Strafe. 15 Minuten später radle ich durchs verschlafene Sonntagmorgen-Berlin nach Schöneberg. ▲ Zwei Stunden Schulung vor Ort, Unterlagen per Mail und Online-Selbstlernkurse – pflichtbewusst alles abgearbeitet. Gewappnet für das Berliner „Super-Wahljahr“ fühle ich mich trotzdem nicht. Werde ich als stellvertretende Schriftführerin alles durcheinanderbringen? ● „Hilfskraft“ stand in der Benachrichtigung, dafür gab es weder Schulung noch Infomails vorab. Der Wahlvorstand ist schweißgebadet – und genauso unerfahren wie wir, sein elfköpfiges Team. Die Unterlagen des Bezirkswahlamts leuchten niemandem von uns ein. Perso-Kontrolle am Anfang, der Abgleich mit dem Wähler:innenverzeichnis nach der Wahl? Seltsam. Was soll’s, wir versuchen es. ▲ Der …

Transkript: GoodNews enorm Podcast Folge 30

Hier findest du eine schriftliche Fassung der Podcastfolge 30 von „Good News enorm“. Wie können wir mit politisch andersdenkenden Menschen konstruktiv ins Gespräch kommen? Und wie können wir uns mit Gleichgesinnten zusammentun, um mehr zu bewirken? In dieser Folge sprechen wir mit Hanna Israel von „My country talks“ und Natalie Wübbolt von „Z2X-Festival“ über politische Zwiegespräche, Zukunftsvisionen von 20- bis 29-Jährigen und was ZEIT Online damit zu tun hat. Das Transkript soll den Podcast möglichst barrierefrei auch nicht-hörenden Menschen zugänglich machen. In dieser Folge spricht Good-News-Redakteurin Bianca Kriel mit Hanna Israel von „My country talks“ und Natalie Wübbolt von „Z2X-Festival“ über politische Zwiegespräche und Zukunftsvisionen.  Bianca: Hallo und herzlich willkommen zu Good News enorm – gute Nachrichten und konstruktive Gespräche. Ein Podcast von Good News und dem enorm Magazin. Heute sprechen wir über „Deutschland spricht“ und das „Z2X-Festival“ von Zeit Online. Aber erst einmal der Gute-Nachrichten-Überblick: Im Ahrtal wurden 50 Hektar Weinberge durch die Flut zerstört – und doch: Die Weinlese für den Jahrgang 2021 kann stattfinden. Dank der Hilfe von Winzer:innen und freiwilligen Helfer:innen, die …

Was tun die Parteien für Social Entrepreneurs?

Die Wahl ist insbesondere auch für Sozialunternehmer:innen entscheidend. Im aktuellen Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD stehen gerade mal zwei Sätze zum Thema. Egal wer künftig regiert, wird sich das ändern, glaubt Markus Sauerhammer vom Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND). Die Politik habe vieles durch Corona besser verstanden, sagt er, jetzt muss zügig umgesetzt werden – und blickt positiv in die Zukunft. Welche Partei tut laut Wahlprogrammen am meisten für Social Entrepreneurs und Sozialunternehmer:innen? Markus Sauerhammer: Bei allen Parteien – außer der AfD – ist in den Wahlprogrammen unser Thema verankert. Bei der letzten Bundestagswahl 2017 ist die Förderung von Sozialunternehmer:innen nahezu nicht aufgetaucht. Unabhängig davon, welche Regierung wir bekommen, wird es enorme Schritte nach vorne geben. Konkret? Richtig ist etwa, dass die Grünen am längsten am Thema sozial-ökologische Transformation in unserem Sinne arbeiten. Das sieht man auch am und im Programm. Auch SPD und FDP sind gut unterwegs, nur bei Kleinigkeiten fehlt aus unserer Sicht noch die nötige Konsequenz. Auch die Union hat große Fortschritte gemacht. Bei den Linken sind es solide Positionen, nur könnten …