Tag eins, Lanzarote. Sonne und Salzwasser.
Im Containerhafen ist Mittagszeit. Die Sonne brennt auf die breite Zufahrtsstraße zum Puerto de los Mármoles, Quellwolken ziehen über den Himmel. Im Gewirr von Containern, Verladekrähnen, Lastern und Absperrgittern bewegt sich nichts, nicht mal das Kreischen von Möwen ist zu hören. Naviera Armas steht auf einem weißen Häuschen neben dem Kai, drinnen ein Wartesaal. Hinter dem Ticketschalter spielt eine Frau gelangweilt auf ihrem Handy. „Ja, hier fährt die Fähre nach Cádiz ab, aber im November ist nicht viel Betrieb.“ Ich setze den Rucksack ab und lasse mich auf eine der roten Sitzschalen an der Wand sacken. Das Meer plätschert müde an den Kai. Kein Schiff weit und breit.
Von Lanzarote nach Berlin mit Schiff und Zug – das ist mein Experiment.
Zwischen 1.300 und 1.700 Kilogramm CO2-Äquivalente entstehen bei einem Flug von Berlin nach Lanzarote und zurück, je nach Berechnungsgrundlage, Wetter, Route, Flugzeugtyp, Reiseklasse. Je nachdem, wie stark man weitere Effekte wie Kondensstreifen und Methanausstoß einbezieht, können die Emissionen für einen einzelnen Flug noch wesentlich höher liegen. Der Tourismus erzeugt schätzungsweise acht bis zehn Prozent der weltweiten Emissionen, 49 Prozent entstehen allein durch An- und Abreise. Neun Prozent aller Reisen sind Fernreisen, mehr als je zuvor – und allein diese neun Prozent sind für die Hälfte der gesamten Flugemissionen im Tourismus verantwortlich. Die „Achillesferse des globalen Tourismus“, nennt das Wissenschaftsmagazin Science den Flugsektor daher.
Das muss über Land und Wasser doch umweltfreundlicher gehen. Also los. Eigentlich hätte mein Experiment in Berlin beginnen sollen, aber dazu später.
Eine Fähre ist Teil des öffentlichen Transportsystems, ähnlich wie U-Bahn und Bus. Zweimal die Woche bringt sie Menschen von Lanzarote zur spanischen Küstenstadt Cádiz und zurück. Gut 33 Stunden dauert die Fahrt übers offene Meer. Entsprechend gering ist die Nachfrage.Tourist:innen verirren sich nur selten auf die weiß-roten Schiffe von Naviera Armas.
Menschen wie Hilla aus Finnland, blonder Pferdeschwanz, Shorts, pinke Reisetasche. Gegen 13.30 Uhr liegt sie auf den Betonquadern vor dem Schalterhäuschen in der Sonne. Die Softwareingenieurin ist um die dreißig und auf einem Segeltörn mit Freund:innen auf die Kanaren gekommen, seit Jahren schon fährt sie Wettkämpfe über den Atlantik. „Da war es für mich klar, dass es auch auf dem Wasserweg zurückgeht.“ Nach Cádiz, Málaga, dann weiter Richtung Norden, zum Schluss mit Flieger und Bus. Wie sonst soll sie in das kleine Dorf ihrer Eltern in Mittelfinnland kommen? „Aber ich will so viele Flugkilometer sparen wie möglich, die Klimakrise ist jetzt auch bei uns massiv spürbar“, sagt Hilla. Dieses Jahr gab es zum ersten Mal im Brunnen der Nachbar:innen kein Wasser mehr. „Wir mussten es mit Kanistern heranfahren.“
Los geht’s: Zu Fuß in den Bauch des Schiffes
14 Uhr. Langsam fährt die Volcán de Tinamar an den Kai. Inzwischen wartet ein Dutzend Fahrgäste im Schalterhäuschen, an der Sicherheitsabsperrung stehen Camper, Trucks, Autos und Motorräder Schlange. Sicherheitsmänner hieven das gewaltige Tau um den Anlegepfosten, die Heckluke fährt hoch, langsam verschwinden die Fahrzeuge im Bauch des Schiffes. Hilla, ein Mittfünfziger mit Trolley und ich werden zu Fuß von einer Schiffsbegleiterin an den Lastern vorbei an die Rezeption in den ersten Stock geführt. „Willkommen“, säuselt der Rezeptionist und reicht die Zimmerkarte für die Kabine über den Tresen. Eine Stunde später legt die Volcáno ab. Es riecht nach Diesel.
