Wenn Martin Kohlstedt spielt, drückt er immer wieder das A herunter. Erst leise, dann lauter, das C dazu, er wird schneller. Es klingt, als säe er einen Samen, aus dem ein Sprössling keimt, gen Himmel wächst, zu einem Stamm wird. Er hält einen tiefen Ton, als verwurzele er ihn in der Erde. Dann wird er leiser. Plötzlich klingt es, als stünde ein ganzes Orchester mit ihm auf der Bühne. Er legt seinen Kopf in den Nacken, reißt den Mund auf, schüttelt die Hände. Er sitzt auf einem Klavierhocker und hat dem Publikum den Rücken zugewandt. Er blickt auf ein rotes Fender Rhodes und verschiedene Synthesizer. „Die Leute sollen sich nicht auf mich konzentrieren“, wird er später sagen, „sie sollen sich für die Musik öffnen“.
Martin Kohlstedt ist 38 Jahre alt und Pianist und Komponist. Er füllt den großen Saal der Elbphilharmonie oder spielt auf der Fusion, einem der größten Elektro-Festivals in Deutschland. In der Moskauer Staatsbibliothek wurde 2016 eigens ein Flügel auf einem Türmchen installiert, damit sich der Klang seiner Musik von hoch oben über die Zuhörenden ergießen konnte. Im Mai hat Kohlstedt sein neues Album „Kluft“ veröffentlicht, geht damit auf Tour und tritt im Juli in Frankfurt und auf einem Festival an der Nordsee auf. Er mischt klassische Klänge eines Flügels mit elektronischer Musik, Klavier mit Synthesizern. Modulares Komponieren nennt er das und erschafft damit einen Sound, der klingt, als würde die Natur singen.
Und es gibt ein Detail, das außergewöhnlich ist: Martin Kohlstedt steckt seine Gagen in einen Wald in seiner Heimat Thüringen. Er pflanzt und renaturiert mit seiner Musik die Natur seiner Heimat. „Ich kaufe lieber Wald als mir ein großes Haus“, sagt er. Bisher besitzt er fast sechs Hektar, die aufgeteilt sind in acht Stücke. Für einen Hektar Boden habe er bis zu 15.000 Euro bezahlt, für Tausende kleiner Setzlinge, mal ein Zentimeter, mal 80 Zentimeter groß, noch mal mehr als doppelt so viel. Später sollen sie zu großen Buchen, Ahorne und Weißtannen heranwachsen. Und es sollen noch viel mehr werden.
Warum tut er das?
Es scheinen Sonnenstrahlen durch die Fenster von Martin Kohlstedts Wohnung. Er lebt in Weimar, eineinhalb Autostunden vom Thüringer Eichsfeld entfernt, wo er aufgewachsen ist. Die Wände seiner Dachgeschosswohnung sind mit hellem Holz vertäfelt, Efeututen ranken an der Decke, ein Drachenbaum überragt den großen schwarzen Flügel in einer Ecke des Raumes. Auf einem hölzernen Sekretär steht eine Platte seines letzten Albums, auf dem Cover ein abstraktes Haus, durch dessen Fenster Äste ins Innere wachsen. Nachrichten beendet Kohlstedt mit „Liebe Grüße aus dem Baumhaus“. „Wenn ich hier oben sitze, fühle ich mich sicher“, sagt er. Er knetet seine Hände, während er redet.
Was passiert mit einer Eichel im Boden?
Kohlstedt wurde ein Jahr vor der Wende geboren, seine Mutter war Zahnärztin, sein Vater Förster, die Gefriertruhen in ihrem Zuhause barsten von Wildfleisch. Als Kind beobachtete er über Monate, was passiert, nachdem man eine Eichel in den Boden gedrückt hat, und lernte, unter welchen Bedingungen sie zu einem Baum heranwächst. Sein Vater habe ihm dieses Wissen „eingeimpft”, sagt er. Manchmal nahm der Vater seine beiden Söhne schon morgens um sieben mit in den Wald. Als sie alt genug waren, halfen sie, Tollkirschen zu ernten, schwarze Beeren, die aus meterhohen Pflanzen wuchsen und an großen Zweigen hingen. Ihr Vater verkaufte die giftigen Beeren an Unternehmen, die daraus Medizin herstellten. Manchmal spritzte ihm der Saft in die Augen, das Gift ließ seine Pupillen zu großen schwarzen Bällen wachsen.
Heute erinnert sich Kohlstedt vor allem an die frische Luft im Wald. An das Gefühl der Erde unter den Füßen, an den Bau von Pfeil und Bogen aus Haselnusssträuchern. Und an den Steinbruch, seinen Lieblingsort. „Bisschen Bullerbü-Kindheit war das“, sagt er.
