Klimaaktivistin, die Kunstwerk beschmierte

„Wir sind nur Kids, die Angst haben“

Lesezeit:
3 minuten
Datum:
12 December 2022
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Lesezeit: 3 minuten / Datum: 12 December 2022

Bild: IMAGO / ZUMA Wire

Phoebe Plummers, 21, kommt aus London und studiert dort Sozialanthropologie. Ihr Klimaaktivismus richtet sich gegen die Förderung von Erdöl.

Die Britin Phoebe Plummers bewarf im Oktober das Gemälde Sonnenblumen von Vincent van Gogh mit Tomatensuppe und inspirierte damit überall auf der Welt ähnliche Aktionen. Warum sie das getan hat, erzählt sie im Interview.

Frau Plummers, seit August engagieren Sie sich für Just Stop Oil. Warum eine so radikale Organisation?

Phoebe Plummers: Weil ich verzweifelt war. Ich habe persönlich alles getan, was ging: Bin Veganerin geworden, habe nur noch Secondhandklamotten gekauft, war protestieren, habe meinen Abgeordneten geschrieben. Aber ich hatte das Gefühl, das bringt alles nichts. Ich habe mich hilflos gefühlt. Wie soll man sich nicht so fühlen, wenn man 21 ist und weiß: Die Klimakrise ist da, die eigene Zukunft hoffnungslos. Im April habe ich dann die Aktionen von Just Stop Oil im Fernsehen gesehen – wie sie Ölterminals und Straßen blockieren. Ich dachte: Diese Menschen sind so tapfer. Es war das erste Mal seit Langem, dass mir etwas Hoffnung machte. So habe ich mich ihnen angeschlossen. Ich kann doch nicht tatenlos zusehen, wie unsere Erde, alles, was ich kenne und liebe, zerstört wird.

Zu dem Zeitpunkt, als Sie Teil der Gruppe wurden, waren bereits mehrere Mitglieder verhaftet worden. Hat Ihnen die Aussicht auf eine Konfrontation mit der Polizei keine Angst gemacht?

Die Polizei hat mich immer freundlich und gut behandelt. Selbst wenn es nicht so wäre, ist es schwer, vor irgendwelchen rechtlichen Konsequenzen Angst zu haben, wenn man sich unsere gegenwärtige Situation ansieht: 33 Millionen Menschen in Pakistan müssen wegen Sturmfluten ihr Zuhause verlassen. Über 50 Millionen Menschen in Ostafrika droht eine Hungersnot aufgrund von Dürren. Es wird noch schlimmer werden, vor allem im Globalen Süden.

Und dann dachten Sie: Okay, ich bewerfe ein Gemälde von Van Gogh mit Tomatensuppe?

Wir mussten etwas tun, um mehr Aufmerksamkeit in den Medien zu bekommen. Denn all unsere Aktionen davor, die, die die Ölinfrastruktur an sich getroffen hat, haben kaum jemanden interessiert. Und es hat ja funktioniert, nicht wahr? Zwei junge Menschen, die ein Bild besudelt haben, haben mehr Aufmerksamkeit geschaffen als die Bedrohung all dieser Menschenleben im Globalen Süden.

Auch auf enorm: Wie verhindern wir klimaschädlichen Sandabbau?

Warum haben Sie sich gerade das Gemälde der Sonnenblumen ausgesucht?

Es musste ein berühmtes Bild sein, um international Aufsehen zu erregen. Ich glaube, sehr viele Menschen waren nach der Aktion so emotional und so geschockt, weil sie dachten, wir hätten etwas Wunderschönes zerstört. Aber ich frage mich: Warum ist niemand so geschockt, wenn es um die echte Natur geht und nicht um ihr Bildnis? Warum ist niemand schockiert, dass so viele Menschen wegen der Klimakrise sterben?

Sie und die Aktivistin Anna Holland, die ebenfalls an der Aktion beteiligt war, haben sehr viel Hass und Unverständnis geerntet. Andererseits haben sich auch Prominente aus den Medien und der Kunstwelt auf Ihre Seite geschlagen.

Ich bekomme immer noch viele Hassnachrichten. Aber das ist in Ordnung für mich, denn das hier ist kein Beliebtheitswettbewerb. Die Zukunft wird zeigen, dass es nötig war, so radikal zu sein. Für jede Hassnachricht habe ich außerdem auch genauso viel Zuspruch erhalten. Meine Familie, meine Freund:innen und meine Uni supporten mich vollkommen. Ich habe zum Beispiel mehr Zeit für Abgaben erhalten, weil ich durch die Aktion so hinterher war im Studium.

Sie wurden vom Museum verklagt. Wie steht es derzeit um das Verfahren?

Ich wurde auf Sachbeschädigung verklagt, weil der Rahmen des Van Goghs minimal beschädigt wurde. Das Gemälde aber nicht und auch beim Rahmen ist es keineswegs klar, dass wir das waren. Anna und ich haben beide auf nicht schuldig plädiert. Wir sind keine Kriminellen, wir sind nur Kids, die Angst haben.

Und wenn Sie das Gemälde tatsächlich beschädigt hätten?

Wir wussten, dass das Gemälde hinter Glas, also geschützt war. Es hat eine Minute gedauert, die Tomatensuppe mit etwas Küchenrolle abzuwischen. Was dagegen nicht beschützt wird, ist meine Zukunft und die aller jungen Menschen. Wenn das Gemälde gegen alle Wahrscheinlichkeit Schaden genommen hätte, dann hätte ich das sehr schade gefunden – aber auch berechtigt angesichts unserer katastrophalen Lage.

Inwiefern berechtigt?

Ich bin queer und eine Frau. Dass ich in der Lage bin, zu lieben, wen ich will, zu heiraten, wen ich will, liegt an Menschen vor mir, die radikal dafür gekämpft haben: Die Suffragetten etwa, die bei ihren Protesten Bilder in der Nationalgalerie umwarfen und beschädigten, wurden auch gehasst. Heute sagt niemand mehr über sie: Mein Gott, Sie haben damals ein Bild zerstört. Sie werden als Heldinnen und wichtige Kämpferinnen für Frauen- und Menschenrechte wahrgenommen. Wenn wir eine Regierung haben, die unser Recht auf Unversehrtheit nicht schützt, eine Regierung, die also kriminell ist, dann ist es angemessen, wenn ein Bild beschädigt wird.

Kunst gehört aber nicht der Regierung, sie gehört allen.

Gehört unser Planet nicht auch allen? Trotzdem zerstören wir die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen. Darauf sollten wir uns konzentrieren.

Just Stop Oil will die britische Regierung davon abhalten, neue Lizenzen für die Förderung von Erdöl und Erdgas auszugeben. Gerade wird diese Regierung aber ständig von politischen Krisen erschüttert. Ist Ihre Aktion nicht völlig untergegangen?

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Wir fordern nicht nur den Stop der Ölförderung, sondern auch, öffentlichen Nahverkehr endlich zu subventionieren und einen fairen Übergang für die Arbeiter:innen in der Ölindustrie zu schaffen, dass sie etwa eine Ausbildung bekommen, die es ihnen ermöglicht, in der erneuerbaren Energiebranche zu arbeiten. Unsere politische Situation in Großbritannien ist wirklich ein einziges Chaos. Aber deshalb machen wir jeden einzelnen Tag Aktionen, mehr Druck, damit niemand die Klimakrise vergisst. Damit endlich etwas passiert.

 

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