Kampf gegen Tagebau im Rheinland

Das Dorf im Widerstand

Lesezeit:
5 minuten
Datum:
19 December 2022
Themen
Frieden und Demokratie
Klima / Klimakrise
Wirtschaft
Lesezeit: 5 minuten / Datum: 19 December 2022

FOTO: Mitja Blümke

Gigantische Schaufelradbagger fördern im nahegelegenen Tagebau Garzweiler II Kohle. Dadurch ist ein riesiger Krater entstanden. Die Abbruchkante des Tagebaus reicht mittlerweile bis auf wenige Meter an die Ortschaft Lützerath heran.

Lützerath in Nordrhein-Westfalen soll wegen der Braunkohlevorkommen darunter verschwinden. Der Energiekonzern RWE will im Januar räumen lassen. Doch Aktivist:innen und Anwohnende verteidigen das Dorf, das längst zu einem Symbol geworden ist.

Dieser Text erschien in der Ausgabe Dezember/Januar 2022/23 des Good Impact Magazins. Du kannst sie bei GoodBuy versandkostenfrei und klimapositiv bestellen. Oder hier ein Abo abschließen für sechs Ausgaben/Jahr.

Knapp 100 Meter trennen Lützerath vom Abgrund. Hinter einer steilen Abbruchkante liegt ein Hunderte Meter tiefer Krater: der Tagebau Garzweiler II. Dort rattern und dröhnen die Bagger des Energiekonzerns RWE. Die Luft vibriert, der Boden bebt ganz leicht. Ohne Pause. Riesige Ungetüme aus Stahl pflügen sich auf Ketten und mit großen Schaufeln durch die aufgebrochene Erde. Sie fördern Braunkohle. Darum dreht sich in diesem Gebiet zwischen Köln und Mönchengladbach seit Jahrzehnten fast alles.

Als bunter Kontrast zur Mondlandschaft nebenan präsentiert sich das kleine Örtchen Lützerath. Auch wenn alle ehemaligen Bewohner:innen das Dorf verlassen haben – leer ist es nicht. Es ist eine farbenfrohe Welt, voller Kreativität und Ideen. Hausfassaden sind bemalt, mit Parolen geschmückt: „Lützerath Lebt“. Das ist der Name der Gruppe von Aktivist:innen, die seit knapp einem Jahr die verbliebenen Höfe und Häuser – einige wurden bereits abgerissen – besetzen.

Lützerath: eine alternative Klima-Gesellschaft

Von den Gebäuden aus führen schmale Pfade zwischen hohen Bäumen und dichtem Buschwerk hindurch in das Camp am nördlichen Dorfrand. Hölzerne Toreingänge und Schilder weisen Besucher:innen den Weg. Rund 120 Menschen leben hier. In Baumhäusern, Zelten und eigens errichteten Holzhütten. Hinter einzelnen Büschen verstecken sich auch ein paar alte Wohnwagen. Es gibt eine provisorische Skatehalle, in der regelmäßig Raves stattfinden. Es herrscht Vielfalt: Teller klirren, Stimmengewirr überall. Teils gleicht die Stimmung der auf einem Festivalgelände. Doch hinter all dem steckt ein ernstes Anliegen.

Die Aktivist:innen wollen in Lützerath das Klima schützen – und gleichzeitig ein neues Gesellschaftsmodell leben. Klimaschutz geht nicht ohne Systemwandel, sagen sie. Ihr Ziel: weniger Ressourcen verbrauchen, Energie sparen, sich dem Kreislauf aus Konsum und Überschuss entziehen. Das Projekt „Lützerath Lebt“ will antikapitalistisch, antistaatlich, radikal anders sein. Der Kampf gegen die Kohleindustrie soll Lützerath zu einem Ort machen,an dem wir Hierarchien abbauen, uns selbst organisieren“, erzählt eine Aktivstin. Sie nennt sich „Torte“. Die neue Dorfgemeinschaft trifft sich regelmäßig im Plenum, diskutiert, entscheidet basisdemokratisch über ihr Zusammenleben und ihre Ziele.