Vier Stunden experimentieren am Klavier
Eines Abends waren seine Eltern zu einem Geburtstag eingeladen, sein älterer Bruder war unterwegs. Warum er sich an diesem Abend nicht wie sonst vor den Fernseher, sondern ans Klavier setzte, weiß er nicht mehr. Vier Stunden lang experimentierte er am Klavier im Wohnzimmer des alten Forsthauses, zwischen Holzmöbeln und Geweihen an den Wänden, und konnte einfach nicht mehr aufhören. Da war er zwölf.
Von da an spielt er oft. Wenn er aus der Schule kommt und der Druck von ihm abfällt, allen gefallen zu müssen. Es entspannt ihn. Auf einem völlig verstimmten Klavier, das sein Vater zu DDR-Zeiten von seinem Vater bekommen hatte. Die ersten zwei Jahre bringt er sich das Klavierspielen selbst bei.
Mit 19 zieht er nach Weimar, um Medienkunst und Mediengestaltung zu studieren. Er belegt viermal so viele Kurse wie vorgesehen, produziert nebenbei Musik, spielt in sieben, acht, neun verschiedenen Bands, so genau weiß er es nicht mehr, und 2010 mit Clueso beim Bundesvision Songcontest. Er geht auf jede Party, wie eine Sucht, schläft jahrelang nur vier Stunden die Nacht.
Als er 21 Jahre alt ist, erkrankt seine Mutter an Krebs. Zu Hause will er zeigen, dass bei ihm alles läuft und nicht alles zusammenbricht, wenn sie mal nicht mehr ist. Er entwirft Konzepte für Kinderbücher, produziert Science-Fiction-Hörspiele, designt Licht, programmiert interaktive Märchen, schließt sein Studium ab. „Das war so vorgesehen“, sagt er. Wenn er von zu Hause weg ist und nicht funktionieren muss, weint er. Bald hat er Aphten im Mund und Schmerzen im Rücken. Eines Tages beißt er aus Versehen in ein schimmliges Stück Pizza, das seit Tagen neben seinem Computer liegt, einfach, weil er es nicht gemerkt hat. „Ich habe den Kessel fast zum Überkochen gebracht“, sagt er heute.
Es ist Nachmittag geworden, Martin Kohlstedt lenkt seinen alten Tourbus, den er heute sein Forstmobil nennt, über die Landstraße. Im Kofferraum liegt eine dünne Matratze, auf der er schläft, wenn er für ein paar Tage im Wald bleibt. Durch die Windschutzscheibe zeigt er auf einen Teppich aus braungeflecktem Wald in der Ferne und sagt „Tod, Tod, Tod. Überall Tod.“
Wenn Martin Kohlstedt durch die Landschaft fährt, erkennt er an den Bäumen, wem der Wald gehört – dem Staat, der sich kümmert, oder Privatbesitzern, die sich nicht kümmern können oder wollen. Fast die Hälfte aller Waldflächen in Deutschland gehört privaten Waldbesitzern, viele haben ihren Wald geerbt. In der DDR war es den Waldbesitzern verboten, ihren Wald zu bewirtschaften. Mit der Wende bekamen sie ihr Land zurück, zehntausende unerfahrene Waldeigentümer auf einen Schlag. Viele wussten nicht einmal, dass ihnen Wald gehörte. Bis heute sind bei 30.000 Hektar des Waldes in Thüringen die Eigentümer unbekannt.
Kohlstedt bremst und zeigt auf zwei Laubbäume, die den Straßenrand säumen. Ihre Blätter sind braun, als wären sie kurz davor als Laub herunterzusegeln. „Die beiden werden auch sterben“, sagt er. Er nimmt einen Schluck Kakaomilch aus einer Glasflasche. „Für mich ist ein gesunder Baum das einzig Sinnvolle auf dem Planeten“. Kohlstedt will tausende Bäume pflanzen, denn nur jeder fünfte Baum in Deutschland ist gesund. So steht es im Waldzustandsbericht 2025. Die Gründe dafür sind Dürre, Stürme, Waldbrände und Borkenkäferbefall. Das häufigere Auftreten solcher Extremereignisse ist kein Zufall, schreibt der Weltklimarat, sondern die Folge der Erderwärmung.
Die extreme Trockenheit hat vor allem die Fichte geschwächt, die es in Deutschland so häufig gibt wie keinen anderen Baum, weil der Mensch über Jahrhunderte Monokulturen gepflanzt hat. In Thüringen macht sie 40 Prozent des Bestandes aus. Mit ihren flachen Wurzeln kommt sie nicht an das tiefe Grundwasser. Ihr schwaches Immunsystem kann ihrem Feind, dem Borkenkäfer, kaum noch etwas entgegensetzen. Früher konnte sich der Käfer nur zweimal im Jahr fortpflanzen, nun schafft er es dreimal, weil es so warm ist. In den vergangenen Jahren hat es zwar viel geregnet, zwischen den Sommern 2023 und 2024 so viel, wie seit Messbeginn im Jahr 1881 nicht. Aber selbst der Regen kann krankgewordene Bäume nicht mehr retten. Er kommt zu spät.
