Emilia Roig im Porträt

Das Ende der Ehe als Anfang der Utopie

Die Politologin Emilia Roig will die Ehe abschaffen. Für sie ist die Ehe das am meisten unterschätzte Unterdrückungssystem: Frauen leisten unbezahlte Fürsorgearbeit, wovon letztlich der Staat profitiere. Was treibt die Aktivistin an, die selbst sagt, der Tag ihrer Hochzeit war einer der schönsten ihres Lebens? 

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Berlin-Neukölln an einem Montagmittag im März. Die Vögel zwitschern im Innenhof, die Sonne scheint auf Emilia Roigs Arbeitsplatz, einen Sekretär aus hellem Holz, geschmückt mit Fotos von ihrem Kind, Pflanzen und einer Postkarte mit dem Spruch „Stress ist kein Statussymbol“. Hier saß sie eben noch, in ihrem Wohnzimmer, und schrieb an einem Essay für den Spiegel über „die Macht der Männer“. Sie hat viel zu tun diese Woche, Interview hier, Podiumsdiskussion da, in wenigen Tagen erscheint ihr neues Buch Das Ende der Ehe: Für eine Revolution der Liebe. Emilia Roig ist Autorin und Aktivistin, Schwarz und jüdisch, lesbisch und Mutter. Und spätestens seit Erscheinen ihres ersten Buches Why We Matter: Das Ende der Unterdrückung (2021) hierzulande eine der gefragtesten Kritiker:innen globaler Herrschaftssysteme, vom Patriarchat bis zu postkolonialen Machtstrukturen.

Roig geht voraus in ihr Wohn- und Arbeitszimmer, das an die offene Küche grenzt. Alles ist ordentlich. In Berlin fühlt sich die Französin zu Hause, gelebt hat sie vielerorts: Kambodscha, Ecuador, Tansania. Auf dem kleinen Esstisch in der offenen Wohnküche steht eine Vase mit gelben Tulpen, drei Blütenblätter sind abgefallen. Wohin sich setzen? Vor dem Kamin thronen zwei fast bodentiefe Meditationssessel. Aufs dunkelgraue Ecksofa lädt sie, es ist so groß, dass eine Großfamilie darauf Platz fände. Roig aber wohnt die Hälfte ihrer Zeit allein, die andere mit ihrem achtjährigen Sohn. Sie setzt sich aufrecht hin, berührt die bunt gemusterten Kissen im Rücken kaum, die Hände im Schoß übereinander gefaltet, Beine überschlagen.

„Ich bin ein Produkt des französischen Kolonialismus“, sagt Roig immer, wenn sie ihre Herkunft erklärt, und das muss sie häufig: Ihre Eltern lernen sich in Französisch-Guyana kennen, einer französischen Kolonie. Die Mutter, eine Schwarze Krankenschwester, stammt aus Martinique, noch heute eine französische Kolonie. Der Vater ist Arzt, jüdisch, weiß und aus Algerien, damals eine französische Kolonie. Sie emigrieren nach Frankreich, Emilia Roig kommt 1983 in der Nähe von Paris zur Welt. Sie wächst mit zwei Schwestern „in einer rassistischen Familie“ auf. Ihr Großvater väterlicherseits wird ihr einmal, da ist sie bereits als Aktivistin bekannt, in einer Arte-Doku ins Gesicht sagen: „Die Rassenmischung ist das größte Problem unserer Zeit.“ Sie wird ihm ruhig zuhören, mit wachem Blick. Bald darauf wird er sterben. Roig hat liebevolle Erinnerungen an ihn. „Unterdrückung ist nichts rein Individuelles, sondern strukturell bedingt.“ Doch nutzt sie ihre individuellen Erfahrungen, um damit das große Ganze zu erklären.

