Gedämpftes Tageslicht fällt durch die dichten Lamellen, dahinter muss ein Fenster sein. Es ist leise wie in einem Schallschutzraum. Ab und an das fast lautlose Aufsetzen von Gummisohlen auf den Bodenfliesen, Atmen, Rascheln von Mänteln. Manche Besucher:innen stecken kurz den Kopf in das Zimmer, andere bleiben zehn Minuten, andere dreißig, wenige eine Stunde. Dabei ist hier fast nichts. Wandteppich, weiße Wände, schwarze Stühle. Und eine Stille, die leicht in den Ohren sirrt.
Tür auf, und schon bellt die Stadt. Beats knallen über den Pariser Platz in Berlin, 15.000 Menschen sind zu einer Demo für Frauenrechte gekommen. Reisegruppen schieben sich an den Säulen des Brandenburger Tors vorbei, Tourleiter:innen rufen. Drei Mädels posen fürs Foto. Tor, Sonne, Himmelsblau – kreisch. Autos hupen, ein Hop-on-Hop-off-Bus schnauft, ein Martinshorn saust vorbei, „Kaufen Sie LED-Ballons!“, schreit ein Händler, die Hände voller blinkender Kugeln. Alltagslärm der Hauptstadt.
Wer aus dem Raum der Stille im Brandenburger Tor in die Stadt stolpert, merkt doppelt: Alles verdammt laut hier. So sieht das auch die Mehrheit der Deutschen: 80 Prozent fühlen sich nach einer repräsentativen Gesundheitsstudie der Universität Mainz von Lärm in ihrer Umgebung belästigt, vor allem Menschen in Städten. Besonders quält sie Verkehrslärm, 75 Prozent klagen darüber. Dabei sind Autos, U-Bahnen, Züge, Bagger in den vergangenen Jahren nach Expert:inneneinschätzungen um 12 Dezibel leiser geworden. Gesetzliche Auflagen wurden verschärft, die Obergrenzen für ihre Lautstärke gesenkt.
Das Problem: Es gibt mehr Lärmquellen denn je. Mehr Autos und Flieger, Busse und Bahnen, mehr Menschen, mehr Tech an allen Ecken und Enden. „Zudem hat die Geräuschempfindlichkeit zugenommen“, sagt André Fiebig, Professor für Psychoakustik an der Technischen Universität (TU) Berlin. „Eine Studie des Bundesumweltamtes zeigt: Was wir vor dreißig Jahren noch okay fanden, erscheint uns heute unerträglich.“ Auch weil die Menschen genauer hinhören – „Lärmbewusstsein“ nennt das Fiebig. Denn längst wissen wir, dass Lärm krank machen kann. Erst recht, wenn er chronisch wird. Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen können die Folge sein. Wer etwa im Schlaf über längere Zeit mit Flugzeuggeräuschen beschallt wird, bekommt steifere Blutgefäße, das haben Mediziner:innen der Universität Mainz herausgefunden. Kein Wunder, dass inzwischen 62 Prozent der Menschen laut einer Untersuchung der Techniker Krankenkasse ihr Leben stressiger finden als noch vor 15 Jahren.
Wann wird ein Geräusch zu Lärm? Die Literaturkritikerin Sieglinde Geisel hat dafür in ihrem Buch Nur im Weltraum ist es wirklich still tief in die Kulturgeschichte geschaut. „Das Wort Lärm kommt von dem italienischen Schlachtruf all’arme, ein plötzliches Geräusch also, das aufschrecken soll: Greift zu den Waffen!“ Lärm als Warnung. Welche Geräusche und welcher Lautstärkepegel in einer Gesellschaft negativ empfunden werden, ist kulturell unterschiedlich. In Ländern, in denen ein Großteil des Zusammenlebens draußen stattfindet, ist der Pegel meist höher, das laute Gewirr von Geräuschen gehört zum Leben. Geisel: „Dort wird die Stille eher als bedrohlich empfunden, in der Nacht etwa – es fehlt das Gefühl von sozialer Gemeinschaft.“ Und nur wenige Sprachen unterscheiden wie das Deutsche zwischen Geräusch und Lärm. Im Englischen, Französischen und Italienischen zum Beispiel gibt es dafür nur einen gemeinsamen Begriff: noise, bruit, rumore. „Lärm ist immer auch eine Frage von Macht“, sagt Geisel. „Trommeln auf einer Demo, Jugendliche, die im Park die Boombox aufdrehen, die Kirche, die ihre Glocken läutet.“ Wer darf Krach machen, wer bekommt Ärger, wer erobert den akustischen Raum?
