In der Wissenschaft ist man fast nie ganz ungestört. Ständig unterbrechen Konferenzen, Papers, Büroarbeiten das Forschen, und dann möchte man ja auch noch Urlaub machen. Aber ausgerechnet kurz bevor Sylvia Kerschbaum-Gruber mit ihrer Familie in die Alpen fahren konnte, ist noch die Interview-Anfrage reingeflattert. Und so sitzt sie an einem Freitagvormittag im Juni noch eine weitere Stunde im Labor, einem Raum in Schattierungen von Weiß mit weißen Chemika-lienschränken neben der Tür, und während sie vor der Webcam sitzt und geduldig erzählt, huscht kurz noch ein weiß bekittelter Kollege rein und ist ebenso schnell wieder verschwunden.
Nun könnte man denken, Sylvia Kerschbaum-Gruber, Mensch, Mutter, Molekularbiologin an der Klinik für Radioonkologie der Medizinischen Universität Wien, hätte schon genug zu tun. Doch es gibt noch eine Sylvia – die mit Studien und Daten einen Kampf gegen Fake News in sozialen Medien führt. Die objektivste Methode, Wissen zu gewinnen, auf der einen Seite, die vermeintliche Gosse des Internets auf der anderen. Kann das funktionieren?
Wie Lügen Realität schaffen
Angesichts von Impfskepsis, Klimaleugner:innen und Populismus wird die Frage, wie Wissenschaft neues Vertrauen aufbauen kann, an Universitäten und Instituten immer lauter gestellt. Dass auch soziale Medien immer mehr in den Fokus geraten, liegt nahe: Sylvia Kerschbaum-Gruber hat auf Instagram etwa 20.000 Follower:innen. Ein großer Teil der Beiträge von @molecular.sylvia, wie sich Kerschbaum-Gruber im Internet nennt, dreht sich um Impfungen. Im Februar hat sie einige Videos über einen Evergreen der Impf-Lügen veröffentlicht: den Mythos eines Zusammenhangs zwischen Impfungen und Autismus. Der gründet auf gefälschten Daten aus den 1990ern, wurde seitdem vielfach widerlegt und doch immer wieder hochgespült. „Das ist bis heute einer der Hauptbeweggründe für Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen“, sagt Kerschbaum-Gruber.
Das alles macht Kerschbaum-Gruber unbezahlt neben ihrer Arbeit. Denn eigentlich bekämpft sie einen ganz anderen Gegner, den Krebs. Genauer gesagt den Pankreaskrebs, an dem viele Erkrankte sterben, weil sie lange keine Symptome zeigen. Deshalb wollen die Biolog:innen der Wiener Uniklinik für Radioonkologie das Immunsystem dazu bringen, den Krebs zu attackieren. Nur ist es mit den mutierten Zellen ein wenig so wie mit Fake News, die Ängste schüren und damit unser kognitives Prüfverfahren – namentlich das logische Denken – einfach überspringen. „Krebs hat die Eigenschaft, unser Immunsystem abzuschalten“, sagt Kerschbaum-Gruber.
Gestartet ist @molecular.sylvia, bevor Covid-19 den Globus überrollte. Damals war ihr primäres Ziel noch ein anderes: „Für mich war immer klar, ich möchte Wissenschaftlerin werden“, sagt sie. Doch als Kind habe sie kaum Vorbilder gehabt. „Ich habe nicht nur Einser in der Schule geschrieben. Für mich war es schwierig, mich für die Wissenschaft zu entscheiden. Wir haben immer diese Genies vor Augen: Albert Einstein, Stephen Hawking, Marie Curie. Mir hat es als Schülerin gefehlt, auch normale Menschen zu sehen.“ Diese Lücke habe sie füllen wollen, um jungen Menschen zu zeigen: „Das Einzige, was wir in diesem Beruf brauchen, ist Herzblut.“
Vorbehalte gegenüber Social Media
Trotz des Potenzials, das soziale Medien haben, um das Image der Wissenschaft zu verbessern, ist @molecular.sylvia eine von eher wenigen Forscher:innen im deutschsprachigen Raum, die in sozialen Medien aktiv sind. Ein Grund dafür dürfte sein, dass es in der Community bis heute Vorbehalte gibt.