Depressive Symptome nach der Hochzeit

Mitte März 2023, an einem Sonntag, sitzt Emilia Roig neben der Journalistin Carolin Emcke im Diskussionsformat Streitraum an der Berliner Schaubühne und bespricht ihr neuestes Werk. Vor ihr dampft ein Schwarztee, ihr Sohn wird backstage betreut. Sie sagt, dass sie Sorge hatte, Das Ende der Ehe zu schreiben – es sei doch sehr persönlich. „Aber ich finde es wichtig, dass wir uns einbringen in die großen gesellschaftlichen Themen. Diese Verletzlichkeit halte ich für notwendig.“ Das Thema ihres neuen Buches heißt Patriarchat. Roig sagt: „Es ist das am meisten unterschätzte Unterdrückungssystem.“ Mit der Ehe als „wichtigster Säule“.

Rückblick ins Jahr 2013, ein weißer Schleier sitzt auf Roigs hochfrisiertem Haar. Sie lacht übers ganze Gesicht. All ihre Freund:innen sind da, Angehörige aus Martinique angereist, selbst ihre Eltern sind gekommen, seit deren Scheidung das erste Zusammentreffen. Für Roig ist ihre Hochzeit einer der „schönsten Tage“ ihres Lebens. Doch dann, nach den Festlichkeiten: Unbehagen in den Flitterwochen. Scham beim Blick auf die Ratgeber für eine glückliche und lange Ehe. Sie googelt täglich ihre Symptome und findet keine Worte für ihren Zustand. Sechs Monate später ist sie schwanger mit ihrem ersten Kind. Sie wollte schon immer Mutter werden – die Ehe mit einem Mann gehört da wohl einfach dazu, dachte sie. Jahre später liest sie in der Studie „Blue Brides: Exploring Postnuptial Depressive Symptoms“: Fast die Hälfte aller frisch verheirateten Frauen haben unmittelbar nach ihrer Hochzeit depressive Symptome.

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Heute, geschieden, sagt Roig, sie sei damals dem romantischen Skript gefolgt, wie so viele. Dieses Skript sei uns von Kindesbeinen an vertraut, reproduziert in Märchen und Disney-Filmen, in denen Frauen auf einen Mann warten, der sie mit einem Kuss aus der Bedeutungslosigkeit befreit. Männer dagegen sind nicht auf diesen Kuss angewiesen, ihre abenteuerlichen Leben gehen einfach weiter. Eine Schieflage zwischen den Geschlechtern. Doch vermitteln moderne Disney-Filme, etwa über zwei Schwestern mit Superkräften, nicht längst auch andere Bilder? Stimmt, so Roig, aber wir dürften nicht unterschätzen, was die patriarchalen Erzählungen davor mit uns gemacht haben. Die gesellschaftliche Stellung einer Frau definiere sich auch heute noch über ihre Beziehung zu einem Mann. Das erkläre, warum auf Instagram-Profilen von Frauen so häufig „Wife“ stehe, und auch „Mom“. Wie häufig schrieben Männer „Husband“ und „Dad“?

Emilia Roig: Liebe ist politisch

Doch selbst wenn sich das patriarchale Narrativ hartnäckiger hält, als progressive öffentliche Debatten vermuten lassen – was, wenn Eheleute darin schlicht ihr Glück finden? Roig will keine Ehepaare schmähen. Und wenn sie über Männer redet, etwa wie die „draußen in der Welt Geld akkumulieren, während ihre Ehefrauen als unbezahlte Arbeitskräfte zu Hause gehalten werden“, meint sie nicht alle Männer. Sondern deren Zugehörigkeit zur machthabenden sozialen Gruppe, egal wie feministisch einzelne Mitglieder sein mögen. Ihre Kritik geht „weit über die individuelle Ebene hinaus“. Was sie beklagt, sind die Strukturen. Frauen wenden nach wie vor mehr Zeit für unbezahlte Fürsorgearbeit auf als Männer, durchschnittlich 52,4 Prozent mehr pro Tag. Das geht aus dem Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung hervor. Frauen verdienen zudem immer noch 18 Prozent weniger pro Stunde als Männer, zeigen Daten des Statistischen Bundesamtes. Das sogenannte Ehegattensplitting begünstigt indes Paare mit großen Einkommensdifferenzen. „Die Liebe ist höchst politisch“, weil sie nach wie vor institutionell geregelt ist, schlussfolgert Roig. Am Ende profitiere der Staat: Die Ehe sichere kostenlose Kinderbetreuung und halte den Lohnarbeitskräften den Rücken frei. So sei sie einmal angelegt worden, und das trage sie auch heute noch in sich, deswegen: Reformieren bringe nichts, die Ehe gehöre abgeschafft. Danach: mehr Kitas bauen und Care-Arbeit schätzen. „Es ist die Arbeit der Liebe.“

