Im Fokus: Handwerk

So wird das Handwerk im Ausland unterstützt

Nationale Wertschätzung, Finanzspritzen vom Staat, Livestreams von Frauen auf dem Bau oder Solarausbildungen für Inhaftierte – wie Japan, Frankreich, Neuseeland und die USA für das Handwerk begeistern.

 

Frankreich

Staatskohle für ein blühendes Handwerk

Eine Million Auszubildende pro Jahr – das hat sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron 2018 zum Ziel gesetzt. Das Land kommt diesem Ziel immer näher, denn Berufsausbildungen boomen in Frankreich: 2022 haben 837.000 Menschen einen Ausbildungsvertrag unterschrieben, mehr als doppelt so viele wie 2017. Und jede:r Vierte wählt eine Lehre im Handwerk – mehr als je zuvor. Wie kommt’s?

Im September 2018 ist in Frankreich ein Gesetz in Kraft getreten, das nichts weniger sicherstellen will als die Freiheit, seine berufliche Zukunft selbst zu wählen (Loi pour la liberté de choisir son avenir professionnel). Was nach Selbstverwirklichung klingt, will einfach mehr Menschen in Lohnarbeit bringen. In Frankreich waren laut Eurostat 2017 knapp zehn Prozent der Bürger:innen arbeitslos – in Deutschland nur etwa vier Prozent. Fast jede:r Vierte unter 25 hatte damals keine Arbeit. Das Freiheitsgesetz sollte nun Betriebe dazu bringen, mehr Ausbildungsplätze anzubieten, und Interessierten den Zugang zu Ausbildungsberufen erleichtern. Dafür wurde etwa das Arbeitslosengeld neu geregelt, Geld für Weiterbildung und Gründung zur Verfügung gestellt – und die Berufsausbildung reformiert.

Die Berufsausbildung und damit auch das Handwerk haben in Frankreich einen schweren Stand, denn das Bildungssystem gilt als sehr verschult. Etwa 80 Prozent eines Jahrgangs gehen auf ein Lycée, ein Gymnasium, und machen das französische Abitur, das baccalauréat. Das bac géneral und das bac technologique führen zur allgemeinen Hochschulreife und Fachhochschulreife. Seit 1985 bereitet das bac professionnel auf einen Beruf vor. 2018 machten rund 21 Prozent der Abiturient:innen das bac professionnel.

Das Problem: Schüler:innen beruflicher Gymnasien erwerben dabei ihr Know-how oft nur in 16-wöchigen Praktika. Im Gegensatz zu Azubis in mehrjähriger Berufsbildung sind sie danach kaum fit für den Beruf, es fehlt jede Menge Praxis. Die Folge: arbeitslose Absolvent:innen – und noch weniger Handwerker:innen. Betriebe boten bis zur Reform kaum Lehren an, zumal sie das bac professionnel mitfinanzieren müssen – und kaum noch Geld für eigene Azubis hatten. Ein Teufelskreis.

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Diesen Teufelskreis hat das Freiheitsgesetz durchbrochen: Für jede:n Azubi zahlt der Staat den Betrieben seit 2018 im Schnitt 6.000 Euro. Ein Anreiz, der die Firmen dazu bringt, wieder Nachwuchs auszubilden. Insgesamt gibt Frankreich heute 12 Milliarden Euro mehr für die Berufsausbildung aus als Deutschland – das 1,3mal mehr Auszubildende hat. Außerdem hat Frankreich den Zugang zu Berufsausbildungen erleichtert: Das Höchstalter wurde von 26 auf 30 Jahre angehoben, zudem können Interessierte nun jederzeit im Laufe eines Schuljahres mit der Ausbildung beginnen. Mit Erfolg: 2020/21 waren etwa 175.200 junge Handwerker:innen in Ausbildung.

Und wie geht es den Handwerk-Azubis? Nach Angaben der französichen Handwerkskammer sagen 88 Prozent der Handwerker:innen zwischen 16 und 29 Jahren: Ihr Handwerk macht sie glücklich.