Katharina Christ, Medienwissenschaftlerin am Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation in Karlsruhe, forscht seit Jahren zu Wissenschaftskommunikation auf Social Media. Sie hat beobachtet, dass vor allem unter angehenden Forscher:innen viele befürchten, dass sie sich auf Instagram und Co vor ihren Betreuer:innen lächerlich machen könnten. Und selbst Professor:innen, die in sozialen Medien aktiv seien, berichteten, dass sie dafür teils belächelt würden.
Um die Chancen sozialer Medien zu begreifen, müsse man zwischen interner und externer Wissenschaftskommunikation unterscheiden, sagt Christ. Bei Ersterer geht es um den fachlichen Austausch: Aufsätze, Konferenzen und so weiter. Externe Kommunikation ist dagegen der Austausch mit Wirtschaft, Politiker:innen und den vermeintlich ganz normalen Menschen. Auch wenn die Grenzen in den sozialen Medien manchmal verschwämmen, gehe es dort vor allem um die externe Kommunikation, sagt Christ. Ein Ziel sei dabei der Aufbau von Vertrauen. „Aus der Forschung wissen wir, dass ein ganz wichtiger Faktor für Vertrauen das wahrgenommene Wohlwollen der Wissenschaftler:innen ist. Und das kann ich über Social Media potentiell super kommunizieren.“
Konkret bedeutet das: Soziale Medien geben Forscher:innen die Möglichkeit, als Menschen Sympathie zu wecken – und nicht als gesichtslose Elite wahrgenommen zu werden. Entsprechend stehen bei vielen großen Wissenschaftskanälen auf Instagram, TikTok und YouTube einzelne Personen im Vordergrund.
Für einen Forschungsüberblick zu Wissenschaft in sozialen Medien hat Christ MaiThink X als Best-Practice-Beispiel ausgewählt, eine Sendung im ZDF, moderiert von der Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim, die auch auf YouTube und Instagram viele Menschen erreicht – auf YouTube allein hat ihr Kanal rund 1,5 Millionen Abonnent:innen. Das Beispiel zeige, wie sich Inhalte an die verschiedenen Plattformen anpassen ließen, sagt Christ: hochkant oder waagerecht, kurz oder lang, Fernsehstudio oder Handykamera. Erfolgreich sei MaiThink X wahrscheinlich aber auch, weil sich ihre Beiträge in der Regel auf wissenschaftlicher Basis mit Themen beschäftigten, die für die User:innen auch im Alltag relevant seien.
Snippets aus dem Labor
Deutlich weniger Wissenschaft und dafür mehr Snippets aus dem Labor, von Konferenzen sowie Urlaubsbilder bekommen die Follower:innen des Kanals @diewissenschaftlerin von Amelie Reigl. Der Biologin folgen auf TikTok mehr als 400.000 Konten. Zwar verbirgt sich in Reigls Videos auch immer mal der eine oder andere wissenschaftliche Fakt, dominant sind aber die Szenen, in denen sie ihre Laborarbeit zeigt: Reigl am Mikroskop, Reigl, die Reagenzgläser hält und Reigl, wie sie auf Ergebnisse wartet. Nur, ist das noch Wissenschaftskommunikation?
Ja, meint Katharina Christ. Unter Wissenschaftskommunikation verstehe sie jede Kommunikation von wissenschaftlichem Wissen oder wissenschaftlicher Arbeit. „Es geht nicht nur um Ergebnisse, sondern auch um alles drumherum.“ Viel von dem, was Reigl auf TikTok & Co präsentiert, sei deshalb ebenfalls Teil der Wissenschaftskommunikation, da sie Prozesse zeige und Wis-senschaft so leicht verständlich herunterbreche. „Wir wissen aus der Forschung, dass es wichtig ist für das Vertrauen in die Wissenschaft, dass auch Prozesse und nicht nur Ergebnisse verständlich gezeigt werden“, sagt Christ. Wie kommt die Forschung zu ihren Ergebnissen?
Wissen vermitteln, Arbeitsweisen zeigen, der Forschung ein Gesicht geben: Irgendwo dazwi- schen bewegt sich Clara Nellist. Sie ist Teilchenphysikerin, arbeitet zur Hälfte an der Universität Amsterdam und zur Hälfte am Atlas-Experiment am europäischen Kernforschungszentrum Cern bei Genf. Dort geht sie Fragen nach wie: Warum haben Teilchen Masse? Und wie können wir endlich dunkle Materie im Universum finden?