Lärm ist subjektiv
Seit den 1920er-Jahren lässt sich Lautstärke präzise messen, in Dezibel, einer Einheit für Schalldruck. Erste Normen und Obergrenzen wurden festgelegt. Doch längst ist klar: Lärm ist nicht nur eine Frage der Dezibelstärke. Was Menschen unabhängig von der Kultur als störend empfinden, ist höchst subjektiv und kontextabhängig. Ein Wasserfall kann so laut sein wie eine Hauptverkehrsstraße, doch die meisten erleben sein Rauschen als viel leiser, weil sie ihn mit Natur und Entspannung verbinden. Wer ein gutes Verhältnis zu seinen Nachbar:innen hat, wird ihr Trampeln vermutlich anders bewerten als jemand, der mit ihnen im Klinsch liegt. Kulturforscherin Geisel ist noch ein Bauleiter in Erinnerung, für den das Donnern der Bagger alles andere als Lärm war – „sondern der wohltuende Sound von Aufschwung und Wohlstand“.
Psychoakustiker André Fiebig beschäftigt sich mit den psychologischen Mechanismen, die ein Geräusch zu einem „unerwünschten Hörschall“ machen, wie Lärm im Sprech des Deutschen Instituts für Normung heißt. „Wie Menschen Geräusche bewerten, hängt auch davon ab: Können sie einordnen, woher sie kommen? Sind sie selbst Verursacher:in? Sind sie Geräuschen ausgeliefert?“ Was für den Motorradfahrer ein Gefühl von Freiheit und Abenteuer ist, wird für Menschen am Straßenrand schnell zum Horror. Dem Jaulen des Motors können sie nicht entweichen. Wie Hunderten anderen Geräuschen im Stadtwirrwar.
Was tun? „Wir sollten die Geräuschlandschaft in der Umwelt genauso gestalten wie ihre Architektur“, schlägt Fiebig vor. Soundscape-Design nennt sich das.
Entstanden ist die Idee in den 1970er-Jahren in den Musikwissenschaften, seit den 1990ern gewinnt das Forschungsfeld in der Umweltakustik an Bedeutung. Soundscape ist abgeleitet von Land-scape, denn darum geht es: Die Geräuschlandschaft im öffentlichen Raum ebenso zu komponieren wie die Töne verschiedener Instrumente in einem Orchester, damit sich die Menschen wohler fühlen. Welche Geräusche passen zu einem Platz? Wie sollte das Plätschern des Brunnens klingen, wie lässt sich die Dynamik des Klangs durch eine Mauer oder einen Baumstreifen verändern? Wo können Klänge eingespielt werden, die Menschen guttun, wie Meeresrauschen oder Vogelzwitschern? Wo könnten Rückzugsräume Ruheinseln bieten?
Das Rauschen der Wasserwände
Im Catalogue of Soundscape Interventions haben Forschende aus aller Welt Projektbeispiele zusammengetragen. Die stählerne Wasserwand in Sheffield, UK, deren Rauschen den Verkehr einer Hauptverkehrsstraße maskiert; die mannshohen Stethoskope in Fukushima, Japan, die den Klang der Gezeitenwellen des Meeres auf die Promenade übertragen; die klingenden Ohrenbänke auf dem Nauener Platz in Berlin Wedding, die gemeinsam mit Anwohner:innen vor vzehn Jahren entwickelt wurden und auf Knopfdruck die dort Sitzenden in Natursound-Ambiente tauchten.
