Mittendrin

Von null auf hundert

In Äthiopien haben nur wenige Menschen ein Auto und wenn einen Benziner. Jetzt will die Regierung durchstarten: 2024 hat sie den Import von Verbrennern verboten, Äthiopien soll Vorreiter für e-Mobilität in Afrika werden. Kann das gelingen?

Äthiopiens erste Elektroautowerkstatt liegt in einer staubigen Nebenstraße im Süden von Addis Abeba. Kein Schild, nur ein rotes Wellblechtor mit etwas Stacheldraht. Vor dem Tor parkt ein alter VW Golf: knallroter Lack mit einigen Rissen, beschädigte Heckleuchte, Verbrennermotor – die Vergangenheit von Äthiopiens Mobilität.

Hinter dem Tor schrauben Mechaniker an der Zukunft. Ein Hof voller moderner E-Autos von Hyundai, VW und vor allem des chinesischen Herstellers BYD. Yonatan Sisay läuft über den Werkstatthof der Girar EV Garage, er ist der technische Direktor. Um ihn herum hallt das laute Hämmern der Mechaniker, die in lila T-Shirts an den Autos herumschrauben. Reifen und Karosserieteile liegen in den Ecken. „Wir machen ein sehr gutes Geschäft. Die Nachfrage steigt immer weiter“, sagt Sisay. Er öffnet die Fahrertür eines silbernen Kleinwagens, kontrolliert Bremsen, Batterie und Software.

Die erste Elektroautowerkstatt Äthiopiens:  Girar EV Garage in Adis Abeba, Foto: Tycho Schildbach

Noch vor zwei Jahren wäre ein Ort wie die Werkstatt in Äthiopien undenkbar gewesen.  In nur wenigen Ländern  Afrikas gibt es  weniger Autos. Auf die rund 130 Millionen Einwohner in Äthiopien kommen gerade mal etwa 1,4 Millionen Fahrzeuge – bis vor zwei Jahren fast ausschließlich Verbrenner. Dann verhängte die Regierung von Premierminister Abiy Ahmed im Januar 2024  ein Importverbot für Verbrennerautos – als erstes Land der Welt. Gebrauchte Verbrenner werden in Äthiopien seitdem immer teurer, wer Elektroautos importiert, bekommt dagegen Steuervorteile. Nun fahren in Äthiopien bereits weit mehr elektrische Fahrzeuge als in allen anderen afrikanischen Staaten: Mehr als 115.000 waren es 2025, Tendenz stark steigend.

Verkehrswende im Eiltempo

Rediet Degarege sitzt auf den violetten Sitzen hinter dem Steuer ihres Honda-SUV. Erst vor wenigen Tagen ist sie auf das E-Auto umgestiegen, lässt es hier in der Werkstatt durchchecken. „Ein Arbeitskollege hat es mir verkauft“, erzählt Degarege. Wie viel sie für das Auto bezahlt hat, verrät sie nicht. „Es war teuer, aber ein guter Deal.“ Die  Bankerin verdient gut. Wie eigentlich alle Kunden der Werkstatt zählt sie als Elektroautofahrerin zur Oberschicht im Land und erhofft sich durch den Umstieg langfristig Ersparnisse. „Die Benzinpreise steigen schließlich weiter an.“ Denn für die Verkehrswende im Eiltempo hebt Äthiopiens Regierung die Benzinpreise immer wieder an, im vergangenen Dezember erneut um 30 Prozent. Aus Sicht von Degarege keine gute Entscheidung, auch wenn sie den Weg der Regierung grundsätzlich positiv sieht. „Wenn die Spritpreise steigen, wird hier in Äthiopien alles teurer. Essen, Öl, einfach alles. Darunter leidet die Gesellschaft.“ Die radikale Politik kennt a…

Foto: Julian Hilgers

Adis Abeba, Äthiopien, die moderne Metropole Ostafrikas.

Weiterlesen