Fähren sind zwar keine schwimmenden Städte wie Kreuzfahrt-Cruiser, aber auch sie werden von umweltschädlichem Treibstoff angetrieben. Wie viel CO2 spart eine Reise über Wasser und Land also tatsächlich? Schließlich lege ich gut 1.000 Kilometer meiner Reise mit dem Schiff zurück. Der CO2-Rechner auf der Reise der Reederei spricht von Einsparungen zwischen 70 und 90 Prozent, je nach Strecke. Als Quelle verweist sie auf die Daten des britischen Umweltamtes. Demnach werden bei einer Reise auf einer Fähre als Fußgänger:in nur 19g CO2 Äquivalente pro Kilometer und Person ausgestoßen, im Vergleich zu 246 g mit dem Flugzeug.
Diese Zahlen sind allerdings umstritten, vor allem, weil hier der Co2-Verbrauch pro Person nur nach dem Gewicht der Passagiere bemessen wird. Das Co2, das die ganze Infrastruktur für ihren Aufenthalt an Bord erzeugt, bleibt außen vor. Restaurant, Bar, Kabinen, Schlafsessel, Toiletten. Doch für eine genauere Berechnung von Fähremissionen fehlen Daten oder sind schwer zu finden.
Co2-Wirrwarr entwirren: Komplizierte Berechnungen
Der Nachhaltigkeitsverband forum anders reisen hat daher in einem aufwändigen Projekt mit der Breda University, der Agentur fairkehr und der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde aus unterschiedlichen Quellen Daten zusammengetragen, mit eigenen Berechnungen ergänzt und so einen Mittelwert errechnet. Als Fußpassagierin auf einer Fähre erzeuge ich demnach 142 g COo2- Äquivalente pro Kilometer. Für die gesamte Reise mit Fähre und Zug, hin- und zurück, hat das forum anders reisen beispielhaft die Strecke Gran Canaria-Frankfurt überschlagen, das ist etwa die gleiche Entfernung wie Lanzarote-Berlin: Demnach erzeugt eine Person etwa 500 kg CO2- Äquivalente pro Person. Zum Vergleich: Ein Direktflug hin- und zurück emittiert fast dreimal so viel.
In der Hochsaison sind auf der Volcáno bis zu 400 Menschen an Bord, verrät der Chef des Schiffsrestaurants, jetzt, im November, vielleicht gerade mal 50. Bewohner:innen der Kanarischen Inseln, Rentner:innen, Beschäftigte der Logistikunternehmen. Da ist die alte Dame mit zwei Cockerspanieln, deren hellblauer Blumenhut jeder Brise standhält. Da ist der junge Athlet mit Hoodie, der sich zweimal täglich durch die Open-Air-Gymgeräte neben den Hundeboxen auf Deck arbeitet. Der Rentner in Ringelpulli, der, die Hände in die Hosentaschen gestemmt, in immer gleichen Runden von Bug zu Heck spaziert, um mit anderen Passagier:innen ins Gespräch zu kommen. Und die durchtrainierte Männerrunde in der einzigen Ecke mit Handyempfang an Bord, die sich lachend zuprostet.
Selvin, der Restaurantchef, liebt diese Mischung, gern kommt er mit seinen Gästen ins Gespräch, hört ihre Geschichten. Seit 15 Jahren ist er auf Passagierschiffen unterwegs. USA, Südamerika, Europa, Asien. Lange war er auf den ganz großen Kreuzfahrtschiffen mit 4.000 Gästen, „purer Stress“, sagt Selvin, „die Passagiere wollten immer alles schnell, schnell und perfekt.“ Aufgewachsen in Honduras und Chicago, hat er für seine Frau und fünf Kinder vor ein paar Jahren ein Haus bei Caracas gekauft. Bis es abbezahlt ist, geht er weiter auf Reisen. „Es gibt gutes Geld“, sagt er, wie viel verrät er nicht. Das Fährleben sei ruhiger, die Leute entspannt, man werde fair behandelt. Sechs Monate Dienst, vier Monate frei. Sicher, auch die Sieben-Tage-Woche schlaucht, ohne Internet wäre es kaum erträglich. „Einmal am Tag spreche ich mit meiner Familie, beim Geburtstag meines Jüngsten neulich habe ich so geweint.“ Aber er kommt rum in der Welt. Nie hätte er Island gesehen, für ihn „der schönste Ort der Erde“. Wo sonst ist sie so grün wie gemalt?
