„Wir wollen unsere Zukunft selbst bestimmen“

Zwei politische Lager kämpfen für die Dekolonialisierung des US-amerikanischen Territoriums Puerto Rico: Die einen wollen einen unabhängigen Staat, die anderen möchten ein gleichberechtigter Teil der USA werden Die New Yorker Studentin Marisol Rios de la Luz erkundet gerade auf einer Exkursion Felshöhlen auf Puerto Rico, als eine indigene Göttin auftaucht und sie in die Superheldin „La Borinqueña“ verwandelt. Marisol kämpft fortan gegen zerstörerische Hurrikans – und für ein freies Puerto Rico. Doch Marisol ist eine Comicfigur, geschaffen als Symbol für eine Nation, die schon seit einem halben Jahrtausend nicht mehr frei ist. Nach 400 Jahren als spanische Kolonie wurde das karibische Inselterritorium im Amerikanisch-Spanischen Krieg 1898 von den USA annektiert. Die Einwohner:innen von Puerto Rico nennen sich selbst Boricuas, nach einem Wort aus der Sprache der Taino, einem indigenen Volk des Archipels. Sie besitzen zwar die US-amerikanische Staatsbürgerschaft und müssen Steuern an die USA zahlen, dürfen aber weder ihr Staatsoberhaupt wählen, noch Abgeordnete in Senat oder Kongress entsenden. „In den USA haben die meisten Menschen noch nie davon gehört. Die USA verstehen sich selbst als …

Von La Paz nach Hedelfingen

Junge Menschen aus dem Globalen Süden kommen neuerdings mit Austauschprogrammen nach Deutschland. Ein erster Schritt, um Freiwilligendienste zu dekolonialisieren? Hinter Rana Hijazi weht eine bunte Fransengirlande. Sie sitzt auf einer von mehreren Bierbänken, trinkt Bitter Lemon. In den Hochbeeten hinter ihr wächst allerlei Gemüse, hier im Hinterhof des Kulturzentrums Oyoun in Berlin-Neukölln. Drinnen geht es bei den Veranstaltungen um queeren Feminismus, Migration und Dekolonialisierung. Die 24-Jährige ist ein wenig erschöpft nach zwei Tagen Antidiskriminierungs-Workshop. Es sei emotional gewesen, erzählt sie, viele haben persönliche Erfahrungen geteilt. Ihr Team ist divers, viele nicht-weiße Menschen wie sie. „Hier fühle ich mich nicht fremd“, sagt Hijazi. Sie trägt die langen braunen Locken offen, große Gold-Creolen und glitzernde Piercings am Ohr, ihr dunkelroter Samt-Pullover endet knapp über der hellen Jeans. Mitte August ist sie aus der jordanischen Hauptstadt Amman nach Berlin gekommen, als Hospitantin im Incoming-Programm von Kulturweit. Den internationalen Freiwilligendienst Kulturweit der Deutschen Unesco-Kommission gibt es seit 2008, gefördert wird er vom Auswärtigen Amt. Ebenfalls seit 2008 existiert der Freiwilligendienst Weltwärts. Inhaltlich ähneln sich die Freiwilligendienste, wobei Kulturweit auf …

Mit Superheld:innen für die Wissenschaft begeistern

Ein Bildungsprojekt in Südafrika möchte junge Menschen mit Sammelkarten im Superheld:innenstyle für die Wissenschaft begeistern. https://enorm-magazin.de/wp-content/uploads/Episode_31_Superscientists.mp3 Diesen Artikel kannst du dir auch vorlesen lassen! Den enorm Podcast „Zukunft hörst Du hier an“ findest du auf Spotify, Apple Podcasts und überall da, wo es Podcasts gibt, sowie über den RSS-Feed. Ihre Hände greifen in die Wellen, wirbeln das Wasser nach oben: Nitro! So heißt die Superheldin im grau-goldenen Anzug. In der Zeichnung auf der kleinen rechteckigen Sammelkarte lächelt sie, auf ihrer Brust prangt 15N, die Bezeichnung für Stickstoff-15. Dieses Isotop beschäftigt Kolisa Yola Sinyanya in ihrer Doktorarbeit, die sie am Institut für Ozeanforschung der Universität Kapstadt schreibt. Und deshalb gibt es Nitro. Vor gut einem Jahr wurde Sinyanya zur Super-Wissenschaftlerin – SuperScientist. Das gleichnamige südafrikanische Projekt inszeniert afrikanische Forscher:innen als Comic-Superheld:innen, um junge Menschen für Naturwissenschaften zu begeistern. Denn in Südafrika ist das Bildungssystem noch immer von rassistischen Strukturen geprägt: Nur 9 Prozent der Schwarzen machen einen weiterführenden Abschluss, etwa an der Uni, nur 8 Prozent der „Coloureds“ (Selbstbezeichnung einer südafrikanischen Ethnie). Bei weißen Südafrikaner:innen sind es hingegen 38 Prozent. Die Sammelkarte …

