Prisma: Honduras

Gegen den Sturm

In Honduras spüren die Menschen die Klimakrise besonders stark. Hurrikans, Fluten, Dürre. Wie kämpfen sie dagegen an?

Anfang November 2020 erlebt Dunia Rodríguez die schlimmsten Tage ihres Lebens. Der Hurrikan Eta trifft auf Honduras. In seiner Folge kommt es zu starken Überflutungen. „Das Wasser stieg so schnell“, erinnert sich die 39-jährige Honduranerin aus Cruz de Valencia bei La Lima. Sie will ihre Kinder vor der Überflutung in Sicherheit bringen, doch sie schaffen es nicht mehr aus der Region heraus. Ihre Familie rettet sich in den zweiten Stock eines Wohnhauses. Irgendwann bricht der Schutzdamm in der Nähe – das Wasser steigt weiter. Rodríguez bekommt Angst. „Wir waren zwölf Personen, nur drei konnten schwimmen“, erzählt sie. An die Kinder binden sie leere Plastikcontainer, die sie über dem Wasser halten sollen, falls sie weggeschwemmt werden. Rundherum schreien Leute um Hilfe, das Dorf hat sich in ein Meer verwandelt.

Dunia Rodríguez verliert alles in der Flut. Ihr Haus, ihr Milpa-Beet – ein für Zentralamerika typischer Subsistenzanbau mit roten Bohnen, Mais, Maniok oder Kochbananen –, ihre Nutztiere. „Ich hatte einen Hund mit ganz kleinen Welpen, sie alle sind ertrunken.“ Während sie von den Erlebnissen spricht, bricht ihre Stimme, sie beginnt zu weinen. Etwa drei Tage hat sie mit den anderen im Obergeschoss des Hauses ausgeharrt. Dann ging das Wasser zurück.

Honduras war gerade dabei, sich aufzurappeln, als eine Woche später der zweite Hurrikan, Iota, das Land traf. „Eta hat uns zerstört, Iota hat uns den Rest gegeben“, sagt Rodríguez. Etwa hundert Menschen starben durch die beiden Stürme. Die Wissenschaft hält es für wahrscheinlich, dass tropische Hurrikans aufgrund der höheren Meerestemperaturen an Geschwindigkeit gewinnen. Mit der Folge, dass sie stärker und zerstörerischer werden.

Dunia Rodríguez harrte drei Tage im zweiten Stock eines Hauses aus, umschlossen von Wasser, Foto: Lisa Kuner

Die Region La Lima in der Nähe der Großstadt San Pedro Sula im Norden von Honduras war das Epizentrum der Katastrophe – fast das ganze Stadtgebiet wurde durch die beiden Wirbelstürme zerstört oder beschädigt. An einigen Stellen stand das Wasser mehrere Tage lang bis zu sieben Meter hoch. Als das Wasser zurückging, wurde das Ausmaß der Katastrophe erst richtig klar.

Klimafolgen: Honduras verursacht sie kaum, spürt sie aber besonders stark

„Alles war wahnsinnig dreckig, überall lagen tote Tiere“, erzählt Rodríguez. Wie die gesamte Welt kämpfte Honduras Ende 2020 gleichzeitig gegen die Corona-Pandemie. Durch die Fluten, stehendes Wasser und mangelnde Hygiene breiteten sich zusätzlich andere Krankheiten wie Denguefieber aus.

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Durch die Klimakrise werden multiple Katastrophen wahrscheinlicher. Neben den Überflutungen durch Wirbelstürme machen den rund zehn Millionen Honduraner:innen sowohl der steigende Meeresspiegel als auch höhere Temperaturen zu schaffen. Im Stranddorf Cedeño sind bereits mehr als hundert Meter Küste dem steigenden Wasser zum Opfer gefallen, in wenigen Jahren wird die Ortschaft völlig vom Meer bedeckt sein.

