Wie sprechen wir über Städtenamen in Osteuropa?

Seit 2022 heißt es in deutschen Medien immer öfter: Kyjiw statt Kiew. Die Nutzung ukrainischer Schreibweisen soll der russischen Besatzung zumindest symbolisch entgegenwirken. Aber sind wir dadurch respektlos gegenüber dem großen Anteil russischsprachiger Ukrainier:innen? Und was heißt das für die Verwendung deutscher Städtenamen in der Westukraine oder in Polen? 2018 warb das ukrainische Außenministerium unter dem englischen Hashtag #KyivNotKievdafür, im Ausland die ukrainische Schreibweise der Landeshauptstadt anstatt der russischen zu etablieren. Der Hintergrund: Obwohl Russisch und Ukrainisch miteinander verwandt sind, handelt es sich um zwei unterschiedliche Sprachen. Da Wladimir Putin die nationale Identität der Ukraine leugnet, verwenden seit Beginn der russischen Invasion immer mehr Medien, auch enorm, die ukrainische Schreibweise, um sich symbolisch für eine unabhängige Ukraine auszusprechen: Kyjiw statt Kiew. Aber was ist mit dem großen Teil der ukrainischen Bevölkerung, der Russisch als erste Muttersprache spricht und daher ebenfalls russische Namen für ukrainische Städte verwendet? Übergeht man diesen Teil der ukrainischen Bevölkerung?   „Es stimmt, dass zum Beispiel die Einwohner:innen Charkiws zu großer Mehrheit Russisch sprechen und ihre Stadt daher Charkow nennen“, sagt Peter Oliver …

Brauchen wir eine stärkere Bundeswehr, um unsere Demokratie zu schützen?

Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine hat die Bundesregierung ein 100-Milliarden-Euro-Paket für Aufrüstung geschnürt und Waffenlieferungen beschlossen, eine 180-Grad-Wende in der deutschen Außenpolitik. Zu Recht? Ein Streitgespräch. Frau Strobl, Die Initiative #derapell stellt sich gegen Waffenlieferungen und Aufrüstung. Sie haben den Apell unterschrieben. Warum? Natascha Strobl: Weil ich erstens bezweifle, dass es diese zusätzlichen Mittel zur Landesverteidigung braucht. Hakt es nicht vielmehr an Effizienz in der Bundeswehr? Zweitens wird dieses Geld dann wohl woanders gestrichen, bei Sozialem, Klimaschutz oder Bildung etwa. Das halte ich für gefährlich für unsere Demokratie. Drittens haben wir noch längst nicht alle nicht-militärischen Mittel ausgeschöpft, um Wladimir Putin zu stoppen, Sanktionen etwa. Frau Riedl, braucht die Bundeswehr die Zusatzmittel? Jasmin Riedl: Ja. Die Einschätzungen der Expert:innen sind eindeutig: Soldat:innen in Einsätzen arbeiten zwar gut, können an NATO-Übungen teilnehmen. Aber dafür wird die Ausstattung für den Rest der Truppe kannibalisiert. Das nenne ich nicht verteidigungsfähig. Natürlich sind 100 Milliarden ein Batzen Geld … … gut doppelt so viel, wie für die Bundeswehr zurzeit im Jahr ausgegeben wird … Riedl: … aber …

So gehen unsere Nachbarländer gegen die hohen Energiepreise vor

Durch den Krieg in der Ukraine steigen Gas- und Strompreise weiter an. Europäische Länder greifen ein, um ihre Bürger:innen zu entlasten. Einige Maßnahmen, die in Deutschland noch diskutiert werden, setzen andere längst um. Seit vergangenem Herbst steigen die Energiepreise, Strom und Gas werden immer teurer. Wegen der russischen Invasion in die Ukraine schätzt die EU-Kommission, dass die Preise in diesem Jahr hoch bleiben. Länder in Europa gehen unterschiedlich damit um: Einige setzen eher auf gezielte Maßnahmen für Haushalte mit schwachem Einkommen, die am meisten betroffen sind. Andere Länder haben Steuern vorübergehend für alle gesenkt oder gleich mehrere Maßnahmen umgesetzt, um Verbraucher:innen so gut es geht zu entlasten. Was in einem Land kontrovers diskutiert wird – etwa ein Preisdeckel – ist anderswo längst beschlossen. Deutschland hat bisher zwei Entlastungspakete beschlossen. Ein zentraler Baustein ist die Abschaffung der EEG-Umlage zur Förderung des Ökostroms über die Stromrechnung ab Juli. Zudem soll jeder einkommenssteuerpflichtige Erwerbstätige einmalig 300 Euro brutto bekommen. Die Energiesteuer auf Kraftstoffe soll für drei Monate auf das europäische Mindestmaß abgesenkt werden. Gleichzeitig soll es ab Juni …

