„Feministische Außenpolitik setzt andere Prioritäten“

Die Aktivistin Kristina Lunz kämpft für Frieden durch eine feministische Außenpolitik. Im Angesicht des Krieges in der Ukraine erfährt sie Zuspruch, aber auch Hass. Wie geht sie damit um? Am Abend des 24. Februars sitzt Kristina Lunz auf einer Bühne in der historischen Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg, auf einem Barhocker, Beine überschlagen. Premierenlesung: Heute erscheint ihr erstes Buch. Es ist auch der Tag, an dem Wladimir Putin die ganze Ukraine angreift. Ihr Buchtitel klingt nach einer Antwort: Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch: Wie globale Krisen gelöst werden müssen. Darin fordert die Aktivistin Abrüstung. Auch jetzt sagt sie: „Feministische Außenpolitik setzt andere Prioritäten: Solidarität, Zusammenarbeit, Menschenrechte.“ Zeit für einen Paradigmenwechsel. Mittwochmorgen, einen Monat später. Der Krieg hat sich verschärft, politische Linien sind gesprengt. Rasch fährt Lunz mit ihrem Fahrrad auf das Café im Berliner Wedding zu, hier nimmt sie sich Zeit für ein Gespräch. Eine Stunde fand sich in ihrem vollen Kalender. Die Expertise der 32-Jährigen ist gefragt, sie ist Mitgründerin der Forschungs- und Beratungsorganisation Centre for Feminist Foreign Policy (CFFP). Gleich steht ein Interview …

Weggefegt von der Resonanz

Ostdeutsche würden jammern, seien ewig gestrig und demokratiefeindlich sowieso: Die alten Bilder halten sich beharrlich. Die Journalistin Melanie Stein macht mit ihrer Initiative „Wir sind der Osten“ Vielfalt und Stärke der Menschen sichtbar. Sie hat damit einen Nerv getroffen. Irgendwann, während der Europawahl 2019, hat Melanie Stein die Nase gestrichen voll. Gibt’s doch nicht. Wieso wird über Ostdeutschland fast nur negativ berichtet, unfassbar pauschalisierend zudem? Egal ob auf Social Media oder in vielen klassischen Medien, immer wieder springen ihr dieselben Bilder ins Gesicht: Rechtsextreme, Demokratiemuffel, ewig Gestrige, beschränkte Ossis. Oder: „Sachsen kannste abhaken.“ Wo, verdammt, bleibt der differenzierte Blick auf die ostdeutsche Mehrheit, fragt sich Stein und beschließt: Das muss sich ändern. Im Sommer 2019 gründet Melanie Stein die Initiative „Wir sind der Osten“. Der Wind treibt den Fieselregen waagerecht durch die Straßen Berlins, im Café Codos wartet Melanie Stein. Eine junge Frau, die blonden Haare im Nacken zusammengefasst, mit klarem Blick und freundlichem Lächeln. „Früher war das Common-ground hier drin, ein hippes Café, schon der Name passte super zu uns. Hier hat alles angefangen.“ …

„Wir spüren jetzt die Unterstützung der Europäer wie nie zuvor”

Als die russische Armee auf Putins Befehl hin in die Ukraine einmarschiert, ist das Grand Kiev Ballet gerade auf Tournee in Frankreich. Nun macht die Truppe weiter. Sie wollen, dass der Krieg nicht vergessen wird. Aber wie schafft man es zu tanzen, wenn Bomben auf die Heimat fallen? Auf den ersten Blick scheint alles wie immer, als das Kyjiwer* Ballett am zweiten März auf die Bühne des Theaters in La Teste-sur-Buch im Südwesten Frankreichs tänzelt. Die lieblichen Melodien von Tschaikowskis Schwanensee erklingen. Prinz Siegfried trägt goldbestickten Brokat, Prinzessin Odette einen Kranz aus weißen Federn. Doch nichts ist so wie immer: Als die Vorstellung vorbei ist, treten die Tänzer:innen nach vorne und legen die Hand aufs Herz. Sie singen „Schtsche ne wmerla Ukrajina” („Noch ist die Ukraine nicht gestorben”), die Nationalhymne. Odette schwenkt die blau-gelbe Flagge, während sie auf Spitze tanzt. Das Publikum erhebt sich zu Standing Ovations. Der Vorhang fällt. Die Videos der Aufführung schickt Alexander Stoyanov, künstlerischer Leiter des Grand Kiev Ballets, per Telegram. Fragen kann er nur zwischen zwei Auftritten beantworten: Jeden Tag …