Im Grunde wiederholt Roig Ideen und Forderungen, die seit den 1960er-Jahren zirkulieren. Ob sie das müde macht? „Nein, das ist meine Mission. Es gab eine Zeit in meinem Leben, da war ich viel müder.“

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Sie sitzt ruhig auf ihrem großen Sofa. Trotz Kampfthema: keine aufgeregte Gestik, neutrale Mimik. Ein Buch über Heilsteine liegt vor ihr auf dem Kaffeetisch, an den Wänden hängen säuberlich eingerahmte Postkarten, Fotos, Kunstdrucke. In den Regalen stehen postkoloniale Schriften, Zadie-Smith-Romane, Figürchen, Steine, gesammelte Blätter und Pflanzen. Überhaupt überall Pflanzen: Am Boden neben dem Teppich und dem Kamin stehen sie, in gelben Töpfen von der Decke hängen sie und auf dem Fenstersims in der offenen Wohnküche gedeihen sogar selbst gezogene Avocado-Bäumchen. Wer das schon mal versucht hat, weiß, wie schwierig es ist. Seit etwa sechs Jahren blühen Pflanzen in ihrer Wohnung, erzählt sie – seit dem Tod ihres zweiten Sohnes. Ihr erster Sohn ist da noch klein. Sie steckt gerade in der Gründung des Center for Intersectional Justice, einer gemeinnützigen Organisation, die zu struktureller Ungleichheit forscht und berät. Ihre Ehe endet. Das ist die Zeit, in der sie sehr müde ist.

Spiritualität, die ihr Kraft gibt

Spiritualität gibt ihr Halt. „Unsere Existenz wird geprägt durch Licht und Schatten. Wir sind alle mit allem verbunden, Teil eines Ganzen.“ Roig meditiert viel, spricht Gebete, übt sich in Achtsamkeit. Und macht okkulte Erfahrungen in Verbindung mit dem Tod ihres Sohnes. Öffentlich darauf eingehen möchte sie ungern. Sie befürchtet, sich damit für manche als Wissenschaftlerin zu diskreditieren.

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Roig hat zwei Master-Abschlüsse, einen in Völkerrecht, einen in Public Policy. Sie hat an der Freien Universität Berlin und am Lyon Institute of Political Studies in Frankreich über intersektionale Diskriminierung am Arbeitsmarkt promoviert. Sie lehrt an renommierten Unis, hierzulande und in den USA, weiß: Der Stand der Wissenschaft ist immer vorläufig. „Wir wissen nicht alles, können nicht alles beweisen. Das sollte uns demütig machen. Insofern schließen sich Wissenschaft und Spiritualität nicht aus.“ Hier offenbart sich Roigs eigentliche Utopie: die Befreiung von Schubladendenken und einfachen Wahrheiten über Wissenschaft und Spirituelles, weiblich und männlich, Leben und Tod. Aber erst mal: das Ende der Ehe. Und dann? Das Ende des Geldes. Und dann? Eines Tages möchte sie in der Natur leben, umringt von Bäumen, Flüssen und Tieren. Roig vertraut der Transformation.

FOTO: Sapna Richter

Emilia Roig schöpft für ihre feministische Arbeit auch Kraft aus ihrer Spiritualität.

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