Herr Nelles, Sie sind bekannt geworden als Autor, der den Mechanismus des Klimawandels mit bemerkenswert einfachen Worten erklären kann. Nun ein Buch über den „Politikzirkus“ in Deutschland, wie das?
Ich bin ein Talkshow-Bingewatcher. Ich lag mit meiner Freundin auf dem Sofa und habe Lanz geschaut. Friedrich Merz war da und meinte: „Ja, wissen Sie, ich komme vom Land, bei uns scheint nachts die Sonne nicht.“ Und Sahra Wagenknecht kam mit: „die Speicher, wo sind sie?“ Kurz danach saß Carsten Linnemann da, da ging’s ums Thema Sozialbetrug, „die Osteuropäer nutzen unsere Sozialsysteme aus“, sagte er. Nach einer halben Stunde ist mir die Hutschnur gerissen: Die Politik redet nur über Probleme, die jeder kennt. Aber euer Job ist es doch, diese Probleme zu lösen. Über jeder Talkshow müsste die fette Frage stehen: Wie kann es gelingen? Das war der Auslöser, das Buch zu schreiben.
Sie haben den Fokus aufs Klima gelegt. Was macht dieses Thema so exemplarisch für unsere Art zu diskutieren?
Wenn Klimaschutz funktionieren soll, muss die Bevölkerung mitmachen. Menschen sind veränderungsfaul – unser Gehirn sehnt sich nach Sicherheit und Stabilität. Beim Klimaschutz betrifft es uns direkt: die Heizung, die Ernährung, das Auto. Deshalb kommen genau jene Mechanismen in der politischen Debatte so stark zu tragen, die darauf abzielen, dass sich möglichst nichts ändert. Diese Verhinderungs-Debatten sieht man nirgendwo so deutlich wie beim Klimaschutz.
David Nelles
Gute politische Debattenkultur: Einspruch zulassen und ruhig zuhören