Transkript: Good News enorm Podcast Folge 42

Hier findest du eine schriftliche Fassung der Podcastfolge 42 von „Good News enorm“. In dieser Folge spricht die vegane Köchin, Autorin und Aktivistin Sophia Hoffmann mit uns darüber, warum sie sich für Feminismus und den Klimaschutz engagiert und warum es gar nicht so schwer ist, lecker und nachhaltig zu kochen. Das Transkript soll den Podcast möglichst barrierefrei auch nicht-hörenden Menschen zugänglich machen. In dieser Folge spricht Good-News-Redakteur:innen Bianca Kriel mit der veganen Köchin, Autorin und Aktivistin Sophia Hoffmann. Bianca: Hallo und herzlich willkommen zu Good News enorm – gute Nachrichten und konstruktive Gespräche. Heute geht es um veganes Kochen, veganes Essen. Wir haben einen wunderbaren Gast zu Besuch Sophia Hoffmann, vegane Köchin, Aktivistin und Buchautorin. Bevor wir loslegen mit den guten Nachrichten, ein Hinweis in eigener Sache: Das enorm Magazin sucht eine:einen Social Media Redakteur:in für positive Geschichten. Außerdem sucht das enorm Magazin auch einen:eine Praktikant:in. Meldet euch, wir packen euch die Links in die Shownotes. Und jetzt der Gute-Nachrichten-Überblick. Die Kegelrobbe galt in der Nordsee lange Zeit als ausgerottet. Doch seit der ersten erfassten …

„Wir wollen unsere Zukunft selbst bestimmen“

Zwei politische Lager kämpfen für die Dekolonialisierung des US-amerikanischen Territoriums Puerto Rico: Die einen wollen einen unabhängigen Staat, die anderen möchten ein gleichberechtigter Teil der USA werden Die New Yorker Studentin Marisol Rios de la Luz erkundet gerade auf einer Exkursion Felshöhlen auf Puerto Rico, als eine indigene Göttin auftaucht und sie in die Superheldin „La Borinqueña“ verwandelt. Marisol kämpft fortan gegen zerstörerische Hurrikans – und für ein freies Puerto Rico. Doch Marisol ist eine Comicfigur, geschaffen als Symbol für eine Nation, die schon seit einem halben Jahrtausend nicht mehr frei ist. Nach 400 Jahren als spanische Kolonie wurde das karibische Inselterritorium im Amerikanisch-Spanischen Krieg 1898 von den USA annektiert. Die Einwohner:innen von Puerto Rico nennen sich selbst Boricuas, nach einem Wort aus der Sprache der Taino, einem indigenen Volk des Archipels. Sie besitzen zwar die US-amerikanische Staatsbürgerschaft und müssen Steuern an die USA zahlen, dürfen aber weder ihr Staatsoberhaupt wählen, noch Abgeordnete in Senat oder Kongress entsenden. „In den USA haben die meisten Menschen noch nie davon gehört. Die USA verstehen sich selbst als …