„Obwohl unser eigener Beitrag zur Klimakrise nicht mal 0,1 Prozent der globalen Emissionen ausmacht, ist Honduras besonders vulnerabel, was Klimarisiken angeht“, erklärt Claudia Pineda vom FoodFirst Informations- und Aktions-Netzwerk (FIAN) Honduras, die auch Klimafolgen in dem Land evaluiert. „Darum brauchen wir dringend Klimaadaption.“ Bisher werde viel zu wenig getan.

Ein großer Teil des Landes liegt im sogenannten Dürrekorridor. Das ist ein rund 1.600 Kilometer langer Landstrich, der sich auch durch Guatemala, El Salvador und Nicaragua zieht und in dem es durch die Klimakrise ein besonders hohes Risiko für Dürreperioden und Ernteausfälle gibt.

All diese Klimafaktoren, die schwierige wirtschaftliche Lage des Landes – rund sechzig Prozent der Menschen leben in Armut – sowie die Kartell-Gewalt – Honduras hat eine der höchsten Mordraten der Welt – und die politische Instabilität führen dazu, dass immer mehr Menschen fliehen. Rund 45 Prozent der Menschen würden das Land verlassen, wenn sie könnten. Jedes Jahr machen sich Tausende auf den Weg, um legal oder illegal in die USA zu kommen. Andere wollen bleiben – und kämpfen für bessere Lebensbedingungen in ihrem Land.

Dazu gehören beispielsweise die Gemeinden des indigenen Lenca-Volkes. Sie liegen in der Region La Paz im westlichen Zentrum des Landes, entlang des Dürrekorridors. Auch die Umweltaktivistin Berta Cáceres, die 2016 aufgrund ihres Widerstands gegen Wasserkraftwerke ermordet wurde, war eine Lenca. An einem Vormittag im Juli ist es rund um das Dorf Santiago de Puringla unerträglich heiß. Das sei nicht immer so gewesen. Die Bewohner:innen, die vor allem von Ackerbau leben, erzählen, wie viel heißer und trockener es heute sei verglichen mit ihrer Kindheit. „Wir spüren den Klimawandel immer mehr“, sagt auch die 29-jährige Nancy Pineda. Sie setzt sich im jungen Indigenenrat der Region für Menschenrechtsfragen ein.

Besonders kritisch sind die Folgen der Klimakrise für die Landwirtschaft. Konnten sich die indigenen Gemeinden vor Jahren noch auf regelmäßige Regen- und Trockenzeiten verlassen, so ist dieser Kreislauf nun aus dem Takt geraten. Für die Kleinbauern und -bäuerinnen ist es schwierig geworden, den Moment abzupassen, an dem die Aussaat sinnvoll ist. Wenn es kurz danach nicht genug regnet, gehen die Setzlinge ein. Regnet es zu stark, werden die Samen weggespült.

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Weggetragen von brauner Flut: Ein Auto nach dem Hurrikan in der Region La Lima, Foto: IMAGO / ZUMA Wire

„Das macht uns Angst. Immer wieder verlieren wir Mais und Bohnen. Unsere Gemüsebeete legen wir oft gar nicht mehr an“, erzählt der 39-jährige Antonio Portillo Mejía. Die Folgen der Ernteausfälle sind weitreichend. Etwa ein Drittel der Menschen in Honduras sind von Ernährungsunsicherheit und Hunger betroffen, in den Regionen des Dürrekorridors sind es Studien der Welternährungsorganisation (FAO) zufolge sogar bis zu sechzig Prozent.

Trotzdem versuchen die Honduraner:innen nicht zu verzweifeln. „Wir sind hier aufgewachsen, wir können unser Land nicht aufgeben“, meint Antonio Portillo Mejía. Die Indigenen klären einander über Klimakrise und Umweltschäden auf, setzen auf ökologische Landwirtschaft und vermeiden Abholzung und Brandrodung, um landwirtschaftliche Fächen zu schaffen. „Wir legen auch Saatgutbanken an, um unsere traditionellen Pflanzenarten zu erhalten“, erzählt Nancy Pineda. Durch gentechnisch veränderte Samen gingen diese häufig verloren. Zudem überwachen die Gemeinden an Klimakontrollstationen Niederschläge und Temperatur, um besser abschätzen zu können, wann der richtige Zeitpunkt für die Aussaat ist.