Sonnenuntergang und launische See
19.30 Uhr. Am Abend füllt sich die Holz-Bar neben dem kleinen Salzwasserpool am Heck. Wie Blumen auf einer Sommerwiese stehen die weißen Plastiksessel auf dem Kunstrasen. Spanisch-Pop dudelt aus den Boxen. Hilla, die Finnin, und ich schauen mit einem Weißwein in den Sonnenuntergang über der See. Der Himmel ist gesäumt von Tausenden kleiner Wolkenkugeln, rosa Feuerbälle, die ins Meer fallen. „Ich werde mich nie daran satt sehen“, sagt die Barkeeperin und schiebt noch zwei gläser Weißwein über den Tresen. „Aber das Meer ist launisch. Letzte Woche waren Dutzende Passagiere übel seekrank.“ Der Sturm ließ die Teller hüpfen, einige Häfen waren in der Nacht gesperrt. Alle Stühle im Schiffsrestaurant im Boden sind angekettet.
Tag zwei. Entspannungssog auf dem Meer
Heute gleicht die See einer Wiege. Ich bin allein in einer Vierer-Kabine, der Seegang schaukelt mich in den Schlaf. Aber bei Hilla in der Etage mit den dicken Liegesitzen grassiert die Übelkeit. Beim Frühstückskaffee auf Deck ist der Horizont wie mit dem Lineal gezogen. Fixiert man das Geländer am Heck, erkennt man das Tanzen des Schiffes wie auf Millimeterpapier.
Diese Langsamkeit des Reisens ist ein Entspannungssog, ein stilles Spektakel. Frühstück, Sonnendösen, Schläfchen, Sonnendösen. Spanisch-Pop, Meerplätschern, leises Geschirrklappern. Der Ringelhemdrentner holt sich ein Frühbierchen, der Athlet gleitet in den Pool, rhythmisch katapultiert der Seegang das Salzwasser in das Auffangbecken und zurück, rechts, links, rechts, links. Der Duft von Sonnencreme auf Haut. Mittagessen, Schläfchen, Deckspaziergang, Stippvisite in den Bordshops. In der Ecke mit theoretischem Internetzugang drängt sich frustriert die Männerrunde, Handy taugt hier oft nicht mal als Telefon. Deckspaziergang. Abendessen, Sonnenuntergang.. Und plötzlich erscheinen die Lichter von Cádiz am Horizont.
22 Uhr. „Alle Fahrgäste bitte zur Lobby im ersten Stock.“ Die Gitter der Bordshops rattern runter, langsam fährt die Heckluke nach oben, die LKW-Karawanen im Schiffsbauch rollen an Land. Ringelrentner, Dame mit Cockerspanieln, Athlet und ein gutes Dutzend spanischer Soldaten in Uniform eilen zur Treppe zum Autodeck. Hilla lacht. „Guck mal, das ist ja die trainierte Männerrunde“. Mit einem Minivan werden wir Fußpassagier:innen zum Tor der Reederei gefahren. Zu Fuß geht es durch das nächtliche Gewirr des Containerhafens ins Zentrum von Cádiz.
Cádiz: Gebratene Garnelen und das Lachen der Menschen in den Bars
Eineinhalb Tage Schiffsreise liegen hinter mir, eine beschwingende Gleichzeitigkeit von Slowmotion und Zeitraffer, so intensiv, so verdichtet ist das Erleben. Erst die Frische der Kanaren, dann der salzige Wind, der über das Meer jagt, dann der Mix von frischem Fisch und Diesel im Containerhafen. Jetzt die bullige Wärme über der Stadt, die die alten Häuser ausdünsten. Der Duft gebratener Garnelen, von Rotwein, Bier. Das Lachen der Menschen an den Stehtischen vor den Bars, das nächtliche Gedränge in den engen Gassen. Die Kathedrale leuchtet vor dem Nachthimmel, an den Palmen auf dem Plaza de San Juan de Dios schimmern Lichterketten. 18 Grad, Weihnachten ist nicht mehr weit. Tschüss Hilla. Bis nach Mitternacht streife ich allein durch die lebensfrohe Schönheit von Cádiz.
Ich hatte es mir so leicht vorgestellt: einen Zug buchen von Cádiz nach Berlin. Aber nach wie vor ist der europäische Bahnverkehr ein Durcheinander, plan- und buchbar vor allem über nationale Webseiten. In jedem Land tickt der Zugverkehr nach eigenen Regeln, werden etwa Bahntickets zu unterschiedlichen Zeitpunkten freigegeben. Anschlüsse und Buchungsmöglichkeiten enden oft an den Grenzen, ein gemeinsames Ticketing gibt es nicht, außer punktueller Kooperationen über das Gutscheinsystem Interrail. Plattformen wie Trainline, Omio oder Simple Train machen die Suche nach Verbindungen zwar erheblich leichter. Aber spätestens beim Klick auf den Buchen-Button ploppte bei mir durchweg die Meldung auf: leider nicht verfügbar. Auf Zugreisen spezialisierte Reiseagenturen wie Kopfbahnhof, Bahnfüchse oder Gleisnost setzen hier an. Binnen weniger Tage hatte ich die Tickets von Gleisnost im E-Mail-Eingang.
