„Es geht darum, dem Volk seine Würde zurückzugeben“

Die Menschenrechtsaktivistin Olga Karatsch kämpft für eine freie, demokratische Gesellschaft in Belarus. Ein Gespräch über Terror, russische Dominanz und den Mut von Grassroots-Initiativen in einer zerrissenen Gesellschaft. Dieser Text erschien in der Ausgabe Dezember/Januar 2021/22 des enorm Magazins mit dem Titel „Im Osten viel Neues“. Frau Karatsch, vor knapp 16 Monaten erlebte Belarus die größte Protestwelle seit seiner Unabhängigkeit 1991. Wo steht die belarussische Gesellschaft heute? Olga Karatsch: Früher waren Demokratie und Menschenrechte leere Worte. Heute, nachdem über 40.000 Personen gefoltert wurden, mehr als 200.000 das Land verlassen haben und viele gestorben sind, denken die Leute darüber nach, was Menschenrechte sind: Standards, die für alle gelten. Das Bewusstsein hat sich geändert. Jetzt wollen die Leute Einfluss darauf nehmen, nach welchen Regeln gespielt wird, welche Rechte sie haben. Bei den Protesten sind viele historische Symbole präsent, wie die weiß-rot-weiße Flagge der Belarussischen Volksre- publik, die von 1918 bis 1919 existierte … Auch hier ist etwas fundamental Neues passiert. Früher hieß die Devise: Was war und was kommt, hat keine Bedeutung. Niemand interessierte sich für Geschichte oder dafür, …