Mehrere Evaluationen des Projekts kamen zu einem positiven Ergebnis: Der Platz wurde mehr genutzt, die Anwohner:innen fühlten sich viel wohler als zuvor. Inzwischen sind die Ohrenbänke in die Jahre gekommen, die Lautsprecher tun es nicht mehr, der ganze Platz ertrinkt in Graffiti und Müll. Neue Soundscape-Projekte gibt es nur wenige. „Die klassische Stadtentwicklung denkt visuell, nur selten akustisch“, erläutert Fiebig. Soundlandschaften zu designen ist ungewohnt und erfordert eine Vorstellungskraft, die wenig trainiert wird. Zudem lässt sich das Zusammenspiel der Geräusche nicht einfach in einem Modell festhalten, sondern entsteht und vergeht jedes Mal neu.
An der TU Berlin wird daher nun in einem Raum mit Virtual Reality simuliert, wie sich ein Geräuschensemble durch neue Bauten, Parks oder Verkehrsströme ändert. Im Sommer startet Fiebig ein neues Lehrmodul: Soundscape interdisziplinär. Es bringt Studierende aus Regionalplanung, Soziologie, Architektur, Medizin und Akustik zusammen, die alle einen unterschiedlichen Blick auf die Stadt haben. Gemeinsam sollen Ideen für eine Stadtgestaltung entstehen, die Akustik ebenso einbezieht wie Ästhetik, Raumplanung, Gesundheit, Mobilität und Soziales.
Aber, wo derweil die Geräuschquellen mehr werden – geht es denn technisch nicht noch etwas leiser, nicht nur in Stadt und Land, sondern auch, sagen wir, daheim? Die Menschheit fliegt zum Mond und hat Künstliche Intelligenz erfunden – da ist ein lautloser Handrührer nicht drin?
Nachfrage bei David Goecke und Peter Brandstätt, Fraunhofer Institut für Bauphysik (IBP) in Stuttgart, Bereich Technischer Schallschutz, Abteilung Akustik. „Nun“, sagt Brandstätt. „Es kommt zum Beispiel darauf an, was die Leute wollen.“ Denn Menschen haben „Geräuscherwartungen“ und diese sind, sagt Brandstätt, gut erforscht. Staubsauger, Laubbläser oder Kreissägen etwa müssen laut klingen, damit man ihnen die Aufgabe zutraut. Ähnlich geht es Herrenrasierern. Ohne das Geräusch abraspelnder Haare sackt der Verkauf in den Keller, bei Damenrasierern dagegen verhält es sich genau andersherum: Kundinnen erwarten Diskretion. Genau wie bei der Wärmepumpe. Rumpelt sie beim Pumpen, sinkt die Akzeptanz.
Natürlich, so Brandstätt, gebe es viele Möglichkeiten, technische Geräte leiser zu machen. Durch kleinere Motoren etwa oder leisere Materialien, zum Beispiel für Reifen. Aber zum einen seien da physikalische Grenzen. Das Vorbeiströmen der Luft am Windrad, die Rotation des Ventilators im Kühlschrank, das Rollen des Reifens auf dem Asphalt lässt sich nur bedingt unterdrücken. Und bei jeder Maßnahme gelte es abzuwägen. „Man kann den Motor einer Bohrmaschine oder eines Handmixers einkapseln, aber dann wird das Gerät schnell schwerer und unhandlich, teurer ohnehin“, ergänzt Kollege Goecke. Manche Hersteller verändern daher lieber das Geräusch selbst. „Indem sie einen unangenehm schrillen durch einen dunklen Ton ersetzen, der in der Umgebung nicht so auffällt.“ Sounddesign nennt sich das. Alternative: das Geräusch maskieren, also es mit einem anderen überspielen. Auch Dämmen ist ein Weg. Das Fraunhofer IBP experimentiert gerade mit neuen Materialien, alten Lederschnipseln oder Rohrkolben für Dämmplatten, die den Schall im Raum aufsaugen. Und jüngst im Kommen ist eine weitere Technologie: Antischall.