Wie Freiwillige die Kulturschätze der Ukraine retten wollen

Russlands Präsident Putin erkennt die nationale Identität der Ukraine nicht an – und lässt daher gezielt auch Denkmäler und Kulturstätten vom Militär angreifen. Immer mehr internationale Initiativen tun sich zusammen, um das kulturelle Erbe des Landes zu retten. Die Kultur, Geschichte und Traditionen eines Volks bestimmen seine Identität. Wladimir Putin leugnet die Identität der Ukraine und will sie zerstören. Die deutsche Bundesregierung hat deshalb das „Netzwerk Kulturgutschutz Ukraine“ ins Leben gerufen, um insbesondere materielle Kulturschätze zu retten, etwa Sammlungen in Museen und Bibliotheken. Die App Polycam hat dagegen das Projekt Backup Ukraine gestartet, um das Kulturerbe der Ukraine zu bewahren: Menschen in der Ukraine können die Software kostenlos herunterladen und damit zum Beispiel Kunstwerke und historische Gebäude in ihrer Umgebung scannen. Die App erstellt dann 3D-Versionen des gescannten Kulturerbes. Im Internet engagieren sich derweil zahlreiche Initiativen dafür, das kulturelle Erbe der Ukraine digital zugänglich zu machen. Etwa die Plattform „Saving Ukrainian Cultural Heritage Online“ (SUCHO). Gegründet haben sie die Informatiker:innen Quinn Dombrowski und Anna Kijas aus den USA und Sebastian Majstorovic aus Österreich. Mehr als …

„Feministische Außenpolitik setzt andere Prioritäten“

Die Aktivistin Kristina Lunz kämpft für Frieden durch eine feministische Außenpolitik. Im Angesicht des Krieges in der Ukraine erfährt sie Zuspruch, aber auch Hass. Wie geht sie damit um? Am Abend des 24. Februars sitzt Kristina Lunz auf einer Bühne in der historischen Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg, auf einem Barhocker, Beine überschlagen. Premierenlesung: Heute erscheint ihr erstes Buch. Es ist auch der Tag, an dem Wladimir Putin die ganze Ukraine angreift. Ihr Buchtitel klingt nach einer Antwort: Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch: Wie globale Krisen gelöst werden müssen. Darin fordert die Aktivistin Abrüstung. Auch jetzt sagt sie: „Feministische Außenpolitik setzt andere Prioritäten: Solidarität, Zusammenarbeit, Menschenrechte.“ Zeit für einen Paradigmenwechsel. Mittwochmorgen, einen Monat später. Der Krieg hat sich verschärft, politische Linien sind gesprengt. Rasch fährt Lunz mit ihrem Fahrrad auf das Café im Berliner Wedding zu, hier nimmt sie sich Zeit für ein Gespräch. Eine Stunde fand sich in ihrem vollen Kalender. Die Expertise der 32-Jährigen ist gefragt, sie ist Mitgründerin der Forschungs- und Beratungsorganisation Centre for Feminist Foreign Policy (CFFP). Gleich steht ein Interview …

„Wir spüren jetzt die Unterstützung der Europäer wie nie zuvor”