55.000 Follower:innen in drei Tagen
Neben der Wissenschaft ist Nellist aber auch ein Star auf Social Media. Auf TikTok hat sie als @particleclara knapp 280.000 Follower:innen. Geplant habe sie das nicht, sagt Nellist. Während der Pandemie lädt sie ein Video auf TikTok hoch, sie stellt sich vor mit: „Ich bin Teilchenphysikerin am Cern, und wenn ihr mehr darüber wissen wollt, kann ich gern darüber sprechen.“ Drei Tage später habe sie 55.000 Follower:innen gehabt.
In ihren Videos erklärt sie, wie ein Teilchenbeschleuniger funktioniert, aber ebenso begeistert fährt Nellist mit dem Fahrrad über das Cern-Gelände und filmt den Ausblick auf den Montblanc. Ihre Videos haben weniger von einer Professorin im Hörsaal als von einer guten Freundin auf WhatsApp. Immer wieder macht sie auch Videosessions, bei denen Follower:innen Fragen stellen. „Ich möchte, dass die Leute das Gefühl haben, dass sie einfach vorbeikommen können“, sagt Nellist. Dass ihre Videos noch immer selbstgemacht wirken, sei ein Stück weit Absicht: „Ich habe das Gefühl, wenn die Produktion zu hochwertig wird, könnten die Leute das Gefühl bekommen, dass ihre Fragen zu dumm dafür sind.“ Ihr sei es wichtig, die menschliche Seite der Forschung zu zeigen. „Also nicht nur: Hier ist ein tolles Ergebnis. Sondern, warum ist dieses Ergebnis so spannend? Und was bedeutet es für die Zukunft?“
Kein Interesse an Wissenschaft
Das Problem bei all dem: Bis heute ist unklar, welche Menschen Wissenschaftskommunikation auf Social Media erreicht. Bekannt ist, dass diejenigen, die sich ohnehin nicht für Forschung interessieren, auch in sozialen Medien nicht angesprochen werden. „Nach der neuesten Auswertung des Wissenschaftsbarometers 2022 sind das in Deutschland rund zwölf Prozent“, sagt Medienwissenschaftlerin Christ. Zugleich steht fest, dass Social Media das Potenzial haben, Forschung zugänglicher zu machen. „Wir wissen beispielsweise, dass Menschen ohne akademischen Bildungshintergrund eher weniger zu klassischen öffentlichen Vortragsveranstaltungen in Universitäten gehen“, sagt Christ. „Auf Social Media können wir dagegen potenziell viel mehr Menschen erreichen, ganz gleich, ob sie beispielsweise promoviert sind oder die Schule abgebrochen haben.“
Fragt man Sylvia Kerschbaum-Gruber, wen sie als @molecular.sylvia erreicht, erzählt sie gern, wie sie sich einmal mit einem der größten impfskeptischen Kanäle Österreichs angelegt hat. Allein auf Instagram hat @dr_spitzbart etwa 580.000 Follower:innen. „Ich darf ja nicht alles sagen, wie ich das wirklich meine“, raunt der ältere Herr, der sich als „Europas bekanntester Präventionsarzt“ vorstellt, in einem Video zu Impfungen für Kinder. „Aber“, fährt er fort, „ihr könnt vielleicht zwischen den Zeilen lesen: so wenig und so spät wie möglich.“
„Was ich dann mache?“, so Kerschbaum-Gruber, „ich teile Studien in den Kommentaren und sage: Du stellst das falsch dar.“ Daraufhin sei sie von @dr_spitzbart blockiert worden. Aber: „Wenn ich mich als Wissenschaftlerin in eine Anti-ImpfBubble hineinbegebe, schaffe ich es eigentlich jedes Mal, Leute da rauszuholen.“ Oft bekomme sie dann persönliche Nachrichten mit weiteren Fragen. „Das hilft so viel mehr, als Menschen na-hezulegen: Du sollst dein Kind impfen lassen, weil ich als Wissenschaftlerin das sage.“
Wissenschaftlerin ist Kerschbaum-Gruber dabei natürlich immer noch. Aber vor allem ist sie Sylvia, die Molekularbiologin, Freundin und Mutter, die Blumen und Emojis mag. Und nun endlich in den Urlaub fahren kann.
Gute Wissenschaftskommunikation kann wie Rapunzels Haare den Weg in den Elfenbeinturm weisen.