„Zwischen den indigenen Gemeinden herrscht große Solidarität“, so Pineda. „Das gibt uns Kraft weiterzumachen, auch wenn die Bedingungen zum Verzweifeln sind.“ Einigkeit der Gemeinden sei einer der entscheidenden Faktoren für den Erfolg.

Auch Dunia Rodríguez in Cruz de la Valencia sieht in regionalem Zusammenhalt einen der wichtigsten Faktoren, um ihr Überleben zu sichern. Wie die gegenseitige Hilfe funktioniert, erzählt der 29-jährige Grevin Samir Madrid. Auch er hat durch die Flut seine ganzen Besitztümer verloren. Während der Wirbelstürme war er mehrere Tage mit seinem einjährigen Sohn vom Wasser eingeschlossen. Bis heute konnte er sein Haus nicht wieder aufbauen und lebt in einer Notunterkunft. „Eta und Iota haben uns als Gemeinschaft zusammengeschweißt“, sagt er. „Wir haben unsere Konflikte vergessen und einander geholfen.“ Als die Hurrikans ihr Zuhause zerstörten, hätten er und die anderen Dorfbewohner:innen Menschen mit Seilen durch das steigende Wasser gezogen, um sie in Sicherheit zu bringen. Wer noch die Möglichkeit hatte zu kochen, versuchte denjenigen Essen zu bringen, die von jeder Versorgung abgeschnitten waren.

Rückzug der Obstkonzerne: Das Ende der guten Zeiten?

Die Heimat der beiden, Cruz de la Valencia, gehört zur Kleinstadt La Lima. La Lima war seit den 1950er-Jahren zu einer überregionalen Bekanntheit und auch zu einem begrenzten Wohlstand gekommen: Internationale Konzerne wie das Obst-Imperium Chiquita begannen dort auf großen Flächen Bananenplantagen anzulegen. La Lima wurde zur Hauptstadt des „grünen Goldes“ und Honduras international zur Bananenrepublik. Es gab viel Kritik an den Monokulturen und den Arbeitsbedingungen. Trotzdem nahmen viele Bewohner:innen der Region die Episode als goldenes Zeitalter wahr. Die Konzerne brachten Arbeitsplätze, bezahlten Steuern und investierten an einigen Stellen auch in Infrastruktur wie Straßen und Schulen.

Nach den Wirbelstürmen wäre eine solche Art von Strukturförderung besonders willkommen gewesen. Aber Fehlanzeige: Die goldenen Zeiten der Bananenrepublik sind vorbei. Chiquita und die anderen Obstkonzerne ziehen sich immer mehr aus der Region zurück – aus ihrer Sicht sind die Risiken für die eigene Ernte und die damit verbundenen finanziellen Verluste wegen der voranschreitenden Klimakrise zu groß geworden. Vor Eta und Iota hatten schon andere Wirbelstürme enorme Schäden angerichtet. Zudem fließen zwei große Flüsse durch die Region, deshalb ist das Risiko für Überschwemmungen besonders hoch. Nicht nur jeder neue Hurrikan könnte wieder zu verheerenden Überflutungen führen, sondern auch die verstärkten Niederschläge in der Regenzeit.

Durch internationale Entwicklungszusammenarbeit und den Zusammenhalt der Gemeinden wurden inzwischen die meisten Häuser wieder aufgebaut. „Es hat eineinhalb Jahre gedauert, allein den Schlamm und Dreck wegzuräumen“, erzählt Dunia Rodríguez. Es gibt noch immer Schäden, die nicht repariert sind – einige Straßenzüge haben weder Wasser noch Strom.