Japan

Den Schatz der Takumi bergen

Welchen Stellenwert das Handwerk in einer Gesellschaft heute haben kann, zeigt Japan. Dort gibt es die sogenannten Takumi, was so viel bedeutet wie Meister:innen des Kunsthandwerks. Diese Menschen gehören zu den Besten ihres Fachs und beherrschen ihr Handwerk hervorragend, egal ob Kochen, Tischlern oder Lackieren. Statt mit schweren Maschinen arbeiten sie viel mit der Hand und einfachen Werkzeugen. So nutzen sie zur Metallverarbeitung zum Beispiel kleine Feilen, um mehr Gefühl für das Material zu haben. Um Takumi zu werden, müssen Handwerker:innen jahrezehntelange Erfahrung besitzen. Mindestens 60.000 Arbeitsstunden sind nötig, das entspricht einer 30-jährigen Karriere bei acht Arbeitsstunden an 250 Tagen im Jahr.

Ein Unternehmen, in dem Takumi eine große Rolle spielen, ist Toyota. Der japanische Automobilhersteller beschäftigt mehr als 375.000 Mitarbeiter:innen – rund 500 davon sind Takumi und arbeiten in der Qualitätskontrolle der Lexus-Produktion, der Luxusmarke von Toyota. Mit ihrer Expertise entwickelt Toyota auch Maschinen weiter: Zum Beispiel zeigen Takumi den Programmierer:innen von Lackierrobotern, welche Bewegungen diese ausführen müssen, um den Lack möglichst effizient und geschmeidig aufzutragen.

Ihr Wissen geben die Takumi weiter, indem sie Mitarbeiter:innen weltweit ausbilden und schulen. Damit Toyotas Takumi-Lehrlinge genauso perfekt arbeiten wie ihre Meister:innen, müssen sie zum Beispiel vorher eingearbeitete Detail-Mängel im Metall der Autos finden.

Auch der älteste Handwerksbetrieb Japans, Kongō Gumi, setzt auf die Erfahrung von Takumi: Der Familienbetrieb existiert seit dem Jahr 578 und baut in der 41. Generation Tempel. Dort sind die Takumi Expert:innen eines einzelnen Werkzeuges, zum Beispiel der Säge, des Meißels oder des Hobels.

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Aber warum genießen die Takumi in Japans Gesellschaft ein so großes Ansehen? Ein Grund könnte die Wertschätzung durch die japanische Regierung sein. Sie hat 1950 das Gesetz zum Schutz immaterieller Kulturgüter erlassen. Seitdem zeichnet sie Takumi für das Ausüben der Kunsthandwerke aus und nennt sie „lebende nationale Schätze“.

Neuseeland

Feminismus zum Nachbauen

Grüne Wiesen, dunkelblaue Seen, felsige Küstenstreifen – Neuseeland hat atemberaubende Landschaften. Doch wer ein Haus inmitten der neuseeländischen Natur bauen lassen will, braucht neben Geld vor allem eines: Zeit. Der Baubranche im Land fehlen Fachkräfte. Gleichzeitig ist die Quote an Frauen, die den Arbeitskräftemangel ausgleichen könnten, äußerst gering. Nach Angaben des neuseeländischen Statistikamts sind gerade mal vier Prozent der Handwerker:innen in der Bauindustrie weiblich.

„Warum ignorieren wir 50 Prozent der Bevölkerung?“, fragt Colleen Upton, Präsidentin der neuseeländischen Organisation The National Association of Women in Construction (NAWIC). Der Verband setzt sich für mehr Sichtbarkeit und die Förderung weiblicher Beschäftigter ein. Denn Frauen fühlen sich der männerdominierten Baubranche oft nicht zugehörig – und entscheiden sich lieber für einen anderen Job.