Als die russische Armee auf Putins Befehl hin in die Ukraine einmarschiert, ist das Grand Kiev Ballet gerade auf Tournee in Frankreich. Nun macht die Truppe weiter. Sie wollen, dass der Krieg nicht vergessen wird. Aber wie schafft man es zu tanzen, wenn Bomben auf die Heimat fallen? Auf den ersten Blick scheint alles wie immer, als das Kyjiwer* Ballett am zweiten März auf die Bühne des Theaters in La Teste-sur-Buch im Südwesten Frankreichs tänzelt. Die lieblichen Melodien von Tschaikowskis Schwanensee erklingen. Prinz Siegfried trägt goldbestickten Brokat, Prinzessin Odette einen Kranz aus weißen Federn. Doch nichts ist so wie immer: Als die Vorstellung vorbei ist, treten die Tänzer:innen nach vorne und legen die Hand aufs Herz. Sie singen „Schtsche ne wmerla Ukrajina” („Noch ist die Ukraine nicht gestorben”), die Nationalhymne. Odette schwenkt die blau-gelbe Flagge, während sie auf Spitze tanzt. Das Publikum erhebt sich zu Standing Ovations. Der Vorhang fällt. Die Videos der Aufführung schickt Alexander Stoyanov, künstlerischer Leiter des Grand Kiev Ballets, per Telegram. Fragen kann er nur zwischen zwei Auftritten beantworten: Jeden Tag …

Warum „Medienhygiene“ jetzt wichtig ist

Unser Gehirn ist unser empfindlichstes Organ – und doch lassen wir Infos unkontrolliert darauf einprasseln. Gerade jetzt ist es sinnvoll, „Fast News“ zu identifizieren, zu meiden, und den eigenen Medienkonsum zu kontrollieren. Neurowissenschaftlerin Maren Urner spricht von „Medienhygiene“, zum Schutz der psychischen Gesundheit. Im Folgenden erklären wir die Bedeutung von Medienhygiene und stellen Konsequenzen vor, die jede:r daraus ziehen kann.  1. Fast News „Fast News“ locken uns mit ähnlichen Versprechen wie Fast Food oder Fast Fashion. Sie sind der Weg des geringsten Widerstands und stillen unsere Bedürfnisse vermeintlich sofort. Die negativen Folgen machen sich zeitversetzt bemerkbar. Fast News sind Häppchen ohne Kontext, sie bilden meist nur das Problem ab, sensationalisieren es, und / oder skizzieren Weltuntergangsszenarien, etwa, indem Vergleiche mit anderen Katastrophen aus der Vergangenheit oder Gegenwart gezogen werden. So entsteht das Gefühl, nur von ausweglosen Krisen umgeben zu sein. Hygiene-Tipp: Konsumiere gezielt und nicht wahllos. Konstruktive Medienbeiträge lassen dich nicht mit der Katastrophe alleine. Die Seite „Ukraine verstehen“ etwa sammelt Beiträge in Text und Audio, die Hilfsangebote thematisieren. Generell kann es hilfreich sein, Menschen …

Eine gelungene Energiewende ist Friedenspolitik

Mehr als 50 Prozent der deutschen Gas-Importe kommen aus Russland. Der Krieg in der Ukraine zeigt, wie wichtig es ist, sich schnellstmöglich von derartigen Rohstoffabhängigkeiten zu befreien. Für den Umbau der Versorgung gibt es keinen Masterplan, aber viele vielversprechende Innovationen und Lösungen. Sie müssen nun noch schneller und effizienter gefördert werden. Es braucht die Energiewende zwingend für eine lebenswerte Zukunft. Es gibt keine Alternative dazu. Weder gesellschaftlich, noch politisch. Der am 28. Februar vom Weltklimarat (IPCC) veröffentlichte Bericht zu den Folgen der Klimakrise ist diesbezüglich unmissverständlich – hier gibt’s die zentralen Aussagen auf Deutsch. Wie bei derartigen Analysen üblich, verbirgt sich die dynamische Dramatik hinter etwas hölzernen Formulierungen: Bis zu 3,6 Milliarden Menschen würden unter Bedingungen leben, die „sehr verwundbar gegenüber dem Klimawandel“ seien. Für einen Großteil der Arten auf der Erde gelte Ähnliches. Beides verstärkt einander: „Die Verwundbarkeit von Menschen und Ökosystemen sind voneinander abhängig.“ Und: „Die gegenwärtigen nicht-nachhaltigen Entwicklungsmuster erhöhen die Exposition von Ökosystemen und Menschen gegenüber Klimagefahren.“ Kurz: Was wir schon machen hilft, aber es ist viel, viel zu wenig. Eine Grundbedingung …