Axel Mayer läuft auf einem schmalen Kiesweg in den Auwald des Rheins hinein, vorbei an Hainbuchen, Pappeln und Farnen. Bis auf das Knirschen der Steinchen unter seinen Sandalen und das Zwitschern einer Drossel über seiner Halbglatze ist nichts zu hören. Eine grüne Idylle – die es eigentlich gar nicht mehr hätte geben sollen.
Hier, sagt der 69-Jährige, der mit seiner beigen Hose und dem grünen Hemd wie ein Förster aussieht, rollten die Polizist:innen vor 50 Jahren den Stacheldraht aus und spannten ihn zwischen meterhohe Holzstämme, um einen Schutzwall zu errichten. Dort, ein paar Meter weiter, standen Bagger und Walzen bereit, um den Boden zu ebnen, damit darauf ein Atomkraftwerk (AKW) errichtet werden kann. Das AKW Wyhl, ein Stück deutscher Zeitgeschichte.
Denn es kam bekanntlich anders. Im Frühjahr 1975 strömten Ärzt:innen, Schreiner:innen, Maoist:innen, Landfrauen, Winzer:innen und Professor:innen zu Zehntausenden in den Wald bei Wyhl, einem Dorf in der Nähe von Freiburg. Sie überwanden die Barrikaden, besetzten den Bauplatz und errichteten ein Zeltdorf sowie ein Freundschaftshaus. Erst blieben sie Wochen, dann Monate.
Einer von ihnen war Axel Mayer. Der damals 19-Jährige machte gerade eine Lehre beim Vermessungsamt in der nächsten Kreisstadt und kam nach Feierabend mit seiner Freundin im Renault 4 angebraust. Gemeinsam mit den anderen gelang ihm, was kaum jemand für möglich gehalten hatte: Der Bau wurde gestoppt – und Wyhl zur Wiege der deutschen Umweltbewegung.
„Hier habe ich meine Lebensbatterie aufgeladen“, sagt Mayer, während er durch das Dickicht schaut, als könnte er die Vergangenheit noch sehen. Diese Batterie treibt ihn bis heute an.
Ein halbes Jahrhundert nach Wyhl fährt Axel Mayer mit dem Auto über den Rhein zum Rathaus der französischen Gemeinde Marckolsheim. Im Gewerbegebiet am Fluss will eine Zitronensäurefabrik ihr Werk erweitern und dafür mehr Grundwasser fördern. „Diese Fabrik stinkt nicht nur“, sagt Mayer, „sondern verbraucht auch gigantische Mengen an Energie und Rohstoffen und wird den Rhein massiv erwärmen.“ Das sei in Zeiten des Klimawandels und der Erhitzung des Rheins nicht akzeptabel. Deshalb hat er einen Brief verfasst, in dem er seine Bedenken gegen den Ausbau äußert, und gibt ihn jetzt am Empfang des Rathauses von Marckolsheim ab.
Zurück in seinem Haus in Endin…