Die Zugreisenhelfer:innen von Gleis Ost
„Man braucht kriminalistisches Geschick“, sagt Gleisnost-Chef Joos Hahn. Seit 1989 organisiert Gleisnost Bahnreisen durch Europa, Asien, Afrika. Entstanden ist es aus einer Schalterstelle am Gleis Ost des Bahnhofs Freiburg-Littenweiler. Der Name ist ein Spiel mit der Geschichte: Gleis Ost und Glasnost, der Demokratiebewegung unter dem sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow Ende der 1980er-Jahre. Genauso frei sollte das Bahnfahren werden. „Als die Schalterhalle geschlossen werden sollte, haben wir ein Reisebüro daraus gemacht, spezialisiert auf Transport“, sagt Hahn. Ende der 1980er war Bahnfahren gefragt, Fliegen teurer Luxus. Dann kamen die Billigflüge, bald stellte die Bahn ihre Nachtzüge sein. „In den 2010ern fragten fast nur noch Bahnliebhaber:innen, Familien und Rentner:innen an“, erinnert sich Hahn. Seit der Klimabewegung wächst eine neue Klientel. Er selbst war mit Zug schon fast überall, in den 1990ern sogar in der Mongolei, Hongkong und Japan.
Tag drei: Von Cadiz nach Paris
7:30 Uhr in der Früh. „Was ist das für ein Ticket? Kenn’ ich nicht“, die Dame am Abfertigungsschalter in Cádiz zuckt die Schultern und weist ratlos auf die Schlange zu Gleis drei. Schlange stehen zum Gleis? Oha. Ich hole mir ein Bocadillo am morgenleeren Bahnhofskiosk, fädle mich ein, der Schaffner nickt, Interrail, alles klar. Zwanzig Minuten später sitze ich auf blauem Velours am Fenster und sehe der hügeligen Landschaft beim Vorbeigleiten zu.
Erstaunlich, wie leise es in einem Zug sein kann. Niemand spricht. Die Dame mit der roten Sonnenbrille nicht, der Mann am Laptop nicht, das Pärchen, das umschlungen aus dem Fenster schaut, flüstert nur. Ist das spanische Bahnkultur oder Zufall? Der Magen knurrt, Stippvisite im Bordbistro. Es ist laut wie in einer Tapasbar. Das Stimmengewirr mischt sich mit dem Heizdröhnen des Sandwichofens. 15:44 Uhr. Pünktlich auf die Minute erreicht der Zug Sevilla.
Die europäischen Zugverbindungen sind lückenhaft und unübersichtlich, das deutsche Schienennetz kaputtgespart und überlastet und doch wächst die Nachfrage. Allein von 2019 bis 2024 stieg die Zahl der Bahnreisenden in Europa laut Eurostat von 6,5 auf 10 Millionen. Allerdings werden laut Reiseanalyse 2025 immer noch nur 6 Prozent der Reisen mit dem Zug zurückgelegt, 47 Prozent mit dem Flugzeug. Der Zug liegt unangefochten auf Platz eins der umweltfreundlichsten Verkehrsmittel, noch vor dem Fernbus und egal, mit welcher Energie er angetrieben wird: 10-12 g CO2 Äquivalente pro Person und Kilometer. „Wir sollten Zugstolz beleben, statt auf Flugscham zu schauen“, sagt Energieexperte Jacob Rohm von German Watch. Allerdings: 3,5 Tage hin, 3,5 Tage zurück – die Zeit muss man sich nehmen.
Quer durch die spanische Prärie
Quer durch Spanien auf der Schiene, heißt in weiten Teilen quer durch eine wüstenartige, menschenleere Landschaft, eine Prärie in einem Wildwestfilm. Mal Olivenhaine, mal buschige Ebene, mal sandige Hügel. Felder, Gehöfte, selten ein Dorf. Erst in Katalonien wird es grün und satt und belebt.
