Herr Bühling, welcher Mythos rund um Frauengesundheit begegnet Ihnen in Ihrer Praxis denn am häufigsten?
Kai Bühling: Die Verteufelung von Hormonen. Eine Journalistin fragte mich mal, ob ich für oder gegen Hormone bin. Ich sagte, dass ich für die Patientin bin und Lösungen bieten möchte. Ich bin selbst Vater von drei Töchtern und plädiere dafür, dass man so was immer im Einzelfall entscheiden muss. Man darf aber nicht vergessen, dass Hormone viele Vorteile haben können. Erst gestern hatte ich eine Patientin mit starken Regelschmerzen, Haarausfall und Akne in der Sprechstunde – sie hatte Endometriose. Da können hormonelle Verhütungsmittel wie Pille, Spirale oder Ring helfen. Denn die Erkrankung kann sich ausbreiten, den Kinderwunsch erschweren, oft muss dann operiert werden.Â
Kai Bühling
arbeitet seit 23 Jahren als Gynäkologe, lehrt am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und hat zwei Fachzeitschriften für Frauenärzt:innen gegründet. Seine Schwerpunkte sind Hormone, Wechseljahre und Kinderwunsch.Welche Mythen sind Ihnen bekannt, Frau Herrmann?
Inge Herrmann: Alles rund um die Geburt. Es gibt immer noch Frauen, denen eingeredet wird, der Kaiserschnitt sei nur ein kleiner Schnitt – Pflaster drauf und man kann danach aus dem Spital laufen. Dabei ist das ein großer Eingriff. Dann das Thema Periode. Es ist verrückt, wie viel Ekel und Unverständnis es da noch immer gibt.
Hat sich in den vergangenen Jahren etwas verändert?
Bühling: Was früher die Apotheken Umschau war, ist heute Social Media. Immer wieder kamen Patientinnen in meine Sprechstunde, weil sie gelesen hatten, was man zum Beispiel in der Schwangerschaft essen darf. Ich habe daraufhin einen Ratgeber verfasst (Der Schwangerschaftsratgeber), weil zu viel Fehlinformation kursierte. Heute ist alles leider noch schneller geworden. Ich muss oft Dinge medizinisch klarstellen. Mädchen und Frauen kommen in meine Praxis und haben sich bereits online selbst diagnostiziert. Ein TikTok-Video redet ihnen ein, sie haben Endometriose, weil sie einmal einen unregelmäßigen Zyklus hatten. Ich erkläre dann natürlich ausführlich.
Social Media kann auch aufklären: Zuletzt machten Videos die Runde, in denen es hieß, dass nicht nur die Frau, sondern auch die Spermienqualität des Mannes eine Schwangerschaft beeinflussen kann.
Bühling: Das weiÃ…
Frau, Mann, Reproduktion: Wo sollten wir umdenken?