Alle hier wissen, dass die nächste Flut nur eine Frage der Zeit ist. Das nächste Mal will man besser vorbereitet sein.

Etwas Hilfe gibt es von der lokalen Politik: Die Stadtverwaltung arbeitet an einem besseren Frühwarnsystem, Kinder und ältere Menschen werden nun bei starkem Regen vorsorglich evakuiert. Außerdem kümmert sich die Stadt um bessere Notunterkünfte und setzt sich zumindest halbherzig dafür ein, Überflutungsbecken einzurichten und Dämme zu verstärken. Die Einwohner:innen von Cruz de Valencia wissen, dass das nicht reicht. Einige Frauen üben nun im Fluss schwimmen – damit sie bei der nächsten Flut nicht wieder fürchten müssen, zu ertrinken.

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Industrieländer in die Verantwortung nehmen

Auch auf höherer Ebene gebe es Strategien, um sich der Klimakrise in Honduras anzupassen, sagt Expertin Claudia Pineda von FIAN. „Sie werden allerdings von der Regierung nicht entschlossen genug umgesetzt.“ Aufforstung – sowohl von Wäldern als auch Mangroven – könnte helfen, die Effekte von Unwettern abzufedern und die Küsten bis zu einem gewissen Grad vor dem Anstieg des Meeresspiegels schützen. „Wir sehen außerdem, dass ökologische Landwirtschaft widerstandsfähiger in der Klimakrise ist“, fügt sie hinzu. Und doch: Adaption habe Grenzen. Viele Menschen in Honduras müssen bereits mit unwiederbringlichen Schäden und Verlusten leben. Das gilt nicht nur für Menschen in Küstenorten wie Cedeño, die Opfer von Extremwetterereignissen wurden. Sondern auch für Landwirt:innen, die langfristig nicht mehr so anbauen können wie bisher. Weil es etwa für den Anbau von Bohnen zu trocken ist. Pineda: „Hier müssen wir auch darüber sprechen, wie wir die Menschen entschädigen.“ Honduras selbst kann solche Entschädigungen kaum aufbringen. Doch sie könnten beispielsweise durch Instrumente wie den Loss and Damage Fund, der auf der 27. UN-Klimakonferenz in Scharm El-Scheich Ende 2022 beschlossen wurde, von Industrieländern finanziert werden.

Eine solche Entschädigung hat Dunia Rodríguez bislang nicht bekommen. Sie hält durch. Trotz all der schrecklichen Erlebnisse ist sie nicht bitter geworden. Ihre Tränen sind wieder getrocknet, jetzt lacht sie im Gespräch oft und laut. Sie vertraut, wie die meisten Menschen in Honduras, nicht darauf, dass der Staat und die öffentlichen Institutionen sie unterstützen. Rodríguez hat ihren eigenen Notfallplan entwickelt. Gleich neben ihrem Haus hat sie in 15 Metern Höhe ein Baumhaus gebaut. „Unser Tamarindenbaum hat wirklich tiefe Wurzeln – egal ob Flut oder Erdbeben, der fällt nicht um“, davon ist Dunia Rodríguez überzeugt. In dem Baumhaus lagert sie schon jetzt einige Kochutensilien. Bei der nächsten Flut möchte sie dort ihre Familie und wenigstens etwas von ihrem Besitz in Sicherheit bringen – um dann abzuwarten, bis das Wasser zurückgeht. „Es hat uns viel Kraft gekostet, wieder auf die Beine zu kommen, aber wir lieben diesen Ort“, sagt Dunia Rodríguez. Sie werde immer zurückkommen.

Die Recherche wurde von der deutschen NGO Christliche Initiative Romero (CIR) und der EU-Initiative Game On! (climategame.eu) unterstützt.

Foto: Lisa Kuner

Angst vor massiven Ernteausfällen: Landwirt Antonio Portillo Mejía vom indigenen Volk der Lenca

Lisa Kuner

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