14 Grad, Barcelona, pünktlich auf die Minute. Der Bahnhof gleicht einem Flughafen. Eine nie enden wollende Halle mit elektronischen Hinweistafeln, Sicherheitsscannern, Abfertigungsschaltern und mit Stoffbändern gezogenen Wartegassen. Vierzig Minuten für den Umstieg, ich renne an dutzenden Gates vorbei, Sicherheitskontrolle, sprinte zu Schalter 23, Dirección Paris. Bislang wartet nur ein Mann in Lederjacke vor dem Absperrband. Der Zug geht in 15 Minuten, wo sind die anderen?
Monsieur Pelloux lacht und nimmt kurz sein Handy vom Ohr. „Das ist hier auf die Minute organisiert“. Vier Tage lang war der Geschäftsmann auf Stippvisite bei der spanischen Niederlassung seines Biscuit-Geschäfts. Sortiment abstimmen, Strategien optimieren, die Zusammenarbeit pflegen. „Mit dem Zug bin ich in sieben Stunden mitten in Paris.“ Ein Mitarbeiter der französischen Zuggesellschaft SNCF tritt an den kleinen Tresen, öffnet das Absperrband und scannt mit dem Handy unsere Tickets. „Bonjour Messieurs Dames, unser Zug nach Paris Gare du Lyon, fährt in 10 Minuten“. Ich drehe mich um, gut 300 Leute haben sich inzwischen versammelt. Im Pulk geht es die Treppe runter zu Gleis 23.
Kilometerlang rauscht der TGV durch Tunnel. Pyrenäen, Aquitanien, Zentralfrankreich. Hügelige Wiesen, Wäldchen, Felder, kleine Dörfer. Dann versinkt Frankreich in der Nacht. Im Zug ist es ruhig, selbst im Bordrestaurant. Ich hole mir einen Croque-Monsieur, kuschle mich in die violett-pinken Sitzpolster und nicke ein. Kurz vor Mitternacht stehe ich am Gare de Lyon. Vor dem nachtblauen Himmel malen sich die cremeweißen, verschnörkelten Altbauten von Paris ab als lägen sie auf einer dunklen Leinwand. Kleine Schneeflocken fallen vom Himmel. Ich ziehe die Kapuze hoch und eile zum Hotel Aurore gegenüber.
Tag 4. Auf nach Berlin
Ein Grad, noch acht Stunden nach Berlin. Auch am Gare du Nord regeln Tickets den Zugang zum Gleis. Vom Bahnsteigchaos in Deutschen Bahnhöfen war bisher auf meiner Reise nichts zu sehen. Um halb zehn durchschneidet der ICE die schneeweiße Landschaft.
Gestern 15 Stunden, heute 8, die Fahrt kommt mir viel kürzer vor und gibt doch ein Gefühl, wie groß Europa ist, schon ein kleines Stück davon. Der Wechsel von Sprachen, Landschaften, Wetter, Temperatur, Städten, Architektur, Gerüchen, Stimmungen gleicht einem kurzweiligen Film, in dem ich als stumme Begleiterin mitspiele. Anstrengend? Tatsächlich nicht. Und erstaunlich: Im ICE ist es, zumindest an diesem Tag, lebendiger als im spanischen Bordbistro. Pralle Fröhlichkeit, Geplauder, ein Kennenlernlabor.
Eine junge Frauenrunde plant in den Vierer-Sitzecken am Waggonanfang lachend ihren Chortrip, sie bieten mir einen Piccolo an. Eine Familie aus Frankfurt/Oder spielt lautstark Tierquartett mit ihren Kids. Ein dänischer Makler diskutiert mit einer britischen Studentin über Müll in Berlin. Später komme ich mit der alten Dame gegenüber ins Gespräch. „Ach, aus Lanzarote, wirklich? Ich bin letztes Jahr mit dem Zug von Rügen an die Côte D´Azur gefahren.“ Die Chorfrauen klatschen.
„Meine Damen und Herren, wir erreichen in wenigen Minuten Berlin Hauptbahnhof.“ Es ist 18.05 Uhr. Nach 75 Stunden bin ich zu Hause. Wir sind nicht mal zu spät.
P.S: Ich schulde euch noch die Auflösung vom Anfang der Geschichte: Warum beschreibe ich die Rückfahrt und nicht den Hinweg zu meinem Reiseziel? Vier Tage vor Abreise liegt eine Nachricht von Gleisnost im Maileingang: Die Fährgesellschaft hat das Schiff von Cádiz nach Lanzarote gecancelt. Für den Hinweg bleibt nur ein Flug.
Kanaren verschwinden am Horizont, das Plätschern der Heckwellen reist mit.