Das Projekt BUILDher will das ändern: Eine Frauencrew baut derzeit ein neues großes Haus in Whenuapai, Auckland. Vom Zeichnen der Baupläne, dem Mauern der Wände, dem Anschließen der Elektrik bis zum Decken des Dachs – das komplette Gebäude wird nur von Frauen geplant, entworfen und gebaut. Mehr als vierzig Handwerkerinnen sind an dem Projekt der Baufirma Fletcher Living beteiligt. Die Bodenplatte ist bereits gegossen, der Rohbau hat begonnen und bis Weihnachten soll das Haus fertig sein. Auf der BUILDher-Website kann man den Baufortschritt mit einer Live-Kamera verfolgen.

Das neuseeländische Projekt zeigt, dass Frauen ihren männlichen Kollegen in nichts nachstehen. „Wir wollen die Anwesenheit von Frauen auf der Baustelle normalisieren“, so Aurelie Le Gall von Fletcher Living. Allerdings war es nicht einfach, genügend Frauen zu finden, um die Stellen zu besetzen. Projektmanagerin Jasmin Lawrence: „Das hat wieder gezeigt, wie dringend wir mehr Frauen in der Branche brauchen.“

Der Verband der Frauen im Bauwesen, NAWIC, hat dafür eine Strategie: Es brauche mehr Frauen in Führungspositionen, familienfreundlichere Arbeitszeiten und flexiblere Arbeitsverträge. Auch BUILDher möchte mit seinem Hausprojekt in Auckland weibliche Talente locken. Laut Unternehmensleiterin Le Gall sollen weitere Projekte folgen: „Wir hoffen, dass dies junge Frauen dazu inspiriert, einen Handwerksberuf zu erlernen.“

USA

Solarausbildung für Inhaftierte

Den Vereinigten Staaten fehlen Handwerker:innen im Energiesektor. Sie werden gebraucht, um den Ausbau der erneuerbaren Energien anzukurbeln, indem sie zum Beispiel Solaranlagen oder Windräder installieren. Um Klimahandwerker:innen anzuwerben, werden Energieunternehmen kreativ: Sie zahlen mehr Geld, fliegen Ausbilder:innen aus dem Ausland ein oder kaufen kleine Dachdecker- und Elektrikerbetriebe samt Mitarbeiter:innen auf.

Zwei Organisationen aus Kalifornien, dem größten Solarstaat der USA, erproben einen weiteren Ansatz – und packen zwei Baustellen gleichzeitig an: Sie bilden ehemalige Bandenmitglieder und Gefängnisinsass:innen zu Solarinstallateur:innen aus. Damit möchten sie die Resozialisierung der Verurteilten fördern und gleichzeitig für neue Arbeitskräfte in der Solarbranche sorgen.

2017 hat die NGO Grid Alternatives ein Programm ins Leben gerufen, in dem sie Inhaftierte im Gefängnis Madera County Department of Corrections zu Solarinstallateur:innen ausbilden. Viele Teilnehmende sind Schwarze und Menschen mit lateinamerikanischen Wurzeln, die bis zu fünfmal häufiger inhaftiert werden als weiße Menschen. Zusätzlich organisiert die NGO Foren für Arbeitgeber:innen, um diese von den Programmteilnehmenden als potenziellen Beschäftigten zu überzeugen. Auch Homeboy Industries kümmert sich seit 1988 um die Wiedereingliederung ehemaliger Strafgefangener, insbesondere von ehemaligen Bandenmitgliedern. Zusammen mit dem East Los Angeles Skills Center bietet das Sozialunternehmen seit 2010 ein viermonatiges Programm an, das die Teilnehmenden zu zertifizierten Solarinstallateur:innen ausbildet. Zusätzlich gibt es Kurse, die sie auf den High-School-Abschluss oder das College vorbereiten, und Möglichkeiten, sich Tattoos entfernen zu lassen oder Therapiestunden zu nehmen. Das Ganze finanziert sich über Spenden und Kooperationen mit Unternehmen wie Boeing oder der Union Bank. Für die Teilnehmenden ist es kostenlos. Mittlerweile hat Homeboy Industries sein Konzept auf der ganzen Welt etabliert – zum Beispiel in Australien, Uganda oder Schweden.

Foto: Charlotte Köhnke

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