Transkript: Good News enorm Podcast Folge 34

Hier findest du eine schriftliche Fassung der Podcastfolge 34 von „Good News enorm“. Noch immer prägt der Kolonialismus unsere Wirtschaft und wie wir heute leben: Tief verwurzelte Machtstrukturen schaffen strukturelle Ungleichheiten, die es zu überwinden gilt. In dieser Folge und im aktuellen enorm Magazin stellen wir Menschen und Initiativen vor, die sich für Dekolonialisierung einsetzen. Unternehmer:innen, Aktivist:innen, Kreativschaffende, die vermitteln: Tschüss, Kolonialismus, komm niemals wieder! Das Transkript soll den Podcast möglichst barrierefrei auch nicht-hörenden Menschen zugänglich machen. In dieser Folge sprechen Good-News-Redakteurin Bianca Kriel und Astrid Ehrenhauser, Redakteurin beim enorm Magazin, über Dekolonialisierung.  Bianca: Bianca: Hallo und herzlich willkommen zu Good News enorm – gute Nachrichten und konstruktive Gespräche! Ein Podcast von Good News und dem enorm Magazin. Heute geht es um Postkolonialismus. Aber erst einmal: Der gute Nachrichten Überblick. Nach 10 Jahren Datenschutz-Debatte ist es nun soweit: Der Facebook Mutterkonzern Meta hat angekündigt, sein umstrittenes Gesichtserkennungssystem einzustellen. Dafür würden die Daten von mehr als einer Milliarde Menschen gelöscht. Forschende der Universität Miguel Hernández haben ein Mikroimplantat entwickelt, das blinden Menschen grundlegende Sehfähigkeit zurückgeben könnte. Eine …

Wie können wir Kunst und Museen dekolonisieren?

Die Berliner Aktivist:innengruppe Barazani.berlin kämpft mit virtuellen Ausstellungen und kulturellen Aktionen für die Dekolonisierung des Humboldt Forums. Eine Stellungnahme zu Kunst, Kultur und Kolonialismus von Christoph Balzar, Ibou Diop, hn. lyonga und Isabel Raabe. „Dreißig Jahre lang drehte sich der Diskurs in der Museumstheorie darum, ethnologische Museen, früher Völkerkundemuseen, von kolonialen Mustern zu befreien. Die Entscheidung, das Humboldt Forum im Berliner Schloss zu eröffnen, verneint diese dreißig Jahre völlig.  Ethnologische Museen haben ein Problem: Ein Museum ist ein Ort, der darauf ausgerichtet ist, etwas zu zeigen. Ethnologische Museen wollen andere Kulturen zeigen. Was anders ist, wird aber aus einer eurozentrischen Perspektive festgelegt. Weiße Menschen entscheiden, wie sie andere, nicht-weiße Kulturen präsentieren. Wenn eine ethnologische Ausstellung voller kolonialer Raubkunst in diesem preußischen Schloss eröffnet, kann das niemals nicht rassistisch sein.  Die Objekte der ethnologischen Sammlung sollen Kulturen, ihre Glaubensvorstellungen und ihre Wertesysteme darstellen. Ein prominentes Beispiel ist die Statue der Ngonnso, der Gründerin des Volkes der Nso aus Kamerun. In ihrem Land fehlt sie, dort ist sie unersetzlich. Stattdessen steht sie im Humboldt Forum auf einem …

Transkript: GoodNews enorm Podcast Folge 30

Hier findest du eine schriftliche Fassung der Podcastfolge 30 von „Good News enorm“. Wie können wir mit politisch andersdenkenden Menschen konstruktiv ins Gespräch kommen? Und wie können wir uns mit Gleichgesinnten zusammentun, um mehr zu bewirken? In dieser Folge sprechen wir mit Hanna Israel von „My country talks“ und Natalie Wübbolt von „Z2X-Festival“ über politische Zwiegespräche, Zukunftsvisionen von 20- bis 29-Jährigen und was ZEIT Online damit zu tun hat. Das Transkript soll den Podcast möglichst barrierefrei auch nicht-hörenden Menschen zugänglich machen. In dieser Folge spricht Good-News-Redakteurin Bianca Kriel mit Hanna Israel von „My country talks“ und Natalie Wübbolt von „Z2X-Festival“ über politische Zwiegespräche und Zukunftsvisionen.  Bianca: Hallo und herzlich willkommen zu Good News enorm – gute Nachrichten und konstruktive Gespräche. Ein Podcast von Good News und dem enorm Magazin. Heute sprechen wir über „Deutschland spricht“ und das „Z2X-Festival“ von Zeit Online. Aber erst einmal der Gute-Nachrichten-Überblick: Im Ahrtal wurden 50 Hektar Weinberge durch die Flut zerstört – und doch: Die Weinlese für den Jahrgang 2021 kann stattfinden. Dank der Hilfe von Winzer:innen und freiwilligen Helfer:innen, die …