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Der Zweck heiligt die Mittel

Für sie gilt: Im Kampf gegen die Klimakrise heiligt der Zweck die Mittel. Bereits mit der Besetzung von Lützerath begehen sie nach geltendem Recht eine Straftat. Denn die Flächen unter Lützerath gehören einem der größten Energiekonzerne des Landes, der RWE AG aus Essen. 24,5 Milliarden Euro Jahresumsatz, 18.246 Mitarbeiter:innen. RWE hat das Areal den ehemaligen Bewohner:innen abgekauft. Wenn die nicht wollten, wurde geklagt. In jahrelangen Prozessen bekam der Konzern formell Recht, darf alles räumen und abbaggern (siehe S. 81). Das Thema ist durch. Die Aktivist:innen setzen jetzt auf Rechtsbruch. Sie agieren deswegen unter Pseudonymen, viele treten nur vermummt auf.

Mit RWE habe man nie geredet. Das sei „zwecklos“, sagt Torte. Zusammenarbeit mit der Politik? Funktioniert auch nicht. „Wir sind hier, weil wir sagen, der Staat und die Regierung verfolgen keine ernsthafte Klimapolitik. Wir leben in dieser autonomen Zone, weil das Vertrauen in die Politik schon längst verloren gegangen ist.“ Deshalb leben die Aktivist:innen hier den Widerstand: „Für einen konsequenten Klimaschutz, gegen den Kohleabbau, für ein anderes Zusammenleben.“

Die andere Seite des Aktivismus

Die Hauptstraße Lützeraths mündet in einen Kreisel. Hier versammeln sich an einem sonnigen Novembertag 100 Demonstrant:innen. Die meisten tragen dicke Jacken, der Wind pfeift kalt über den Tagebaurand. Es gibt Kaffee, Kuchen und Tee. Jeden Sonntag demonstrieren hier die Aktivist:innen, ehemalige Bewohner:innen und Unterstützer:innen für den Erhalt von Lützerath. Gemeinsam.

Wer zuhört, merkt: Es gibt auch eine andere Seite des Aktivismus in Lützerath. Weniger laut, weniger radikal, aber genauso kritisch. Für diesen Ansatz steht Ralf Bußberg aus dem nahe gelegenen Erkelenz-Bellinghoven. Er sei seit 30 Jahren „klimabewegt“, ist aktiv bei der Initiative „Alle Dörfer bleiben“, dem „bürgerlichen Arm der Protestbewegung“, wie er sagt. Die Philosophie: Demonstrationen statt Besetzung, Gespräche mit der Politik statt Blockaden. Die engagierten Anwohner:innen wollen das System nutzen, anstatt es abzuschaffen – und sehen sich dennoch wegen des gemeinsamen Ziels mit dem radikaleren Protest vor Ort verbunden.

Die „richtigen Aktivist:innen“, wie Ralf Bußberg sie nennt, also diejenigen, die im Dorf leben, sind seiner Ansicht nach „unheimlich wichtig“. Das Camp sei „ein spannendes Projekt“, ein „Experimentierfeld für eine Gesellschaft, wo wir uns alle hinbewegen müssen“. Dennoch ist der Ingenieur für Energie- und Umweltschutztechnik überzeugt, dass es am Ende eine breitere Masse braucht, um erfolgreich zu sein: „Die bekommt man nicht im extremen linken Spektrum – die findet man, dummerweise, unter den Grünen und ihren Wähler:innen.“ Dummerweise? Ja, denn an der Entscheidung, dass Lützerath verschwindet, waren die Grünen in NRW federführend beteiligt. Bußberg hofft dennoch auf Widerstand in der Partei.

Grüne stimmen Abriss zu

Die Entscheidung ist erst vor ein paar Monaten gefallen: Am 4. Oktober verkündete RWE-Chef Markus Krebber in Berlin gemeinsam mit Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck und Mona Neubaur, grüne Wirtschaftsministerin in NRW, den vorgezogenen Kohleausstieg 2030. Acht Jahre schneller als eigentlich geplant. Gleichzeitig wird RWE im Auftrag der Landesregierung zwei Braunkohlekraftwerke weiter betreiben, die eigentlich zum Jahresende abgeschaltet worden wären. Durch den früheren Kohleausstieg bleiben zwar fünf Ortschaften am Tagebau Garzweiler II erhalten. Doch Lützerath soll das entscheidende, letzte Abbauopfer sein.

