Mit diesem Eiswürfel zergehen Hunderttausende Jahre auf deiner Zunge. Die Kälte einer anderen Zeit, das Wasser einer vergangenen Welt, der Sauerstoff, den Tiere geatmet haben, die es nicht mehr gibt. All das eingesperrt in einem winzigen, transparenten Kubus. In deinem Scotch wird er zu Bernstein. Die konservierten Zeitalter lösen sich auf: erst in deinem Glas, dann in deinem Mund und in deinem Magen. Deine Zellen nehmen einen Schluck Geschichte in sich auf!
Fühlst du dich nicht mächtig? Ein bisschen pervers vielleicht, ja, aber nicht auch insgeheim exklusiv wie ein König?
Auf diesen Effekt zählen jedenfalls die Bars, Hotels und Restaurants, die seit vergangenem Jahr teure Eiswürfel aus der Arktis bestellen und sie dann an ihren Theken noch teurer verkaufen. Vor der Küste Grönlands trägt das Start-up Arctic Ice im Sommer Gletschereis ab und verschifft es in die Vereinigten Arabischen Emirate, wo man Extravaganzen bekanntlich liebt. Und was könnte extravaganter sein, als in einem Wüstenland seinen Drink mit Polareis zu kühlen?
Als die Meldung über die arktischen Eiswürfel 2024 um die Welt ging, war die Empörung groß. Der Gründer des Start-ups erhielt angeblich sogar Morddrohungen. Wie kann er es wagen. Schließlich lieben wir es doch, unser Eis, unsere Arktis.

Wer hat als Kind nicht Polarforscher gespielt? Wer ist nicht mit der Geschichte des kleinen Eisbären eingeschlafen? Wer hat sich nicht – natürlich noch frei von dem Gedanken, dass es vielleicht ein bisschen problematisch ist, eine bedrohte Kultur zu spielen – mit seinen Geschwistern ein Iglu gebaut? Das ewige Eis, das ist der Stoff, aus dem unsere kühnsten Abenteuer-Träume sind. Ähnlich wie das Weltall, dessen menschenfeindlichen Lebensbedingungen wir auf der Erde nirgendwo so nah kommen wie in der Arktis, ist die Eiswüste eine Projektionsfläche für alles Dunkle und Schöne in uns.
Deshalb war sie bereits unter den Romantiker:innen unheimlich beliebt. Über das häufige Eis- und Arktis-Motiv in den Bildern Caspar David Friedrichs schrieb der Auftraggeber des Malers, Johann von Quandt, in einem Brief 1822, dass es wunderbar einfinge, „was der Norden Ungeheures und Erhabenes zeigt. Schroffe Felsen, oben mit Schnee bedeckt, an welchen kein armes Gräschen Nahrung findet, schließen einen Meerbusen ein, in welchem Stürme Schiffe verschlagen und durch ungeheure Eisschollen zerdrückt haben“. Schrecklich, schön, gefährlich, das ist die Arktis! Und das lockt im 19. Jahrhundert die Abenteuerlustigen an die Pole der Erde. Männer wie John Franklin, Fridtjof Nansen und Robert Peary wollen den Nordpol oder die Nordwestpassage „entdecken“.
Damals noch unbekannt und auch heute noch gern ignoriert – die polynesischen Maori erreichten die Arktis schon Jahrhunderte vor den Europäer:innen. Und wiederum davor lebten indigene Völker bereits Jahrtausende in der Arktis. Doch der Hype um Expeditionen in den hohen Norden brach nicht ab. In gewissem Sinne ist das auch heute noch so. Wer damals ein Herr aus gutem Hause war und sich auf einem Eisbrecher oder Forschungsschiff einschiffte, der ist heute eben jemand mit gut gefülltem Geldbeutel, der eine Kreuzfahrt durch die weißen Schluchten der Eisberge bucht.
Nur ist diese Sehnsucht, das ewige Eis, leider nicht ewig. Und obwohl wir das wissen, tun wir wenig dagegen, dass jedes Jahr mehr davon verschwindet.
Niedrigster Winter-Eisstand seit 1979
Am 21. März 2025 wurde der geringste Winter-Eisstand seit Beginn der kontinuierlichen Satellitenbeobachtung des arktischen Meereises im Jahr 1979 gemessen. Bis zu diesem Zeitpunkt galt 2017 als das Jahr mit der geringsten Ausdehnung des Meereises. Nun wurde dieser Negativrekord laut dem Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI), übertroffen.
Grund für das große Schmelzen sind natürlich – man hat es schon geahnt – wir. Durch die menschengemachte Klimakrise wird der Planet immer heißer und das Eis weniger. Der 21. März ist ein Stichtag, weil unsere Polarmeere jedes Jahr im Winter die größte Eisausdehnung erfahren, ab April kommt der Frühling und das Tauen. Durch das überproportionale Schmelzen steigt der Meeresspiegel, das atmosphärische Zirkulationsmuster verändert sich – das bedeutet konkret mehr Extremwetter und Sturmfluten überall auf der Welt. Das Meereis reflektiert eigentlich einen erheblichen Teil der Sonnenstrahlung und trägt so zur Kühlung der Erde bei. Wenn das Eis schmilzt, ist praktisch unsere natürliche Sonnencreme verschwunden, was die Überhitzung beschleunigt. Auch der Permafrost, Eisböden, deren Temperatur für mindestens zwei Jahre ununterbrochen unter dem Gefrierp…
Schmelzende Schönheit: Das Meereis der Arktis schwindet