Die USA streichen 80 Prozent der Gelder für die Entwicklungszusammenarbeit (EZ). Manche Länder in Afrika werden nach Schätzungen der britischen Ökonomin Rachel Glennerster bis zu 6 Prozent ihres Jahreseinkommens verlieren, in vielen fehlen durch die Kürzungen wichtige Medikamente, vor allem gegen HIV, TBC und Malaria. Herr Aikins, was bedeutet der radikale Kurswechsel für die Region?
Joshua Kwesi Aikins: Er ist ein gravierender, oft tödlicher Einschnitt. Die Kürzungen – insbesondere bei der Medikamentenversorgung – könnten 30 Millionen Menschen das Leben kosten. Die US-Regierung treibt hier ihren Transaktionalismus auf die Spitze: Jedes Projekt soll den USA Vorteile bringen, sonst wird gestrichen. Doch die rabiaten Kürzungen sind nicht im Interesse der USA. Ist die globale Gesundheit bedroht, werden Pandemien wahrscheinlicher, Klimakrise und internationale Konflikte könnten weiter eskalieren. Viele afrikanische Staatschefs, etwa Kenias Präsident William Ruto, machen gute Miene zum bösen Spiel – es sei auch ein Weckruf, ihr eigenes Haus in Ordnung zu bringen. Andererseits: So groß die Summen absolut sind – etwa 150 Milliarden US-Dollar -, wird in den USA oft grob überschätzt, wie viel das Land in Entwicklungszusammenarbeit steckt. Es sind gerade mal 0,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts …
… gegenüber rund 0,6 Prozent in der EU …
Aikins: … exakt. Im Narrativ von den „großzügigen Geberländern“ spiegelt sich ein Machtgefälle, das bis in die Kolonialgeschichte zurückgeht. Im Verhältnis von Globalem Norden zu Globalem Süden gibt es bis heute massive strukturelle Ungleichheiten, erst dadurch haben die Kürzungen überhaupt so einschneidende Folgen. Viele Länder des Globalen Südens hängen noch am Tropf der Entwicklungsgelder, ihnen fehlen zum Beispiel Infrastruktur und Patente, um selbst Medikamente herzustellen. Gleichzeitig werben die USA sehr aggressiv Menschen aus dem Globalen Süden ab, etwa Pflegekräfte und Ärzt:innen. Damit behindern sie den Aufbau einer eigenen Infrastruktur erheblich.
Joshua Kwesi Aikins
Zwei Afrikaexpten, zwei Perspektiven: Joshua Kwesi Aikins, Christoph Kannengießer.