Wie trotz der Förderung von rund 280 Millionen Tonnen Kohle bis 2030 die deutschen Klimaziele im Sinne des Pariser Abkommens von 2015 eingehalten werden können? Antworten darauf bleiben die regierenden Beteiligten bis heute schuldig. Wirtschaftsministerin Neubaur sagt dazu auf Nachfrage nur: Der Klimaschutz sei „eine Gesamtaufgabe“. Sie erklärt weiter: „Das 1,5-Grad-Ziel bleibt global ein wichtiges Ziel.“ Eines, das laut Studien, unter anderem vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, mit der Vereinbarung vom 4. Oktober in Berlin nicht erreicht werden wird.

Auch bei Good Impact: Kohle fürs Klima

Das kritisiert auch der Klimaaktivist und Umweltpsychologe Alex Wernke von „Alle Dörfer bleiben“: „Wir haben gelernt, mit welchen Strategien wir erfolgreich Druck ausüben können. Wie wir die Institutionen in eine Dilemma- Situation bringen, indem wir rechtliche und politische Möglichkeiten ausschöpfen. In Lützerath entscheidet sich, ob wir das 1,5-Grad-Ziel erreichen.“ Er meint: Wenn die Kohle abgebaggert und verstromt wird, ist die Einhaltung des Pariser Abkommens und des 1,5-Grad-Ziels nach Studienlage ausgeschlossen. Auch deshalb ist der Ort für die Aktivist:innen mehr als ein Symbol.

Räumung angekündigt

Bisher wurde die Besetzung geduldet – wohl auch aus Angst davor, bei einer Zwangsräumung ein ähnliches Desaster wie 2017 bei der Räumung des Hambacher Forstes zu riskieren. In deren Folge kam ein 27-jähriger Journalist zu Tode. Rechtlich kann Lützerath jederzeit geräumt werden. Ende November kündigte der Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Herbert Reul, einen Großeinsatz an. Gebäude sollen abgerissen, das Camp geräumt und die verbliebenen Bäume gerodet werden. Voraussichtlich im Januar soll es so weit sein. Das Camp bereitet sich intensiv auf die Räumung vor: Das Leben verlagert sich zunehmend vom Boden in die Luft. In bis zu zehn Meter Höhe sind rings um den großen Platz, der als Dorfplatz und Mittelpunkt des Lagerlebens dient, Baumhäuser errichtet worden. Freiwillig geht hier niemand.

Ralf Bußberg, selbst Mitglied der Grünen, hat derweil „Bauchschmerzen“, dass ausgerechnet seine Partei Vereinbarungen mit RWE trifft. „Wenn es zu einer Räumung kommt, dann trete ich aus.“ Sollte es ernst werden, will der Unternehmer da sein: „Dann brauchen wir alle Menschen, die bereit sind, für Lützerath zu kämpfen. Gerade auch die aus dem bürgerlichen Lager.“

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Der Traum lebt weiter

Solange aber nicht geräumt wird, lebt der Traum vom erfolgreichen Widerstand weiter. Vielleicht braucht es genau den Schulterschluss aller Protestströmungen, um Erfolg zu haben. Eine Zusammenarbeit von denen, die eine radikale Veränderung des Systems anstreben, mit denen, die Veränderung innerhalb des Systems erwirken wollen. Die Bewohner:innen der umliegenden Dörfer profitieren von der Tatkraft und der Entschlossenheit der Akitivist:innen. Diese wiederum sichern sich ein breites Spektrum an Unterstützer:innen auch außerhalb des Camps. Und selbst, wenn es manchmal fraglich erscheint, ob wirklich alle Beteiligten dieselben Ziele verfolgen – fest entschlossen sind sie. Alle.

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