Anstatt Zirkularität ausschließlich als Frage der Abfallwirtschaft oder industriellen Effizienz zu betrachten, stellte das Projekt eine weitergehende Frage: Wie können Städte Menschen dabei helfen, neue Beziehungen zu Materialien, Produkten und Ressourcen aufzubauen? In Kiel – einer der am Projekt Creative Circular Cities beteiligten Kommunen – nahmen die Antworten Gestalt an in Form von Designaufgaben für Studierende, Repair-Festivals, kreativen Workshops, öffentlichen Diskussionen und Kooperationen zwischen Kommunen, Hochschulen, lokalen Organisationen und Unternehmen.
Derzeit liegt die Zirkularitätsrate der EU bei rund 12 Prozent. Das bedeutet, dass fast 88 Prozent der in Europa verwendeten Materialien weiterhin aus Primärrohstoffen stammen. Dies unterstreicht, wie entscheidend regionale Zusammenarbeit und nationale politische Maßnahmen für den Übergang von extraktionsbasierten Wirtschaftsweisen hin zu regenerativen Formen des Wirtschaftens sind. Wie dringend ein systemischer Ansatz für Zirkularität ist, zeigen auch die aktuellen Konsummuster: Die Menschheit verbraucht ökologische Ressourcen etwa 70 bis 80 Prozent schneller, als Ökosysteme sie regenerieren können; der weltweite Materialverbrauch liegt bei mehr als 100 Milliarden Tonnen pro Jahr, und nur ein kleiner Teil dieser Materialien kehrt als Sekundärressource in die Wirtschaft zurück. Ohne gemeinsame Anstrengungen, Praktiken der Kreislaufwirtschaft in größerem Maßstab umzusetzen, könnte die Nachfrage nach natürlichen Ressourcen bis 2060 um weitere 60 Prozent steigen.
Und während der Circular Economy Act vorbereitet wird, der gemeinsame Regeln für zirkuläre Lösungen in der gesamten EU schaffen soll, bleibt die lokale Erprobung entscheidend, um langfristige Verhaltensänderungen in Gemeinschaften zu bewirken.
Das europäische Projekt bringt sechs Kommunen im Ostseeraum zusammen – Kiel (DE), Aarhus (DK), Turku (FI), Tallinn (EE), Riga (LV) und Gdynia (PL) – und hat damit Raum dafür geschaffen, dass Städte praktische Lösungen erproben, Erfahrungen austauschen und neue Ansätze entwickeln können, die Kreativwirtschaft, öffentliche Stellen und lokale Gemeinschaften miteinander verbinden. Für Kiel führte diese Zusammenarbeit zu Aktivitäten, die Bürgerinnen und Bürger aller Altersgruppen dazu einluden, Zirkularität unmittelbar zu erleben.
Ein Beispiel ist Goldmine, ein fünftägiger Intensivkurs, der gemeinsam mit Studierenden des Industriedesigns an der Muthesius Kunsthochschule entwickelt wurde. Mit Metallabfällen aus dem Schrotthandel wurden die Studierenden vor die Aufgabe gestellt, aus ausrangierten Materialien vollständig neue Produkte zu schaffen. Das Projekt machte eine einfache Aussage sichtbar: Zirkularität beginnt am Designtisch, wo Entscheidungen über Materialien, Langlebigkeit, Wiederverwendung und Wert bereits getroffen werden.
Lernen fand auch außerhalb der Hochschule statt. Mit dem jährlich stattfindenden Repair & Upcycling Festival auf dem Anscharcampus brachte Creative Circular Cities Kinder, Familien, Studierende, Maker und lokale Initiativen zu praxisnahen Workshops zusammen, die Zirkularität zugänglich und mit Freude erfahrbar machten. Die Teilnehmenden reparierten Fahrräder und Haushaltsgegenstände, bauten Musikinstrumente aus Abfallmaterialien, probierten Drucktechniken mit recycelten Materialien aus, upcycelten Meeresmüll, fertigten Kissen aus Seegras an, verlängerten durch Linux-Installationen die Lebensdauer von Laptops, beschäftigten sich mit Solarenergie, tauschten Kleidung und lernten lokale Zero-Waste-Initiativen kennen.
Frühere Ausgaben zogen pro Festival mehr als 750 Teilnehmende an und boten über 30 Workshops. So entstand ein Raum, in dem Bürgerinnen und Bürger, lokale Initiativen, Kreativschaffende und Akteurinnen und Akteure aus dem Nachhaltigkeitsbereich voneinander lernen konnten.
Neben diesen praktischen Initiativen war Creative Circular Cities auch lokal in Formaten präsent, die dem Dialog und dem öffentlichen Eintreten für die Notwendigkeit und Bedeutung zirkulärer Lösungen für ein nachhaltigeres Leben dienten. Während des Waterkant Festivals diskutierten Projektpartner gemeinsam mit Fachleuten aus Wirtschaft und Politik darüber, wie Pilotinitiativen wie jene, die in Kiel entwickelt wurden, umfassendere Strategien für zirkuläre Entwicklung beeinflussen können. Im Mittelpunkt stand die Frage, was Städte aus solchen Experimenten lernen können und wie diese Erkenntnisse in die zukünftige Politikgestaltung einfließen können.
Wie Indra Levite, Projektmanagerin von Creative Circular Cities, erklärt:
Kiels Erfahrung legt nahe, dass die zirkuläre Transformation nicht allein durch Infrastruktur und Regulierung vorangetrieben werden kann. Sie hängt auch von Bildung, Kreativität und der Beteiligung der Gemeinschaft ab – und davon, Menschen die nötigen Rahmenbedingungen zu geben, um neu darüber nachzudenken, wie sie Ressourcen im Alltag nutzen, reparieren und wertschätzen.
Während Creative Circular Cities seinem Abschluss entgegengeht, wirkt das Vermächtnis des Projekts weiter: Es unterstützt Kiels umfassendere Zero-Waste-Bestrebungen und inspiriert durch Partnerschaften und praktische, skalierbare Kooperationsformate andere Kommunen im Ostseeraum. Zusammengenommen scheinen diese lokalen Erfahrungen die Ausgangsthese einer dreijährigen regionalen Erkundung zu bestätigen: Zirkuläres Denken kann auf städtischer Ebene Wurzeln schlagen, aber es kann dort nicht enden.

Citizen Engagement Lab, Kiel, 2024 / Collage: Jan Konitzki