Kreislaufwirtschaft

Ein Pfandsystem für Kleidung

Schneiden, nähen, reparieren: Mitten in Amsterdam fertigt das Team von New Optimist Mode aus Baumwolle, die dank Pfandsystem niemals Müll werden soll.

In einer alten Schule aus Backstein keimt eine kleine Moderevolution. Hier, mitten in einem Amsterdamer Wohnviertel mit Altbauten aus Backstein und Lastenhaken an den Giebeln, wird kreislauffähige Kleidung handgefertigt und vertrieben. Mit dem Ziel, sie eines Tages zurückzubekommen.

Die Mini-Fabrik gehört zu New Optimist, gegründet 2020 von Art-Direktorin Nelleke Wegdam und Textilunternehmer Xander Slager. Abgekürzt heißt die Marke NO, mit Absicht: „Nein“ zu Abfall. Denn davon gibt es viel zu viel in der Modebranche. Zwischen 2000 und 2015 hat sich die Kleidungsproduktion weltweit verdoppelt, im Gegenteil zur Tragedauer, die sich um etwa 40 Prozent verkürzt hat. Allein in der EU schmeißt statistisch jeder Mensch pro Jahr 12 Kilo Kleidung und Schuhe weg. 22 Prozent der Textilabfälle werden etwa über Altkleidercontainer zur Wiederverwendung oder zum Recycling getrennt gesammelt, der Rest wird verbrannt oder landet auf Deponien im Ausland. Aus nur 2 Prozent der Abfälle entstehen neue Textilfasern.

Nelleke Wegdams Schritte hallen durch den Gang zum Atelier, vorbei am Lager, in dem gerade Bestellungen versandfertig gemacht werden, Klebeband ratscht über Pappe. Sie bleibt stehen zwischen gestapelten Stoffbahnen, Gerätschaften und Regalen voller Garnrollen. Organisiertes Chaos unter fünf Meter hohen Decken. Neben ihr wirft ein Schneider die Nähmaschine an, es rattert sanft. Was es mit den Müllsäcken auf sich hat, die sich in der Ecke türmen? Keine Sorge, sagt sie, nur ein improvisiertes Zwischenlager. Darin die Reste, die beim Zuschneiden der Stoffe anfallen und nicht weggeschmissen, sondern zu Etiketten oder Labels verarbeitet werden. „Kein Abfall, keine Umweltverschmutzung“ ist ein Prinzip von dreien, nach denen sich New Optimist richtet.

Sie stammen von der britischen Ellen MacArthur Stiftung, die sich als Wissenspool insbesondere auf dem Gebiet „circular fashion“ einen Namen gemacht hat. Prinzip zwei und drei beziehen sich auf das Design eines Kleidungsstücks: Es sollte so entworfen sein, dass es lange hält und sich am Lebensende leicht wiederverwenden oder recyceln lässt. Wie das in der Praxis genau aussieht, hängt im nächsten Raum, dem Showroom, an der Wand: eine dunkelblaue Denimjacke, die kreislauffähig entworfen wurde. Inwiefern? Wegdam stellt erst ihr dampfendes Glas auf einem runden Tisch in der Mitte des Raums ab. Tee, obwohl draußen vor den riesigen Fenstern spätsommerliche Hitze flimmert.

Die Baumwoll-Mode wird von Hand gefertigt, Foto: Miriam Petzold

Mit Mehrwegpfand bekommt die Kleidung neue Leben

Der Denimstoff der Jacke besteht aus recycelter Baumwolle, die Nähte aus Bio-Baumwolle. Ihre Knöpfe sind aus Corozo, einem pflanzlichen Material aus den Samen der Steinnusspalme. Wie fast alles in diesem Raum hat die Jacke einen geraden Schnitt. Um Wegdam herum, an modernen schwarzen Ständern aus Stahl, hängt die Winterkollektion – die erste mit Pfand. Hier und da blitzen kalte Pinktöne in der Streetwear auf, mal ein frostiges Neongelb, doch das meiste ist gedeckt: Blau, Schwarz, verblichenes Lila, wolliges Weiß. NO verwendet nur Bio-Baumwolle und recycelte Baumwolle von einem Betrieb in der Türkei, zu ungefähr gleichen Anteilen. Plastik oder gemischte Materialien sind tabu. Genau wie Reißverschlüsse. So werden die Stücke recycelbar.

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Doch all das bringt nichts, wenn die Teile im Konsumwirrwarr verloren gehen – also weggeworfen oder weiterverkauft und danach weggeworfen werden. Knackpunkt: Wie kommen sie zurück? Manche Modeketten belohnen Kund:innen, die ausrangierte Kleidung in den Filialen abgeben, mit Gutscheinen oder Rabatten für den nächsten Einkauf. Eine andere Möglichkeit sind Abomodelle. Nachhaltig daran: Mehrere Menschen teilen sich ein Produkt, da dieses vermietet wird. Und Produzent:innen achten beim Design eher auf Langlebigkeit und Reparaturfähigkeit. Doch New Optimist kommt mit einer neuen-alten Idee: Pfand. Warum?