Ein Hauch Amerikanischer Frühling

Die USA sind ein Land starker Protestbewegungen. Gegen Rassismus, LGBTIQ-Feindlichkeit, Waffenbesitz. Heute haben sie so viel Einfluss wie nie zuvor. Eine Analyse. Oktober 1969. Es ist ein Uhr morgens. Sylvia Rivera trinkt im Stonewall Inn in der Christopher Street in New York ein Bier, als die Polizei das Lokal stürmt. Vor allem junge homosexuelle und transsexuelle Prostituierte wie sie besuchen die Bar. Die meisten sind obdachlos, werden regelmäßig verhaftet, weil sie sich öffentlich küssen und Kleidung nicht so tragen, wie man das von ihrem Geschlecht erwartet. Ein Polizist greift nach der 18-jährigen transsexuellen Rivera und schlägt mit seinem Schlagstock nach ihr. Rivera wirft eine Flasche nach den Polizisten und eröffnet so den Widerstand. Es war ein gewaltsamer Tag, der als „Stonewall-Aufstand“ in die Geschichtsbücher einging. Gleichzeitig war es der Auftakt zu einer der größten Emanzipationsbewegungen für queere Menschen, die heute jedes Jahr als „Christopher Street Day“ (CSD) auf der ganzen Welt gefeiert wird. Viele Tote, weltweite Proteste Februar 2018. Jamie Guttenberg steckt ihr Mathebuch in den Rucksack und schaut im Sekundentakt auf die Uhr. Endlich …

„Kolonialismus in grünem Gewand“

Die Sámi in Europa kämpfen gegen Diskriminierung und grünen Kolonialismus. Zwei Aktivistinnen erzählen. Warum sprecht ihr von grünem Kolonialismus? Eva Maria Fjellheim, 35, untersucht in ihrer Doktorarbeit an der Arctic University of Norway (UiT) den Konflikt der Hirten mit den Windpark-Investoren auf der Halbinsel Fosen: „Norwegen hat wie alle Länder zugestimmt, seine Emissionen zu reduzieren und Maßnahmen durchzuführen, die die Klimaerwärmung bremsen. Daher werden Investoren und Firmen großzügig subventioniert, die Windenergie-Vorhaben in Norwegen umsetzen wollen. Viele Windressourcen liegen in den Bergen, und die Berge sind traditionell wichtige Gebiete für die Rentiere und ihre Hirten. Das Weiden der Rentiere ist in den vergangenen Jahren im Winter immer schwieriger geworden, etwa durch unvorhersehbare Temperaturschwankungen, überdurchschnittlich starke Schneefälle und große Eisflächen auf den Weiden, die die Nahrungssuche für die Tiere unmöglich machen. Das sind alles Folgen des Klimawandels. Auch auf enorm: Indigener Umweltschutz weltweit. Die Pioniere der Nachhaltigkeit Zu diesen Schwierigkeiten für die Hirten kommen juristische Auseinandersetzungen über die Gebiete der Windenergie-Projekte. Zum Beispiel bei Europas größtem Festland-Windenergie-Projekt auf der Halbinsel Fosen, das Gegenstand eines Rechtsstreits zwischen Hirten und …