Verhaltensbiologie

Das flexible Tier

Fische werden kleiner, um Fangnetzen zu entgehen, Vögel singen lauter im Stadtlärm – Tiere passen sich meisterhaft an. Was muss geschehen, damit ihnen das trotz Klimakrise, Umweltverschmutzung und Rückgang ihrer Lebensräume weiter gelingt? Ein Gespräch mit den Verhaltensbiologen Norbert Sachser und Niklas Kästner.

Die Wildnis auf unserer Erde schrumpft, nur noch etwa 23 Prozent der Landfläche zählen dazu. Aber Tiere passen sich unfassbar gut an. Fische werden von Generation zu Generation kleiner, um den Netzen der Fischer zu entgehen, Echsen bekommen größere Haftpolster unter ihren Füßen, um sich bei Hurrikans an Bäumen festhalten zu können. Wie machen Tiere das? 

Norbert Sachser: Es gelingt ihnen auf zwei Wegen: durch Evolution oder durch die sogenannte phänotypische Plastizität. Die Anpassung durch Evolution geht dabei viel schneller, als der Begründer der Evolutionstheorie, Charles Darwin, gedacht hat. Er ging davon aus, dass sie sich über Jahrhunderte vollzieht, manchmal Jahrtausende. Heute wissen wir, dass sie auch innerhalb kürzester Zeit vonstatten gehen kann. Zum Beispiel, indem sich Mutationen rasant in einer Population ausbreiten, weil sie in einer gewandelten Umwelt plötzlich relevant sind. Auf diese Weise kann sich innerhalb weniger Jahre eine ganze Population genetisch verändern. Populationen ein und derselben Art entwickeln sich dabei oft unterschiedlich, je nachdem, in welcher Umwelt sie leben.

Charles Darwin ging davon aus, das sich eine Anpassung durch Evolution über Jahrhunderte vollzieht. Heute wissen wir, dass sie binnen kürzester Zeit vonstatten gehen kann.
Norbert Sachser

Eine Art Mikroevolution also? 

Sachser: Genau. Die Killifische an der nördlichen Atlantikküste der USA sind ein schönes Beispiel. Sie sind enormen Mengen Giftstoffen ausgesetzt, die aus Städten und Industrieanlagen ins Meer gelangen. Eigentlich kann da kein Fisch überleben. Und doch stießen Forschende immer wieder auf Exemplare, die bei bester Gesundheit waren. Wie das? Die Wissenschaftler:innen entdeckten eine Mutation, die vermutlich die Wirkung der Schadstoffe bremst. Weil Killifische mit Mutation damit natürlich einen gewaltigen Vorteil haben, pflanzen sich diese Individuen gut fort und geben die genetische Veränderung an ihre Nachkommen weiter. So hat sich innerhalb der Population ganz schnell eine erstaunliche Resistenz gegen die Schadstoffe ausgebreitet. 

Norbert Sachser

leitete 25 Jahre lang das Institut für Verhaltensbiologie an der Universität Münster. Er forscht zu Entwicklung un…

Foto: IMAGO / Blickwinkel

Atlantische Killi-Fische: Eine Mutation verhilft Populationen in Nordamerika zum Überleben in verseuchtem Wasser.

Weiterlesen