„Anders als ein Abomodell muss man Pfand nicht groß erklären“, sagt Wegdam. „Am Wochenende Flaschen wegzubringen, ist für viele Alltag.“ NO versucht den Aufwand gering zu halten, arbeitet mit Retailer:innen zusammen, statt eigene Läden aufzumachen. Ein weiterer Pluspunkt von Pfand: „Im Gegensatz zu Gutscheinen regt es die Kund:innen nicht an, etwas Neues zu kaufen. Das wäre für uns die falsche Botschaft gewesen.“ Zwischen 2,50 und 10 Euro zahlen Käufer:innen extra, je nach Preis des Kleidungsstücks. Ob das letztlich zu Retouren – in Partner-Geschäften oder online – motiviert, wird sich zeigen. Auch hier betont Wegdam die „Message“: Pfand signalisiert, dass es um wertvolle Rohstoffe geht, die man erhalten will. Wohl eher deshalb, und weniger wegen der Centbeträge pro Flasche, treten so viele Menschen den Weg zum Pfandautomaten an. In Deutschland liegt die Sammelquote für Mehr- und Einwegflaschen bei rund 98 Prozent.

Bei NO geht es im übertragenen Sinn um Mehrwegpfand: Die Klamotten sollen so viele Leben wie möglich bekommen, bevor sie recycelt werden. Reparaturen sind kostenlos, eine Second-Hand-Plattform ist im Aufbau. Jedes Teil hat ein Etikett mit QR-Code, wo ein digitaler Produktpass mit Infos zu Herstellung und Pflege hinterlegt ist. Dank Blockchain-Tech lässt sich hier auch der Lebenszyklus des Produkts, vom Weiterverkauf bis zum Recycling, verfolgen. Für das Pfandsystem hat NO eine Stiftung gegründet, N.E.W. (Never Ever Waste), die die Pfandbeträge verwahrt und wieder auszahlt, wenn etwas zurückgegeben wird.

New Optimist Pfandsystem: „Verbessern geht immer“

NO ist noch ein kleines Projekt, idealistisch. Im Atelier arbeiten eine Handvoll Schneider:innen, verkauft wird erst in wenigen Städten. Die Gründer:innen hoffen auf eine Kettenreaktion – andere Marken sollen sich anschließen, können die Stiftung mitbenutzen. Jedoch macht Pfand nur Sinn, wenn die Mode von Anfang an zirkulär gedacht wird. Ernsthaftes Interesse gibt es daher noch nicht, so Wegdam.

Einen Anstoß will nun die niederländische Regierung geben. Seit Juli tragen alle Textilhersteller:innen die Verantwortung und Kosten für das Einsammeln, die Wiederverwendung und das Recycling ihrer Produkte. Ein Schritt, den auch Frankreich und Schweden schon gemacht haben, und den die EU unterstützt. Den Haag verhängt pro Kilo Textil, das in den Handel gebracht wird, eine Abfallgebühr im Centbereich. Außerdem gilt: Bis 2025 soll die Hälfte des Gewichts wiederverwendet oder recycelt werden, 75 Prozent bis 2030. Neuland für die meisten großen Unternehmen, wie H&M. Schon seit 2013 platziert der Konzern zwar Sammelboxen für ausrangierte Kleidung in seinen Filialen und ruft auf: „Let’s close the loop“. Doch ein lineares Business lässt sich nicht zum Kreis biegen: 2023 zeigten investigative Recherchen der Zeitung Aftonbladet und der niederländischen Stiftung Changing Markets mit Tracking-Geräten, dass vieles aus den Boxen verbrannt oder in den Globalen Süden verschifft wird, statt vor Ort bei Recycler:innen zu landen.

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Und NO? Sucht noch nach einem passenden, lokalen Recyclingpartner. Das Färben der Stoffe übernimmt ein externer Betrieb in Deutschland. Statt pflanzlichen Mitteln kommen dabei noch umweltbelastende, synthetische Farbstoffe zum Einsatz. Verbessern geht immer, sagt Wegdam, vor allem, wenn man so viel auf einmal unter einen Hut bekommen will: ökologische und soziale Nachhaltigkeit. Im Amsterdamer Atelier arbeiten Menschen aus Syrien, der Ukraine und der Türkei, die schon eine Aufenthaltsgenehmigung haben, aber noch wenig oder keine Erfahrungen auf dem hiesigen Arbeitsmarkt – zu fairen Löhnen über dem niederländischen Durchschnitt, so Wegdam. Zusammen mit der Gemeinde Amsterdam hat sie zudem eine Berufsausbildung für „nachhaltige Schneider:innen“ auf die Beine gestellt. Workshops zum Thema Kreislaufwirtschaft und Mode gibt’s gratis für jede:n. So wird NO doch noch zugänglich für alle. Denn die lokal produzierte Kleidung ist es nicht: 140 Euro der Pulli, 60 das T-Shirt. Schon jetzt denkt das Team darüber nach, in Berlin ein weiteres „soziales Atelier“ zu eröffnen, um in den deutschen Markt einzusteigen. In der alten Backstein-Schule in Amsterdam ist man optimistisch. Wo früher geometrische Formeln gepaukt wurden, werden heute zirkuläre Schnitte gemacht – und erlernt. Auch hier schließt sich der Kreis.

Foto: Miriam Petzold

Einblick in den Showroom des Start-ups New Optimist.

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