„Unsere Gesellschaft erwartet, dass du Klischees bedienst“

Rapper Amewu setzt sich in seinen Texten mit der Kolonialgeschichte auseinander. Für ihn ist Musik ein guter Ort, um die Thematik zu vermitteln und um eigene Diskriminierungserfahrungen zu verarbeiten. „Koloniale Strukturen gibt es noch immer – vom Alltagsrassismus bis zu ungleichen Chancen. Die Musik ist ein guter Ort für Austausch. Er funktioniert auf zwei Ebenen. Da sind zum einen die Hörer:innen: Sie setzen sich über die Musik mit der Thematik auseinander und hinterfragen im Idealfall ihre eigene Position innerhalb kolonialer Strukturen. Zum anderen ist da der Künstler, der Problematiken thematisiert und gegebenenfalls eigene Diskriminierungserfahrungen verarbeiten kann. 2017 haben mich die Rap-Künstler Megaloh, Musa und Ghanaian Stallion eingeladen, Teil des Albums Platz an der Sonne der Black Superman Group zu sein. Das Album beschäftigt sich mit Afrika, der Kolonialgeschichte und der postkolonialen Situation in Deutschland, aber auch generell Schwarzer Selbstermächtigung. In einer Strophe des Tracks ,Geschichtsunterricht‘ beschreibe ich, wie ich begann, mich mit Kolonialgeschichte auseinanderzusetzen. Erst dadurch konnte ich das ganze Ausmaß der Problematik erfassen und verstehen, warum Menschen mich in Deutschland mit einer derartigen Selbstverständlichkeit …

Transkript: Good News enorm Podcast Folge 34

Hier findest du eine schriftliche Fassung der Podcastfolge 34 von „Good News enorm“. Noch immer prägt der Kolonialismus unsere Wirtschaft und wie wir heute leben: Tief verwurzelte Machtstrukturen schaffen strukturelle Ungleichheiten, die es zu überwinden gilt. In dieser Folge und im aktuellen enorm Magazin stellen wir Menschen und Initiativen vor, die sich für Dekolonialisierung einsetzen. Unternehmer:innen, Aktivist:innen, Kreativschaffende, die vermitteln: Tschüss, Kolonialismus, komm niemals wieder! Das Transkript soll den Podcast möglichst barrierefrei auch nicht-hörenden Menschen zugänglich machen. In dieser Folge sprechen Good-News-Redakteurin Bianca Kriel und Astrid Ehrenhauser, Redakteurin beim enorm Magazin, über Dekolonialisierung.  Bianca: Bianca: Hallo und herzlich willkommen zu Good News enorm – gute Nachrichten und konstruktive Gespräche! Ein Podcast von Good News und dem enorm Magazin. Heute geht es um Postkolonialismus. Aber erst einmal: Der gute Nachrichten Überblick. Nach 10 Jahren Datenschutz-Debatte ist es nun soweit: Der Facebook Mutterkonzern Meta hat angekündigt, sein umstrittenes Gesichtserkennungssystem einzustellen. Dafür würden die Daten von mehr als einer Milliarde Menschen gelöscht. Forschende der Universität Miguel Hernández haben ein Mikroimplantat entwickelt, das blinden Menschen grundlegende Sehfähigkeit zurückgeben könnte. Eine …

„Für mich heißt Fotografie, Blicke zu dekolonialisieren“

Nora Hase ist Fotografin. Sie zeigt, wie schwierig es für Schwarze Menschen und People of Colour in Europa immer noch ist, im Alltag sichtbar zu sein. „Für mich heißt Fotografie: unseren Blick zu dekolonialisieren. Die westliche, europäische Sicht ist vor allem von Weißen geprägt. Menschen aus dem Globalen Süden erscheinen häufig in einem Armutskontext, in besonders exotischen oder farbenfrohen Umgebungen. Die Bilder, die wir Fotograf:innen machen, haben einen großen Einfluss auf unser Denken. Darin sehe ich meine Aufgabe: Ich stelle Schwarze Menschen und People of Colour (Black and People of Colour, kurz BPoC) dar und versuche Klischees aufzubrechen, die Menschen aus dem Westen mit dem afrikanischen Kontinent in Verbindung bringen. Ich fotografiere sie in einem anderen Kontext und mache sichtbar, dass und wie BPoC in Europa leben.  Weiße Menschen werden oft im Alltag fotografiert, in ihrem Büro, in Familien oder auf der Straße. Warum fotografieren wir so nicht auch nicht-weiße Menschen? Das gibt es bisher viel zu wenig. Aber solange wir nicht auch visuell zeigen, dass BPoC Teil der Gesellschaft sind, kann sich das Denken …

Was ist gemeint, wenn wir Dekolonialisierung fordern?

Das Erbe des Kolonialismus prägt unsere Gegenwart: Tief verwurzelte Machtstrukturen schaffen bis heute strukturelle Ungleichheiten in der Wirtschaft und im weltpolitischen Miteinander, die es zu überwinden gilt. In diesem Glossar stellen wir einige Begriffe vor, die unser historisches Wissen erweitern und koloniale Denkmuster aufdecken. Dekolonialisierung und Postkolonialismus Obwohl die meisten ehemaligen Kolonien heute eigenständige Nationen sind, wirken die Folgen der Kolonialzeit noch immer nach. Macht und Ressourcen sind weiterhin global ungerecht verteilt. Das zeigt sich nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der mangelnden Repräsentation der Angehörigen ehemaliger Kolonien in Wissenschaft, Kunst und Alltag, in rassistischen Vorurteilen oder in der anhaltenden Unterdrückung von indigenen Sprachen zugunsten ehemaliger Kolonialsprachen. Dekolonialisierung bedeutet, all diese Bereiche vom Kolonialismus und neuen kolonialen Strukturen (Neokolonialismus), den sogenannten Kolonialitäten, zu befreien. Es ist ein Prozess mit dem Ziel einer vielfältigen und freien Welt. Postkolonialismus beschreibt eine Form dieses Widerstands. Im Schwerpunkt unserer Ausgabe 05/2021 mit dem Titel „Tschüss, Kolonialismus“ bemühen wir uns um postkoloniale Perspektiven. Auch auf enorm: Tschüss, Kolonialismus: Durch Widerstand unser koloniales Erbe überwinden Imperialismus Der Begriff bezeichnet das …