Mein erstes Mal...

Naturcoaching

Bieten Bäume, Wiesen, Wolken und Steine Antworten auf Lebensfragen? Bianca Kriel hat es ausprobiert.

Was sieht man im Januar in Berlin so gut wie nie? Richtig, die Sonne. Doch heute blendet sie meine müden Augen, als ich morgens das Haus verlasse. Meine Mission: mitten in der Stadt, im grünen Berliner Tiergarten, Impulse für mein Leben finden. Marion Leo, ehemalige Journalistin und jetzt Naturcoach, hatte ich unter coaching-marionleo.com aufgestöbert. Im Vorgespräch versprach sie, dass sich unter Bäumen, in Wolken und Steinen, Antworten finden lassen auf Fragen, die uns bewegen. Ein bisschen wie Horoskope und Tarot-Karten also – beides spaßig, aber mal ehrlich: Bringt das was?

“Durch Baumkronen hindurch können wir den Himmel sehen”Ich steige in den Bus, die Thermoskanne umklammert, trotz Sonnenschein sind lausige minus zehn Grad. Arbeit muss sein, ich bin bereit für den Naturcoaching-Test. Um Müssen geht es auch bei meiner Frage fürs Coaching: Wie finde ich mehr Ruhe zwischen den täglichen Verpflichtungen? Kind und Job und Haushalt – das Hamsterrad eben. Die Leute im Bus tippen auf ihren Handys rum, einer rempelt mich beim Aussteigen an. Gleich wird alles anders, hoffe ich, gleich lasse ich den Großstadtstress hinter mir.

Schon von Weitem sehe ich Marion Leo in ihrem braunen, knöchellangen Mantel. Sie lächelt, und ich denke, wie merkwürdig es doch ist, mit einer Unbekannten persönliche Probleme im Park zu besprechen. Leo sagt, wer sich gut um seine Bedürfnisse kümmere, der kümmere sich auch besser um die Natur. So habe ich es noch gar nicht gesehen. Kann Naturcoaching etwa klimapolitisch sein? Marion Leo selbst wäre am liebsten „Anwältin für jeden Baum“.

Als erstes fordert Leo mich auf, den Naturraum bewusst zu betreten. Gewissenhaft stapfe ich durch ein Tor, das in den Tiergarten führt, Leo wie ein freundlicher Schatten hinter mir. Ein Fußgänger mit Hund läuft vorbei. Am liebsten würde ich ihn ausblenden. „Andere Menschen sind auch Teil der Natur“, flüstert Leo, ich soll sie in meine Wahrnehmung integrieren. Nacheinander aktiviere ich meine Sinne.

Natur spielt eine Rolle bei Stressverarbeitung

Die meisten Menschen verbringen über 90 Prozent ihrer Zeit drinnen. Dabei ist die Studienlage eindeutig: Natur tut uns gut. So reduziert ein einstündiger Spaziergang im Grünen die Aktivität der Amygdala, einer Hirnregion, die eine wichtige Rolle bei der Stressverarbeitung spielt. Allein deshalb muss sich dieses Coaching doch positiv auswirken, denke ich, wir werden 90 Minuten in der Natur sein.

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Doch erst mal soll ich meinen Hamsterradstress bewusst wahrnehmen und von einem Baum zum nächsten gehen. Ich eile voran, mit dem Kopf voraus und Spannung in der Brust, die Bäume nehme ich kaum wahr. Wie würde ich mich bewegen, wenn ich meinen Idealzustand leben würde, fragt meine Coach. Entspannter, langsamer, ist ja klar. Ich frage mich, ob das, was ich hier erlebe, wirklich bessere Antworten liefern kann, als mein Kopf es sonst tut. Doch laut Leo kann man sich bei einem Naturcoaching besser mit seinem Körper verbinden als etwa in einer Coaching-Praxis. Also schlendere ich zu meinem nächsten Baum, mein Körperzentrum rutscht ein paar Zentimeter tiefer, ich entspanne mich tatsächlich. Jetzt sehe ich die Baumkronen, den Horizont, Krähen fliegen. Dieses Bild wird sich mir einbrennen. Ein sogenannter Anker, sagt Leo: ein Bild, an das ich mich später erinnern kann, wenn ich gestresst bin.

„Und was sagt der Stein über Bianca?“

Nun kommt der Kern des Coachings: Ich soll einen Ort im Tiergarten finden, der meinen aktuellen Zustand symbolisiert. Ich trample durch das Dickicht, will in die Sonne, bleibe schließlich im Schatten vor einem Stein stehen. Ich kauere mich vor ihn, berühre ihn. Er bleibt stoisch, natürlich. Ich empfinde Mitgefühl für ihn. Leo ermutigt mich, dieses Mitgefühl auch für mich selbst zu entwickeln. „Und was sagt der Stein über Bianca?“, fragt sie. Ähm. Vielleicht, dass ich mich im Gegensatz zu ihm bewegen kann, dass ich nicht feststecke? Wir kichern. Und dann geht es darum, den Ideal-Ort zu finden. Ich krieche unter einen Strauch mit vielen Ästen, wie in eine Höhle. Die Sonne scheint mir ins Gesicht, und kurz fühle ich mich lächerlich, während Leo ein Foto von mir macht. Die Botschaft des Strauchs für mich? Geborgenheit. Chaos. Sich in viele Richtungen ausstrecken können. Flexibel sein. Menschen in meine Höhle einladen. Ich denke daran, dass ich auch für mein Kind wie der Strauch bin. Das gefällt mir. Im Coaching nennt man das „Ressourcen stärken“ – feststellen, was man bereits Gutes hat, kann oder tut. Ich fühle mich gestärkt.

Zum Abschluss suche ich in der Natur eine Botschaft, wie ich in meinen Idealzustand gelangen kann. Sie kommt in Form von gefallenem Laub. „Leg dich hin, geh früher schlafen“, sagt es mir. Keine neue Erkenntnis – doch in der Woche nach dem Coaching lege ich mich tatsächlich früh ins Bett. An die Baumkronen denke ich ständig.

Info: Naturcoaching ist ein Coaching, das mit der Natur arbeitet. Die Natur ist dabei nicht Kulisse oder Entspannungsraum, sondern Medium für das Coaching selbst, eine Art Spiegel für den oder die Gecoachte:n und Impuls für Fragen und Inspiration. Naturcoaches erwerben eine Zusatzqualifikation, die in der Regel um die 130 Unterrichtsstunden umfasst. Angebote für Naturcoaching gibt es bundesweit.

Foto: Unsplash / von Mitzscha

Durch Baumkronen hindurch können wir den Himmel sehen

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