Es riecht nach Harz, wenn der Wald stirbt. Denn Borkenkäferweibchen legen ihre Eier unter die Rinde der Fichten; kleine Käfer schlüpfen, bauen neue Gänge, fressen Muster in die Stämme, ernähren sich von ihrer Hauptschlagader. Nährstoffe und Wasser gelangen nicht mehr in ihre Kronen. Die Rinde platzt und dicker Saft quillt heraus. Am Ende ragen tote Fichten wie Gerippe in den Himmel, tote Äste liegen am Boden wie Knochen.
Wald für Luft und Kühler und Kohlenstoffsenke
Ohne Wald gäbe es keine Luft zum Atmen, keine Orte der Erholung, die Welt wäre wärmer. Jeder Baum transportiert durch seinen Stamm Wasser und Nährstoffe bis in seine Krone und kühlt dabei die Umgebung. Eine Studie der ETH Zürich kommt zum Ergebnis, dass Bäume helfen könnten, das Klima zu retten. Eine Milliarde Hektar mehr könnten zwei Drittel des Kohlenstoffs fressen, der seit der industriellen Revolution in die Atmosphäre gelangt ist. Kohlstedt weiß, dass Waldpflanzen als Klimaschutzstrategie kein Allheilmittel ist. Zu unsicher ist, ob die Setzlinge tatsächlich überhaupt groß genug werden, um maßgeblich CO2 zu binden. Letztlich geht es ihm um anderes: einen Lebensraum schaffen, der so wichtig ist für das Gleichgewicht der Natur, für Tier und Mensch.
Mit seinem Bus biegt Martin Kohlstedt auf einen Forstweg ab. Hier liegt eines seiner Waldstücke, umringt von sterbenden Fichten. Kniehohe Buchen, die vier Jahre gebraucht haben, um 25 Zentimeter zu wachsen. Ahorne, um deren Stämmchen er hellgrüne Wuchshülsen gesteckt hat, die sie vor hungrigen Rehen schützen. Dazwischen ein Meer aus Springkraut, das rosa blüht. Kohlstedt tauscht seine ausgelatschten Sandalen gegen Gummistiefel. „Das sieht nach Arbeit aus, das muss alles weg“, sagt er. Er lächelt, während er die langen braunen Wurzeln des Springkrauts aus der Erde reißt und mit einem Spaten darauf herumhackt. „Die muss man komplett kaputt machen, sonst gräbt sie sich wieder ein.“
Mit einer Mischung aus jungen und alten, Laub- und Nadelbäumen will Kohlstedt den Wald gegen die Erderwärmung schützen. Die heimische Buche, die Eiche, die Lärche und die Weißtanne wachsen hier neben exotischen Arten aus Amerika, wie der Douglasie, die laut manchen Experten mit Hitze deutlich besser umgehen kann.
Von Göttinnen und Königinnen
Ein blauer Schmetterling fliegt umher, eine Biene verkriecht sich in einer Wuchshülse. Zwischen Totholz reckt sich eine junge Buche Richtung Sonne. Kohlstedt bückt sich hinunter und biegt ihren dünnen Stamm leicht nach links und nach rechts, um ihn zu begutachten. Er zeigt auf eine Erle, nennt sie „meine Göttin“. Der Ahorn rechts daneben „bildet sich was Besseres ein“. Und die Douglasie ist seine Königin. Sie hat ein weiches Fell, sagt er, nicht wie die Fichte, die schon piekst, wenn sie noch jung ist. Sie alle sollen Kohlenstoffdioxid schlucken, um sauberen Sauerstoff auszuatmen.
Je kränker Kohlstedts Mutter wird, desto schwerer fällt ihm das Klavierspielen. Setzt er sich ans Piano, ist er verkrampft, die Töne zu laut, erzählt er. Vor ihrem Tod fährt er oft nach Spanien, surft an den Stränden von San Sebastian und Bilbao. Auf einem Surfbrett paddelt er raus, sitzt stundenlang auf dem Wasser im Regen, schaut zum Horizont und versucht zu vergessen, dass seine Mutter im Sterben liegt.