Ruheblase um den Kopf
Das Hamburger Start-up Recalm gehört da zu den Vorreitern. Die Idee: Schall mit Gegenschall neutralisieren. Zum Beispiel in den Fahrer:innenhäuschen von Fahrzeugen auf Baustellen, in der Land- oder Forstwirtschaft. Recalm stattet sie mit Mikrofonen, Lautsprechern und Sensoren aus. „Smarte Microcomputer analysieren die Schallwellen der Fahrzeuggeräusche und kontern genau spiegelverkehrt mit einer Gegenschallwelle“, erläutert Sprecherin Vanessa Pfajfer. „Dadurch kann das Ohr das Geräusch nicht mehr wahrnehmen“, eine „unsichtbare Ruheblase um den Kopf“ entsteht. Das bedeutet weniger Lärmbelastung für die Fahrer:innen und bessere Arbeitsbedingungen. 200 Fahrzeuge hat Recalm schon ausgestattet. Langfristig ließe sich die Technik theoretisch überall nutzen, wo Dauerschall in geschlossenen Räumen den Alltag unerträglich macht. Nur bei plötzlich auftretenden Geräuschen funktioniert das nicht. Denn die Algorithmen müssen das anrollende Schallmuster analysieren können.
Die Fraunhofer-Forscher Goecke und Brandstätt weisen noch auf eine andere Schwierigkeit beim Kampf gegen den Lärm hin: „Die Klimakrise verändert Geräusche in unserer Umwelt.“ E-Autos sind zwar leiser als Verbrenner, aber sie klingen anders. „Das macht erst mal Stress“, sagt Brandstätt. „Holz oder recycelte Materialien im Bau übertragen Geräusche anders“, sagt Goecke. „Und mit dem Ausbau von Windkraft und Wärmepumpen kommen neue Lärmquellen dazu, die Geräuschkulisse wandelt sich.“ Auch Fenster zu schließen, um wenigstens nachts oder bei der Arbeit seine Ruhe zu haben, wird bei steigenden Temperaturen schwer erträglich sein. Gerade haben die Forscher daher ein intelligentes Lüftungssystem entwickelt: Nähert sich dem Fenster zum Beispiel ein Zug, analysiert eine KI am Rahmen: Achtung, Geräuschpegel steigt – und schließt das Fenster automatisch für einen Moment. Jetzt sucht das Fraunhofer IBP ein technisches Partnerunternehmen für einen Pilotversuch.
Beschallungsfrei lunchen
Was also können Einzelne tun, gerade wenn sie selbst keinen Einfluss auf nervenden Lärm in ihrer Umgebung haben? Kulturwissenschaftlerin Geisel rät: „Sich nicht als Opfer sehen – und Inseln der Ruhe im Alltag suchen.“ Zum Beispiel im Stück 4:33 des US-Komponisten John Cage – viereinhalb Minuten Stille. Oder bei einem Besuch in einem Leise-Restaurant, ohne Hintergrundmusik, fast ohne Geklapper. Österreich hat 2.000 solcher ruhigen Orte mit dem Etikett „beschallungsfrei“ ausgezeichnet. Oder sich eine Lärmlandkarte schnappen wie die von Bürger:innen erstellte App Hush City und in den leisen Ecken seiner Stadt vorbeischauen. Soundscape-Experte Fiebig sieht es pragmatisch: „Geräusche und auch mal Lärm sind Teil unseres Lebens. Das hat auch viel Gutes. Sie geben Orientierung, Sicherheit, vermitteln Gemeinschaft. Und wenn es zu laut wird, gerade in der Nachbarschaft, bleibt letztlich nur: Rücksichtnahme.“
Es ist 16 Uhr. Der Raum der Stille im Brandenburger Tor schließt. 34 Menschen waren da, manchmal sind es 100, 150 am Tag. Im Gästebuch im Vorraum haben Besucher:innen Nachrichten hinterlassen: „Welch schönes Ankommen“, findet Dopo xx aus Korea. Unbekannt hat notiert: „Unglaubliche Emotion“. Und ein Paar aus Südamerika schreibt: „Diese Stille ist wie Musik.“
Inmitten des Lärms gibt es sie: Rückzugsorte der Stille für alle, die dem hektischen Geräuschpegel in Stadt, Medien und Alltag entfliehen wollen.