Probewohnen in Görlitz – und dann bleiben

Görlitz schrumpft, die Jüngeren ziehen oft weg. Mit gratis Wohnen auf Probe stemmt sich die sächsische Grenzstadt dagegen. Eine polnische Kunsthistorikerin und ihre Familie hat das überzeugt. Grau und feucht klebt der Ton auf dem Leintuch. Marcelina Król-Kadłucka blickt konzentriert auf ihre Arbeitsplatte. Sie trägt die Haare hochgebunden, lockere schwarze Latzhose, darauf helle Tonflecken. Mit kräftigen Schüben rollt sie ein Nudelholz über die Masse bis diese rund und gleichmäßig flach ist. Sie formt eine Schüssel daraus, schneidet die Ränder zu. Zweimal gebrannt und dazwischen glasiert wird daraus handgefertigte Keramik. Die 37-Jährige steht in ihrem Atelier, dem studio m., etwa einen Kilometer südlich der Görlitzer Altstadt, ringsherum restaurierte Gründerzeit-Häuser und ein paar vernachlässigte Gebäude, die leer stehen. Görlitz liegt rund hundert Kilometer östlich von Dresden, direkt an der polnischen Grenze, in der sächsischen Lausitz. Viele Orte kämpfen hier damit, dass gerade junge Menschen wegziehen. Laut einer repräsentativen Befragung, dem Lausitz-Monitor, plant fast jede:r Zweite zwischen 18 und 29, innerhalb der nächsten zwei Jahre die Region zu verlassen. In Görlitz leben, Stand 2019, knapp 56.000 Menschen, 1991 …