Wenn der Tod die Perspektive verändert
Sie stirbt an einem Samstag im März. Da ist er 26 Jahre alt und gerade auf dem Weg zu ihr. Am Tag nach ihrer Beerdigung setzt er sich ans Klavier und spielt Kinderlieder. Er drückt die Tasten sanft und leise, wie er es jahrelang nicht gekonnt hat. Er fühlt sich seltsam erleichtert.
Nach ihrem Tod sieht er nur noch „die wesentlichen Dinge“ und „die wesentlichen Menschen“, sagt er. „Die Grausamkeit hat mir diese Gabe gegeben.“ Er netzwerkt nicht mehr, macht es nicht mehr allen recht. Tritt aus allen Bands aus. Schläft mehr. Fragt man Kohlstedt nach dem Verhältnis zu seinem Vater, sagt er „der Krebs heilt alles“. Wenn er über seine Gefühle spricht, guckt er einem erst in die Augen und dann aus dem Fenster. Er sagt oft „man“ und meint damit „ich“. Wenn die eigene Mutter sterbe, verdränge man viel. Man glaube nicht, dass es wirklich passieren wird, egal wie viele Anzeichen es gebe.
Drei Wochen später surrt und zirpt es in Martin Kohlstedts Wald wie in der Toskana. Eine Libelle so dick wie ein Zeigefinger schwirrt zwischen den Bäumchen hindurch, bei 35 Grad im Schatten. Zwischen grünen Gräsern leuchten die orangefarbenen Schnürsenkel der Schuhe von Marcus Fienhold. Er stapft in seinen Wanderschuhen über den Forstweg, seine Hände stecken in den Taschen seiner khakifarbenen Shorts. Neben einer Douglasie bleibt er stehen, sie ragt dem großen Mann über den Kopf. „Da habe ich Gänsehaut, wenn die so schön wächst“, sagt er.
Marcus Fienhold ist Martin Kohlstedts Nachbar. Sie lernten sich kennen, als Kohlstedt die Straße sperren ließ, um seinen Flügel mit einem Kran über den Balkon in seine Wohnung zu heben. Da hat Marcus Fienhold noch im Haus gegenüber gewohnt. Inzwischen wohnt er im selben Haus, fährt in den Wald mit ihm, pflanzt Bäume mit ihm.
Fienhold streift sich durch die grauen Haare und bindet sie im Nacken zusammen. Nach wenigen Minuten erzählt er, wie er mit 120 Stundenkilometer in die Windschutzscheibe eines Autos geprallt ist und dem Tod im Krankenhaus „Hallo“ gesagt hat. „Ich saß auf einem Quad und der Gegenverkehr meinte, dass er überholen muss“, erinnert er sich. Danach habe er sich entschlossen, mit Martin Kohlstedt Bäume zu pflanzen. Nach jeder Pflanzaktion habe er eine Woche Schmerzen, weil sein linker Arm teilweise gelähmt ist und seine Milz nicht richtig funktioniere. Aber er habe das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben. Er zeigt auf seinem Handy Fotos der Pflanzaktion im Frühjahr 2023. Da hätten sie ordentlich malocht, sagt er.
Martin Kohlstedt ruft auf Social Media zu seinen Pflanzaktionen auf und fragt in seinem Bekanntenkreis herum. Knapp 40 Leute bepflanzen zusammen mit ihm seinen Wald, zweimal im Jahr, im März und im November. In Gummistiefeln und Gummihandschuhen bei Regen und Regenbogen. Kleine Pflänzchen in den Händen seiner Freunde, seines Bruders, in den Händen von Eltern und ihren Kindern. Sein Vater ist auch öfters dabei. Seit er den Wald hat, kommen sie sich näher. „Durch meine Arbeit am Wald verstehe ich ihn besser“, sagt Kohlstedt.
Sonnenstrahlen scheinen durch die Fenster in Martin Kohlstedts Wohnung. Die grünen Blätter des Drachenbaums hängen über den großen schwarzen Flügel. Es ist ein Donnerstag im Juli. Kohlstedt setzt sich auf seinen Klavierhocker unter den dicken Holzbalken und beginnt zu spielen. Es wirkt, als bewegten sich seine Hände von allein. Wieder spielt er das A. „Das könnte ich stundenlang machen“, sagt er.
Die Inspiration für seine Musik findet er im Verlust seiner Mutter, auf dem Meer, im Wald. Wenn er zwei Stunden draußen auf einem Surfbrett auf dem Wasser sitzt, die Bewegung der Wellen spürt. Oder wenn er durch den Wald geht zwischen „den Wesen, die schon immer da waren und auch immer da sein werden“. „Der Wald spendet mir Trost“, sagt Kohlstedt. „Wenn Bäume um mich herum sind, fühle ich mich eingebettet in etwas Ganzes“
Der Pianist Martin Kohlstedt: Den Sound der Natur herausschreien